Die Folgen der Zersiedelung

Wohlstandsgewinn mit Beigeschmack

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Baukräne neben Maisfeld (Luterbach SO)

Seit Jahrzehnten wird in der Schweiz gebaut, als ob wir über unbeschränkt viel Platz verfügen würden. Einfamilienhaussiedlungen, Einkaufs- und Logistikzentren sind dabei die augenfälligsten Landfresser. Die erfolgreiche Unterschriften-Sammlung für die Zersiedelungs-Initiative zeigt: In Politik und Bevölkerung entwickelt sich ein Bewusstsein, dass die Zersiedelung des Landes auch bedeutende Nachteile hat.

Nicht nur die Gletscher schmelzen in der Schweiz, auch das Kulturland verschwindet nach und nach. So sind zwischen 1985 und 2009 jede Sekunde durchschnittlich 1,1 m2 landwirtschaftlich genutzte Fläche verschwunden – ein grosser Teil davon Ackerland im Mittelland. Dort geht der Boden, der zur Produktion von Nahrungsmitteln dient, in grossem Stil verloren – auf Kosten von Wohn- und Gewerbegebieten. Doch die Landwirtschaft ist nicht die einzige Verliererin der Zersiedelung.

Leere Innenstädte
Auch die historischen Innenstädte tragen die negativen Folgen. Sie stehen in direkter Konkurrenz zu Vergnügungs- oder Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Diese „Konsumtempel“ locken viele Kunden aus den Innenstädten weg. Und mit den Kunden verschwinden dort mit der Zeit die Läden. Weniger attraktive Geschäfte führen wiederum zu noch weniger Leuten: Ein Teufelskreis, der zum Aussterben der Innenstadt führt.

Einige der Folgen der Zersiedelung
Wenn gebaut wird, geht es der Wirtschaft gut. So gut, das die Nachteile des fortschreitenden Bauens fast vergessen gehen.

Eine weitere Entwicklung, die einsetzt, wenn die Planung nicht eingreift, ist die sogenannte soziale Entmischung. Da Wohnungen in Einfamilienhaus- oder gar Villenquartieren für Ärmere nicht erschwinglich sind, werden die sozialen Schichten räumlich getrennt. Und bald einmal gelten die Quartiere mit den günstigen Wohnungen als „Ghetto“. Wer dort lebt, hat schlechtere Chancen: In der Schule, auf  der Lehrstellensuche und auf dem Arbeitsmarkt.

Wer es sich leisten kann, wird kaum länger dort wohnen wollen. Und in ein Quartier oder eine Gemeinde mit höherem Status ziehen. Die Ansiedlung von wohlhabenden Bewohnern ist denn auch eine beliebte Strategie für viele Gemeinden. Denn mit guten Steuerzahlern bleibt das Budget problemlos im Lot.

Und auch neues Bauland für Unternehmen auszuweisen, ist für Gemeinden vielversprechend. Es lockt die Aussicht auf Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Und jeder Investor freut sich über preiswertes Bauland und hindernisfreies Bauen auf der grünen Wiese.

Teure Infrastruktur
Doch was auf den ersten Blick günstig ist, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Eigentor. Bauen auf der grünen Wiese ist in der Endabrechnung keineswegs günstiger als in einer bestehenden Siedlung. Die Kosten für die Infrastruktur, wie Strom-, Wasser- und Abwasserleitungen, sind um ein Vielfaches höher.

Das Bundesamtes für Raumentwicklung geht in einer Analyse aus dem Jahr 2000 davon aus, dass es pro Bewohner bis zu drei mal mehr kostet, die Infrastruktur für ein Einfamilienhausquartier zu erstellen und zu unterhalten als für eine Hochhaus-Siedlung.

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Grafik nach ECOPLAN, 2000: Siedlungsentwicklung und Infrastrukturkosten Schlussbericht zuhanden des Bundesamtes für Raumentwicklung, des Staatssekretariats für Wirtschaft und des Amtes für Gemeinden und Raumordnung des Kantons Bern

Ebenfalls kaum verursachergerecht werden die Kosten für die Umweltzerstörung verteilt. Die mit der Überbauung verschwundenen oder beeinträchtigten Lebensräume und Landschaften werden selten ersetzt.

Nachteilig für die Natur sind nicht nur Siedlungen sondern auch Strassen. In den gut dreissig Jahren zwischen 1972 und 2003 sind gemäss Bundesamt für Statistik rund 40’000 km Strassen erstellt worden. Sie zerschneiden den Lebensraum von zahlreichen Tieren. Für kriechende Insekten oder Amphibien sind bereits kleinere befahrene Wege kaum überwindbare Hindernisse.

Die zerschnittene Schweiz
Mit jeder zusätzlichen Strasse wird Lebensraum für die Tiere verkleinert. Jede Art benötigt aber eine gewisse minimale Fläche, um langfristig überleben zu können. Und einige Arten sind im Verlauf der Jahreszeiten oder ihres Lebens auf verschiedene Habitate angewiesen.

Auch der genetische Austausch ist eingeschränkt, wenn Individuen auf den beiden Seiten der Barriere sich nicht mehr miteinander paaren können. Dieser Mangel führt dazu, dass die Art sich schlechter an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann. Ihre Chancen schwinden, dass sie langfristig überlebt.

Die Zerschneidung teilweise rückgängig machen, können Massnahmen wie Wildtierbrücken oder Amphibientunnel, welche die Wanderung wieder ermöglichen. Diese sind wie die Schaffung von Ersatzlebensräumen allerdings meist teuer – und auch diese Kosten werden in der Regel von der Allgemeinheit übernommen.

Dies sind nur einige der Folgen der Zersiedelung; in der Regel sind sie unerwünscht. Dies anerkennen mittlerweile auch Politik und Behörden. Sie schufen erste gesetzliche Grundlagen, um die weitere Zersiedelung einzudämmen – weitere Schritte sind allerdings notwendig.

 

Links

Artikel zum Thema: Zersiedelung messen und dokumentieren

Kommentar zum Thema: Die Suche nach Grün

Bundesamt für Raumentwicklung

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