Interview mit Michael von der Heide

„Ich wollte keine Karaoke-Platte machen“

Bild: Patrick Mettraux (MvdH), Jim Rakete (Paola)
Bild: Patrick Mettraux (MvdH), Jim Rakete (Paola)

Niemand anderem als Michael von der Heide würde man das zutrauen: Lieder der grossen Paola aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren auszugraben, zu entstauben und – zu seinem 25. Bühnenjubiläum –  für eine höchst gelungene Paola-Hommage musikalisch ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Anlässlich des „Paola“-Album-Releases und der Premiere des gleichnamigen Bühnenprogramms spricht Michael von der Heide im grossen Nahaufnahmen.ch-Interview unter anderem über sein Erweckungserlebnis, gruselige Kinderchöre, Paolas Bananenrutscher sowie über Sein, Schein und Schwein im Showbusiness.

Von Christoph Aebi

Nahaufnahmen.ch: Wie würdest du Paola und ihre Musik der Generation der Digital Natives, die möglicherweise noch nie etwas von ihr gehört haben, beschreiben und schmackhaft machen?

Michael von der Heide: Paola ist bis heute die erfolgreichste Schweizer Unterhaltungssängerin und war vor allem auch im Ausland sehr erfolgreich. Sie hat über 150 Songs aufgenommen und über drei Dekaden im Showbusiness gearbeitet. Wenn junge Leute das hören, sind sie schon etwas überrascht von dieser Ausdauer. Von vielen Popstars hört man nämlich bereits nach fünf Jahren nichts mehr. Auf das Paola-Bild, welches auf dem Cover meines „Paola“-Albums zu sehen ist, reagieren übrigens auch die jungen Leute sofort sehr begeistert, weil es ein sehr modernes Bild ist. Damit hat man auch bei den jungen Leuten volle Aufmerksamkeit.

Was fasziniert dich an Paola am meisten?

Paola war mein Erweckungserlebnis bezüglich Musik. Vor 36 Jahren, am 18. April 1980, ist Paola am Grand Prix Eurovision de la Chanson in Den Haag mit dem Lied „Cinéma“ aufgetreten. Ich sass an jenem Abend im Pyjama zusammen mit meinen Eltern vor dem Fernseher und habe mich augenblicklich in diese schöne Frau, ihre Stimme und das Lied verliebt. Sie strahlte richtiggehend aus dem Fernseher. Meinen Eltern sagte ich in diesem Augenblick, dass ich auch einmal Sänger werden und an diesem Grand Prix auftreten möchte. So geht die Legende, aber es ist wirklich genau so passiert. Danach bettelte ich, bis ich eine Paola-Platte bekommen habe. Meine Eltern fanden, Musik müsse man nicht kaufen. Die ertöne am Radio oder man könne selber Musik machen. Als ich dann aber bei meiner Gotte in Sargans war, hat sie mir die LP „Lieder, die ich liebe“ von Paola geschenkt. Danach habe ich diese Platte rauf und runter gehört.

War das dein Gotti Heidi, der du im Booklet des neuen Albums dankst?

Ja, genau. Sie ist zwar selig, aber man muss ihr trotzdem danken.

Du hast in deiner Karriere in deinen Konzerten immer wieder mal ein Lied von Paola gesungen und „Mit dir leben“ für einen Stop Aids-Sampler sowie „Ich hab ins Paradies gesehn“ als Single neu aufgenommen. Wie entstand die Idee, nun eine ganze CD und ein Bühnenprogramm mit Liedern von Paola zu realisieren?

Dominik Flaschka, der Leiter des Hechtplatz-Theaters, gab den Anstupser. Er fragte mich, ob ich nicht wieder einmal eine Show in seinem Theater realisieren möchte und brachte Paola ins Spiel. „Mach doch eine Paola-Show, du bist doch ein grosser Fan und eine Fachperson“, meinte er. Ich von mir aus hätte das wohl nie vorgeschlagen, da ich gedacht hätte, das wäre zu fanmässig oder ich sei zu vorbelastet. Ich habe anschliessend meinem Freund und Personen aus meinem künstlerischen Freundeskreis davon erzählt. Alle haben total positiv reagiert und fanden die Idee super. Vor meiner Zusage habe ich aber auch Paola gefragt, ob sie Freude und Spass daran hätte. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich die Show nicht gemacht. Denn ich möchte dieses Programm als Hommage an Paola realisieren. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich auch bereits, dass ich nicht nur das Programm, sondern zudem eine richtige, produzierte Platte machen möchte. Ich wollte nicht einfach nur das Programm auf Platte aufnehmen und anschliessend veröffentlichen.

Nach welchen Kriterien hast du die 16 Songs auf der Platte aus der Fülle von 150 Liedern, die Paola veröffentlicht hat, ausgewählt? War dies für dich eine schwierige oder eher einfache Aufgabe?

Nein, es war ganz und gar nicht einfach. Einfach war nur die Auswahl der grossen Hits, die mussten unbedingt auf der Platte sein. Die anderen Lieder habe ich nach dem Kriterium ausgewählt, was ich dem Lied geben kann. Ich wollte keine Karaoke-Platte machen, sondern den Liedern etwas Neues, Heutiges oder auch Männliches hinzufügen. Einige Lieder, die sie als frisch verheiratete Ehefrau von Kurt Felix sang, sind für mich für die CD nicht in Frage gekommen. Im Gegensatz zur Bühne kann ich auf der Platte nicht mit Ironie spielen und ich wollte nicht viel Geld für Musiker und ein Studio ausgeben für Songs, die man nur einmal und danach nie wieder hört. Aber live kommen natürlich noch viele andere Lieder zum Zug, die nun nicht auf dem Album sind.

Ein Lied wie „Wenn du heimkommst“ beispielsweise, welches du an meinem allerersten Konzert, das ich vor zwanzig Jahren von dir besucht habe, gespielt hast?

Genau, dieses Lied habe ich damals zusammen mit Lili the Pink gesungen und dabei ein bisschen parodiert.

Bei der Textzeile „Du willst schon lange nicht mehr tanzen, willst nur noch Blumen pflanzen und vielleicht ins Wirtshaus gehen, ab und zu ins Wirtshaus gehen“ hast du damals den betrunken aus der Beiz nach Hause kommenden Mann der Protagonistin interpretiert.

Richtig, da war er besoffen. Als Paola und ich uns 1998 zum ersten Mal getroffen haben, für das „Blue Bayou“-Duett im Schweizer Fernsehen, habe ich – ehrfürchtig wie ich bin – zu ihr gesagt: „Ich war schon immer ein grosser Fan von Ihnen.“ Da hat sie gesagt: „Das ist nicht wahr! Ich habe gelesen, was du schon alles über uns gesagt und erzählt hast.“ Dabei ging es eben auch um das Lied „Wenn du heimkommst“. Ich entgegnete: „Ja aber, die Parodie ist doch die Form der grössten Verehrung!“ Das hat sie dann schon verstanden.

Du hast in jenem Bühnenprogramm auch böse Witze gemacht, beispielsweise über Paolas „Indiskretes Interview“ in der Schweizer Illustrierten.

Das war doch wunderbar fürs Publikum. Die haben alle unglaublich gelacht.

Bringst du diesen Witz in deinem neuen Paola-Programm nochmals?

Nein, das war damals eine tolle, sehr lustige Pointe, die ich heute aber aus diversen Gründen nicht mehr bringe. Dieses Interview war damals in aller Munde. Der Witz hat in der Zwischenzeit aber etwas an Aktualität verloren. Ich muss sagen, als Kind war ich ein extremer Paola-Fan. Als Teenager und junger Erwachsener hat man dann auch andere Vorlieben und man sieht die heile Welt etwas weniger heil oder anders. Da dachte ich mir: „Das ist etwas gar harmonisch, wie Paola und Kurt Felix ihre Ehe zelebrieren.“ Und sagte mir: „Ein Seitenhieb muss sein“. Später, als ich Paola und Kurt kennengelernt und gesehen habe, wie echt diese Liebe war, habe ich mich ein wenig dafür geschämt. Erst wenn man ein bisschen älter ist, wie ich jetzt, sieht man, wie berechtigt diese Sehnsucht nach Harmonie und Zweisamkeit ist. Aber als Zwanzigjähriger möchte man halt eher die freie Liebe leben. Deshalb würde dieser Seitenhieb heute für mich nicht mehr stimmen. Aber damals hat er gestimmt (lacht).

Deine neue CD „Paola“ ist unglaublich abwechslungsreich, man wird manchmal fast ein wenig von einer Stimmung in die andere geschleudert. Vier Produzenten waren an deiner CD beteiligt. Nach welchen Kriterien hast du die Produzenten für die jeweiligen Lieder ausgewählt?

Lustigerweise wusste ich das bereits zuhause am Schreibtisch, weil ich mit fast allen bereits gearbeitet habe. Ich wusste, welches ihre Spezialitäten sind. Deshalb gibt es auf diesem Album so unterschiedliche Stimmungen. Thomas Fessler liebt eher die handgemachten Sachen und ist dafür perfekt. Maury Pozzi ist eine Fachperson der aktuellen Musik im Dance-Bereich. Ihn wollte ich für die Disco-Heuler, weil er vorne dabei ist und nicht wie bei komischen Schlagerproduktionen das Aktuelle imitiert und dabei diesem hinterherhinkt. Adrian Stern war lange mein Gitarrist und ich wusste genau, auf welche Musik er steht. Die zwei Lieder, die er produziert hat, haben wir bei ihm im Studio live gesungen und eingespielt. Das Orchester kam erst später dazu. Ganz am Anfang hatte ich mir zudem überlegt, ob ich das Album ganz altmodisch und retro mit einer Jazz-Band einspielen und dabei die Lieder in eine andere Richtung bringen soll. Kurz dachte ich auch daran, alle Lieder mit dem Kaleidoscope String Quartet aufzunehmen. Da hatte ich aber schliesslich das Gefühl, dass dies zu elitär werden und zu den meisten Texten nicht passen würde. Irgendwie fand ich schon, es müsse im gehobenen Unterhaltungssektor bleiben.

Bild: Amanda Nikolic
Bild: Amanda Nikolic

Ich möchte gerne etwas näher auf die einzelnen Lieder der Platte eingehen. „Cinéma“ war, wie bereits angesprochen, dein musikalisches Erweckungserlebnis. Auf der CD ist das Lied sowohl in einer französischen wie auch einer deutschen Version zu hören. Die französische Version ist mit Dance-Beats untermalt, die deutsche Version hält sich eher ans Original. Hast du diese beiden Versionen bewusst in so gegensätzlichen musikalischen Gewändern aufgenommen?

Ich bin mit Paola eine Liste derjenigen Lieder durchgegangen, die ich für das Album einspielen wollte. Und ich habe sie als Fan gefragt, ob es ein verschollenes oder nicht so bekanntes Lied gibt, das ihr persönlich am Herzen liegt und bei dem sie Freude hätte, wenn ich es singen würde. Sie antwortete: „Nein, das ist dein Projekt, du musst entscheiden, welche Lieder du auswählen möchtest.“ Dann hat sie aber doch, als wir alle 150 Titel, die sie in ihrer Karriere aufgenommen hatte, durchgegangen sind, ab und zu gesagt: „Wieso nimmst du dieses Lied nicht?“ Ich antwortete jeweils, dass ich nicht alle aufs Album packen könne oder dieses oder jenes Lied nicht zu mir passe. Wir hatten oft stundenlange Gespräche. Bei „Cinéma“ fragte sie ganz freundlich: „Machst du das in einer Version oder in zwei Versionen?“ Da dachte ich: „Ok, ich muss und will zwei Versionen aufnehmen.“ Ich fand das schick, da man früher die Lieder für den Grand Prix Eurovision de la Chanson oft in mehreren Versionen und Sprachen eingesungen hat.Zudem sind die beiden Versionen auf meinem Album am Anfang und am Ende platziert und geben damit dem Album eine schöne Klammer.

„Bette Davis“, das zweite Lied auf deinem Album, hat meines Wissens nicht Paola sondern Ute Berling gesungen.

Paola sagte kürzlich zu mir: „Und was erzählst du, wenn Journalisten dich darauf ansprechen?“ Da antwortete ich: „Das fragt kaum einer, oder höchstens einer.“ (lacht) Auf dieses Lied bin ich durch die ZDF-Hitparade gestossen: Auf ZDF-Kultur werden jeden Abend zur Apéro-Time ab 19 Uhr alte Folgen der ZDF-Hitparade gezeigt und ich schaue mir diese oft an. In einer Folge, in der Paola „Cinéma“ gesungen hat, war auch Ute Berling zu Gast, mit dieser wunderbaren und unverständlicherweise relativ unbekannten Version von „Bette Davis“. Da sagte ich zu meinem Freund Willi: „Wenn Paola das Lied gesungen hätte, wäre es ein Riesen-Hit geworden.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir bereits überlegt, vielleicht auch noch ein, zwei Lieder von anderen Künstlern für das Album aufzunehmen. „Bette Davis“ ist nun das Überbleibsel dieser Idee. Interessanterweise hat Paolas Manager, der mein Album ebenfalls gehört hat, gesagt: „Lustig, dass Sie den draufnehmen“. Er habe damals dieses Lied und diese Künstlerin produziert, das sei ebenfalls in seinem Stall gewachsen. Somit zieht sich doch ein roter Faden durchs Album.

Die Einleitung zu diesem Song finde ich sehr gelungen: Ein Zitat aus dem Film „All about Eve“ aus dem Jahre 1950, in dem Bette Davis sagt: „Fasten your seat belts, it’s going to be a bumpy night“. Wessen Idee war es, dieses Zitat dem Song voranzustellen?

Das war eine sehr intuitive Idee meines Produzenten Maury Pozzi, bei der ich dachte: „Wow!“. Dieses Zitat aus „All about Eve“ passt unglaublich gut. Es verbindet „Bette Davis“ mit dem vorhergehenden Lied „Cinéma“. In meiner Paola-Show kommt dann ebenfalls das Lied „Nah beim Regenbogen“ vor, über die grossen Stars wie James Dean und Grace Kelly. Das gibt somit einen guten Bogen, eine schöne runde Sache. „And it’s going to be a bumpy night“, diese Paola-Show (lacht).

Mit „Vogel der Nacht“ hat Paola 1979 bei der deutschen Vorausscheidung des „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ den 3. Platz erreicht. Welche Erinnerungen verbindest du mit diesem Lied?

 Das ist eine tolle, rassige Nummer, die in Paolas Originalversion etwas ABBA-esques hat. Bei meiner Version sagten einige Leute, das töne wie Helene Fischer. Ich habe ihnen geantwortet: „Ihr werdet lachen! Der Produzent, der für Helene Fischers ‚Atemlos’ verantwortlich ist, hat ursprünglich auch ‚Vogel der Nacht’ geschrieben.“ Paola hat zwar viele Balladen gesungen, aber ich liebte an ihr auch dieses Rassige, Agile. Der Text des Liedes ist übrigens leicht sexuell angehaucht.

Im Text geht es eigentlich um einen One-Night-Stand…

Genau. Das ist ein Thema, das Paola jetzt auch nicht unbedingt zuviel besungen hat. Es ist eher eine Ausnahme, dass so viel Sex in einem Lied drin ist.

Das folgende Lied, „Paola et moi“, das dein musikalisches Erweckungserlebnis und deine Freundschaft mit Paola behandelt, hast du zusammen mit Jan Savenberg und Maury Pozzi geschrieben. Dazu gibt es ein wunderschönes, animiertes Lyric Video.

Lyric Video, das ist etwas für die jungen Menschen, gell. Bis die von Universal Music gesagt haben, ein Lyric-Video zu diesem Lied wäre sehr schön, wusste ich nicht einmal, was das heisst.

Willi Spiess hat die Zeichnungen für das Video gemacht. Wenn man genau hinschaut, hat es wunderbare Clin d’oeils drin. So habt ihr beispielsweise Paolas Bananenrutscher in das Video verpackt.

Ja, genau. Paola war Gast in einer Sendung zum 60. Geburtstag von Karl Dall. Während sie mit Karl Dall auf einer aufgeblasenen Plastikinsel sass und „Blue Bayou“ sang, rutschte sie von der Insel auf eine Plastikbanane und anschliessend die Treppe runter.

Diese Szene erscheint in deinem Video zur Textzeile „Les larmes les drames bien sûr on en a eu notre part“. Welches waren in deiner bisherigen Karriere die grössten Dramen?

Ich bin bisher glücklicherweise von grossen Dramen verschont geblieben. Wobei der Bananenrutscher für sie auch kein grosses Drama war und wohl eher in die Kategorie „les larmes“ gehört. Sie erzählt ja, Karl Dall habe nachher allen gesagt, sie habe nach diesem Auftritt einen riesigen blauen Flecken gehabt. Wobei sie sagt: „Woher soll der das wissen?“

Auf „Wo ist das Land“ singst du ein virtuelles Duett mit Paola. Dafür habt ihr Paolas Originalaufnahme digitalisiert und deine Stimme neu eingespielt. Hast du Paola gefragt, ob sie für dieses Album nochmals mit dir ins Studio gehen würde?

 Ja, ich habe sie gleich zu Beginn gefragt, als ich ihr zum ersten Mal von meinem Projekt erzählte. Ich kenne sie ja, aber manchmal sagt man „Nein“ und plötzlich ändert man seine Meinung vielleicht doch nochmals. Ich habe, nachdem ich 1999 an der deutschen Vorausscheidung zum Grand Prix Eurovision de la Chanson teilgenommen hatte, auch gesagt: „Das habe ich jetzt erlebt. Das mache ich nie mehr.“ Und dann habe ich plötzlich meine Meinung doch nochmals geändert. Deshalb dachte ich mir, dass ich einfach dranbleiben muss. Wir haben immer wieder darüber gesprochen und ich habe angetönt, dass ich einen gemeinsamen Auftritt auf der Bühne schön fände. Das möchte sie aber nicht und ich habe das natürlich respektiert. Ich habe auch nicht gebettelt und gebettelt. Das hätte wahrscheinlich sowieso nichts genützt. Aber ich wollte es auf jeden Fall nicht unversucht lassen. Paola hat mir dann aber dieses virtuelle Duett angeboten. Das fand ich natürlich toll. Als sie damals im Studio in Hamburg war und „Wo ist das Land“ eingesungen hat, bin ich zur Welt gekommen. Und jetzt singe ich ein Duett mit der jungen Paola del Medico (lacht ungläubig). Als sie die Originalaufnahmen ins Studio brachte, um diese zu digitalisieren, war das eine heilige Sache. Es war für mich ein sehr emotionaler Moment und ich hatte richtiggehend Hühnerhaut.

Das Lied beschreibt eine Sehnsucht nach einer heileren und besseren Welt. Teilst du diese Sehnsucht?

Absolut. Gerade jetzt, wo man sich fragt, was wohl noch alles auf uns zukommen wird, teilen glaube ich viele Menschen diese Sehnsucht. Auf jeden Fall mehr als in den 80er-Jahren, als man dachte, alles sei so super und auf Hochglanz poliert. Natürlich ist „Wo ist das Land“ eine einfache Textzeile, aber man spürt in diesem Lied das Hippie-Gefühl, diese Sehnsucht, auch im Rhythmus. Der Texter des Liedes hat auch den Song von Joy Fleming (beginnt zu singen) „Ein Lied kann eine Brücke sein“ geschrieben. Das spürt man ein wenig.

„Quai No.2“ behandelt den Abschiedsschmerz am Bahnhof und wurde sehr reduziert eingespielt, mit Adrian Stern an der Gitarre und Ronny Spiegel an der Violine. Was verbindest du mit diesem Lied?

„Quai No.2“, dessen Melodie und Text von Peter Reber stammen, ist ein wunderschönes, kleines Lied, das eigentlich ein grosses Chanson ist. Das Gefühl, das im Lied thematisiert wird, kenne ich natürlich aus meiner Jugend. Ich kann mich noch sehr gut in diese Zeit zurück versetzen. Dieses Warten, das Verlassenwerden, das Belogenwerden. Wie das jeweils war, wenn man zurückgestossen wurde. Als junger Mensch erträgt man es aber meistens noch, dass man verlassen wird. Später gibt es ja Menschen, die daran zerbrechen.

„Wie du“ ist mein Lieblingslied auf dieser Paola-CD. Ursprünglich hat Art Garfunkel das Lied gesungen, das in der Originalversion „Bright Eyes“ heisst. Der englische und der deutsche Text weichen jedoch stark voneinander ab. Im englischen Original geht es klar um den Tod. Der deutsche Text ist ambivalenter: Man kann es als Aufforderung zu einem selbstbestimmten Leben deuten, aber auch dahingehend, dass jemand einem anderen Menschen in den Tod folgt. Wie interpretierst du den Text des Liedes?

Ich habe das Lied bereits als Kind gekannt, als ich 10 oder 11 Jahre alt war. Damals verstand ich jedoch gar nichts, ausser der Textzeile „Wie du wollte ich leben“. Da habe ich alles hineininterpretiert. Mich hat das Lied aber schon damals von der Stimmung her sehr berührt, es hat eine sehr melancholische Melodie. In meinem Paola-Bühnenprogramm beziehe ich den Refrain „Heute hab ich es erreicht wie du“ natürlich auf mich und Paola. Auch für mich ist der Text etwas kryptisch. Ich wollte Paola aber extra nicht fragen, wie sie diesen Text interpretiert. Ich möchte die Bedeutung bewusst ein wenig offen lassen. Wer weiss, vielleicht hat der Texter Wolfgang Mürmann bei der Zeile „Von der Reise zum Regenbogen“ sogar an Drogen gedacht?

Bild: Katja Kuhl
Bild: Katja Kuhl

Bei „Der Teufel und der junge Mann“ bin ich sehr froh, dass du den kitschigen Kinderchor aus Paolas Originalversion weggelassen hast.

In meiner Version besteht der Chor aus Sina, Christina Jaccard und Nubya.

Dieses Power-Trio tönt definitiv besser als der Kinderchor.

Ich wollte für meine Version unbedingt einen Ladies-Chor mit richtigen Power-Weibern. Die Nummer macht mir unglaublich Spass. Ich finde sie sehr gelungen und singe sie sehr gerne. Viele können übrigens den Kinderchor nicht leiden. Ich weiss noch, wie mein Vater deswegen immer „gschnöderet“ hat. Bei meiner Bühnenshow haben wir ein Moodboard, auf dem ganz viele Bilder von Paola aus allen Dekaden zu sehen sind. Auf einem davon sieht man Paola zusammen mit diesem Kinderchor auf der Treppe sitzen. Meine Bühnenbildnerin hat, als sie dieses Bild gesehen hat, gesagt, es fröstle sie richtiggehend vor Angst. Diese Kinder mit den falschen Locken hätten etwas sehr Angsteinflössendes, wie wenn es ein Bild aus einem Horrorfilm wäre. Davon abgesehen ist es aber ein sehr schönes Lied, das eine Geschichte erzählt, was ich sehr gerne mag. Paola hatte viele solcher Lieder, die nicht nur die Zeilen „Ich liebe dich“ enthalten, wie man es heutzutage oft in Schlagern findet. Dort singen sie in den Strophen „Nein, rühre mich nicht an!“ und im Refrain sind sie bereits schwanger. Und der nächste Teil hat mit dem Anfang schon gar nichts mehr zu tun. Da denkt man unweigerlich: „Hä, wer textet solches Zeugs zusammen?“ Paolas Lieder erzählen hingegen häufig eine Geschichte mit Anfang und Ende. Übrigens gibt es ein paar Artikel, in denen steht, Paola habe mit diesem Lied einen Johnny Cash-Song gecovert. Das Lied ist aber ein Original, geschrieben von Dr. Michael Kunze. Mit meiner Version, die sanft mit Country-Rock angehaucht ist, biegen wir das jetzt gerade.

Der folgende Titel heisst „Es geht um dich –es geht um mich“. Was gefällt dir daran besonders gut?

Ich finde den Titel super. Das Original ist sehr lässig, total groovig, im 70er-Jahre-Stil mit einer tollen Band eingespielt. Eine Nummer, mit der man Paola nicht unbedingt verbindet. Zudem eignet sich der Titel bestens als Untertitel für mein Bühnenprogramm, in dem ich meine Geschichte durch die Songs von Paola erzähle.

Im Lied geht es auch um Aspekte, die manche als frauentypisch bezeichnen würden.

Genau, die Frau, die immer alles ausdiskutieren möchte. Die den Mann mit ihren vielen Fragen quält, was den Mann dann in die Flucht schlägt.

Startnummer 10 auf deinem Album ist „Bonjour Bonjour“, mit dem Paola 1969 am Grand Prix Eurovision de la Chanson in Madrid hinter vier punktgleichen Gewinnern den 5. Platz erreicht hat. Wenn man sich diesen Auftritt anschaut, staunt man über die unglaubliche Bühnenpräsenz, die Paola schon als 18-Jährige hatte.

Ja, wirklich unglaublich. Wir hatten kürzlich eine gemeinsame Aufzeichnung fürs Fernsehen. Vor dem Auftritt sagte ich zu Paola: „Jetzt werde ich langsam nervös.“ Sie aber sagte: „Ich war nie so nervös wie du, ich habe mich immer so gefreut.“ Ich antwortete ihr: „Ich freue mich auch, aber ich bin trotzdem nervös.“ Sie hat das viel besser bündeln können. Mein Freund Willi und ich haben uns ihren Auftritt in Madrid immer wieder angeschaut. Wenn ich davon erzähle, bekomme ich richtiggehend Hühnerhaut. Wie Paola auf diese Bühne kam und gleich beim ersten Ton zeigte (schnippt mit den Fingern): „Hier, Präsenz!“. Sie vermittelte eine unglaubliche Freude und die Einstellung: „Ich mache und gebe das Beste und freue mich an meinem Song.“ Ohne Verkrampfung und diesen Ehrgeiz, jetzt unbedingt gewinnen zu müssen.

Der Text des Chansons ist zwar eine Ode an das Verliebtsein, aber im Verliebtsein ist bereits das Bewusstsein des Scheiterns vorhanden: „Wenn ich auch weiss für mich bleibt nach der glücklichen Zeit nur Einsamkeit“.

Das ist genau das Gegenteil dieses naiven „für immer und ewig“. Das Wissen zu haben, dass die Liebe auch scheitern kann. Es ist wirklich ein sehr schönes Chanson.

Deine Version scheint mit den Violinenklängen von Ronny Spiegel von Klezmer-Musik inspiriert zu sein.

Ja genau, das war meine Absicht und Ronny Spiegel kann das mit seinen Klängen unglaublich authentisch vermitteln. Ich wollte, dass es ein wenig nach Strassenmusik in Ungarn oder im Wiener Strassencafé tönt. Bei Paolas Version spielt ein ganzes Orchester. Ich wollte dieses tolle, grosse Lied reduzieren. Das ist etwas, das ich sehr gerne mache. Ich freue mich, dass bei der Bühnenpremiere auch Jack Stark dabei sein wird, der das Lied getextet hat. Das wird an der Premiere für mich sehr aufregend sein, wenn sozusagen die grauen Eminenzen dabei sein werden.

Die Silbermedaille, die Paola in Madrid gewonnen hat, hat sie dir einst als Glücksbringer für deinen Auftritt 1999 an der deutschen Vorausscheidung des Grand Prix geschenkt.

Als sie mir diese Medaille übergab, waren auch Vertreter der Presse dabei und ich dachte mir, dass diese Übergabe – wie so oft im Showbusiness – jetzt nur für die Presse stattfindet. In solchen Fällen übergibt man sich die Dinge oft nur für die Fotografen. Als ich ihr die Medaille danach wieder zurückgeben wollte, sagte Paola: „Nein, geht’s noch! Was machst du da?“ Und ich antwortete: „Aber nein, diese Medaille kannst du mir doch nicht schenken“. Und sie: „Auf jeden Fall!“. Das hat mich wirklich unglaublich tief berührt.

Für „Mode“ hast du mit einem jungen Produzenten namens Lars Christen aka Lars The Music Guy zusammengearbeitet.

Ich wollte, dass das Lied soundtechnisch sehr aktuell und leicht progressiv tönt. Deshalb fand ich, dass das Lied jemand produzieren muss, der im heutigen Sound verwurzelt ist. Lars ist noch jung, er ist auch der Produzent von James Gruntz. Als Paola bei uns zuhause war und das Lied gehört hat, hatte sie grosse Freude, dass es so anders klingt und einen gewissen Drive hat. Es klingt auch ein bisschen kühl, ein wenig nordisch.

Das Lied passt gut zu dir, weil dein Freund Modemacher ist und für dich Mode ebenfalls sehr wichtig scheint.

Ja, ich wollte ursprünglich sogar selber Modedesigner werden und war einmal an einem Infonachmittag der Schule für Gestaltung.

Folgst du der Mode blind, wie es im Lied so schön heisst?

Nein, gar nicht. Paola übrigens auch nicht.

Paola hat seit einigen Jahren eine eigene Modelinie. Hast du diesbezüglich auch schon Pläne gehabt?

Nein. Früher, als es um Kleider und Sponsoren ging, bin ich oft von anderen Leuten gefragt worden, ob ich etwas aus ihren Kollektionen anziehen würde. Aber ich bin Willi Spiess immer treu gewesen und ich fand, ich behalte das bei. Ich kaufe natürlich privat schon auch andere Sachen, aber auf der Bühne wollte ich Kleider von Willi Spiess tragen. Und dann habe ich auch nie mehr Anfragen bekommen. Ich wäre schon offen und mittlerweile wäre auch Willi offen dafür.

Bild: Katja Kuhl
Bild: Katja Kuhl

„Emporte-moi sur ton manège“ hast du in eine Art Easy-Listening-Gewand gesteckt. Beim Anhören des Liedes kam mir der französische Film „Potiche“ von François Ozon in den Sinn, zu dessen Soundtrack das Lied wunderbar gepasst hätte.

Ich war tatsächlich einmal an einem Abendessen, bei dem François Ozon dabei war und bin ein grosser Fan von ihm. Bei diesem Lied habe ich ebenfalls an Ozons Film gedacht. Das Lied hat in meiner Version zudem einen leichten Bossa Nova-Touch. Paola hat 1970 mit diesem Chanson die Schweiz am Festival Internacional da Canção in Rio de Janeiro vertreten. Darum fand ich, dass in meiner Version die Reise in musikalischer Hinsicht nach Brasilien gehen sollte.

 „Eine Insel am Ende der Welt“ („Scarborough Fair“ in der Originalversion) hast du bereits öfters live gespielt.

Dieses Lied habe ich bereits ein bisschen geübt. Ich wollte spüren, ob das Publikum Freude an einem Lied hat, das man nicht unbedingt mit Paola verbindet. Das Lied hat einen gesellschaftskritischen Touch, kritisiert unseren Umgang mit der Natur. Ich wollte schauen, ob es reicht, wenn ich das Lied einfach schön singe oder ob ich es auf eine andere Art und Weise interpretieren muss. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es auch in meiner Version perfekt ist, weil das Publikum an den Konzerten immer unglaublich lange geklatscht hat. Auch Paola sagte, als sie meine Interpretation zum ersten Mal hörte: „Ich muss das Lied gleich nochmals anhören.“

Mit „Peter Pan“, diesem Lied über einen Jungen, der nicht erwachsen werden möchte, erreichte Paola 1982 an der deutschen Vorausscheidung des Grand Prix Eurovision de la Chanson den zweiten Platz hinter Nicole. Hast du dir auch schon mal gewünscht, du könntest ewig so unbeschwert wie ein Kind sein?

Unbeschwert, das ist der Begriff, den auch Frau Dagmar Berghoff in der Einleitung zum Lied bei der Übertragung der deutschen Vorausscheidung verwendet hat. „Träumen wir nicht auch ab und zu davon, einmal so unbeschwert heiter zu sein wie damals als Kinder?“. Bei meinem Paola-Bühnenprogramm führt Catriona Guggenbühl Regie, die Ex-Frau von Christoph Marthaler und Tochter der Psychoanalytiker-Koryphäe Adolf Guggenbühl. Sie ist perfekt dafür, da sie nicht so sentimental veranlagt ist wie ich. Sie sagte zu diesem Song: „Ah, dummes Zeug! Es gibt viele Kinder, die haben eine sehr traurige und keineswegs eine unbeschwerte Kindheit. Dummes Zeug!“ (lacht). Ich wollte eigentlich ursprünglich in meiner Show das Lied mit der Einleitung von Frau Berghoff beginnen. Aber ich glaube, Frau Berghoff hat nun ihren Auftritt doch nicht. Als ich mein Lied „Paola et moi“ im Studio eingesungen habe, musste ich – und das ist mir zuvor im Studio noch nie passiert – aufhören zu singen, weil ich in diesem Moment vor Augen hatte, wie schön diese Zeit mit Mama und Papa war. Diese Aufgehobenheit verspürt man später nie mehr in einem solchen Ausmass. Andererseits wäre es auch schlimm, wie Peter Pan immer jung und unsterblich zu bleiben. Das ist ein Horrorgedanke. Du bleibst immer gleich und siehst, wie sich um dich herum alles verändert.

Mit „Le livre blanc“ war Paola 1979 an der Schweizer Vorausscheidung des Grand Prix Eurovision de la Chanson und hat hinter der Pepe Lienhard Band mit seiner „Swiss Lady“ den zweiten Platz errungen. Im Refrain heisst es „Au printemps dans mon livre blanc j’écrirai l’espérance au printemps“. Welche Hoffnungen verbindest du mit dem Frühling?

Wenn der Frühling kommt, ist das immer wieder ein sehr schöner Moment. Manchmal, wenn über längere Zeit schlechtes Wetter herrscht, kann man sich kaum vorstellen, dass es wieder anders werden wird. Und dann ist der Frühling trotzdem plötzlich da. Das hilft auch bei anderen Dingen im Leben: Die Gewissheit zu haben, dass es doch immer wieder anders und besser kommen kann. Ich finde, das Lied verströmt Hoffnung, obwohl in der Melodie ein wenig Wehmut vorhanden ist. Übrigens, als ich die Original-Single angeschaut habe, war ich verblüfft, dort den Namen der Produzenten-Koryphäe Eric Merz, der lange Zeit Produzent von Polo Hofer war, zu lesen. Er hat dieses Lied getextet und ebenfalls das erste Album von Paola abgemischt.

„Blue Bayou“ ist in der Version zu hören, die du 1998 als Duett zusammen mit Paola in „Benissimo“ gesungen hast. Wie kam es zu diesem ersten gemeinsamen Auftritt?

Ich war bei „Takito“, einer damaligen Musiksendung mit Sandra Studer, eingeladen. Weil Sandra Studer wusste, dass ich Paola sehr verehre, hat sie mich gefragt, ob das nicht mein grosser Traum wäre, einmal ein Duett mit Paola zu singen. Da sagte ich: „Ja natürlich, aber Paola singt ja nicht mehr.“ Am nächsten Tag rief Max Sieber von „Benissimo“ Paola an. Paola sagt heute, sie habe gleich, noch bevor Max Sieber fertig gesprochen habe, gesagt: „Ja, ich mach’s!“

Wie war es, zusammen mit Paola im Studio dieses Lied einzusingen?

Das ist etwas, woran ich zuvor nicht einmal im Traum gedacht habe, weil Paola schon länger mit dem Singen aufgehört hatte. Für mich wurde damit sozusagen ein Traum wahr, den ich gar nicht geträumt hatte. Deshalb war das ein sehr spezieller Moment für mich und ich hatte grosse Ehrfurcht. Ich war zu jener Zeit mit „Jeudi Amour“ in der Hitparade und hatte manchmal das Gefühl, ich sei ein „Siebesiech“ und wisse jetzt, wie alles laufe. Als Paola schliesslich hinter dem Mikrofon stand, dachte ich: „Oh Gott! Fantastisch, wie die singt“. Das war höchst beeindruckend und ich habe gemerkt, dass ich gesangstechnisch noch lange nicht am gleichen Punkt wie Paola angelangt war.

Wieso blieb diese Aufnahme 18 Jahre lang unveröffentlicht?

Damals fanden sowohl Paola als auch ich und mein Management eine Veröffentlichung keine gute Idee. Zwar war auch „Jeudi Amour“ schöne Unterhaltungsmusik. Aber mit „Der Briefträger ist tot“ aus der Feder von Milena Moser beispielsweise war ich musikalisch anders unterwegs. Wir fanden, dass es ein Durcheinander geben würde. Aber nun stimmt der Zeitpunkt. Es gab immer wieder Leute, die mich gefragt haben, ob es diese Version einmal auf CD geben würde. Für diese ist es nun eine Art Geschenk.

Paola hat damals die Strophen für die Spezialversion neu getextet.

Ja. Ich habe mich damals vor lauter Nervosität gar nicht darum gekümmert und nie gefragt, ob sie es war, die das Lied neu getextet hat. Ich dachte, vielleicht hätte sie das zusammen mit Kurt oder einem Texter gemacht. Erst viele Jahre später hat sie mir gesagt, dass sie den Text selbst geschrieben hat. Sie hat übrigens sehr viele Texte selbst geschrieben, mehr als man weiss oder meint.

Mit dem Paola-Programm feierst du offiziell dein 25-jähriges Bühnenjubiläum.

Es ist nun 25 Jahre her, dass Paola mit dem Singen aufgehört hat und ebenfalls 25 Jahre, dass ich zum ersten Mal einen Talentwettbewerb gewonnen habe. Das war am „Grand Prix St.Gallen Graubünden Fürstentum Liechtenstein“, veranstaltet vom damaligen Radio Gonzen, das es heute gar nicht mehr gibt.

Kürzlich hast du an einem Konzert in Winterthur erzählt, dass du im Einkaufscenter Neuwiesen einmal an einem Talentwettbewerb den 3. Platz erzielt hast und dass man von den beiden Bestplatzierten heute nichts mehr höre, du aber immer noch auftreten würdest.

Ich glaube, ich bin damals sogar Zweiter geworden. Ich müsste mal genau nachschauen. Gewonnen hat den Wettbewerb Camen. Ein toller Soul-Sänger, der eine Zeit lang ziemlich gehypt worden ist.

Wieso, denkst du, hast du während 25 Jahren im Showbusiness bestehen können?

Paola sagte einmal: „Es braucht Sein, Schein und Schwein“. Das stimmt. Ich war damals sehr originell, bin irgendwie aus der Masse herausgestochen und habe an diesen Talentwettbewerben nicht gemacht, was alle anderen gemacht haben. Bei einigen Wettbewerben wurde das belohnt, bei anderen überhaupt nicht. Ich war aber auch fleissig und frech. Wenn ich mir Live-Auftritte aus diesen Jahren anschaue, denke ich mir oft: „Wo habe ich das hergenommen, dass ich mich auf der Bühne so behaupten konnte.“ Zudem hatte ich immer gute Leute um mich herum, tolle Musiker, Produzenten und Songwriter. Ich hatte wirklich Glück. Anscheinend haben die auch Freude gehabt an mir. Ausserdem bin ich kollegial, teamfähig und treu. Mit vielen Leuten arbeite ich schon sehr lange zusammen.

„Paola“ ist bereits dein 11. Album. Gibt es irgendwelche Alben, die du rückblickend anders realisieren würdest?

Nein, denn ich habe nie Lieder aufgenommen, hinter denen ich nicht stehen konnte. Ich war immer mit ganzem Herzen bei der Sache. Deshalb weiss ich auch immer noch, wieso ich etwas so und nicht anders realisiert habe. Wenn ich beispielsweise „Bad Hair Days“ höre, tönt das für mich heute zwar sehr hysterisch und treibt mir ein wenig die Schamesröte ins Gesicht. Musikalisch würde ich dieses Lied heute anders realisieren. Aber in jener Zeit stimmte es für mich. Bei Paola beispielsweise wurde der Sound in den 80-er-Jahren plötzlich auch kühl und erinnerte an Jennifer Rush. (Beginnt zu singen) „Der erste Tag in Rom weit fort von dir allein mit mir“ (Aus dem 1985 erschienenen Paola-Song „Wahrheit und Liebe“, Anm. d. Red.) Das war damals Mode, man hat das so aufgenommen und es hat dem Zeitgeist entsprochen. Das ist bei mir ebenfalls so.

Du hast in deiner Karriere schon einiges erlebt. Neben den elf realisierten Alben hast du oft Theater gespielt, warst mit Christoph Marthalers Stück „King Size“ unter anderem im Royal Opera House in London zu Gast, hast Filmmusik komponiert, bist im Vorprogramm von Juliette Gréco aufgetreten. Hast du noch Wünsche und Träume für die nächsten 25 Jahre?

Zu meinem Auftritt im Vorprogramm mit Juliette Gréco gibt es übrigens eine lustige Anekdote. Das war 1998 oder 1999, im KKL in Luzern. Der Sound beim Konzert von Juliette Gréco war furchtbar. Das Klavier war kaputt, die Lieder hat es mit der Band fast zerschlagen. Aber sie hat das trotzdem sehr gut gemacht. Ich war zwar nie der grösste Gréco-Fan, aber ich hatte grossen Respekt vor ihr. Nach ihrem Konzert stand ich hinter der Bühne und als sie herunter kam, habe ich ihr ein „Bravo“ zugerufen. Sie kam auf mich zu, stützte sich mit einer Hand auf meiner Schulter ab, kickte ihre Pumps in hohem Bogen weg und sagte, halb humorvoll: „Ah, merci Monsieur. Aber das ist kein Beruf für eine alte Frau. Wirklich nicht, das ist furchtbar für mich als alte Frau!“ Da habe ich sie gefragt: „Aber wieso treten Sie dann immer noch auf der Bühne auf?“ Sie antwortete: „Ah, l’argent, l’argent. Das Geld, das Geld.“ Das hat zwar eine gewisse Kraft, ist aber auch ein wenig tragisch.

Was meine Wünsche und Träume angeht: Ich habe zwar schon noch ganz viele Träume. Aber es ist nicht so, dass ich finde, dieses und jenes müsse unbedingt noch geschehen. Ich hätte auch nie zu träumen gewagt, dass der kleine Michi aus Amden später einmal im Royal Opera House singen würde, wirklich nicht. Ich habe manchmal zwar schon auch Anwandlungen von Grössenwahn (lacht). Das soll man auch haben, sonst muss man diesen Beruf nicht ausüben. Das Schöne ist, dass ich durch meine Erfahrungen der letzten 25 Jahre gelassener geworden bin. Es muss nicht alles heute und morgen geschehen. Viele Dinge ergeben sich einfach. Vor fünf Jahren hätte ich nie geahnt, dass ich dieses Paola-Album machen und wir jetzt hier sitzen und darüber sprechen würden. Oder dass das Schweizer Fernsehen sagen würde: „Dieses Paola-Projekt finden wir so gut, dass wir darüber einen Dok-Film machen möchten.“ Das konnte niemand wissen. Mein Beruf ist zwar harte Arbeit, aber vieles habe ich geschenkt erhalten. Dieses tolle Duett mit Paola zum Beispiel, „Wo ist das Land“, das habe ich von ihr geschenkt bekommen. Was will ich noch mehr?

Aktuelles Album:

„Paola“ (Universal Music)

CD ab 29. April, Doppel-LP ab 6. Mai 2016 erhältlich

Live:

2016:

04. bis 22. Mai 2016             Theater am Hechtplatz, Zürich

26. bis 30. Oktober 2016   Theater am Hechtplatz, Zürich

2017:

Fr, 03.02.2017     Kleintheater, Luzern
Sa, 04.02.2017    Kleintheater, Luzern
Do, 09.02.2017   La Capella, Bern
Fr, 10.02.2017     La Capella, Bern
Sa, 11.02.2017    La Capella, Bern
So, 12.02.2017    La Capella, Bern
Mi, 15.02.2017    Kellerbühne, St. Gallen
Fr, 17.02.2017     Kellerbühne, St. Gallen
Sa, 18.02.2017    Kellerbühne, St. Gallen
Sa, 25.02.2017    Molton, Winterthur
Do, 09.03.2017   Gaswerk, Seewen
Sa, 18.03.2017    Guggenheim, Liestal
Fr, 24.03.2016     Chollerhalle, Zug
Fr, 31.03.2017     Kultur im Bären, Häggenschwil
Sa, 01.04.2017    Kultur im Bären, Häggenschwil
Do, 06.04.2017   Obere Mühle, Dübendorf
Sa, 21.04.2017    Alti Moschti, Mühlethurnen

TV:

8. Mai 2016, 21.40 Uhr, SRF1, Reporter-Dokumentarfilm „Von der Freude“

http://www.srf.ch/sendungen/reporter/von-der-freude

Im Netz:

www.michaelvonderheide.com

 

 

 

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