Battlefield 1

The Great War. The Great Game?

“World War I changed the life of words and images in art, radically and forever.” (R. Hughes)

Zwischen aufklärerisch-edukativer Mission und Senfgas-Porno zum Mitspielen war über Battlefield 1 einiges zu lesen in der Presse. Nachdem seit Release nun ein wenig Zeit durch die Gräben gezogen ist, hat sich RUDOLF INDERST noch einmal ein paar dieser Positionen vorgenommen.

Die Featureliste des Publishers EA liest sich gigantomanisch: “Nehmen Sie an den gewaltigsten Schlachten aller Zeiten teil. Von den Alpen bis zu den Wüsten Arabiens tobt an Land, zu Wasser und in der Luft ein gewaltiger Krieg, der die Geburtsstunde der modernen Kriegführung markierte. Dynamische Wettereffekte und intuitive Zerstörungen erschaffen eine sich ständig verändernde Landschaft. Hinterlassen Sie in der Welt mit spektakulären Zerstörungen Spuren, indem Sie mit Ihrer Artillerie Krater in den Boden sprengen oder Mauern mit Geschützgarben in Stücke schießen. Steueren Sie einige der größten Fahrzeuge in der Geschichte von Battlefield. Lassen Sie mit einem riesigen Luftschiff Feuer vom Himmel regnen, fahren Sie mit einem Panzerzug durch die Welt oder feueren Sie mit einem Schlachtschiff auf feindliche Küstenstellungen. Entdecken Sie in einer Kampagne voller Abenteuer eine Welt im Krieg und erleben Sie die Vielschichtigkeit eines weltweiten Konfliktes durch die Augen verschiedener Personen, die dieser erste moderne Krieg der Geschichte einst zusammenführte. Nehmen Sie an der Seite Ihrer Freunde an den epischsten Multiplayer-Schlachten der FPS-Geschichte mit bis zu 64 Spielern teil. Kämpfen Sie als Infanterist, reiten Sie in die Schlacht oder steueren Sie beeindruckende Fahrzeuge an Land, zu Wasser und in der Luft – von Panzern über Doppeldecker bis hin zu den riesigen Behemoths.”

Vom Moment an des ersten Trailers nahm eine Diskussion Fahrt auf, die -rückblickend – dem Produkt Battlefield 1 eher genutzt als geschadet haben dürfte. Dieser Austausch, in Ton, Substanz und Intensität auf sehr unterschiedlichen Fallhöhen geführt, kann heute, vier Monate nach Release noch einmal in Ruhe betrachtet werden. Dass dies bereits nach vier Monaten möglich ist, bezeugt, wie schnell sich die Produktzyklen drehen und wie durchlässig die Aufmerksamkeitsspanne ist. Blicken wir zunächst auf die Grundposition des Entwicklers – wie versteht er selbst seinen Titel? “For Grøndal (Aleksander Grøndal, Senior Producer at DICE) and his team, Battlefield 1 is a Battlefield game first and a World War I game second. ‘It would be a little bit pretentious of us to claim that we somehow will make World War I fun,’ he said. ‘It’s just an interesting era. We’re not trying to create a documentary about that era. We’re trying to make a game, it’s supposed to be fun first so, of course, we’re going to take some creative liberties where we can.'”. Mit anderen Worten – Grøndal und sein Team haben selbstredend keine Ambition, ihre primären und sekundären Zielgruppen zu vergraulen: diese bestehen immer noch in erster Linie aus Fans der Battlefield-Serie sowie Shooter-Titeln im Allgemeinen. Erst im tertiären Sektor ist damit die “Überraschung” zu verorten – man wagt die vermeintliche Innovation auf dem Zeitstrahl.

Für TIME-Redakteur Matt Peckham in etwa gehört Battlefield 1 zu den besten Shootern des Jahres: “Even Battlefield 1‘s war stories, once you’ve left a cutscene’s moorings to push buttons or nudge thumb-sticks, have at best the emotional insight and depth of a Fast & Furious flick. Latitudes stand between the game’s slick, chaperoned vignettes and online free-for-alls, and something like Wilfred Owen’s “Dulce et Decorum Est” or Hemingway’s A Farewell or Arms. Which is just to say Battlefield 1 isn’t interested in adding ruminative ballast. Given what it’s so deftly up to (or, if you will, not up to), there’s nothing shameful in that.” Der Autor hält dem Spiel, mit anderen Worten, also zu Gute, dass es sich nicht dafür schäme, ein Spiel zu sein. Hier schließt sich Gareth Martin von Kill Screen an: “Of course, Battlefield 1 is no less fictional than Battlefield 4, and watching five minutes of game footage will more than prove that. This is World War I reimagined as a frictionless machine, an endless breakneck charge. The question of historical accuracy seems comical when the game fails to depict reality in any sense.” Er geht aber noch einen Schritt weiter, indem er über die Rolle der SpielerInnen in diesem Zusammenhang spricht: “This is something that has become invisible to those of us who play games (and war games) on a daily basis, used as we are to the selective “realism” they choose to depict, but to anyone else this roar of sound and fury is as real as Tom and Jerry (albeit with a photorealistic sheen).”

Für seinen taz-Artikel über Battlefield 1 klopfte Autor Moritz Clauss bei der Historikerin Angela Schwarz an. Diese hält fest: “Über ein Viertel der Games mit historischem Hintergrund nutzen als Kulisse den Zweiten Weltkrieg, nur etwa 3 Prozent – vor allem in den Genres Fahrzeugsimulation und Strategie – den Ersten, so Schwarz. […] Die Grabenkämpfe des Ersten Weltkrieges zu simulieren erscheint vielen Entwickler_innen hingegen nicht besonders reizvoll. Beim Ersten Weltkrieg ist die Schuldfrage nicht endgültig geklärt. Zwar wurden im Versailler Vertrag das Deutsche Reich und seine Verbündeten für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht, doch heute beantworten viele Historiker_innen die Frage der Kriegsschuld differenzierter.” Das kann man natürlich noch einfacher herunterbrechen – und genau das macht Martina Gassner von SRF Digital in ihrer Besprechung: “Überleben und nach Hause kommen, das ist das Ziel der Soldaten. Den Krieg gewinnen? Wen interessiert’s?! Dabei gibt es keine klassischen Gut-gegen-Böse-Geschichten.”

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen
Originaltitel: Battlefield 1
Plattformen: PlayStation 4, Xbox One, PC
Genre: Shooter
Entwickler: DICE
Veröffentlicht von: EA

Rudolf Inderst

*1978 in München. Studierte Poltikwissenschaften in München und Kopenhagen. Arbeitet aktuell an seiner zweiten Dissertation. Übernimmt zusammen mit Christof Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele bei nahaufnahmen.ch. Holt sich blaue Flecken im Krav Maga. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit über 30 Jahren. Trägt gerne Bart.

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