Bedingungsloses Grundeinkommen

Arbeit und bedingungsloses Grundeinkommen

© Flickr (Generation Grundeinkommen)
© Flickr (Generation Grundeinkommen)

Vor etwa einem Jahr erschien bei nahaufnahmen.ch ein Artikel über das bedingungslose Grundeinkommen – der die Gedanken und Grundwerte des BGE skizziert. Doch ernsthaft darüber gesprochen wird kaum. Kein Wunder, denn es forderte ein Umdenken in Werten, die lange und vielleicht auch zu lange fester Bestandteil unseres eigenen Selbstverständnisses waren – und so wird meist als Utopie oder Spinnerei abgetan, was nicht oder nur teilweise zu Ende gedacht ist. Zeit also wieder ernsthaft darüber zu sprechen.

Von Emmanuel Heman

Die Idee ist einfach: Jeder in der Schweiz lebende Mensch erhält einen gewissen Betrag (vorgeschlagen werden 2‘500.- für Erwachsene und 625.- für Kinder) und dies bedingungslos. Mehr will die Initiative nicht. Auflagen müssen keine erfüllt werden und man kann mit dem Geld tun und lassen, was man will. Eine schöne Idee, für die man sich leicht begeistern kann. Doch was würde anders, wenn wir die Idee tatsächlich umsetzen? Welche Vor- und Nachteile müssen wir gegeneinander abwägen?

These: Die Befreiung von Angst und Zwang

Die Grund-Idee des BGEs könnte anders formuliert auch so lauten: Es will die Existenzangst abschaffen. Niemand muss mehr um seine Existenz fürchten, denn einen gewissen Betrag erhält man immer. Auch der launige Spruch der Gegner „Geld fürs Nichtstun kriegen“ ist insofern falsch, dass man eben nicht einmal nichts tun muss. Der Sprachgebrauch suggeriert eine Bedingung, die so nicht vorgesehen ist: Nämlich nichts zu tun – und das ist falsch. Wird der Mensch erst einmal befreit von der Notwendigkeit, sich finanziell abzusichern und damit Lebenszeit zu investieren, entfaltet er sein wahres Potenzial. Denn das BGE ist nicht dazu da, nicht mehr zu arbeiten. Im Gegenteil: Es ermöglicht Arbeit, und zwar solche, der man gerne nachgeht und die einen erfüllt.

Denn ist es nicht so, dass jeder seine Arbeit gerne tut. Viele sehen in der (Lohn-)Arbeit sogar ein notwendiges Übel, dass ihnen jedoch in finanzieller Sicht die Freizeit ermöglicht. Dabei dient die Freizeit oft nur noch dazu, sich von und für die Arbeitszeit zu erholen. Je effizienter und schneller unsere Gesellschaft wird, desto flexibler und auch leistungsfähiger müssen wir sein. Wir lernen längst nicht mehr fürs Leben, sondern für die Wirtschaft und ihre Zwänge. Mancher hat das Gefühl, er lebe, um zu arbeiten und arbeite, um zu überleben. Einen Sinn, eine Erfüllung findet er nicht mehr. Diese beständige Entfremdung von der Arbeit ist damals schon Marx aufgefallen – doch was hat sich verändert?

Wir leben in einem hochentwickelten Zeitalter, Maschinen und Computer sind bis weit in die Arbeitswelt vorgedrungen und haben den Menschen teilweise auch schon verdrängt. Warum wird dieser Umstand nicht ausgenutzt? Bald wird die künstliche Intelligenz von Robotern soweit fortgeschritten sein, dass sie komplexe Arbeitsabläufe vollständig übernehmen können. Dies wäre besonders bei solchen Arbeitsplätzen sinnvoll, bei denen sich Menschen entweder einem hohen gesundheitlichen Risiko aussetzen oder bei solchen Tätigkeiten, bei denen Arbeiternehmer vor allem monotone Bewegungen ausführen müssen, dazu zählt beispielsweise die Reinigungsbranche.

Wer den Wert der Freiheit hochhält, kann das BGE eigentlich nur begrüssen. Denn wer sich um seine Finanzen keine Sorgen machen muss, ist frei vom Zwang, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und gleichzeitig frei zu jeder Tätigkeit, die ihm beliebt. Wenn den Menschen diese Freiheiten ermöglicht werden, können sie ein selbstbestimmtes und glücklicheres Leben führen als jetzt. Dass glückliche und ausgeruhte Arbeitnehmer von Vorteil sind, ist erwiesen. Sie sind nicht nur motivierter, sondern auch produktiver als ihre Kollegen. Ausserdem dürften Krankheiten wie Burn-out oder Depressionen aufgrund der Arbeit stark zurückgehen. Das BGE ist also auch aus gesundheitlicher Perspektive wünschenswert. Und wer will, kann schliesslich immer noch seiner ursprünglichen Beschäftigung nachgehen.

Dies wird auch oft der Fall sein. Es wird nicht jeder seinen Job aufgeben und zu Hause vor dem Fernseher hängen, nur noch Partys feiern und dauernd verreisen. Denn einerseits kann man sich mit „nur“ 2‘500 Franken keinen Luxus leisten, andererseits strebt der Mensch nach Beschäftigung. Langeweile ist auf Dauer kein aushaltbarer Zustand. Der Mensch zweifelt nur, wenn er eine Tätigkeit als sinnlos empfindet. Dann beginnt er, sich davor zu drücken. Mit dem BGE wird dies nicht passieren.

Das BGE ermöglicht allen Menschen ein würdiges Leben, weil es bereits am Kern des Menschen ansetzt: an seiner Existenz. Allein die Existenz des Menschen ist es wert, ihn zu schützen und Bedingungen herzustellen, dass er sein Leben so führen kann, wie er es möchte. Denn kein Mensch soll müssen müssen. Das BGE folgt konsequent dem Ideal der Freiheit und forderte diesbezüglich ein Umdenken in unserem Selbstverständnis vom Staat und seinen Möglichkeiten, seinen Aufgaben, Zuständigkeiten und Perspektiven sowie seiner finanziellen wie personellen Ressourcen.

Antithese: Eine Idee – aber nicht mehr

Die Idee eins bedingungslosen Grundeinkommens ist nett, aber nicht mehr. Sie wird bis auf absehbare Zeit nicht umsetzbar sein.

Es ist richtig, dass manchen Menschen Erwerbsarbeit als notwendiges Übel erscheint, das es gilt, möglichst klein zu halten. Es gibt Arbeit, die keiner wirklich tun will, aber trotzdem getan werden muss: Wir sprechen von „Drecksarbeit“. Wer tut diese Arbeit, wenn er nicht mehr auf sie angewiesen ist? Nun werden die Befürworter des BGE natürlich mit diesem Einwand gerechnet haben und wissen darauf auch eine Antwort. Es gibt drei Möglichkeiten, wie sich dieses Problem lösen lässt: Erstens tun wir das nicht mehr selbst, sondern lassen Roboter diese Arbeit erledigen, zweitens wir bezahlen diese Arbeit besser und drittens wird davon ausgegangen, dass – wer von Zwängen befreit ist – es von sich aus und aus intrinsischer Motivation tut. Auf diese vermeintlichen Lösungen gibt es aber mindestens ebenso viele Entgegnungen.

Zum ersten Punkt: Der technische Fortschritt ist bereits soweit in gewisse Branchen eingedrungen, dass er die menschliche Arbeitskraft teilweise überflüssig macht. Doch was ist mit den Dingen, die so schnell nicht von Maschinen erfüllt werden können? Kinder pflegen und grossziehen, Alte versorgen? Die komplette Reinigung eines Hotelzimmers? Wollen wir überhaupt, dass wir durch die Maschinen von der Arbeit erlöst werden?

Zum zweiten Punkt: Die Befürworter sind sich nicht bewusst, dass sie gegen ihre eigene Logik argumentieren. Die Idee des BGE besteht darin, den Menschen von einer für ihn sinnfreien Tätigkeit zu befreien und ihm die Möglichkeit zu bieten, sein Potential zu entfalten. Wenn jemand bei einer Reinigungsfirma arbeitet, um seine Familie durchzubringen, aber ansonsten keine Freude an dieser Tätigkeit hat, wird er oder sie seinen Job sicherlich kündigen, wenn er ein bedingungsloses Grundeinkommen erhält. Aber würde diese Person denn für mehr Geld arbeiten wollen, obwohl es für sie immer noch nicht sinnstiftend ist? Nein, sicher nicht. Diese Person würde sich also nicht erneut in jener Reinigungsfirma abmühen, wenn sie ihren Lebensunterhalt bereits gesichert hätte. Sie würde sich etwas anderes suchen. Damit sie dort trotzdem weiterhin arbeitet, wollen die Befürworter einen Reiz in Form von Geld setzen, obwohl sie mit der Einführung des BGEs das Gegenteil bewirken möchten: Sinn.
Aber was, wenn sie, diese Person, nichts anderes kann?

Hier liegt ein weiteres Problem, dass von den Befürwortern gerne unterschlagen wird. Es ist leider wirklich utopisch, zu glauben, jeder Mensch könne dank des BGEs das tun, was er wolle. Theoretisch mag das stimmen, in der Praxis jedoch muss dies fehlschlagen. Man kann eben nicht tun, was man will, sondern man kann nur das tun, was man auch vermag. Man kann nicht plötzlich Pilot werden oder Kernphysiker, so sehr man sich das auch wünscht. Die Tatsache, dass man einen Beruf nur über eine Ausbildung wirklich erlernt – sich also spezialisiert und professionalisiert –, wird bestehen bleiben. Insofern ist das BGE nur Kreativen und einer kleinen Elite nützlich, die so flexibel und versiert ist, dass sie sich im Arbeitsmarkt beinahe frei bewegen kann.

Zum letzten Punkt: Vielleicht wäre es tatsächlich so, dass jeder notwendige Arbeit selbst erledigen würde – aber die Wahrscheinlichkeit für folgendes Szenario ist ungleich höher: Wäre es tatsächlich so, dass nur diejenigen, die eine Niederlassungsbewilligung besitzen, das BGE erhielten (was viele Anhänger befürworten!), könnten gewisse Arbeitgeber auf die Idee kommen, Arbeitskräfte aus Drittländern zu importieren, die nur mit einem gültigen Arbeitsvertrag einreisen dürfen. Die Verlockung ist gross, diesen Arbeitnehmern einen sehr niedrigen Lohn zu bezahlen zum Beispiel den Betrag des BGEs. Dies widerspricht der Intention der Befürworter, „Drecksarbeit“ aufzuwerten, fundamental. Ausserdem legt dieses Szenario einen weiteren wunden Punkt frei: Das BGE ist in diesem Fall nicht bedingungslos. Die Bedingungslosigkeit wird sich nicht halten können, wenn man nicht ein ernstes Migrationsproblem kriegen will.

Das grösste Problem ist aber der Umstand, dass das BGE über eine Initiative eingeführt werden soll. Der Weg (über die Initiative) an sich ist nicht das Problem, sondern der zeitliche Druck, der damit einhergeht. Auch wenn die Initiative nicht von heute auf morgen umgesetzt würde, wünschen sich die Befürworter vielleicht eine Umsetzung innerhalb von fünf Jahren. Sie vergessen jedoch, dass mit dem BGE auch eine neue Mentalität postuliert wird, ein neuer gesellschaftlicher und kultureller Wert: Man erhält Geld allein seiner Existenz wegen. Heutzutage ist es üblich, dass man erst eine Leistung erbringt und anschliessend einen Lohn erhält. Dies wird mit dem BGE zumindest teilweise umgekrempelt, und nicht nur das: Wir müssen über das Konzept von Arbeit neu nachdenken, über Freiheit und Selbstverantwortung. Denn in dieser Gesellschaft gilt auch: Wer frei sein will, muss auch die Verantwortung für den Erhalt dieser Freiheit übernehmen (wo dies nicht schon der Staat tut). Wenn der Aspekt der finanziellen Versorgung nun ebenfalls an den Staat delegiert wird, müssen wir das Verhältnis von Freiheit und Selbstverantwortung grundlegend überdenken. Dieser Wandel benötigt Zeit und kann nicht per Gesetz eingeführt werden. In dieser Hinsicht ist die Initiative ein Schnellschuss.

Synthese: Was bleibt übrig?

Andere wichtige Fragen sind noch nicht diskutiert worden. Die Frage nach der finanziellen Machbarkeit eines BGE und deren Konsequenzen konnten nicht behandelt werden. Dieses Thema würde diese Betrachtung sprengen. Auch die Frage über die Auswirkungen auf die Migration kann hier nicht gestellt werden.

Auf beiden Seiten finden sich Argumente, die überzeugend sind. Das meiste ist nicht so einfach, wie es in der öffentlichen Diskussion den Anschein macht. Auf die Frage, ob das BGE nicht einen massiven Motivationseinbruch im unteren Lohnsektor verursachen würde, wird manchmal geantwortet, dass ja schon jetzt viele Menschen ehrenamtlich arbeiten würden. Es ist sicherlich ein Unterschied, ob man ehrenamtlich das Pfadilager organisiert oder eine öffentliche Toilette putzt. Hier sind bessere Argumente nötig. Auch im Hinblick auf ein allfälliges Migrationsproblem antworten die Befürworter, dass die Migration ohnehin ein Problem sei um das man sich kümmern müsse, ob mit oder ohne BGE. Das ist falsch. Mit dem BGE könnte es ein viel grösseres Problem geben als jetzt, auch darüber sollte man zumindest nachdenken.

Gleichzeitig verkennen die Gegner, dass die Initiative wichtige Denkanstösse dazu liefert, um über unsere Gesellschaft, Arbeit und Leistung nachzudenken. Ist Erwerbsarbeit ein zukunftsfähiges Modell? Was tun wir mit den Menschen, die mit der ständig flexibleren und effizienteren Welt nicht mehr zurechtkommen? Wirtschaft sollte kein Selbstzweck sein, sondern stets den Menschen dienen. Dieser Kerngedanke ist nicht falsch.

Festzuhalten ist: Es bleibt noch viel zu tun. Vielleicht sollte man tatsächlich erst einmal mit einem BGE experimentieren, statt es auf einen Schlag flächendeckend einzuführen. Dies würde zumindest einmal erste Erfahrungswerte liefern. Dann sehen wir weiter.

 

Im Netz:

Artikel zum Thema
https://www.nahaufnahmen.ch/2014/09/25/die-crux-mit-dem-bedingungslosen-grundeinkommen/
http://www.tageswoche.ch/de/2012_41/schweiz/469680/streit-um-eine-utopie.htm

Websites

http://www.generation.grundeinkommen.ch/
http://bedingungslos.ch/

Clips zum Thema

https://www.youtube.com/watch?v=ubUJ5x6_PeI
https://www.youtube.com/watch?v=ZI3h6SlaSbs

 

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