“Spotlight” von Tom McCarthy

Helden mit Notizblöcken

spotlight

Tom McCarthys “Spotlight”, nominiert für 6 Oscars, erzählt in bescheidenen Bildern und sachlichem Ton die Geschichte eines Reporterteams, die einen der grössten Skandale innerhalb der katholischen Kirche aufdeckten.

Von Lukas Hunziker.

Dass “Spotlight” zumindest ein kritischer Erfolg werden würde, dessen dürfte sich Regisseur  Tom McCarthy sicher gewesen sein – hält der Film doch jedem Journalisten einen wahrlich schmeichelhaften Spiegel vor. Besser noch als “State of Play” vor 6 Jahren feiert “Spotlight” den gewissenhaft recherchierenden, von modernem Sensationalismus unbeeindruckten Reporter als den vergessenen Helden unserer Zeit. Die Stärke von McCarthys Film liegt jedoch darin, den “Boston Globe” und dessen Team von vier Journalisten, die 2001 eine Reihe von Kindsmissbräuchen durch katholische Priester aufdeckten, nicht zu Helden zu stilisieren. Eine Stärke, für die er nicht belohnt werden wird, aber die Anerkennung verdient.

Als ein Team von Journalisten bei der Bostoner Zeitung “The Globe” 2001 begannen, Recherchen zu Kindsmissbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche anzustellen, dürften die beteiligten Reporter kaum geahnt haben, welchen Skandal sie aufdecken würden. Das Team der investigativen Einheit “Spotlight”, deren Berichterstattung auf oft monatelanger Recherchearbeit beruhte, wurde vom neuen Editor Marty Baron dazu angehalten, einen bekannt gewordenen Missbrauchsfall genauer zu untersuchen. Im Laufe der Recherche entstand eine Liste mit 87 Namen von pädophilen Priestern, die in der Erzdiözese Boston Kinder missbraucht hatten. Dabei bestätigte sich Barons Verdacht, dass der Erzbischof, Cardinal Law, von mehreren Missbrauchsfällen gewusst haben musste, aber nichts dagegen unternommen hatte.

Hinschauen, wo alle weggeschaut haben

An den Tätern ist McCarthys Film kaum interessiert. Konfrontationen zwischen Journalisten und Priestern gibt es keine, und auch konfliktgeladene Situationen wenige. “Spotlight” ist nicht “The Insider” und nicht “State of Play”, in denen sich die Journalisten durch ihre Arbeit in Gefahr begeben – dafür ist Raum für Interviews mit Opfern, deren traumatische Erinnerungen nicht in Bildern gezeigt werden müssen, um erlebbar zu werden. Böse Priester sieht man keine – nicht einmal böse Anwälte. Der einzige, in dem man einen Bösewicht vermutet, wird gegen Ende des Films zeigen, dass Viele Mitschuld daran tragen, dass diese Fälle nicht früher aufgedeckt wurden – auch den “Boston Globe” selber trifft einen Teil der Schuld. “If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one” sagt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci), einer der Opferanwälte einmal zu Mark Ruffalos Figur, Michael Rezendes. McCarthy verrät diese Zeile nicht, indem er in seinem Film die Katholische Kirche dämonisert, was einfach gewesen wäre. Für einen Film von zwei Stunden wird er der Komplexität der Umstände erstaunlich gerecht.

Dadurch, dass “Spotlight” ganz die investigative Arbeit seiner Hauptfiguren ins Zentrum stellt, muss er Abstriche bei diesen Figuren selber machen. Zwar gewährt der Film Einblicke in deren meist kleine und triste Wohnungen und skizziert in je einer knappen Szenen ihr Privatleben. Helden sind sie nicht, diese vier, auch wenn gerade Mark Ruffalos Figur keine drei Szenen braucht, um alle Sympathien des Zuschauers zu haben. Das liegt aber auch daran, dass er das Ideal des Investigativjournalisten fast bis zum Klischee verkörpert – er ist ebenso freundlich wie beharrlich, rennt den ganzen Tag prall gefüllter Umhängetasche und Notizblock von Büro zu Büro und von Archiv zu Archiv, geht in seiner Arbeit auf, aber ist nicht von ihr besessen. Glaubhaft, sympathisch, aber im Prinzip undramatisch sind McCarthys Figuren, bewundernswert in ihrer engagierten Ausgeglichenheit, aber dabei nicht ohne erzählerische Blässe.

Zu unpathetisch, um kein Aussenseiter zu sein

So ist “Spotlight” zwar ein absolut sehenswerter Film, gerade weil er unprätentiös ist, gerade weil er sein Thema seiner Handlung und seinen Figuren unterordnet, gerade weil er sich den klassischen Plotklischees der üblichen Oscar-Anwärter entzieht. Aber er bleibt als niedergarendes Kammerspiel in Erinnerung, als intelligentes und aussagekräftiges zwar, aber nicht als emotionales, nicht als betörendes. Der Film erzählt eine wichtigere, aktuellere Geschichte als sein Awards-Konkurrent “The Revenant”, hat im Gegensatz zu diesem eine ernstzunehmende Handlung und ein unausgelutschtes Thema. Verlieren wird er bei den Oscars trotzdem, gerade weil hier nicht die Geschichte des einen Mannes erzählt wird, der gegen alles, was auf ihn einbricht, besteht.

Stattdessen erzählt “Spotlight” die Geschichte einer Presse, wie wir sie kaum mehr kennen, und doch alle vermissen. Elegisch, wie dies schon “State of Play” und die fünfte Staffel von “The Wire” taten, zeigt hier die Kamera immer wieder laufende Druckerpressen, fensterarme Büros, alte Computer und schlecht gekleidete Reporter, die ihrem unspektakulären Wirkungsort zum Trotz die Welt ein kleines bisschen besser machen.

 

Ab 25. Februar 2016 im Kino.

Originaltitel: USA (Land 2015)
Regie: Tom McCarthy
Darsteller: Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, Stanley Tucci, Liev Schreiber, Brian D’Arcy James, John Slattery
Genre:
Dauer: 129 Minuten
CH-Verleih: Praesens

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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