Intelligenz der Technik

Intelligenz der Technik

Zum Verständnis der Technik im Gefüge einer Kultur

 

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Nicht nur in Science-Fiction-Filmen erfährt man, was künstliche Intelligenz ist. Schon längst hat der Begriff den Weg in unseren Alltag gefunden. Man spricht von intelligenten und vernetzten Systemen oder auch von Smart Objects – was mit “intelligente Objekte” übersetzt wird. Sind diese Objekte wirklich intelligent und welche Rolle spielt der Mensch schliesslich in diesem technisch autonomen Umfeld?

 

Von Urban Bieri

Man spricht in diesem Zusammenhang von der Intelligenz der Technik, die sich durch eine gewisse Selbständigkeit und Unabhängigkeit auszeichnet und man verspricht sich davon eine hohe Nützlichkeit und Optimierung sämtlicher Industrie- und Lebensbereiche. Die Technik soll es dem Menschen ermöglichen, befreit von lästiger Arbeit – sei es die physische Arbeit mit Händen oder die intellektuelle mit dem Kopf – sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Doch dass ihm dabei das wesentliche Puzzleteil entgeht, darüber wird leider selten gesprochen – ein Versuch mit Gilbert Simondon längst fällige Antworten zu liefern.

 

Beschränkte Intelligenz

Die Vorteile künstlicher Intelligenz sind offensichtlich. Tatsächlich scheint diese Idee der intelligenten Technik als einer Erweiterung der Idee der Automation aber auch recht beschränkt zu sein und die Idee einer faulen, glücklichen Menschheit vorauszusetzen. Eine Automation der Technik schränkt die Möglichkeiten der Verwendung von Technik auf ihr reines und selbständiges Wirken ein. Wenn die Menschen in der Interaktion mit der Technik nicht ihre offenen Spielräume und Vorteile ausreizen können, dann scheint die intelligente und autonome Maschine in ihrer Vielseitigkeit unnötig reduziert zu sein. Ebenfalls beschränkt sich damit der Mensch selbst in der Gestaltung seines Lebensraumes. Der Begriff der Intelligenz der Technik scheint in der Idee der Vereinfachung und Reduktion der Interaktion darüber hinwegzutäuschen, dass dabei das technische Verwendungswissen des Menschen verkümmert. Gilbert Simondon beschreibt in „Die Existenzweise technischer Objekte“ einen Mythos der Intelligenz oder vielmehr in seinem Sinne einen Mythos der autonomen Maschine. Wie ist das nun in der Folge genau zu verstehen?

Die gefährliche Autonomie der versklavten Technik

Wohlgemerkt ist der Begriff der Intelligenz in diesem Zusammenhang neuer als der 1958 in französisch erschienene Text. Simondon schreibt im Vorwort dieses Buches, dass unsere Kultur zu widersprüchlichen Haltungen gegenüber der Technik tendiere. Zum einen verkommt sie zu bloss versklavter Materie, die der Nützlichkeit unterliegt, und zum anderen unterstellt sie den technischen Objekten, dass sie im selben Zuge autonome Roboter sind, die eine permanente Gefahr der Agression und des Aufstandes für den Menschen darstellen. Für andere wiederum stellt die autonome Maschine eine Perfektion dar und wird zu einem objet sacré. Eine Maschine soll umso perfekter sein, je mehr sie sich mit anderen Maschinen vernetzt, sich mit anderen verbindet und je mehr die Maschinen untereinander autonom handeln. Eine solche Maschine wird auch in Science Fiction Filmen zu einem Abbild des Menschen – und: zu einer Gefahr!

Entgegnen kann man dieser Gefahr gemäss den Stereotypen nur die Versklavung und Unterwerfung der Maschine, auch die Unterwerfung im Namen der Nützlichkeit. Diese Sichtweisen zeigen ein doppelbödiges Verhältnis zur Technik und verkennen gemäss Simondon, was Technik ist. Die Automation (also eine gewisser Status der Autonomie) habe für die Technik also mehr eine soziale oder ökonomische als eine technische Bedeutung. Vielmehr als die Automation entspreche ein Unbestimmtheitsspielraum der Funktionsweise einer Maschine – welcher ihr gestattet, für externe Informationen empfänglich zu sein. Simondon spricht auch von der Offenheit der Maschine und von einem Ensemble, in welchem ein menschlicher Dirigent als wechselseitiger Übersetzer mit technischen Systemen interagiert.

Die Intelligenz der Industrie 4.0

Im Begriff der vierten industriellen Revolution – oder der “Industrie 4.0”, der auf die Versionsbezeichnungen von Softwareprodukten Bezug nimmt – lassen sich so manche Stereotypen wiedererkennen. Im Zentrum dieser Revolution stehen gemäss Wikipedia intelligente und digital vernetzte Systeme, die eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion ermöglichen und den Wertschöpfungsprozess dadurch optimieren sollen. Die Systeme sollen in diesem Zusammenhang so weit wie möglich selbständig Entscheidungen treffen können.

Dabei gibt es Entscheidungen, die sie nicht selbst fällen können und darum an den Menschen als höhere Instanz weitergeben. Tatsächlich stellt die Technisierung eine Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten dar, ganz im Sinne einer Prothese, die es einem Menschen ermöglicht, wieder zu gehen. Doch gemäss Simondon liegt das Problem an einem anderen Ort: Es gibt kein fundiertes Verständnis der Funktionsweisen der Technik. Die tatsächlichen Entscheidungsträger der „Industrie 4.0“ sind wohl mehr das Management, an welches die Entscheidungen weitergereicht werden. Eine Gebrauchsbeziehung wie ein Unternehmen zu lenken oder zu arbeiten, so Simondon, sei der Bewusstwerdung der Maschine nicht dienlich, denn beides fundiere in einer abstrakten Sichtweise auf die Maschine. Eine solche Beziehung ist zum Beispiel in meinem Wissen erkennbar, dass ich die Maschine so und so einsetzen kann um den Umsatz zu erhöhen, die Buchhaltung abzuschliessen, oder von A nach B zu fahren. Ich weiss dann etwas über die Maschine bezüglich der Resultate ihres Funktionierens, so Simondon, aber nicht über ihr Funktionieren. Viel eher haben die Ingenieure das Wissen über die Funktionsweise – sie haben sie entwickelt und verstehen ihr Innenleben und ihre Prinzipien besser.

 

Aufklärung im 21. Jahrhundert

Was es gemäss Simondon brauche, um den Menschen die regulierende Macht zurückzugeben, sei eine Reform der Kultur. Die Kultur sei in ihrer Sprache auf dem Stand der handwerklichen und landwirtschaftlichen Techniken stehen geblieben. Zwischen der regierten Wirklichkeit und den Wesen, die regieren, gebe es keine gemeinsame Sprache mehr und damit keine Kommunikation. Wir leben demgemäss in einer immer mehr technisierten Umwelt, können aber mit der Technik nicht umgehen – geschweige denn mit oder über sie kommunizieren. Wir verstehen sie nicht richtig. Das Sprechen über die Technik hat dann die Tendenz, zu blossen sprachlichen Wendungen zu verkommen und birgt die Gefahr, die Wirklichkeit zu verlieren und dabei die Technik zu stereotypisieren und zu mythologisieren.

Als Gegenmittel zu dieser Entwicklung bietet sich die Aufklärung an. Das kann im Unterricht an Schulen oder in Weiterbildungen geschehen, indem man die Möglichkeiten und genauen Funktionsweisen der Technik lernt, unterfüttert mit theoretischen und praktischen Anwendungen über verschiedene wissenschaftliche Disziplinen hinweg. Verständlich und vielseitig anwendbar wird etwas nicht, indem man es oder den Zugang zu ihm vereinfacht und abstrahiert, sondern mehr wenn man das Vereinfachen selbst auch nachvollziehen kann. So würde auch Platon sagen, dass ein echtes Wissen besser ist als eine bloss wahre und abstrahierte Meinung dazu. Eine Ausweitung der Kultur könne, so Simondon, dem Menschen Mittel verleihen, um seine Existenz und seine Situation in Entsprechung zur ihn umgebenden Wirklichkeit zu denken. Auch er hat eine aufklärerische und technische Mündigkeit im Sinne, wenn er das schreibt. In seinem Buch versucht er darum, die historische Entwicklung von technischen Objekten, ihre Funktionsweisen und das Zusammenspiel mit dem Menschen und seiner Kultur nachzuvollziehen.

 

Literatur zum Thema:

Gilbert Simondon. Die Existenzweise technischer Objekte. Diaphanes Verlag. 2012

 

Im Netz:

https://de.wikipedia.org/wiki/Industrie_4.0

Erklärung des Begriffs „Industrie 4.0“

 

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