“Was tun? Ein Festakt“ – Friederike Heller | Neumarkt Theater Zürich

Revolution während des Festakts

Bild/Copyright: Cristiano Remo
Bild/Copyright: Cristiano Remo

Was wäre wenn? Frederike Heller bringt Kunst und Sozialismus, für die DADA und Lenin stehen, gleichzeitig auf die Bühne. Zwei revolutionäre Strömungen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Weg bahnen und die zum 50-Jahr-Jubiläum des Neumarkt Theaters einen gemeinsamen Auftritt kriegen.

Von Jolanda Heller.

Ein Festakt mit der humorvollen Ansprache des Redners (Marcus Signer) ans Publikum eröffnet den Theaterabend. Dieses arrangiert sich an den Längsseiten des Bühnenraums an kleinen Tischchen und auf Sitztreppen. Zwei Bühnen sind an den Enden des Theaterraumes aufgebaut, die eine stellt die Dada-Bühne dar, die andere zeigt das kleine Lenin’sche Zimmer an der Spiegelgasse. Der Redner begrüsst und erwähnt wohlwollend Politik- und Kulturvertreterinnen, die sich in all den Jahren vermeintlich für das Theater Neumarkt eingesetzt haben. Daneben vermittelt er die Geschichte des Hauses selbst. Zum Schluss der Eröffnungsrede stossen alle mit einem Becher Sekt auf das 50-Jahr-Jubiläum des Hauses an. So feiert man gebührend ein Jubiläum.

Festakt mit Unterbrechungen

In diese Rahmenhandlung des Festaktes wird die Zürcher Präsenz von Lenin und den Dadaisten eingebettet, zweier Protagonisten der sozialistischen und künstlerischen Revolution, die nochmals 50 Jahre vor dem 50-Jahr-Jubiläum, im Jahr 1916, in Zürich ihren Anfang nahmen. Immer wieder wird durch diese die Rahmenhandlung des Festaktes unterbrochen. Die Revoluzzer der Kunst auf der einen Bühne kämpften gegen alles, was bis anhin als Kunst galt, d.h. die bürgerliche Kunst des Historismus, des Symbolismus, des Naturalismus, mit all ihren Mythen und Allegorien und ihren in künstliche Körper gezwängten Leiber, die sich unnatürlich bewegten und sich in manierierter Art artikulierten. Die Dadaisten taten das mit vollem Körpereinsatz! Doch wie sollte man diese neue Sprache verstehen, diese Nonsens-Sprache, die Null Bedeutung hervorbrachte?

© by caspar urban weber

Schweizer für Revolutionen unempfänglich

Mit Verständigungsproblemen hatte auch der aufbrausende Lenin (Martin Butzke) auf Seiten der Schweizer zu kämpfen. Von der den Dadaisten gegenüberliegenden Bühne, in Lenins Zimmer an der Spiegelgasse, unternahm er seine Überzeugungsversuche, die natürlich nicht ohne Seitenhiebe auf die Schweizer Beschaulichkeit enden durften. Man lebte so friedlich in den engen Bergtälern, von einer «sozialistischen Umwandlung der Schweiz, hier und jetzt» wollten diese nichts wissen, ja, man brauchte sie etwa auch von Seiten der Frauen nicht: «Die selbstbewussten Frauen klopfen die Teppiche selber aus». In der «Republik der Lakaien» liess sich keine Revolution anzetteln. In diese hitzigen Reden Lenins wurde auch Alexander Parvus (glänzend gespielt von Johannes Dullin) in einer Kiste und mit übertrieben und unübersehbar dickem Bauch eingeführt, der Lenin im Jahr 1917 in einer plombierten Kutsche von Deutschland nach Russland brachte.

© by caspar urban weber
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Vier Hauptfiguren des Dada, Emily Hennings (Yanna Rüger), Hugo Ball (Marcus Signer), Tristan Tzara (Maximilian Kraus) sowie Richard Huelsenbeck (Johannes Dullin) stellen ihr künstlerisches Programm in Theorie und Praxis vor. Sie versuchen, nebst ihren kabarettistischen Nummern, ihre kunstpolitischen Anliegen hervorzubringen. Ganz wie es der rein politische Gegenpart Lenin für seine sozialistische Revolution tat. In dialektischer Manier zeigt sich während des Stückes der Schlagabtausch zwischen Kunst und politischem Denker. Praktiker war Lenin jedoch nicht, er war weit entfernt von Väterchen Russland und den dortigen Verhältnissen. Doch auch die Dadaisten, die auf der Dada-Bühne in ihrem Element waren, befanden sich vom Alltag weit weg und stiessen in der damaligen Schweiz auf wenig Verständnis.

Mediator Willi Münzenberg

Die beiden Revolutionen, die sich in Zürich nebeneinander entwickeln und damals wohl keine Berührungspunkte hatten, werden auf der Neumarkt-Bühne mit der Figur des Kommunisten Willi Münzenberg verbunden, der sich 1916 in der Schweiz aufhielt und dort Lenin kennenlernte. Münenzberg (der in Peter Weiss’ «Ästhetik des Widerstands» auftritt) hat während des Faschismus zwischen der theoretisch-doktrinären KPD und den Arbeiterorganisationen Verständigungs- und Vermittlungsarbeit geleistet. Revolutionen liegt ein Gewaltpotential inne, das vermittelnde Personen meist nicht lenken oder bändigen können. Münzenberg starb jedenfalls 1940 auf der Flucht vor den Nazis.

Die Inszenierung auf der Neumarkt-Bühne regt zum Weiterdenken und -lesen an. Man kann sie aber auch als unterhaltsamen Festabend betrachten, als der diese vordergründig erscheint. Die Ebenen von Jetzt und Damals sowie der volle und überzeugende Einsatz der Schauspieler und der Schauspielerin und das gelungene Bühnenbild machen den Abend für das Publikum auf jeden Fall zu einem Theaterfest.

Besprechung der Aufführung am 18. Januar 2016.
Dauer: 2 ¼ Stunden, eine Pause

Jubiläumsproduktion des Theater Neumarkt von Friederike Heller mit Musik von Peter Thiessen («Kante»).

Besetzung
Marcus Signer: Mitarbeiter des Kulturdepartements, Fritz Platten, Hugo Ball, Benjamin, Machetanz
Martin Butzke: Wladimir Iljitsch Lenin
Yanna Rüger: Emmy Hennings, Karussellpferd Johann
Maximilian Kraus: Willi Münzenberg, Häuptling Feuerschein, Tristan Tzara
Johannes Dullin Ernst Nobs, Wirt Ephraim, Richard Huelsenbeck, Alexander Parvus, Stadtpolizist
Peter Thiessen/Alexander Paulick: Tenderenda der Phantast (Live-Musik)

Regie: Friederike Heller
Bühne: Michael Simon
Kostüme: Sabine Kohlstedt
Dramaturgie, Mitarbeit Textfassung: Ralf Fiedler

Im Netz
theaterneumarkt.ch

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