Rise of the Tomb Raider

Im Frühtau zu Berge

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Eisig kalt ist es dieser Tage nicht nur in Berlin, sondern auch in den Bergen Sibiriens, in denen Lara Croft in Rise of the Tomb Raider auf der Suche nach ewigem Leben ist. NORMAN VOLKMANN begleitete Murder Croft durch ihr zweites Abenteuer, schwang die Kletteraxt und genoss wunderschöne Berg-Panoramen.

Weil ich das ganze Jahr 2015 so verdammt brav war, fand ich unterm Weihnachtsbaum eine Xbox One mitsamt Tomb-Raider-Bundle: Also die Definitive Edition eines Spiels, das ich seinerzeit maßlos überhyped und enttäuschend fand – aber auch dessen Nachfolger, bei dem sich laut verschiedener Presse-Stimmen einiges (zum Guten) geändert habe. Auch wenn die frühen Trailer des Sequels wieder zeigten, wie die junge Lara Croft Äxte in zahlreiche Köpfe rammt, wurden dieses Mal auch die Kletterpassagen an schneebedeckten Gebirgsgebieten in den Fokus gerückt. Dies weckte sofort wohlige Erinnerungen an Uncharted 2 und lies mich doch neugierig werden. Könnte Rise of the Tomb Raider mir entgegen meiner Vorstellungen doch gefallen? Könnte ich Lara am Ende als hyper-brutale Massenmörderin akzeptieren – ganz ohne diese One-Liner, die mich Nathan Drake all das nicht übel nehmen lassen? Um es kurz zu machen: Ja. Woran das liegt, versuche ich im Folgenden zu erklären.

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Als Tomb Raider vor mehr als zwei Jahren einen Reboot erhielt, hoffte ich auf zeitgemäße Kletter-Action, freute mich auf das Erforschen und Räubern von Grabstätten und mystischen Relikten. Square Enix wollte eine dunkle Geschichte um Lara und ihre Entwicklung zur abgebrühten Entdeckerin schaffen. Das bekam ich in Form eines zu sehr auf Kampf fokussierten Spiels serviert, das mit Napalm-Pfeilen und brutalen Finishing-Moves beweisen wollte, dass Lara Todeswünsche nur allzu gerne erfüllt. Dazu kam die Tatsache, dass der Spieler Lara leiden sehen sollte. Sie schrie, stöhnte und zitterte am laufenden Band vor Schmerzen und musste sich dazu mit einem Haufen Arschlochfreunden abgeben, die ihr weder Aufmerksamkeit noch Dankbarkeit gewährten. [Anm. d. Redaktion: Ganz im Gegensatz zu Rudolf Inderst, der großherzig ist, nett und über viele Themen fließend zu berichten weiß.] Tomb Raider hingegen war die Etablierung gelungener Gameplay-Mechaniken mit Wegwerf-Story.

Fokuswechsel

In Rise of the Tomb Raider hat sich der Fokus zum Glück geändert. Die brutalen Finisher gibt es immer noch, Pfeile mit explosiven Spitzen schaffen es auch im zweiten Teil in Laras Köcher und doch: Die Gefechte fühlen sich vielfältiger und echter an – nicht zuletzt wegen der neuen Stealth-Mechanik, die Lara von allein duckend durch das Unterholz flitzen lässt. Lara ist deutlich gefasster und kaltschnäuziger, verzweifelt nicht in jeder zweiten Cutscene, um in der nächsten Szene doch zahlreiche Söldner niederzuknüppeln. Und noch viel wichtiger als das Kampfgeschehen: Es wird geklettert, es wird entdeckt, es wird gelernt! Lara interessiert sich für die Geheimnisse um sie herum, liest Hierglyphen und erforscht Grabstätten – zumindest wenn man das will, all diese Aufgaben sind nämlich zum größten Teil optional. Das Erforschen von Grabstätten liefert allerdings lohnenswerte Belohnungen: Jede gemeisterte Herausforderung wird mit exklusiven Fähigkeiten ausgezeichnet, kleinere Schätze geben zudem Aufschluss über das, was in der Vergangenheit auf der Insel passierte. Die Tombs sind dabei immer eine Mischung aus Umgebungsrätsel und Kletterpassagen – im besten Falle eng miteinander verknüpft.

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Rise of the Tomb Raider macht genau das, was der Vorgänger mich vermissen ließ. Lara kommt von der Mitleidsnummer des Vorgängers weg und braucht keinen Beschützerinstinkt mehr zu wecken. Im Gegenteil: Sie behauptet sich selbstbewusster, hat die Situation in den meisten Fällen unter Kontrolle und ist tatsächlich erwachsen geworden. Damit entwickelt sie sich nicht nur weg von der Figur, die sie noch im ersten Teil darstellte, sondern auch von dem was sie ja eigentlich mal wird. Denn die Lara Croft, die vor nunmehr fast 20 Jahren ihr Debüt gab, hat mit der heutigen Lara nicht mehr viel gemein, und nichts anderes sollte das Ziel der Entwickler sein. So lange die größte Gemeinsamkeit das Lüften von Geheimnissen und mystischen Legenden bleibt, tritt Squares neue Lara ein großartiges Erbe an und hinterlässt vielleicht ein ähnliches Vermächtnis wie ihre frühere Inkarnation.

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen
Originaltitel: Rise of the Tomb Raider
Plattformen: Xbox One
Genre: Action
Entwickler: Crystal Dynamics
Veröffentlicht von: Square Enix/Microsoft Studios

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