Das war die e3 2016

Wenn die Leitmesse in Los Angeles ruft..

…hören wir ganz genau hin. Etwa immer noch?

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Rudolf Inderst

Wer ist der E3-White-Knight bei nahaufnahmen.ch? Ich natürlich! Wie das sein kann? Es liegt an einer, ja, nennen wir sie ruhig einmal, “Kulturtechnik”, die ich mir hart erarbeitet habe. Diese nenne ich “streng-selektive Ignoranz”. Was bedeutet das? Bereits eine Woche im Vorfeld verweise ich die Vor-Berichterstattung der E3 in die verbotene Zone. Ich verfolge weder “News” noch pseudoaufgeregte Schmalspurkampagnen. Ich sehe mir ganz entspannt die Pressekonferenzen an, wenn ich es schaffe und denke dann ein wenig über das Gesehene nach. Eigentlich hat mich so noch keine E3 in der der marktschreierische Art und Weise enttäuscht, wie ich es seit Jahren immer wieder im Vorfeld, im Mittel- und Nachfeld der Messe lese (wenn es dann doch irgendwie durchdringt). Jesus kann nicht jedes Jahr vom Kreuz herabsteigen und die Titanic nur selten den Eisberg umschiffen. Entsprechend ist meine Erwartungshaltung.  Wohl dosiert, angenehm temperiert (meidet die warmen Stellen – da pissen Kinder ins Becken). Dass meine RedaktionskollegInnen sich nun immer wieder an genau diesen Lokationen niederlassen, hinterlässt mich mit einer Spur von Traurigkeit, welche ich ausschließlich mit #doritogate – Restbeständen bekämpfen kann.

“Jetzt! Lasst uns Spiele sprechen.”

Als langjähriger Freund des Pappkameradenschießens freue mich auf die routiniert wirkenden Franchise-Fortsetzungen namens Titanfall 2, Gears of War 4 und Call of Duty: Infinite Warfare. Da Modern Warfare mich 2007 erst so richtig zum Shooter-Multiplayer-Geschäft brachte, freue ich mich natürlich auf die Überarbeitung dieses Klassikers. Ich denke Tom Clancy’s Ghost Recon Wildlands sowie Battlefield 1 werde ich mir sicherlich näher ansehen. Auf Mass Effect Andromeda freue ich mich riesig.

Dann wiederum gibt es eine Sorte Spiel, bei dem ich jetzt schon ahne, dass ich sie mir ansehen werde, aber nicht am Pad, sondern auf der Couch. Dazu zählen Watchdogs 2, Dishonored 2, Persona 5, Resident Evil 7, The Last Guardian (aber das Vieh bleibt ziemlich hässlich) oder God of War. Und die Geheimtipps? Die Entsprechungen zum “Hier zeigt der georgische Erstlingserzählstoff seine ganze visuelle Macht: Ein Mann starrt 90 Minuten auf einen See. Er hat ein Holzbein. Gebt dem Regisseur alle Preise!”? Nun, vielleicht am ehesten ein Here They Lie, We Happy Few, Kona, Obduction oder Manifold Garden.

Was die Hardwareseite betrifft, lehne ich mich entspannt zurück, da soll sich die Fachpressentesterfraktion einmal ausgiebig mit beschäftigten und dann kann ich mir immernoch die Brille aufsetzen. Was aus so manchem Titel geworden ist, werden wir in Köln in zwei Monaten sehen, vielleicht kann man dort den einen oder anderen Hit in spe schon anspielen und sich ein genaueres Bild machen, wenn man das denn möchte. Oder…man lässt sich einfach überraschen und zahlt den Vollpreis. So wie zu Grundschulzeiten.

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Norman Volkmann

Überforderung, Müdigkeit oder fehlende Begeisterungsfähigkeit? So richtig mitgerissen hat mich die E3 in diesem Jahr nicht. Wenn bei Ubisoft Menschen in bunten Kostümen tanzen und der 37. Open-World-Shooter vorgestellt wird, drifte ich einfach weg. Wenn Kojima ein neues Spiel mit wirrem ersten Trailer vorstellt, will ich einfach nur wissen, was los ist – ohne ewig zu spekulieren, was der Typ sich dabei gedacht hat. Wenn Microsoft Project Scorpio “vorstellt”, frage ich mich danach nur minutenlang, ob ich jetzt hätte wissen müssen, was zum Teufel Teraflops sind. Auf der anderen Seite regt sich dann doch leichte Vorfreude, wenn ich sehe, dass Insomniac ein Spider-Man-Spiel macht, wenn The Last Guardian angekündigt wird oder Prey doch einen Nachfolger/Reboot bekommt. Inzwischen sind diese Gefühle aber in der Unterzahl. Nicht nur, dass viele Informationen bereits eine Woche vor den Konferenzen geleaked sind. Irgendwie rauben sich die Hersteller selbst viel Zauber, weil sie zu viel Zeit oder zu wenig neue Ankündigungen verbraten wollen. Viel zu lange werden viel zu uninteressante Dinge mit viel zu viel Enthusiasmus erklärt. Einzig Sony hat es noch raus. Als Belle of the Ball will jeder bei den Japanern mit auf die Bühne, was am Ende zu einem knackigen Trailer- und Gameplay-Feuerwerk ohne viel unnötiges Gelaber führte. Gut so!

Neben den bereits genannten meine persönlichen Highlights rund um die E3:

Yooka-Laylee: Ich freue mich seit der Kickstarter-Kampagne so sehr auf diesen Titel. Die Banjo-Kazooie-Nostalgie hat mich hier fest im Griff.

Cuphead: Egal, wie das Spiel am Ende ist. Der Look ist so einzigartig und cool, das will ich einfach spielen.

Prey: Na bitte! Auch wenn es vermutlich ganz anders wird – Bethesda hat momentan einen Run, da kann ja fast gar nichts mehr schief gehen.

South Park: The Fractured But Whole: Ich gebe ja zu, dass ich allein beim Titel dieses Spiels immer wieder kichern muss. Nicht nur die Präsentation mit Trey Parker und Matt Stone fand ich durchgehend witzig und gelungen – auch das Superhelden-Thema gefällt mir sehr gut.

Und sonst so? Watch Dogs 2 fiel mir aufgrund des grandiosen Soundtracks auf (Run the Jewels <3), Ghost Recon einfach nur, weil ich es so fürchterlich fand. Ansonsten suchte und fand ich die spielerischen Highlights der kommenden Monate und Jahre vor allem bei den exklusiven Titeln von Sony. Days Gone könnte als Crossover aus Sons Of Anarchy und The Last of Us ganz nett werden, Horizon: Zero Dawn sieht nett aus und selbst die ganze VR-Geschichte weckt langsam mein Interesse. Gescriptete Voicechats sind für mich im Übrigen der schlimmste Trend, den die Publisher (aka Ubisoft) über die letzten Jahren herangezüchtet hat.

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Christof Zurschmitten

The sound. The fury. Und das Erstaunliche: Dass sich die E3, dieses siebenköpfig in allen Sprachen der Marktschreier brüllende Biest, dieses Jahr bei mir kaum Gehör verschaffen konnte. Die mediale Aufmerksamkeit war anderswo. In den Abgründen, und, um nicht zu lange hinseinstarren zu müssen, beim 11 Freunde-Liveticker, der, und dafür stehe ich wie einst Klaus “Ur-Hipster” Hipp mit meinem Namen, immer noch die beste deutschsprachige Sprachzelebrierung dieser Zeit ist. Das Wispern, das über alledem von L.A. herüberdrang, klang dann böse nach déjà entendu: Auch wenn man sich bemüht, nicht zynisch oder überheblich sein zu wollen, schien da so nichts, aber auch gar nichts zu kommen, das nicht einfach eine höhere Nummer oder mehr Polygonen auf alte Spiele pappte. Und den aufregenden Rest? Den hatte man zu einem guten Teil schon im Vorjahr gesehen und für interessant befunden. Nun ist die Suche nach Innovation in den heiligen E3-Hallen aber ungefähr so vernünftig wie die Suche nach einem Malcom X-Tattoo auf dem Oberarm eines russischen Hooligans. Deshalb: Stopp Trübsal, und Auftritt die zwei Spiele, für die ich dann doch kurz vom Liveticker aufgeschaut habe.

Steep: Mal wieder ein Winter-Extremsport-Spiel mit vernünftigem Budget. Geht ja. Rein physikalisch gesehen scheint man einmal mehr zwar eher durch Styroporgelatine statt Schnee zu pflügen, aber ansonsten scheint Ubi sich viel überlegt zu haben: Eine von Skate 3 geliehene Selbstinszenierungs- und Freiheitsbreitseite, und eine redbull-befeuerte Aufhebung der kleingeistigen Distintinktionsschranken zwischen Ski, Snowboard, und Vogellimitation, die dem Teenage-Selbst einst so wichtig schienen. Kann man machen. Schau ich mir gerne an. Dass ich diese Berge persönlich gut genug kenne um zu wissen, dass das Matterhorn (“one of the wildest spots”, so der Pressesprecher) nicht gleich neben dem Mont Blanc steht, tut der Sache auch keinen Abbruch.

The Legend of Zelda: Breath of The Wild: Wenn schon die alte Franchise-Leier, dann wenigstens freihändig gespielt. Nintendo macht anscheinend alles anders. Ist das gut? Ein wenig sieht der Trailer ja schon aus, als habe man einfach alles zusammengerafft, was die Konkurrenz in den letzten Jahren an Buzzwörtern hat fallen lassen: Open World! Crafting! Kraxeln! Dass einige verwirrte Seelen da schon nach “endgame  content” fragen, als könne man Zelda nicht ohne M, M und O schreiben, ist da eigentlich nur konsequent. Alles Angstreflexe angesichts davonschwimmender Felle? Oder doch nur die längst notwendige Innovation für eine Serie, die zuletzt nicht mehr so recht wusste, was sie mit sich selbst anfangen soll? Wir werden ja sehen. Im Zweifelsfall sollte man den alten Hasen aus Kyoto aber wohl zutrauen, dass sie wissen, was sie tun. Wohltuend bunte Welten schaffen etwa — gut ausschauen tut’s allemal.

Sebastian Geiger

Die E3 hat mir die Gamescom versaut! Vielen Dank auch. Und ja, auch – oder gerade weil – sie nicht mehr die wichtige Messe ist, die sie einmal war. Aber sie ist ein guter Gradmesser für das, was noch kommt. Und das, was in diesem Jahr noch kommt, ist Luftanhalten für neue Konsolen und neue Spiele. Zugegeben, an sich hätte man auch nichts anderes erwarten dürfen. Letztes Jahr war eines der besten für Games seit langem. Da darf die Branche auch mal sagen „gut is“ und die kreativen Köpfe zurückziehen. Die Folge: Zwei Hardwarenews dominierten die Schlagzeilen und wir wissen jetzt, dass Nintendo von Gender-Equality ungefähr so viel Ahnung hat, wie eine Taube vom Tiefseetauchen.

Aber – das neue Zelda sieht trotzdem sehr cool aus. Und spannende Spiele gab es zum Glück auch ein paar. So sehr ich Detroid: Become Human hassen wollte, so sehr hat mich der aktuelle Trailer wieder zurückgelockt. Ich gebe es zu, ich habe ein weiches Herz für David Cage und Heavy Rain ist immer noch eines meiner Lieblingsspiele. Aber wie jeder David-Cage-Spieler weiß ich, dass der gute Mann auch sehr weh tun kann (nicht wahr, Beyond: Two Souls?). Deshalb hoffe ich inständig, dass Detroid so gut wird, wie die bisherigen Trailer und Demos es anklingen haben lassen. Bittebittebitte?

Dass ich mich sehr auf The Last Guardian, We happy few und Persona 5 freue, muss ich an dieser Stelle auch nicht extra begründen. Und was auch immer der heiße Scheiß ist, den Hideo Kojima da mit Death Stranding auftischen wird, ich will ihn spielen! Positiv überrascht hat mit South Park: Fractured But Whole. Stick of Truth war ja schon so eine nette Überraschung. Eigentlich müssen die Macher nur dasselbe noch einmal auf den Tisch bringen, dann bin ich schon sehr zufrieden. Franchise the hell out of me, please! Natürlich darf bei dieser Liste auch Gwent nicht fehlen. Danke, CD Project Red, dass ihr wieder einmal Spielerwünsche erfüllt. Möge die Beta rasch kommen.

Und dann war da noch Daedalic, die mit The Long Journey Home das im Kleinen einlösen, was Star Citizen im Großen verspricht und wohl nie halten wird. Ich bin gespannt! Trotzdem – ein wenig fad ist der Geschmack, den die E3 hinterlässt, schon. Sei es mit Mass Effect: Andromeda, bei dem noch niemand so recht weiß, was es wird, Battlefield 1, das jetzt doch Microtransactions bekommt oder die 20000 Fortsetzungen, die von verschiedenen Studios angekündigt wurden. Wie schon gesagt, manchmal muss man einfach Luft holen. Bis nächstes Jahr dann – dann wissen wir ja hoffentlich auch, ob dieses VR-Zeugs war wird oder den Weg allen Kinects geht.

Rudolf Inderst

*1978 in München. Studierte Poltikwissenschaften in München und Kopenhagen. Arbeitet aktuell an seiner zweiten Dissertation. Übernimmt zusammen mit Christof Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele bei nahaufnahmen.ch. Holt sich blaue Flecken im Krav Maga. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit über 30 Jahren. Trägt gerne Bart.

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