Ariella Kaeslin. Leiden im Licht (Biografie)

Blick hinter die Kulissen

Unter Tränen gab Ariella Kaeslin im Sommer 2011 ihren Rücktritt als Spitzensportlerin bekannt. Damals erfuhr die Öffentlichkeit nicht alle Gründe. In ihrer Biografie gibt die ehemalige Kunstturnerin nun Einblick in ihr Leben – eine bewegende Geschichte.

Von Luzia Zollinger.

KaeslinEinmal auf der internationalen Bühne zu stehen und berühmt zu sein, das ist möglicherweise der grosse Traum von vielen jungen Turnerinnen. Doch der Preis, den man dafür zahlt, ist hoch. Und dies nicht nur im Turnen, sondern im Spitzensport allgemein. Sobald man eine Person der Öffentlichkeit ist, können manche kaum mehr einen Schritt machen, ohne dass dieser beobachtet und – manchmal noch schlimmer – kommentiert wird.

Ariella Kaeslin gehörte zur Weltspitze im Turnen und wurde in der Öffentlichkeit gerne auch als „Schätzchen der Nation“ betitelt. Im Buch „Leiden im Licht“ spricht sie genau über das, was der Titel der Lektüre verspricht. Verfasst haben Kaeslins Biografie die beiden Journalisten Christoph Gertsch und Benjamin Steffen.

Vom Bewegungsdrang bis zum Zwang

Die Biografie ist chronologisch nach Jahren aufgebaut und behandelt jeweils pro Kapitel einen Abschnitt in Ariella Kaeslins Leben. Im Sommer 1996 war Kaeslin knapp 9 Jahre alt, als sie ein einschneidendes Erlebnis hatte. Sie erlebte am Fernsehen, wie die amerikanische Turnerin Kerri Strug um Gold kämpfte. Nicht irgendeine Goldmedaille, es war der Team-Wettkampf an den Olympischen Spielen und Strug verletzte sich. Kaeslin war trotzdem fasziniert von der Kulisse, dass sie von da an wusste, sie möchte an die Olympischen Spiele – als Kunstturnerin.

Im Alter von gerade einmal 4 Jahren begann Kaeslin mit Turnen. Denn sie hatte schon immer den Drang zur Bewegung in sich. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr trainierte Kaeslin immer mit dem Ziel Olympia vor Augen. Irgendwann kam der Tag, als die Schweizerin ihre Trainingsgruppe verliess, um in Magglingen, im Leistungszentrum des Turnverbands, einen Schritt weiter zu kommen. Es wurde ein grosser Schritt. Mit 14 Jahren zog sie von zuhause aus und wohnte fortan bei einer Gastfamilie. Mit dieser Neuorientierung begann auch das Leiden. Kaeslin war jeweils froh, wenn der Trainingstag zu Ende war. Sie bewegte sich gerne, aber die Trainingseinheiten waren immer dieselben, bis es die Mädchen verinnerlicht hatten. Immer im Nacken hatten die Turnerinnen ihren Trainer, der alles von ihnen abverlangte. Sie mussten ihn mit Küssen auf die Wange begrüssen und verabschieden. Ebenso eine Qual war das ständige Wiegen des Körpergewichts. Kaeslin hasste die Waage.

Einblick in den Spitzensport

Noch nie hat eine Schweizer Sportlerin einen solch intimen und detaillierten Einblick in die rücksichtslose Welt des Spitzensports geschildert. Gertsch und Steffen übermitteln die Lebensgeschichte von Kaeslin in einer sachlichen Sprache, ohne Geschehnisse zu werten. Und genau das macht es aus, dass einem die Geschichte nahe geht. Viele Schweizerinnen und Schweizer werden jeweils vor dem Fernseher mit Kaeslin mit gefiebert und gelitten haben, als sie an den grossen Wettkämpfen angetreten ist. Dezent in Szene gesetzt wurden auch die schwarz-weissen Bilder, die die Geschichte abrunden. Im Anschluss daran spricht Kaeslin mit drei Schweizerinnen, die ebenso im Rampenlicht stehen: Rapperin Steff la Cheffe, Model Nadine Strittmatter und Ex-Boxerin Dina Burger. Sie bespricht mit den Frauen Themen, die sie selbst während ihrer Spitzensportzeit betroffen haben.

Auf die drei Interviews am Schluss des Buches hätte man auch verzichten können, obschon sie sehr spannend sind. Aber die Biografie alleine weiss schon zu überzeugen. „Leiden im Licht“ gehört ab sofort zur Schweizer Sportgeschichte dazu und ist dementsprechend für Sportbegeisterte empfehlenswert zum Lesen.

Titel: Ariella Kaeslin. Leiden im Licht. Die wahre Geschichte einer Turnerin
Autoren: Christof Gertsch, Benjamin Steffen
Verlag: NZZ Libro
Seiten: 144
Richtpreis: CHF 29.00

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.