Meditation über das Handy im Alltag

Wenn Technik unsichtbar wird und die Wahrnehmung verändert. Eine Versuchsanordnung.

handy im alltag

Eines Tages klebt mir mein Smartphone an den Händen. Es ist angewachsen, ein Schock, mein Ästhetikempfinden ist durcheinander geraten, mein Stilbewusstsein zertrümmert. Aber Aristoteles würde sagen, dass das ganz normal ist.

Von Urban Bieri

Eines Tages wache ich aus unruhigen Träumen auf, möchte wegen der stickigen Luft das Fenster öffnen und dann kommt der Schock. Ich kann meine linke Hand nicht mehr richtig bewegen. „Ja klar“, denke ich mir zunächst noch halb betäubt vom unruhigen Schlaf, „lass ihr nur Zeit aufzuwachen, lass ihr nur Zeit.“ Aber es passiert nichts. Wenn ich dann nachschaue und meine Hand untersuche, stelle ich mit Entsetzen fest, das meine Hand ein Telefon geworden ist – ist alles wahr! –, oder dass ich mit ebendiesem zusammengewachsen bin. Meine Hand ist ein smarter Fremdkörper geworden, gehört mir aber nicht mehr. Sie beunruhigt mich, das Display leuchtet bunt. Ich selbst bin ein Fremder geworden, fremdbestimmt, fremdbewegt, zumindest durch den Vibra-Alarm.

 

Es gibt immer eine Erklärung
Ich verstehe es ja selbst nicht, wie das so kommen kann. Ich denke mir zunächst, na gut, ich war nachts unbemerkt zu lange am Smartphone und bin dann eingeschlafen. Nun klebt das Ding nur ein bisschen fest und ich will’s wegziehen, will’s wegzerren bis meine Hand schmerzt. Es muss andere Gründe geben, es gibt immer Gründe, nicht wahr? Ich geh in die Bibliothek und mache mich schlau, zunächst zur Medizin, ohne Resultat. Ist alles Psychologie? Keine Lösung. Nein, es ist real! Elektrotechnik? Die Konzerne wollen genau das erreichen und die Studis schauen mich nur fasziniert und mit übergrossen Augen an: Technik, the extension of man. Philosophie? Ja vielleicht, aber warum gerade Aristoteles? Immerhin, er zeichnet eine erste Spur im Irrgarten…

 

Ist Aristoteles so smart wie mein Phone?
Ausgerechnet der alte Grieche Aristoteles hat mich auf eine Spur gebracht. Er denkt nach über die Unterscheidung zwischen den Sinnen und der Luft, die sie umgeben. Die Luft nennt er Medium und dann fragt er sich auch noch, was wäre, wenn diese Luft – also das Medium – an unserer Haut angewachsen wäre! Ja ein Medium, also was ist überhaupt ein Medium, und kann der gute Alte wissen, was ein Handy ist? Wir wissen es alle, wir kennen sie alle, denken Sie vielleicht. Aber lieber Leser, was wissen wir denn schon! Was ist also ein Medium? Dem Wort nach ist es etwas Mittleres. Es liegt zwischen zwei Dingen, zwischen zwei Menschen, zwischen zwei Objekten. Es ist die Verbindung dieser, wie auch die Trennung. Es vermittelt zwischen den beiden Polen. Auch im Wort Vermittlung steckt die Mitte drin, oder eben das Medium. Zum Beispiel sagen wir, das Medium vermittelt uns die Wahrnehmung. Das Ding, welches wir wahrnehmen, wird uns durch das Medium zugespielt, wie zum Beispiel die vom Ding her kommenden Lichtstrahlen oder Schallwellen. Oder wir sagen auch, das Medium leitet die Impulse weiter, bis sie an unsere Sinne gelangen.

Nun gut, wenn die Luft also angewachsen wäre, wie Aristoteles sagt, würde nun dieses Medium plötzlich zu unserer Haut gehören, welche für uns doch ein Sinnesorgan ist. Ebenso würde sie mit unseren Augen verschmelzen und mit unseren Ohren. Nun sagt Aristoteles, wenn die Luft nun angewachsen wäre, dann würden all diese Sinne, die wir unterscheiden, als ein einziger Sinn erscheinen. Sehen, Hören und Tasten wäre ein einziges Sinnesorgan. Die Luft als Medium wäre nicht nur unsichtbar, sondern auch sonst nicht vom Sinnesorgan unterscheidbar. Denn genau so ist es auch mit dem Tastsinn. Über diesen nehmen wir nämlich ebenso mehreres wahr: Wärmeunterschiede, die Feuchtigkeit und ebenso Druck. Wenn die Luft nun angewachsen wäre, dann wäre Sehen, Hören und Riechen für uns in gleicher Weise nur ein Sinn, weil eben all dies durch die Luft wahrgenommen wird.

Da nun Handy und Hand offensichtlich zusammengewachsen zu sein scheinen – heisst denn das, ich kann nun diese Sinne nicht mehr richtig unterscheiden? Das heisst ich würde das Telefonieren, das Schreiben von Mails, oder das Ertasten von Gegenständen, das Grüssen mit der Hand, in selber Weise als Tätigkeit der selben Hand wahrnehmen? Ist es meine Hand, die vibriert und telefoniert? Ich erkenne doch meine Hand, … äh ich meine mein Handy. Also ich soll das etwa nicht mehr richtig auseinanderhalten können? Oder weil es angewachsen ist, schreibe und spreche ich etwa intuitiv mit meiner Hand, ohne zu wissen wie genau sie das macht, oder etwa sogar ohne zu merken, dass sie mein Handy geworden ist?

 

Das unsichtbare Medium
Gerade weil ich das Medium nicht selbst wahrnehme, sondern nur das, was es vermittelt, gerade darum scheinen diese Empfindungen zu einem Sinn zu verschmelzen. Aristoteles hat recht, wenn ich mir das so überlege: denn wo ist nun genau der Tastsinn? Ist er gerade auf der Haut, oder unter der Hornhaut, im Fleisch? Und welcher Sinn ist dort, der Drucksinn oder auch das Wärmeempfinden? Diese Hornhaut nehme ich ja nicht wirklich wahr, drum glaube ich immer, dass ich mit der äussersten Hautschicht wahrnehme. Aristoteles macht dazu zwei Beispiele. Das eine ist das Seidentuch, das zwar sichtbar auf unserer Haut liegt, nicht aber spürbar ist. Wenn ich es nicht sehen würde, würde ich es nicht erkennen, obwohl es genauso ein Medium ist. Denn das Tuch leitet als Mittleres, also als Dazwischenliegendes zwischen Sinn und wahrgenommenem Ding, die Impulse einfach weiter. Ich würde dann trotzdem sagen, es sei meine Haut, die Gegenstände ertastet, im Unwissen darüber, dass es noch ein Seidentuch darauf gibt.

Das andere Beispiel ist die Wahrnehmung eines Schlages durch einen Schild hindurch. Ich nehme immer noch den Schlag direkt wahr, aber eben einfach dumpf. Das heisst dann wiederum, ich kann sagen, was der Schild mit meiner Wahrnehmung macht: er verändert diese, er macht sie dumpf. Wenn ich nun aber die ganze Zeit den Schild mit mir hätte weil er mit mir zusammengewachsen wäre, dann wüsste ich vielleicht ja gar nicht, wie ich ohne Schild wahrnehmen würde. Ich denke mir nun, wenn wir das Medium wirklich nicht mehr sehen, weil es zu uns selbst gehört, dann glauben wir, die Dinge direkt wahrzunehmen, so wie beim Beispiel mit dem Seidentuch. Wir sagen auch nicht, unsere Haut berühre den Gegenstand und diese drückt dann wiederum auf den Tastsinn, der wahrscheinlich eigentlich darunterliegen müsste.

 

Das unsichtbare Handy?
Aber so ist es doch nicht mit dem Handy! Ich weiss ja,was das ist und was es tut und ich sehe es! Es ist mir vielleicht ans Herz gewachsen, aber gleich an die Hand? Und während ich so mit und über Aristoteles und seine Sinne philosophiere, gestikuliere ich wild mit meinen Händen, als ob es keine Hände gäbe, ich werfe sie mal nach links, mal nach rechts, zeige drohend in Richtung Himmel oder auch in Richtung Erde, in Richtung des Aristoteles. Dann mache ich eine Faust, als ob ich es mit ihm aufnehmen wollte, ziehe sie aber im letzten Moment wieder zurück.

Irgendwann juckt es mich unvermittelt und ich möchte mich kratzen. Erst jetzt realisiere ich, dass ich nur noch ein Handy habe, jedoch keine Hand. Sie wissen ja gar nicht, wie bescheuert man aussieht, wenn man sich mit dem Handy kratzen möchte. So wie jemand, der in die Scheibe einer Schiebetür prallt, weil er sie nicht gesehen hat. Also sage ich mir: Nur wenn ich bewusst darauf achte, nehme ich beides als zwei Dinge wahr. Hätte ich eine echte Hand und mich ohne darüber nachzudenken gekratzt, ich hätte nicht einmal gemerkt, dass ich eine Hand hätte. Und wenn ich philosophiere – übrigens auch wenn ich telefoniere –, dann merke ich auch nicht, ob ich mit einer Hand oder einem Handy herumlaufe. Es ist mir dann auch egal. Aber ist es nichtsdestotrotz gleichgültig?

 

Die Befreiung mit der Technik
Aber eines beunruhigte mich. Ich glaube Aristoteles würde sagen, dass auch dann, wenn ich die Technik nicht erkenne und sie mir angewachsen erscheint, dass auch dann meine Wahrnehmung verändert ist, so wie ich mit einem Schild herumlaufend die Welt als dumpf beschreiben würde. Dass quasi meine Fühler und Sensoren bis ans andere Ende der Technik reichen. Und dass sie unbemerkt dazu beitragen, dass ich glaube, die Dinge direkt zu berühren, obwohl dazwischen ein Medium liegt. Und dass diese Direktheit aber nur eine Täuschung der Technik sein könnte, die ich nicht entlarven kann, wenn ich sie nicht erkenne und wenn ich nicht weiss, was sie mit mir macht. Ich habe in der Folge lange schlecht geschlafen und versucht genau zu verstehen, wie mein Handy funktioniert!
Eine weitere Anregung zum Denken und Weiterdenken – denk ich mal.

Und dann geschah eines Tages das Wunder: Das Handy hat sich wieder selbständig gemacht und von mir gelöst. Ich sehe es jetzt deutlicher vor mir und verstehe es besser. Aristoteles weiss, dass diese Technik mir unsichtbar werden muss, wenn ich will, dass sie mir Gegenstände oder Informationen vermittelt. Ich möchte auch nicht den Bildschirm des Handys anstarren, sondern das, was er zeigt. Umso mehr möchte ich die Funktionsweise verstehen, möchte wissen, wie es meine Wahrnehmung beeinflusst und nicht nur darauf vertrauen, wozu mich Marketingspezialisten überzeugen mögen. Trotzdem bleibt die Unsicherheit: was genau ist der subtile Einfluss des Mediums auf mich?

Literatur zum Thema:

Aristoteles. „Über die Seele“. Meiner Verlag. 1998.

Bernard Stiegler. „Denken bis an die Grenzen der Maschine“. Diaphanes Verlag. 2009.

Im Netz:

 

 

https://de.wikipedia.org/wiki/De_anima
Informationen zum Buch

 

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