Joe Sacco

Zeichner und Reporter

 

joesacco

 

Das Cartoonmuseum in Basel widmet derzeit eine Ausstellung dem Comic-Journalisten Joe Sacco. Er hat wie kein zweiter vor ihm das Genre geprägt, lässt sich aber gleichzeitig auch in eine Reihe mit den wichtigen Vertretern des Gravic Novel stellen, welche die Form des Comic gewählt haben, um das letztlich Unfassbare zur Sprache zu bringen. Was ist die Faszination an einem Journalisten, der in seinem Werk die Sprache und Grammatik von gezeichneten Bilder wählt, um das aufzuzeigen – was unter anderem zu den schrecklichsten Verbrechen und Katastrophen der Menschheitsgeschichte führt. Dazu hat eine Retrospektive, welche den Weg bis in die Gegenwart beschreibt, einen gekonnten und umfassenden Abriss zu dem Zeichner und Reporter entworfen.

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

Anette Gehrig, die Leiterin des Museums, spricht in einem Interview über die wichtigsten Merkmale in seinem Schaffen und die Herausforderungen, welche sich stellen, wenn man einen Künstler und sein Werk zum Gegenstand nimmt, der sehr kontrastiv und gleichzeitig enorm komplex gearbeitet und gewirkt hat. Wie lassen sich Zukunft, Geschichte und Gegenwart aufs Papier bringen – wenn man über die blosse Berichterstattung hinausgehen will und einen neuen Bogen zeichnet, der vor allem eines will: verstehen und verständlich machen.

 

Subjektivität als Mittel

„Im Journalismus geht es immer darum, den endlosen Lügen etwas entgegenzusetzen, obwohl er sie manchmal auch fortschreibt – gewollt oder ungewollt. “ So drückt es Joe Sacco selbst in einem Interview mit Anette Gehrig aus und gilt damit wohl als einer der Selbst-Reflexiven in seinem Metier. Eine nicht zu unterschätzende kritische Einstellung auch seinem eigenen Schaffen gegenüber spricht aus diesen Zeilen. Im Gespräch mit Anette Gehrig, die die Ausstellung im Cartoonmuseum in Basel kuratiert hat, bringt er es seinerseits weiter auf den Punkt und legt erste Spuren, sein umfassendes Werk und seinen künstlerischen wie zugleich journalistischen Anspruch zu verstehen: „ – eigentlich interessieren mich Orte und Menschen, die irgendwie von der Geschichte überrollt worden sind. Ich will wissen, was sie durchmachen, wie sie überleben, und wie sie Widerstand leisten. Je älter ich werde, desto mehr interssiert mich die Psychologie der Täter und wie Gewalt dazu benutzt wird, einen bestimmten Zweck zu erreichen.“ Das heisst natürlich und zuallererst eines – wie Anette Gehrig erläutert: „Die Hand, die zeichnet, schwingt in jedem seiner Geschichten immer mit“, bleibt präsent, verleiht dem Festgehaltenen eine subjektive Sicht (oder auch Einsicht) und das Interesse an der Katastrophe ist gleichzeitig eine Verpflichtung dazu, für das Unverantwortbare Antworten zu finden.

 

Leerstellen als Methode

Obwohl er sehr stark konfrontativ in seinen Werken arbeitet – ist er alles andere als auf den blossen Effekt ausgerichtet. Und richtig bringt es so auch Anette Gehrig auf den Punkt: “Ein Comic wirkt über Leerstellen” – und zeigt und stellt so etwas wahrscheinlich umso eindrücklicher dar, indem er Lücken lässt, in denen sich die Phantasie des Betrachters einnisten kann. So wird das vermeintliche Manko, die Bewegung nicht einfangen zu können, unversehens zur Methode: etwas verkürzt formuliert, zeigt er nicht den Schuss, sondern den Moment danach – oder umso krasser noch: den Moment davor. Und über das, was er letztendlich darstellt, über die indirekte Konfrontation – wird so mit einem Mal spür- und fast schon erlebbar, was dazu führt, dass Menschen zu Waffen greifen. Wie die Ausstellung aufgebaut ist, beginnt letztlich denn auch mehr und mehr genau das zu interessieren: nämlich die Geschichten hinter den grossen Kämpfen um die Macht, die Einzelschicksale hinter der ganzen Perversität des Krieges. Ohne dabei plakativ zu werden, sondern stets differenziert und immer beide Seiten im Auge behaltend, schafft es Sacco so, einen ganz eigenen Weg der Berichterstattung zu etablieren: eine Methode, die zu verstehen versucht – mehr als sie unmittelbar zu zeigen bereit ist.

 

Traum und Traumata

Von der blossen, rein formalen Darstellung der Schrecknisse längst übersättigt, wäre dies wahrscheinlich auch besser in gewissen Foto-Bildstrecken oder Film-Reportagen repräsentiert, die die Bewegung darzustellen vermögen. Zu diesen lässt sich Joe Sacco nicht zählen, denn er wählt einen ganz anderen Ansatz. Die Objektivität (welche er sich gerade abspricht) wird hier über andere Kanäle erreicht – und zwar paradoxerweise über den Weg der je subjektiven Sicht des Betrachters. Monatelange Recherchen vor Ort erlauben es Sacco so, ganz andere Zugänge zu schaffen und – wenn man so will – eine um einiges subtilere Wirkung zu entfalten. Ähnlich wie in Traumbildern scheinen hier stilisierte Figuren und Realitäten aufeinanderzutreffen, die mit den Traumata des Krieges eng verwoben sind. Das rückt ihn natürlich in ein enges Verhältnis zur Traumdeutung Freuds – zumindest scheint diese Verbindung hier gerechtfertigt. Denn was auch immer hier in seiner ganzen Brutalität dargestellt wird, das Entsetzen spricht nicht direkt aus den Bildern (wie sollte es auch, es sind letztlich mit Papier und Tusche festgehaltene Stilisierungen der Realität von aber nichtsdestotrotz wahren Begebenheiten), sondern aus dem Schrecken des Gefühls, das man dabei einnimmt und einen überkommt. Und ja, man kann von einem Schockzustand sprechen, in den einen die Bilder versetzen. Und so wird erst über den Umweg des Auges – über den Betrachters selbst etwas möglich, was eine direkte, notwendig verkürzte und allzu einseitige Konfrontation nicht zu leisten vermag. Aus der je subjektiven Sicht selbst beginnen die einzelnen Cartoons in einem selbst zu arbeiten, werfen Fragen auf – führen so zu neuen Erkenntnissen über die Geschehnisse, die hinter den breitgetretenen, oft auch plakativen Darstellungen der verschiedenen Medien stehen.

Scannen

 

Keine Geschichte – nur Geschichten

Die Erzählstränge, welche in nur einem Bild von einem seiner Cartoons gebündelt sind, laufen denn immer auch auseinander und zeigen unglaublich viele Nuancen und Spielweisen auf: durch diese Schichtung, wie es Anette Gehrig nennt, begegnen die faktischen Geschichten so der letztlich immer fiktional verbleibenden Geschichte. Denn sie wird immer aus der Sicht und in der Interpretation einer Seite geschrieben werden. Fakt und Fiktion sind so kunstvoll zu dem verwoben, was immer auch auf den Kontext und die Umstände verweist. Und so paradox es klingen mag: gerade stilisierte Abbilder erlauben ihm eine Annäherung an die krassen Fakten und führen ihn so zu dem Grad an Reflexivität, welche aus seinen Bildern spricht. Auf eine “kontroverse und zugleich auch komplexe Weise”, wie Anette Gehrig es ausdrückt, wird so der Alltag hinter dem Grauen spürbar und gerade das, was nicht zu zeigen ist oder darstellbar scheint, beginnt so aus seinen Bildern zu sprechen. Und so taugt gerade der letztlich subjektive Blick Joe Saccos dazu, eine stärkere Kraft zu entfalten, als die vermeintliche Objektivität des Berichterstatters. Sie erzeugen so einen Sog, der in sich aufsaugt und wiedergibt, was wir uns letztlich alle zugestehen müssen: es gibt keine objektiv zu nennende Geschichte – nur Geschichten.

 

Die Entdeckung der Langsamkeit

Auf den Ebenen der Geschichten und Einzelschicksale und über ganz andere Kanäle wird so etwas entfaltet, was sich nicht so schnell wieder vergessen lässt wie etwa der oft sehr kurze Schnappschuss der Tagesmedien. So erläutert auch Anette Gehrig die Schaffenskraft hinter Joe Saccos Werken: „Erst einmal natürlich ganz konkret braucht Sacco Zeit um seine Werke zu entwerfen. Darüber hinaus brauchen seine Geschichten Zeit sich zu entfalten. Und zum Schluss muss letztlich auch die Zeit wirken, um ein Verstehen zu ermöglichen.“ Darin hat es Sacco letztlich zu einem sehr hohen Grad an Reflexivität gebracht. Es lässt sich nicht einfach mit einem einfachen Strich das nachzeichnen, was sich in der ganzen Komplexität der Umstände hinter dem Krieg oder den Ursachen für Genozid verbirgt. Doch gerade das scheint mit einem mal greifbarer zu werden. Und so hat es Sacco denn auch in seinen Cartoons darauf angelegt einen wichtigen Beitrag nicht nur zum Genre zu leisten, sondern seine Comic Reportagen erzählen in zeichnerisch hoher Qualität die Geschichten hinter den Ereignissen und leisten so einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft: damit Krieg, Vernichtung und die verschiedenen Mechanismen, die Freud den Todestrieb genannt hat und der nach ihm letztlich in uns allen schlummert, nicht vergessen gehen. Über das Abstossende gegen das Perverse und Abgründige, das aus den Bildfolgen spricht, lässt sich so in jedem einzelnen von uns etwas entdecken, das ebenso fasziniert davon ist. Und unversehens ertappt man sich dabei – wie gerade das Schreckliche, das daraus hervorgeht, als etwas zutiefst Menschliches erkennbar wird. So lässt es einen vorsichtig werden mit allzu einseitigem Abwägen der Geschehnisse. Denn überall nur nicht hier scheinen die Katastrophen geboren zu werden. Doch was daraus zu sprechen beginnt, kennen wir alle und liegt im Mensch-Sein selbst wohl letztlich verborgen.

 

Im Netz: 

http://www.cartoonmuseum.ch

http://www.nzz.ch/ich-glaube-nicht-an-die-objektivitaet-1.13994622

 

 

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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