Anhaltender Durst: Öl bleibt gefragt

Vorsicht Prognose!

Welchem Energieträger scheint die Sonne? Pumpe zur Erdölförderung in Texas; Bild Flcelloguy

Schlagzeilen wie Brauchen wir bald kein Öl mehr? sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen: Der Ölverbrauch wird zwar früher oder später sinken. Aber das ist noch lange keine gute Nachricht für das Klima. Denn statt Öl werden in Zukunft Kohle und Erdgas stärker gefragt sein. Doch auch das ist bloss eine Prognose.

Experten zerbrechen sich die Köpfe. Sie sollen im Auftrag von von Energiekonzernen und Regierungen aufzeigen, wie wird sich der Ölverbrauch in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Doch Prognosen sind schwierig – aufgrund der vielen unberechenbaren Faktoren. Da ist es für eine  Expertengruppe wohl ratsam, gleich mehrere Szenarien vorzulegen, damit wenigstens eines eintrifft.

Kräftiges Wachstum
Natürlich raten die Experten nicht ganz ins Blaue hinaus. Sie wissen: Ein wichtiger Treiber der Ölnachfrage ist auch in Zukunft die Entwicklung der Wirtschaft. Die OPEC rechnet in ihrem jährlich erscheinenden World Oil Outlook mit einem globalen Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahrzehnten, insbesondere für Entwicklungs- und Schwellenländer. Für Indien prognostizieren die Ökonomen der OPEC beispielsweise ein durchschnittliches Wachstum von jährlich 7%.

Die Wirtschaftsentwicklung werde die Nachfrage nach Erdöl ankurbeln – vor allem wegen des zunehmenden Auto-, Lastwagen- und Flugverkehrs. Aber auch der Treibstoffbedarf für Züge und Schiffe nehme zu, sowie die Nachfrage der Industrie: Die Petrochemie benötigt Öl, um chemische Grundstoffe herzustellen, die zum Beispiel für die Produktion von Dünger, Pharmazeutika oder Plastik dienen. Andere Industriezweige benötigen Öl vor allem als Brennstoff, um ihre energieintensive Produktion zu ermöglichen, in erster Linie von Stahl, Glas und Zement.

Umsteigen aufs Auto
Dank des Wirtschaftswachstums soll der Wohlstand steigen. Und diesen wird eine wachsende Anzahl von Menschen in Zukunft in ein Auto investieren – die OPEC rechnet mit rund doppelt so vielen Personenwagen wie heute bis ins Jahr 2040. In der Regel werden diese Fahrzeuge weiterhin von Benzin- oder Dieselmotoren angetrieben. Elektroautos werden zwar ebenfalls häufiger anzutreffen sein – allerdings vor allem in den Industrienationen und seltener in den Entwicklungsländern.

Der prognostizierte Zuwachs für Energie aus erneuerbaren Quellen (Wasser, Biomasse, Sonne) ist zwar beachtlich: Sie soll bis 2040 auf das 1,7-fache Niveau von heute steigen. Dennoch fristen die erneuerbaren im Vergleich zur fossilen Energie auch in Zukunft eher ein Schattendasein. Die OPEC rechnet damit, dass bis 2040 gerade mal 17% der Energie erneuerbar sein werden.

Im Jahr 2040 werden wir mehr Öl verbrauchen als heute. Noch beachtlicher ist der Zuwachs der Erdgasnachfrage. Daneben fristen die alternativen Energien weiterhin ein Schattendasein.

Dies nicht zuletzt, weil vor allem die Nachfrage nach Erdgas steigen soll – ebenfalls um den Faktor 1,7. Erdgas wird einerseits nach wie vor zum Heizen oder Kochen eingesetzt. Andererseits wird in Zukunft mehr Gas für die Stromproduktion verbraucht. Zudem benötigt die Welt in den kommenden Jahrzehnten mehr Erdgas als Grundstoff für die Petrochemie sowie als Treibstoff für Schiffe und Lastwagen.

Shell: Öl-Nachfrage sinkt
Die OPEC-Prognosen stehen im Einklang mit den „New-Lens“- Szenarien des Energiekonzerns Shell. Was in diesen Papieren allenfalls aufhorchen lassen könnte: In einem der präsentierten Szenarien beginnt der globale Ölbedarf  in den 2030er Jahren langsam zu sinken. Doch das Öl wird bloss abgelöst vom Erdgas. Und auch Kohle wird weiterhin immer gefragter – vor allem in den Schwellenländern.

Der Verbrauch an Erdgas steigt in Zukunft auch, weil das Angebot wächst. Denn neue Erdgasvorkommen werden erschlossen: Weltweit wird eifrig nach neuen Schiefergaslagerstätten gebohrt. Aus diesen Gesteinsschichten ist es dank neueren Technologien, wie dem sogenannten Fracking, möglich und wirtschaftlich, Erdgas zu gewinnen.

Klima? War da was?
Der steigende Bedarf nach fossilen Energieträgern ist für das Klima der Zukunft keine gute Nachricht. Damit sich die Erdatmosphäre nicht mehr all zu sehr aufheizt, wäre eine möglichst rasche Abkehr vom Öl und den andern fossilen Energieträgern wichtig – diese müssten zum grossen Teil im Boden bleiben. (Siehe auch Ziel bekannt – Start unklar. Rasche Abkehr von fossilen Energieträgern)

Gegen dieses Anliegen sprechen eine Vielzahl – kurzfristiger – wirtschaftlicher Interessen, in erster Linie die der Öl-, Gas- und Kohleproduzenten. Sie möchten die Nachfrage nach ihrem Rohstoff möglichst lange möglichst hoch halten, damit sie aus ihren Investitionen Profit schlagen können.

Die Produzenten erneuerbarer Energien hingegen möchten, dass die Wirtschaft sich aus der fossilen Abhängigkeit löst. Auch Staaten ohne Öl- und Gasvorkommen könnten daran ein Interesse haben.  Einige Energiekonzerne und vorausschauende Spieler im Energiegeschäft machen sich zumindest Gedanken, was wäre, wenn die Welt den Klimaschutz tatsächlich ernster nehmen würde.

Szenario: Hoffnung
So ergeben sich andere Szenarien mit alternativen Zukunftsperspektiven. Die Internationale Energie-Agentur – eine multinationale Organisation zur Sicherung der Energienachfrage ihrer 29 Mitgliedsländer, darunter auch die Schweiz – hat beispielsweise ein Szenario entwickelt, in welchem die Energiequellen des Jahr 2040 zu 60% erneuerbar sind. Dies soll nicht nur durch mehr Wind- und Solarkraftwerke ermöglicht werden, sondern vor allem dank sparsamerem Umgang mit der Energie.

Andere Szenarien, wie die erwähnten New-Lens-Szenarien von Shell, rechnen fest mit dem sogenannten CCS – carbon dioxide capture and storage – also dem Einfangen und Lagern des Treibhausgases CO2. Auf diese Weise könnte der ungebremste Klimawandel auch ohne Verzicht auf Erdöl und Gas doch noch ein wenig gemildert werden.

Vielleicht wird es dereinst ja tatsächlich möglich sein, Treibhausgase effizient einzufangen, sei es aus der Atmosphäre oder direkt bei einem Kohle- oder Gaskraftwerk. Vielleicht ist es bloss ein Wunschgedanke. Auf jeden Fall bleiben für einen einigermassen erträglichen Klimawandel bloss vage Hoffnungen.

Links
Auf dem Höhepunkt (Artikel aus dem Tagesanzeiger)
Peak Oil steht kurz bevor – aber anders, als wir immer dachten (Artikel im Manager-Magazin)
Schreckgespenst «Peak Demand»: Brauchen wir bald kein Öl mehr? (Artikel auf watson)
Shell New-Lens-Szenarien
OPEC World Oil Outlook

 

Wie wird sich die Nachfrage nach Erdöl in Zukunft entwickeln. Niemand weiss es genau, aber die wichtigsten Faktoren sind bekannt: Ölpreis und politische Lage spielen genau so eine Rolle wie die technische Entwicklung und die mögliche Förderung von alternativen Energien.
Die in der Grafik genannten Faktoren sind ihrerseits von einer Vielzahl anderer Faktoren abhängig – und zum Teil untereinander verknüpft. Was die Sache nicht gerade einfacher macht. Wie die globale politische Lage sich zum Beispiel entwickeln wird, ist von unzähligen Unwägbarkeiten abhängig.
Dabei stellen sich insbesondere Fragen wie:

  • Wie viele Autos werden auf den Strassen verkehren und wie werden sie angetrieben sein? (45% des Ölbedarf erwächst aus dem Strassenverkehr).
  • Welche Massnahmen werden gegen den Klimawandel ergriffen? (von Politik oder Wirtschaft)
  • Wie entwickeln sie die staatlichen Subventionen in Öl bzw. erneuerbare Energien?
  • Welche Rolle spielen andere Energieträger in der Zukunft?
  • Wie entwickelt sich das Wirtschaftswachstum (einer der wesentlichen Treiber des Energiebedarfs) und wie die globale Einkommensverteilung?
  • Ist eine Entkoppelung von ökonomischer Entwicklung und Ressourcenverbrauch möglich?
  • Und inwiefern gelingt es, verbesserte Effizienz nicht durch vermehrten Verbrauch (Rebound) zunichte zu machen?
  • Wie entwickelt sich der Ölpreis?
  • Welche technischen Entwicklungen setzten sich durch?
  • Wie entwickelt sich die internationale politische Lage? Hier besteht nicht zuletzt aufgrund der Wahl von Donald Trump grosse Unsicherheit. Gut möglich, dass die Aussicht auf seine Amtszeit, die Prognosen zurzeit prägt und die Lage der alternativen deswegen von vielen Prognostikern zu pessimistisch beurteilt wird.

 

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