Eine Nacht mit Until Dawn

Morgengrau(s)en – eine Nacht mit Until Dawn

Fescher … war noch kein Slasher

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In SpielerInnenkreisen gilt Until Dawn als vielleicht größte Überraschung des digitalen Sommers: Die liebevolle, PS4-exklusive Verbeugung vor dem Teenie-Slasher-Genre zog auch RUDOLF INDERST in ihren Bann und verdrängte den Hochsommer vor der Tür aus seiner Wahrnehmung.

„Acht Freunde reisen zu einer abgelegenen Berghütte mitten im Nichts. Doch schon bald geschehen unheimliche Dinge, und sie merken, dass sie nicht alleine sind“…wem diese offizielle Inhaltsbeschreibung bekannt vorkommt, dem sei gratuliert. Er hat die letzten dreißig Jahre medial NICHT unter einem Stein verbracht, sondern geriet wenigstens einmal auf die Pfade filmischer Slasherkost – von Mario Bava über Prom Night bis zu Wes Craven zieht sich eine blutige Spur ins Hier und Heute.

Super-massiver Nervenkostümterror

Die Macher hinter Until Dawn, SuperMassive Games, haben Ihre Horror-Hausaufgaben gemacht und ein Stück Software abgeliefert, das SpielerInnen in den besten Momenten lüsterne Angstschreie einerseits und seliges Bestaunen andererseits abringt. Und, nein, man muss sich nicht schämen, wenn es bei SuperMassive Games nicht gleicht klingelt – ein Blick in das Schaffen des Studios zeigt, dass Until Dawn vielleicht genau DER Titel sein könnte, mit dem man sich einen eigenen Namen schafft.

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Der taktisch clevere Releasetermin bei heißen Sommergraden sorgte für die nötige fachmedienspezifische Aufmerksamkeit, welche sich ebenfalls in die Spielerschaften verlängerte. Die Seltenheit des – wenn man so möchte – Spielegenres „interaktiver Film“ tat ihr Übriges. Das, was David Cage eher mittelmäßig mit Heavy Rain & Co. auf die Beine hatte stellen wollen, gelingt den Köpfen hinter Until Dawn ausgesprochen gut. Freunde emergenter Erzählungen, die sich aus der Spielmechanik heraus einstellen, sehen hier ergo in die Röhre. Die maximal-lineare Dramaturgie nimmt SpielerInnen trotz diverser Entscheidungsbäume fest bei der Hand und führt jene durch das Abenteuer. Den Händedruck spürt man bis in die Bildkomposition hinein, die in Form einigermaßen festgelegter Winkel und Weiten das Designerzepter nicht aus der Hand gibt.

Experiment gelungen

Aufgrund der sich widersprechenden Hauptkomponenten des Spiels – lineare Erzählung einerseits und Marketingbetonung des Wiederspielwerts aufgrund minimaler Änderungen der Figurenkonstellationen andererseits – dürften sich die wenigsten SpielerInnen zu einem zweiten oder gar dritten Neustart durchringen. Aber das ist auch nicht nötig. Until Dawn kann problemlos Freunden, die nichts mit Spielen am Hut haben an einem lockeren Abend präsentiert werden, um den gewünschten Oho-Effekt auszulösen: „Was? SO WEIT sind diese Spiele jetzt schon – das schaut ja aus wie ein…!“ Man kennt den Rest. Aber unter uns: Recht haben sie, schauriger lebensecht waren Spiele selten. Peter Stormare jedenfalls möchte man als Dr. Hill im Dunkeln nicht begegnen oder?

 

Bereits erschienen.

Originaltitel: Until Dawn
Plattformen: Sony Playstation 4
Genre: Horroradventure
Entwickler: Supermassive Games
Veröffentlicht von: Sony Computer Entertainment

Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich in die Stadt. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 35 Jahren. Trägt gerne Bart.

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