Wie viele Abfälle kann das Meer vertragen?

Oft dauert es sehr lange, bis Umweltprobleme ernst genommen werden. Im Falle der Plastikabfälle im Meer hat sich seit Erscheinen des folgenden Artikels im Jahr 2010 nicht gerade viel getan. Nach wie vor gelangen gigantische Mengen an Plastik in die Ozeane.
Zum Thema: unser aktueller Artikel und unsere Infografik oder eine Besprechung des Films Plastic Planet ebenfalls von 2010 (mittlerweile auf YouTube).

 

Endstation Ozean

 

Turtle_entangled_in_marine_debris_Xghost_netX

Im Pazifik schwimmt eine Müllinsel, die dreimal so gross ist wie Deutschland. Mit der “Aus den Augen, aus dem Sinn”- Mentalität verwandeln wir die Ozeane immer mehr zur weltweiten Abfallhalde und zum ökologischen Pulverfass.

von Stephanie Santschi

Die Nutzung des Meeres und seiner Ressourcen geht seit jeher mit seiner Verschmutzung einher. Dies beweisen Funde von Archäologen am Meeresgrund. Anhand von Scherbenhaufen fanden sie heraus, was in Rom den Göttern geopfert wurde und am Verlauf von Koksstrassen, wo die altem Dampfschiffe entlang fuhren. Ausgrabungen in ferner Zukunft aus den Sedimenten des 20. und 21. Jahrhunderts jedoch könnten vor allem Plastik zum Vorschein bringen.

Plastik ist praktisch
Kunststoffe sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts allgegenwärtig. Heute werden jährlich über zweihundert Millionen Tonnen davon produziert. Nicht zuletzt weil sie günstig herzustellen, leicht, verformbar und enorm vielseitig sind. Ohne sie wäre unser momentaner Lebensstil mit all dem Komfort nicht möglich.

Aber jede Medaille hat auch eine Kehrseite. Beim Plastik ist eine seiner positivsten Eigenschaften gleichzeitig sein grösster Nachteil: Seine lange Lebensdauer. Während organische Abfälle unter dem Einfluss von Mikroorganismen rasch verrotten, können ebendiese mit Kunststoffen nur sehr wenig anfangen. Am meisten Einfluss auf die Lebensdauer des Plastiks hat die Sonne: Ihre elektromagnetische UV-Strahlung lässt den Plastik immer brüchiger werden bis er durch die Wellenbewegung zerfällt. So entstehen mit der Zeit immer kleinere Fragmente von weniger als einem Zentimeter Durchmesser.

Woher der Plastik kommt
Dazu gehört neben Bruchteilen gebrauchten Plastiks auch Kunststoffgranulat, das unverarbeitete Rohmaterial für die Kunststoffindustrie. Schauen Sie sich in den Ferien am Strand einmal eine Hand voll Sand genauer an, und Sie werden garantiert kleine, farbige Plastikkügelchen entdecken. Dieses Granulat findet immer wieder seinen Weg ins Meer, vor allem weil es beim Schiffstransport verloren geht. Auf vielen Schiffen ist es zudem immer noch üblich, anfallenden Müll bei Nacht und Nebel über Bord zu kippen.

Aber nehmen wir uns gleich bei der eigenen, blankgeschrubbten Nase: Viele handelsübliche Peelings enthalten Polyethylen: nichts anderes als winzige Plastikkügelchen. Dieser Mikroplastik entgeht den groben Filtern der Kläranlagen. Wenn überhaupt solche vorhanden sind, denn in vielen Ländern werden Abwässer kaum gereinigt.

All die kleinsten, kleinen und grösseren Plastikteile werden von Flüssen ins Meer getragen oder stammen direkt aus Küstenregionen. Nach einer tausende von Kilometern langen Reise sammeln sie sich schliesslich in windstillen Regionen der Ozeane an.

Spiegel der Gesellschaft unter dem Meeresspiegel
Dort sieht es aus wie bei einem gigantischen Buffet: Eine Vielfalt an Farben und Formen. Dieser gedeckte Tisch von der Grösse Mitteleuropas offenbart sich jedoch als gewaltige Müllansammlung. Der Nordpazifische Müllstrudel ist eine Minestrone aus Plastik aller Art: Von Fischereiwerkzeug, Verpackungsmaterial, Blumentöpfen, Golfbällen und Styropor über Schraubverschlüsse, Besteck oder CD-Hüllen sowie unzähligen kleinen Plastikteilchen nicht mehr erkennbarer Herkunft – ein wahrer Spiegel der Gesellschaft.

Verhungern an einer Zahnbürste
Von der Plastiksuppe lassen sich auch die Meeresbewohner täuschen, und riskieren so, mit vollem Magen zu verhungern. Beispiele dafür sind Schildkröten, die dahintreibendes Verpackungsmaterial für ihre Lieblingsspeise Qualle halten, oder Vögel, die Plastikdeckel als vermeintliche Fischchen an ihre Jungen verfüttern. Die Meeresbewohner fressen beinahe alles: in den Mägen von 90% aller untersuchten Vögel haben Holländische Forscher Plastikteile entdeckt.

Ein Vogel, dessen Magen mit Plastik gefüllt ist, kann jedoch lebenswichtige Nährstoffe nicht mehr aufnehmen. Und damit zum Beispiel weniger Körperfett aufbauen. Kleinere Fettdepots bedeuten reduzierte Energiereserven, um Krankheiten oder Wanderflüge zu überstehen.

Plastik: mit Gift angereichert
Doch nicht nur grosse Lebewesen, die grössere Plastikteile fressen, sind betroffen. Maritime Kleinlebewesen wie Muscheln oder Würmer nehmen Mikroplastik auf. Und damit auch Giftstoffe. Diese entstehen teilweise, wenn die Plastikmolekülketten zerfallen.

Aber das Gift stammt zum Teil auch aus dem Meer: dort kommen reichlich Chemikalien wie das Insektenschutzmittel DDT oder das krebsauslösende PCB vor. Diese docken an den Partikeln an. Von den Kleintieren verspeist, reichern sich diese Gifte in deren Gewebe an. Diese Gifte und eventuell auch der Plastik selbst werden dann entlang der Nahrungskette weitergereicht. Bis sie schliesslich angereichert im Gewebe von Speisefischen landen und damit auf unseren Tellern.

Somit wird der Umgang mit Plastikabfällen zum Bumerang: Wir essen, was wir weggeworfen haben. Und eine effiziente Methode um den Müll aus dem Meer zu entfernen, gibt es bisher nicht. Und selbst wenn: Damit würde nur das Symptom, nicht aber die Ursache bekämpft. Vernünftiger wäre es, das Übel an der Wurzel anzugehen: unseren Umgang mit Plastik zu überdenken.

Die drei R
Für weniger Plastikabfälle halten Sie sich an die Regel der „drei R“: Reduce, Reuse, Recycle: Ersetzen Sie Kunststoffe durch andere Materialien, verwenden Sie sie mehrmals und entsorgen Sie sie fachgerecht. Sorgen Sie dafür, weniger Abfall zu produzieren, in dem Sie langlebige Produkte kaufen und auf unnötige Verpackungen verzichten. Und erzählen Sie anderen von der Problematik, denn noch immer sind die Müllstrudel den wenigsten Leuten bekannt.
Allmählich aber werden immer mehr Organisationen, die sich dem Naturschutz verschrieben haben, auf diese tickende Bombe aufmerksam. Viele haben sich nun zum Ziel gesetzt, die Müllstrudel genauer zu erforschen, um greifende Massnahmen entwickeln zu können. Die Idee des „Projekts Kaisei“ zeugt von Kreativität: Die Boote arbeitsloser Kleinfischer werden umgerüstet, um den Plastik einzusammeln, wobei der Treibstoff aus dem Plastik selbst gewonnen wird.

Im Netz
Projekt „Kaisei“: Aktiv gegen den Nordpazifischen Müllstrudel
Forschung und Aufklärung über die Meeresverschmutzung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.