Sinnfreies Sinnspiel der Sinnlosigkeit

Sinnfreies Sinnspiel der Sinnlosigkeit

Ein kleines Gedankenspiel 

 

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Sinnlos – heisst das, dass der Sinn nun endlich los ist? Oder nur lose mit dem menschlichen Dasein verknüpft zu sein und in Einklang zu bringen scheint? Oder das Los des Sinns nun schliesslich und endlich frei zu setzen sei? Warten wir’s ab.

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

Gerade noch mit Descartes seinerzeit am glutwarmen Ofen das Wachs sich biegen und schmelzen sehen, geht es auf in neue Gefilde und – gelinde gesagt – in neuem Trost dem Winter entgegen. Apropos Descartes: er ja mit der Begründer der Neuzeitlichen Philosophie – wieso eigentlich? Wird sich da manch einer wohl fragen. Nun, es brannte um die Welt damals ein heftiger Streit – ob nun die Welt vom Geiste her oder der Geist von der Welt her zu betrachten sei, bevor schliesslich und endlich Kant kam, um alles ins Reine zu bringen: nicht so oder so rum wurde letztlich ein Schuh draus – nein, das eine wohl das andere wechselseitig bedingend und so die beiden Seiten sich endlich unterem einem Hut und einer Decke steckend sich wiederfindend.

 

Der Schrei den die Philosophie an diesem Punkte in das nachtleere All gelte – hallt bis auf den heutigen Tage wieder, war doch mit ihr die Philosophie der Moderne begründet. Und so hat denn auch Jacques Derrida im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert vor nichts und niemandem Halt gemacht und alles bis in seine Grundfesten dekonstruiert – bis auf den guten alten Immanuel, um den er hübsch sorgsam einen Bogen geschlagen hat. Wiederum wird man sich fragen, wieso und wie das eigentlich so kam. Nun, das Feuer, welches die Dekonstruktion im zwanzigsten Jahrhundert aus der Glut der beinahe schon im Ofen erkaltenden Philosophie bliess, war von der Art, dass sie alles wegsengte, was sich nicht ihren neuen in sich beweglichen Begriffen beugte: Ein ewiger Strom der sich gegenseitig ablösenden und in sich wieder auflösenden Sinngebilden war geboren. Und wenn man genau hinschaut: genau, diese Bewegung auch schon bei Kant angelegt. Wenn ich mich schwarz anmale bin ich nur vor dem Hintergrund eines Weiss etwas. Und so schliesslich und endlich sich alles nur noch in den unendlichen Abstufungen des Grau seinen Sinn – wie die Asche im Ofen von Descartes Philosophie.

 

Und heute? Alles nur noch in ständigen Wechselseitigkeiten befangen und verhangen das Licht der Erkenntnis in ewig währendem Wechselspiel der Gegenseiten und sich ablösenden Weiten und Zeiten? Keineswegs. Denn wer erkennt nun letztlich wen? Ich weiss es, schreit das Subjekt: ich bin das Erkennende und das Objekt das Erkannte. Teilweise richtig, stübert das Objekt dem Subjekt die Nase. Denn eines doch inzwischen auch in der Philosophie angekommen, nachdem die Physik die Relativitätstheorie ausbaldovert hatte: Es gibt letztlich nur Momentaufnahmen der sich ewig verschiebenden Grenzen und Blickwinkel zwischen Subjekt und Objekt – die wechselseitig gerne auch die Plätze tauschen. Und so auch die Glut, die in Descartes Ofen schwelte mit einem Male nicht mehr nur unabhängig von dem sie erkennenden Geiste, sondern genau: sie selber auch ein Teil des einen und dieser ein Teil des Ganzen. Und wie ich in die Glut schaue, so schaut sie mich aus dem Ofen an und denkt sich, welch hübsch absurde Sinnfreiheit sich da nun endlich die Menschheit ergattern hat können, vor dem Hintergrund einer Philosophie, die sich selber immer weiterspinnen wird – bis hierher, wo eines sich ins andere auflöst und wir uns, das alles stets hinterfragend, nicht an das letzte Ende haben kommen sehen.

 

Im Netz:

https://www.aphorismen.de/zitat/199391

 

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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