Eine Peinlichkeit namens Köppel

Gebt dem Affen Zucker

© Jürg Vollmer / maiak.info

Jeder Zirkus braucht sein Äffchen – anscheinend auch unser Parlament. SVP-Nationalrat Roger Köppel hat diese Rolle bereits bei der ersten Sitzung bereitwillig an sich gerissen, und spielt sie seither mit nervtötender Inbrunst. Dass das Äffchen dabei nur hysterisch kreischt und seine Opfer nicht auch noch mit wildem Blick an den Haaren zieht, ist dabei kaum ein Trost – zum Davonlaufen ist seine Nummer für Politiker, welche die Bedeutung ihres Amtes auch nur halbwegs verstehen, auch so schon. Eine polemische Antwort auf die jüngste verbale Entgleisung.

Als Erwachsener begegnet man nicht selten gewissen von unschuldig-pubertärer Arroganz strotzenden Jugendlichen, die grundsätzlich alles in Frage stellen und jeder noch so unumstrittenen Begebenheit energisch eine Replik entgegensetzen, egal wie absurd diese ist. Typischerweise wird diese Phase von Schülern in der 9. oder 10. Klasse durchlebt. Spätzünder überwinden sie manchmal erst in der 11. – und ein paar besonders störrische Exemplare halten auch in der 12. Klasse noch an der Vorstellung fest, dass sie mit ihren an den Haaren herbeigezogenen Möchtegern-Argumenten mindestens so recht haben wie jene, die vor dem Reden denken.

Roger Köppel, einer der Veteranen in der Disziplin der Selbstüberschätzung, steht selbst im stolzen Alter von 51 noch mitten in dieser Phase, an welche man sich selbst nur peinlich berührt zurück erinnern kann oder über die man sich gehörig fremd-geschämt hat. Als Herausgeber der meistgelesensten Schülerzeitung der Schweiz hat er die billigste Form der Advocatus-Diaboli-Routine zu einem Geschäftsmodell gemacht – er publiziert mit stilistischer Mittelmässigkeit wöchentlich seitenweise Texte, deren einzige Qualität (neben der Verwendung als Negativbeispiele im Deutschunterricht der Oberstufe) darin besteht, dass wir ihrer Absurdität und Lächerlichkeit selbst dann nicht das Wasser reichen könnten, wenn wir es versuchten. Dass er damit Erfolg hat, ist ihm eigentlich zu gönnen – denn was sonst könnte man mit einer für das Erwachsenenleben sonst so untauglichen Begabung auch machen? Wenn man es nicht zum Zirkus schafft – dann immerhin zum verblendeten Selbstverleger.

Dass die Schweiz die historische Peinlichkeit Köppels und seines Käsblatts früher oder später überwinden wird (sobald sie die Sinnlosigkeit der SVP’schen Haltung erkannt hat – nennen wir sie im besten Fall Rebel-Without-A-Cause oder Da-Muss-Noch-Einer-Drunter-Gehen oder schlicht und einfach dumm) ist schwer zu hoffen. Die Weltwoche wird man schnell vergessen – weniger schnell aber seine Auftritte als besagtes Äffchen in der Manege des Nationalratsaals. Köppel wird für die Schweizer Politgeschichte wohl das sein, was Joseph McCarthy für die Amerikaner darstellen mag – eine groteske Witzfigur, über deren Wahl in ein Amt, für das er hoffnungslos unqualifiziert war, man nur die Köpfe schütteln kann. Gleich wie das peinlich berührte Publikum in Stefan Zweigs Schachnovelle die Köpfe schüttelt über Schachweltmeister Czentovic, der seinen Titel trotz der Absenz jeglicher intellektuellen Begabung errungen hat.

Bis dahin reagiert man auf das Kreischen des Äffchens aber eben doch am besten so, wie dies Bundesrätin Simonetta Sommargua gemacht hat: Man geht einfach ausser Hörweite. Das zeugt nicht von Dünnhäutigkeit – man tut damit das gleiche, was Bundesrat Furgler tat, als er als Antwort auf die verbalen Attacken von Markus Ruf damals sein Pult tiefer stellte, um sich dessen Niveau anzupassen. Oder als Joseph Welch Senator McCarthy während den Army-McCarthy-Hearings 1954 fragte: “Have you no sense of decency, sir?”. Furgler zu kopieren wäre zu einfach gewesen, den gekreischt hätte das Äffchen einfach weiter. Und Welchs Frage kann man sich bei Köppel schliesslich sparen, da die Antwort bekannt ist. Nein, ein Gefühl für Anstand hat er nicht – oder dieses reicht eben nur dafür, während den Nationalratssitzungen seinen politischen Gegner nicht mit wildem Blick an den Haaren zu ziehen.

Vielleicht haben Sie es gemerkt (ausser Sie lesen regelmässig die Weltwoche, dann haben Sie Ihre Sensibilität für solche Feinheiten wohl längst verloren), auch dieser Text zeugte nicht von viel Anstand. So über Roger Köppel zu reden, gehört sich eigentlich nämlich nicht. Auch wenn natürlich alles stimmt und die Intention war, wenigstens ein Stück weit mit unserem Zirkusäffchen gleichzuziehen. Denn bei solch einem Zirkus, wie  Köppel ihn veranstaltet, muss man das Pult halt noch um einiges tiefer stellen, als Furgler dies tat.

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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