Intakte Landschaft: Rettet die letzten Reste

Die Suche nach Grün

Bützberg (Thunstetten BE)
Bauen im Grünen – dann ist’s gleich nicht mehr so grün.

Bisher wurde kaum darauf geachtet, dass die Zersiedelung gebremst wird – zu viele Kreise haben davon finanziell profitiert. Aufgrund der immer offensichtlich werdenden Nachteile der Zersiedelung, wäre es Zeit umzudenken. Als Alternative bietet sich verdichtetes Bauen an.

Auf der Wiese, wo wir als Kinder immer gespielt haben, stehen jetzt Bauprofile. Wer seit mindestens ein paar Jahrzehnten in diesem Land lebt, kennt diese oder eine vergleichbare Situation. Wer vor dem inneren Auge die Landschaft der Kindheit mit der heutigen vergleicht, kommt vielleicht zu einem ähnlichen Schluss wie Mani Matter in Wo mir als Bueben emal :

U mängisch weni gseh,
wie dert, wo dörfer si gsy unds ufer vomne see

u jetz uf ds mal alls verbout isch,
de frageni mi sälber:
mues eigentlich alls geng verhimuheilanddonneret sy?

Die Siedlungsfläche wächst und wächst, die Landschaft wird verdrängt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in der Schweiz mindestens soviel Fläche für Siedlungen und Verkehrswege überbaut wie in den 10’000 Jahren zuvor.

Die Gründe sind vielfältig, aber meist spielt Geld eine Rolle. Wenn der Wohlstand steigt, entsteht das Bedürfnis nach einer grösseren Wohnung oder einem Einfamilienhaus. Die eigenen vier Wände sind ein wichtiges Statussymbol – kaum ein Bewohner des Landes, der nicht gerne in eine grössere Wohnung ziehen würde.

Viele verdienen mit
Geld spielt auch für die Politik und die Wirtschaft eine zentrale Rolle. Und so hatten diese Bereiche bis vor kurzem wenig Interesse, dem Trend zur Zersiedelung etwas entgegenzusetzen. Denn mit dieser war ökonomisches Wachstum gewährleistet. Politiker konnten sich mit gut aussehenden Wirtschaftszahlen schmücken, zahlreiche Branchen profitierten von der ständig zunehmenden Bautätigkeit.

Und nicht zuletzt erfährt ein Grundstück eine massive Wertsteigerung, wenn es zu Bauland eingezont wird. Typischerweise steigt der Quadratmeterpreis auf das Vierzigfache. Gefreut hat das bisher vor allem die Landbesitzer. Dank günstigen Steuerregelungen konnte manch einer „über Nacht“ zum Millionär werden. Wenigstens einen Teil der Gewinne soll die sogenannte Mehrwert-Abgabe (siehe unten) abschöpfen. Das aktuelle Raumplanungsgesetz (RPG) sieht diese Abgabe ausdrücklich vor.

Das RPG wird zurzeit wieder überarbeitet. Der Ausgang der Gesetzgebung ist offen. Aber aufgrund der Nachteile der Zersiedelung, sollten sich die Politiker besinnen und den sich immer weiter ausdehnenden Siedlungs- und Verkehrsflächen nun enge Grenzen setzen. Doch strenge Gesetze sind von den Volksvertretern kaum zu erwarten – an dieser Stelle seien dennoch einige Forderungen gestellt:

Keine neuen Gebäude ausserhalb von Siedlungsflächen
Neubauten sollen nur in den bestehenden Siedlungsgrenzen aufgestellt werden. Also dort wo es noch Lücken hat oder wo es brach liegende Industrie-Areale gibt. Gebäude können zudem auch erweitert oder aufgestockt werden, um mehr Platz zum Leben und Arbeiten zu schaffen.

Wenn dieses Verdichten nicht möglich sein sollte, müssen Neubauten direkt am Rand der Siedlung gebaut werden. Und wir sollten sie nicht in schützenswerte Landschaften stellen. Bei jedem Projekt, vor allem bei grösseren, sollte geprüft werden, ob es wirklich nötig ist. Dies gilt insbesondere für Einkaufs-  oder Vergnügungszentren. Zudem sind diese Center oft darauf ausgerichtet, dass man sie mit dem Auto aufsucht. Damit fördert der Bau solcher Einrichtungen den Autoverkehr.

Keine neuen Strassen
Und damit wird auch der Ruf nach immer noch mehr Strassen laut. Rund 70’000 km zerschneiden die Schweiz bereits heute, dazu über 1700 km Autobahnen – und immer noch werden neue Asphaltpisten geplant – gerne auch in intakte Landschaften. Keine neuen Strassen zu erstellen, wäre daher eine weitere Forderung.

Diese Leitsätze einzuhalten wird allerdings alles andere als einfach. Beispielsweise wenn ein Unternehmen droht, sich einen anderen Standort zu suchen, wenn es nicht auf dem Grundstück  bauen dürfe, für welches es Interesse zeigt. In solchen Fällen werden die zuständigen Behörden sich zweimal überlegen, ob sie dem potentiellen Steuerzahler nicht doch eine Ausnahmebewilligung erteilen wollen.

Und auch die Nachfrage nach neuen Einfamilienhäusern wird nicht so bald zusammenbrechen. Diese Wohnform ist nach wie vor sehr beliebt und gilt gesellschaftlich als erstrebenswert. Vielleicht setzt sich hier langsam die Erkenntnis durch, dass auch eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus Vorteile hat. Sie ist nicht bloss für jene gedacht, die sich (noch) kein eigenes Haus leisten können.

Verdichten = Dichtestress?
Doch die Angst vor Verdichtung scheint weit verbreitet zu sein. Dies zumindest lassen Kommentare auf den News-Seiten vermuten. Man fühle sich bald wie das Huhn in der Legebatterie. Dass davon keine Rede sein kann, zeigen diverse bereits realisierte verdichtete Siedlungen mit hoher Lebensqualität. Denn auch dort hat es Platz für gemeinsam genutzte Grünflächen.

An der verdichteten Bauweise führt kein Weg vorbei. Auch das Bundesamt für Raumentwicklung ARE schreibt auf seiner Webseite: Eine verdichtete Siedlungsentwicklung ist […] in mehrfacher Hinsicht raumplanerisch sinnvoll.

Dass nicht alle die Verdichtung fürchten, zeigt die Tatsache, dass mancherorts tatsächlich in die Höhe gebaut wird. Sogar ein kleines Hochhaus-Fieber hat die Schweiz befallen: In einigen Städten werden fleissig Wolkenkratzer erstellt, ohne dass dies, obwohl eher ungewohnt, heute noch als unschweizerisch gälte.

Mehr Lebensqualität
Hochhäuser für die Städte und freie Flächen für das Land. Letzteres soll nicht zu einer Aneinanderreihung von Dörfern werden. Denn eine intakte und somit nicht verbaute Landschaft bietet einen mehrfachen Erholungswert als eine verschandelte.  Es ist doch paradox: Wer „im Grünen“ ein Häuschen errichtet, weil ihm dort die unverbaute Landschaft gefällt, zerstört sie.

Gewiss, die Schweiz ist eine andere, als sie vor 150 Jahren war. Die nostalgische Postkartenidylle gehört der Vergangenheit an. Aber ein Teil der Landschaft ist noch erhalten geblieben – es wäre töricht diesen unbezahlbaren Wert, die einmalige Lebensqualität, ohne Not preiszugeben.

 

Die Politik reagiert (vielleicht)
Die Kantone sind angehalten, eine Mehrwert-Abgabe, auch Mehrwert-Ausgleich genannt, einzuführen, so verlangt es das geltende Raumplanungsgesetz, das am 3. März 2013 vom Stimmvolk gutgeheissen wurde.

Die Abgabe existiert zurzeit in sechs Kantonen – schon seit 1977 in Basel-Stadt, seit 2016 im Kanton Jura. In den meisten andern Kantonen wird sie vorbereitet. Die Einnahmen aus der Mehrwert-Abgabe dienen, je nach Ausführung des kantonalen Gesetztes, künftig auch dafür, Eigentümer von Bauland zu entschädigen, wenn ihr Grundstück ausgezont werden sollte. Solche Rückzonungen ergeben vor allem dort Sinn, wo Wohn- oder Gewerbezonen überdimensioniert sind oder am Rand von Siedlungen liegen.

Allerdings entstehen Einnahmen aus der Abgabe nur, wenn Land neu eingezont wird. Gemeinden, die keine zur Einzonung geeigneten  Landreserven haben, gehen leer aus. Sie werden sich daher nur in Ausnahmefällen eine Auszonung leisten können.

 

Links

Eidgenössische Volksinitiative Zersiedelung stoppen – für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung (Zersiedelungsinitiative)

Zersiedelung messen und vermeiden (Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL)

Artikel Zersiedelung messen und dokumentieren

Artikel Folgen der Zersiedelung

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