Friedrich Dürrenmatt: “Der Besuch der alten Dame”

In der Liebe ist alles erlaubt

© Toni Suter (T+T Fotografie)
© Toni Suter (T+T Fotografie)

In Güllen geht wieder einmal der schwarze Panther um: Viktor Bodó gelingt eine unterhaltsame Inszenierung des Besuchs der alten Dame mit glitzernden Prothesen, singendem Publikum und groteskem Slapstick.

Von Tamara Schuler.

Einen richtigen Theatervorhang kann sich die Gemeinde Güllen längst nicht mehr leisten. Ratternd öffnet sich das alte, blecherne Garagentor, das Stück beginnt (Bühnenbild Juli Balázs). Unter einem staubigen Lichtstrahl zu sehen sind der Bürgermeister (Nicolas Rosat), der Pfarrer (Milian Zerzawy), der Lehrer (Matthias Neukirch) und der Polizist (Benedict Fellmer), im Warten vereint. Mit knurrenden Mägen sitzen sie am Bahnsteig, aus dem Neuen Testament werden Zigaretten gedreht. Das ganze Dorf wartet auf das Eintreffen der Milliardärin Claire Zachanassian, geborene Klara Wäscher, die vor vielen Jahren hier aufwuchs und dem finanziell ausgetrockneten Kaff zu neuer Liquidität verhelfen soll.

Die Hexe im Trainingsanzug
Die geplante Willkommensfeier, aus den letzten Resten menschlicher und materieller Ressourcen zusammengekratzt – der gemischte Chor sing, der Turnverein formiert sich zur Pyramide, der Bürgermeister hält eine pathetische Rede – fällt ins Wasser, als der Rasende Roland, der Schnellzug von Venedig nach Stockholm, mit Dampf und Getöse nicht-fahrplankonform in Güllen zum Stehen kommt. Inmitten von Qualm und höllengrellem Scheinwerferlicht wird eine Silhouette sichtbar – und plötzlich ist sie da. Claire Zachanassian (Friederike Wagner), milliardenschwer, rothaarig und im violetten Adidas-Trainingsanzug betritt den heruntergekommenen Güllener Bahnsteig. Mit dabei sind ihr Butler Boby (Claudius Körber), der eine fratzenhafte Schweinemaske trägt, sowie Toby (Amine Yacoubi), dressierter Gangster aus Manhattan. Überrumpelt begrüssen die Güllener den hohen Besuch, allen voran Claires Jugendliebe Alfred Ill (Klaus Brömmelmeier), der dafür sorgen soll, dass sein „Wildkätzchen“ von damals ihren Geldhahn öffnet.

Mehr Schein als Sein
Fast ist es wieder wie damals, als Claire und Ill jung und verliebt durch die Wälder streiften und sich in Scheunen liebten. Aber eben, nur fast: Alfred Ill, früher Klaras starker, „schwarzer Panther“, ist grau geworden, und fett. Und auch die vermögende Milliardärsgattin ist nicht mehr ganz frisch: Sie knarrt und knackt, mal leiert der Kiefer, mal ächzt ein künstliches Gelenk, die Hand- und Beinprothesen, in glitzernden Samtstoff gehüllt, muten futuristisch an. Dennoch schwelgen die beiden in Erinnerungen, und dann will Güllen sein „Kläri“ doch noch gebührend willkommen heissen, der Bürgermeister parliert, das Publikum wird kurzerhand zum Chor, der mehr schlecht als recht den Kanon mitsingt.

Trotz allen Patzern, schliesslich spricht Claire Zachanassian aus, was alle hören wollen: Eine Milliarde will sie dem Städtchen schenken, 500 Millionen auf alle Familien verteilt, 500 Millionen für die Stadtkasse – unter einer Bedingung.

Über Geld spricht man nicht
Die Bedingung heisst Gerechtigkeit. Butler Boby enthüllt seine wahre Identität: Er ist ein Güllener Richter, der anno dazumal die Vaterschaftsklage abwies, die die schwangere Claire an Alfred Ill stellte. Koby (Philippe Graff) und Loby (Gerrit Frers), die beiden Blinden im Schlepptau der Zachanassian, die allemal als die bösartigen Cousins der „Alice im Wunderland“-Zwillinge durchgingen, rennen schrill lachend durch die Szene und erzählen, was mit ihnen geschah. Einst wurden sie von Ill mit einer Flasche Schnaps bestochen, um vor Gericht zu behaupten, sie hätten mit Claire geschlafen. Die Rache der aus Güllen vertriebenen und zur Hamburger Hure verdammten Klara Wäscher war gnadenlos: Kastrieren, blenden und jeden Tag eine Flasche Schnaps. Den Güllener Einwohnern dämmert langsam, mit welchem Kaliber sie es zu tun haben. Die wohlhabende Claire ist mit einem zynischen Sprachfehler belastet, der es ihr versagt, Wörter im Zusammenhang mit Geld richtig auszusprechen: So wird aus der Milliarde eine Mill-arde und die Rede ist von zweimal 500 Mill-onen – aber über –eld spricht man ja sowieso nicht (Dramaturgie Anna Veress, Karolin Trachte).

Die Bedingung heisst Gerechtigkeit, Gerechtigkeit für die Ungerechtigkeiten, welche die junge Klara über sich ergehen lassen musste. Das freche „Kläri“ von damals wird zur Klägerin, zum wohl ältesten jüngsten Gericht aller Zeiten: Nur wenn Ill stirbt, erhält die Gemeinde ihr Geld.

Des Menschen Wolf
„Die Welt machte mich zu einer Hure“, sagt Claire, „jetzt mache ich die Welt zu einem Bordell“. Die Güllener sind entsetzt, lehnen das Angebot im Namen des Humanismus ab – doch Claire wartet ab. Und nach und nach wird klar: Auch die Einwohner Güllens warten darauf, dass einer den entscheidenden Schritt tut. Dessen wird sich Ill mit Schrecken bewusst, als das ganze Dorf immer mehr Schulden macht, plötzlich leistet man sich neue Schuhe, eine neue Kirchenglocke, echte Zigaretten. „Ihr alle wartet!“ schreit Ill einmal, und selbst der Lehrer gesteht ihm bald: Ich merke, wie ich langsam zum Mörder werde. Nach einigem Leugnen und subtilen Drohungen ist es schliesslich soweit: An der Gemeindeversammlung wird formell abgestimmt, Ill wird zum Täter, der die Schuld von damals begleichen muss, gemeinsam werfen ihn die Güllener in einen Schacht und zünden diesen an. An dieser Stelle lehnt sich Regisseur Viktor Bodó weit aus dem Fenster: Der eigentliche, von Friedrich Dürrenmatt beschriebene Tod Ills wird dadurch verursacht, dass ihn die Güllener Gemeinde enger und enger umkreist – doch berührt wird er von keinem, sondern stirbt an klassischem Herzstillstand. Unverständlich und schade, dass diese perfide Art des Todes nicht übernommen wurde, sondern zum plumpen Meuchelmord verdreht wird.

Nichtsdestotrotz ist das Stück sehenswert: Die Schauspieler spielen solide, herausragend ist Friederike Wagner in der Rolle der allzeit freundlichen, erschreckend künstlichen Claire Zachanassian. Wie lebensecht diese Claire dennoch ist, zeigt sich in der Pause, als eine ältere Zuschauerin aus der ersten Reihe vorbeischreitet: Leuchtend rotes Haar, goldene Vogelkäfig-Ohrringe, handbreite Hacken an den Schuhen: Sie könnte problemlos Claires Schwester sein.

Eine ebenso beeindruckende Leistung erbringt Benedict Fellmer in der Rolle des Polizisten, der sich den Polizistenjargon voll und ganz einverleibt hat. Die zuweilen etwas kabarettistischen, von einer Zuschauerin (nicht Claires Schwester – leider) als „etwas klamaukös“ betitelten Einlagen insbesondere der „Dick und Doof“-Verschnitte Loby und Koby sind zwar etwas zu dick aufgetragen, stören aber nicht weiter. Etwas mehr Tempo hätte dem Stück gutgetan, doch die Moral von der Geschicht ist klar: Der Mensch ist des Menschen Wolf, mit Geld lässt sich alles kaufen, wenn man es nur geschickt anstellt, und: Die Notbremse zieht man nie in diesem Lande, auch wenn man in Not ist. So vermag auch hier Dürrenmatts treffsichere Kritik an Mensch, Gesellschaft und Land durchzuschimmern – eine zeitlose Erinnerung an die eigene menschliche Schwäche.

Besprechung der Premiere am 11. Dezember 2015

Dauer: 2 Stunden 20 Minuten

Besetzung: Friederike Wagner, Claudius Körber, Gerrit Frers, Philippe Graff, Amine Yacoubi, Klaus Brömmelmeier, Julia Kreusch, Henrike Johanna Jörissen, Nicolas Rosat, Milian Zerzawy, Matthias Neukirch, Benedict Fellmer, Christian Heller
Regie: Viktor Bodó

Im Netz:
www.schauspielhaus.ch

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