NBA 2K16

Swish

NBA

Am 27. Oktober ist es soweit: Tip-Off für die Saison 2015/16 in der NBA. Endlich! Wie in jedem Jahr schiebt 2K ein paar Wochen vor den Eröffnungsspielen den neuesten Ableger von NBA 2K in die Regale. Und, ebenfalls nahzu jedes Jahr, wird der Titel fast ausnahmslos von der Presse gefeiert. Ob die erfolgreichste Basketballsimulation der letzten Jahre auch in der 2016er-Fassung überzeugen konnte? NORMAN VOLKMANN schnürte sich die Sneaker und stellte härtere Blöcke.

Als 2K bekannt gab, dass Spike Lee am MyCareer-Modus mitarbeitete und eine dramatische Hintergrundgeschichte für den eigenen Spieler schreiben würde, schien das wie der nächste logische Schritt für die Serie. Zwischensequenzen gab es vorher schon einige, teilweise sogar von NBA-Spielern vertont. Das klang zwar oft eher hölzern, war aber halb so schlimm.

Spike Lee, not in my house!

Was Lee sich hier allerdings ausgedacht hat, ist auch abseits der vor Klischees triefenden Charaktere nicht weniger als eine Frechheit. Das beginnt damit, dass man sich entschieden hat, dem Spieler, den man selber stundenlang erstellen und gestalten kann, eine Zwillingsschwester zu geben. Und eine Familie aus ärmlichen Verhältnissen in Harlem. Da ist er nun also: mein schneeweißer, tätowierter Spieler inmitten in einer netten, afro-amerikanischen Familie, mit der im Grunde nicht weniger gemein haben könnte.

nba 2k16

Spike Lee, der sein Gesicht mehrfach selbst in die Kamera drücken muss, betont immer wieder, wie herausfordernd es war, einen „Feature-Film“ für ein Spiel zu drehen. Ich hatte so viele Probleme mit diesem Part des Spiels, habe so oft die Augen gerollt, dass ich fast vergaß, wie gut das Spiel ohne diesen Quatsch ist. Jede Szene des „Feature-Films“ lief in etwa so ab: Zwei bis fünf Charaktere sitzen (immer!) in einem Zimmer oder Auto. Sie reden auf meinen Spieler ein, überlegen, was der beste Weg für ihn wäre und fordern ihn am Ende immer dazu auf, nun eine Entscheidung zu treffen. So weit kommt es aber nicht. Ich darf mir weder aussuchen, welchen Agent ich möchte, noch mir der von Jordan gestaltete Schuh gefällt oder wie ich mit meinem Problem-Kindheitsfreund umgehen will. Zudem sprechen alle über mich, als wäre ich der nächste Jordan und nicht ein langsamer Power Forward, der von der Bank kommt, acht Minuten Garbage Time spielt und im Schnitt rund 4 Punkte und 4 Rebounds macht.

Der Teambesitzer stellt mir mehre Male ein Ultimatum und redet auf mich ein, mich schnell zu entscheiden. Resultate dieser Entscheidungen sieht man nicht. Nach dem 62. Spiel droht er, mich zu traden. Achtung, es folgt Klugscheißerei. Ich überschlage mal grob: Im 62. Spiel sollten wir bereits im März sein, was bedeutet, die Trading Deadline ist bereits seit mehr als einem Monat überschritten. Der Besitzer könnte mich nicht also traden, selbst wenn er wollte. Vielleicht treffe ich deswegen auch keine Entscheidung? Noch absurder wird es nach meiner Rookie-Saison – die zum Glück auch den Spike-Lee-Teil von NBA 2K16 beendet: Da werde ich nämlich auf einmal Unrestricted Free Agent, darf also frei entscheiden, zu welchem Team ich wechseln möchte. Als Erstrundenpick bekäme ich als Rookie allerdings in der NBA mindestens einen Vertrag, der zwei Jahre garantiert und im dritten und vierten Jahr mit einer Team Option ausgestattet wäre. Kurz: Dass ich vor Ablauf von zwei Jahren wechseln würde, ist unwahrscheinlich. Dass ich direkt nach dem ersten Jahr vertragslos wäre, ist unter den aktuellen Regelungen nahezu unmöglich. Die Serie von 2K zeichnet sich seit Jahren durch so viel Liebe zum Detail aus, dass es mehr als ärgerlich ist, dass all das für einen übertrieben, melodramatischen Cutscene-Simulator von Spike Lee über Bord geworfen wurde. Die letzte Szene ist der Höhepunkt dieser lahmen Dramatik, die aufgrund der fehlenden Charakterbindung geradeaus lächerlich wirkt. Durch die ständigen Zwischensequenzen fühlen sich die ersten drei Stunden der MyCareer an wie ein Tutorial in Zeitlupe.

Danach zeigt der Modus erneut, warum er mit das Beste ist, was aktuelle Sportspiele zu bieten haben. Man handelt Werbeauftritte aus, absolviert Trainingseinheiten oder trifft sich mit befreundeten Spielern. Praktisch: Die Beziehungen zu befreundeten Spielern führen nicht selten dazu, dass man deren Spielerkarten im myTeam-Modus nutzen kann.

Ein volles Deck

Der myTeam-Modus war bei NBA 2K15 der Grund, weshalb ich weit über 100 Stunden in den Titel investiert habe. Und, wie es sich für einen vernünftigen Nachfolger gehört, wurde auch hier in jede Ecke noch mehr Inhalt gesteckt. So gibt es nicht nur die kompletten Kader der aktuellen NBA-Teams, sondern auch zahlreiche vertragsfreie Spieler (Free Agents). Zudem hat man die Möglichkeit, jeden aktiven Spieler in einer feststehenden und in einer Dynamic-Rating-Version zu erhalten. Letztere soll die Leistungen der Spieler in der laufenden Saison berücksichtigen.

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Wie im vergangen Jahr steht aber nicht nur das Absolvieren von Spielen im Fokus, sondern auch die Verwaltung des Teams. Im Auktionshaus gilt es, doppelte Karten möglichst gewinnbringend zu verscherbeln, während man sich mit der verdienten myTeam-Währung ein Traumteam zusammenstellt. Bevor man sich Größen wie LeBron James, Kevin Durant oder Stephen Curry leisten kann (oder sie mit viel Glück in den unverschämt teuren Packs gewinnt), muss man sein Team aber clever aufstellen. Wen braucht man für die defensive Drecksarbeit, wer darf vorne als Topscorer glänzen? Dabei tritt man in diesem Jahr nicht nur gegen die 30 aktuellen Teams, sondern auch gegen 30 legendäre Teams an. Darunter die Minnesota Timberwolves von 2004, die es bis in die Western Conference Finals schafften, nachdem sie acht Jahre in Folge in der ersten Runde der Playoffs flogen. Die Celtics von 2008, die mit Kevin Garnett, Paul Pierce und Ray Allen den 17. Titel nach Boston holten. Oder die Seattle Super Sonics von 1996, die in den Finals nur den übermächtigen Bulls unterlagen. Zumindest mein Basketball-Herz schlägt bei dieser Liste höher!

G.O.A.T?

Auch wenn ich jedes Jahr diesem bitteren Geschmack im Mund habe, wenn es um die immer präsente Mikrotranskations-Währung geht, muss man dem Spiel einfach zugestehen, dass es selbst für einen Vollpreistitel noch unfassbar viel Umfang bietet. Es fühlt sich fair balanciert an, auch wenn es gerade im myTeam-Modus nahezu unmöglich wird, einige legendäre Karten zu erhalten, ohne Unsummen zu investieren. Dennoch macht es riesigen Spaß, seine eigenen Teams zusammenzustellen, zu experimentieren, eine eigene Halle zu gestalten oder online gegen andere Fantasy-Teams anzutreten — und das ganz davon abgesehen, dass das Spiel an sich realistischer noch nicht eingefangen wurde. Spieler bewegen sich nicht nur wie die realen Gegenstücke, sie sehen ihnen auch unverwechselbar ähnlich. Ich habe mein größtes Vergnügen, wenn ich sehe, wie ein kleiner Point Guard nichtsahnend in den Block eines massigen Centers rennt und sprichwörtlich zu Boden gestreckt wird. Das passiert sehr selten und gerade deswegen ist es als Detail so wichtig für das Gefühl, dass NBA 2K16 vermittelt. Speziell die Umsetzung des Pick-and-Roll-Spielzugs ist bisher noch nicht so gut und effektiv umgesetzt worden. In der Verteidigung macht es mittlerweile wirklich einen Unterschied, wie dicht der Verteidiger am Angreifer steht und seinen Wurf antizipiert.

Ich frage mich jedes Jahr, was die Entwickler wohl nun machen, um das Spiel weiter zu verbessern. Und jedes Jahr finden sie viele Dinge, die es zu verbessern gilt. Es sind oftKleinigkeiten, die Gelegenheitsspielern vermutlich kaum auffallen — und genau das ist so bemerkenswert. In Interviews betonen die Entwickler immer wieder, wie viele Basketball-Nerds im Team mitarbeiten. Dass das keine leeren Phrasen sind, merkt man jedes Jahr erneut. 2K16 ist nicht nur das beste Basketballspiel auf dem Markt, sondern auch das authentischste Sportspiel, das es momentan zu kaufen gibt. Über Spike Lee und seine Beteiligung an diesem Spiel rede ich einfach nicht mehr.

 

Originaltitel: NBA 2K16
Plattformen: PlayStation 4, PlayStation 3, Xbox One, Xbox 360, PC
Genre: Sportsimulation
Entwickler: Visueal Concepts
Veröffentlicht von: 2K Sports

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