10 Perlen aus Sinas Songkatalog

10 Perlen aus Sinas Songkatalog

Bild: Basil Stücheli

Wer die erfolgreichste Mundart-Sängerin des Landes immer noch auf „Där Sohn vom Pfarrär“ reduziert, verpasst ein riesiges Geschichtenuniversum. Nahaufnahmen.ch hat deshalb aus jedem Sina-Album eine weniger bekannte Songperle ausgewählt und Sina die Geschichten dazu erzählen lassen: Sie sind unter anderem bevölkert von Stalkern, scheinheiligen Kirchgängern und Rebbauern, die ihre Säuglinge auf dem Alabasterstein opfern.

Aufgezeichnet von Christoph Aebi

1. „Wiä Sammat und Siidu“ aus dem Album „Sina“ (1994)

Das Lied ist stark inspiriert vom Anfang der Neunzigerjahre, als ich den „DRS1-Nachtclub“ moderiert habe. Im „Nachtclub“ war es wichtig, in Kontakt mit den Hörern und Hörerinnen zu treten und sie ihre Geschichten erzählen zu lassen. Da gab es Leute, die mir sagten: „Wenn ich weiss, dass Sie die Sendung moderieren, nehme ich mir die zwei Stunden Zeit, um Ihnen zuzuhören.“ Dieser „Stimm wiä Sammat und Siidu nach Mittärnacht“, wie es später im Lied hiess. Es waren vor allem Männer, die sich möglicherweise eine ganz falsche Vorstellung von mir gemacht haben (lacht). Durch diese Reaktionen wurde mir klar, wieviel man in eine Stimme hineininterpretieren kann. Es gab in der damaligen Fernsehsendung „Herzblatt“ diese Susi, welche verschiedene Kandidaten vorgestellt hat. Man hat nur ihre Stimme gehört, doch einmal war sie im Bild. Diese Erotik in ihrer leicht heiseren Stimme stimmte überhaupt nicht mit dem Bild der etwas rundlichen Frau mit kurzen Haaren Ende Vierzig überein. Ich sah hier den Kumpel- und Bäuerinnentyp und merkte an mir selber, wie schnell man sich anhand der Stimme ein Bild von jemandem macht und damit wilde Fantasien auslöst.

2. „Kleopatra“ aus dem Album „Wiiblich“ (1995)

Ich habe zu Beginn meiner Karriere nur wenige Lieder selber geschrieben und war dankbar für gute Songvorschläge. Diese Pianoballade der Gebrüder H.P. und Dänu Brüggemann hat mich sofort berührt. Ich sah die Rosa im Song vor mir, wie sie auf einer Parkbank sitzt und gleichzeitig in einer Parallelwelt lebt. Vielleicht kommt sie nicht mehr zurecht, weil sie jemanden verloren hat oder sie hängt Vergangenem nach. In ihrer Vorstellung ist sie Kleopatra und nicht von dieser Welt. Mit dieser kindlichen Wunschvorstellung macht sie sich ihre eigene Welt wieder schön. Das Lied hat etwas unglaublich Zärtliches und Zerbrechliches.

3. „Onkil Kamil“ aus dem Album „Häx oder Heilig“ (1997)

Ich hatte in meiner Karriere bereits einige Konzerte in Werkstätten und Behindertenheimen. Sie gehören zu meinen Lieblingskonzerten, weil man nie weiss, was passiert. Irgendwann stehen die Besucher auf der Bühne und wollen mitsingen, einer dreht seine Baseballkappe um, will rappen und nimmt dir das Mikrofon aus der Hand. Diese Direktheit und Ehrlichkeit habe ich zum ersten Mal bei Onkel Kamil erlebt, dem geistig behinderten Onkel meines ersten Freundes. Er konnte Dinge sagen wie: „Du siehst schön aus. Gell, ich darf dir mal über deine Lippen fahren?“ oder „Jetzt möchte ich mit dir ein Lied singen.“ Als Teenager war ich verunsichert, aber mit der Zeit nur noch berührt von dieser ungefilterten Überschwenglichkeit. Kamil war ein wahnsinnig lieber, sanfter Mensch. Und ein grosser Musikfan. Wenn ich meinem Freund von neuen Liedern erzählt habe oder diese vorspielte, wollte er die Musik sofort laut aufdrehen und im Refrain mitsingen. Nachdem er im Altersheim bereits relativ früh gestorben ist, war es mir wichtig, einen Song zu schreiben, in dem es um ihn geht.

4. „Mondnacht“ aus dem Album „4“ (1999)

„Mondnacht“ war meine erste Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Sibylle Berg. Ich bin Sibylle damals auf eine relativ unkonventionelle Art angegangen. Ich wusste, dass sie als Journalistin für eine Zeitschrift schreibt und mir gefielen ihre Texte. So schickte ich ihr meine bisher veröffentlichten CDs und fragte sie, ob sie mit mir arbeiten möchte. Die erste Begegnung bleibt unvergesslich: Wir trafen uns in einem Café in Zürichs Altstadt und Sibylle hatte gerade einen neuen Mantel gekauft und präsentierte diesen in der Gartenwirtschaft. Wir haben uns schnell sehr gut verstanden und entdeckten Parallelen in unseren Lebensläufen: Wir haben beide unsere Mütter früh verloren und unsere Heimatregionen verlassen. Sie kam in die Schweiz und ich ging aus dem mir eng werdenden Wallis weg. Mir gefallen seit jeher Sibylles Haltung und ihre messerscharfen Analysen. Sie hat viel erlebt und einen sehr unverstellten, oft auch etwas pessimistischen Blick auf die Welt. Für mich schält sie in ihren Liedertexten aber immer wieder etwas Positives heraus.

5. „Geht in Fridu“ aus dem Album „Marzipan“ (2001)

Das Thema der scheinheiligen Kirchgänger hat mich lange nicht losgelassen. Als junge Erwachsene hatte ich Mühe, mich den kirchlichen Konventionen zu unterwerfen. Diese Gebete, die man zu Beginn einfach mitplappert und plötzlich realisiert, was man da eigentlich sagt. Wenn man das Vaterunser nicht mitbetete, wurde man von der Seite angestossen. Während der Messe war man Bruder & Schwester, danach stand jeder vor allem für sich selber ein. Oft hatte ich das Gefühl, insbesondere an Weihnachten und Ostern, der Gottesdienst sei eine einzige Modenschau. Die neusten Stiefel und Mäntel zu präsentieren stand im Vordergrund, der Rest war Beigemüse. Während der Produktion von „Marzipan“ war ich soweit, diese Ablehnung und Wut in Worte zu fassen. Pfarrer Lehner, der ehemalige Pfarrer der Gemeinde Gampel, der auf „Geht in Fridu“ aus dem Psalm 102 predigt, war der einzige Pfarrer, den ich in dieser Zeit erlebt habe, der direkt aus dem Leben gesprochen hat. Er verwendete in seinen Predigten zeitgemässe Bilder und erreichte die Menschen, indem er Dinge ansprach, die die Leute tagtäglich beschäftigen. Er war zudem ein richtig guter Entertainer. In seinen Gottesdiensten wurde applaudiert und gelacht. Als ich ihm „Geht in Fridu“ vorgespielt habe, sagte er, er habe eine passende Stelle aus der Bibel gefunden. Seine Bereitschaft, sich an meinem Lied zu beteiligen, hat mich beeindruckt, schliesslich war der Song alles andere als kirchenfreundlich. Eines Sonntagnachmittags ist er auf die Kanzel gestiegen, hat den Psalm 102 vorgetragen und ist dabei immer mehr in Fahrt gekommen (lacht). Wir haben diese Aufnahme dann in den Song eingebaut. Pfarrer Lehner war ein neugieriger und weltoffener Geist, der andere Meinungen akzeptieren konnte und über den Tellerrand schaute. Mit dieser Aufnahme lebt er weiter, auch nach seinem Tod – und damit seine Haltung, auch Andersdenkende zu akzeptieren.

Bild: Basil Stücheli

6. „Warum“ aus dem Album „All:Tag“ (2005)

Diese Geschichte ist autobiographisch und war eine sehr unangenehme Erfahrung, die harmlos mit einem Brief begann. Ich gab zu jener Zeit Unterricht als Gesangslehrerin und hatte in Zürich ein Lokal im Industriegebiet gemietet, in dem ich abends alleine war. Eines Abends lag ein Brief am Boden, den jemand durch die Eingangstüre durchgeschoben hatte. Darin stand: „Ich laufe in deinen Schuhen und ich schlage in deiner Brust. Du kennst mich noch nicht, aber du wirst mich lieben. Wir sind füreinander bestimmt.“ Ich dachte an einen Spinner und ignorierte den Brief. Dann häuften sich Briefe und Zettel und ich merkte, dass ich beobachtet wurde. Der Mann wusste, welche Kleider ich am entsprechenden Tag trug und wo ich mich bewegte – eine sehr unangenehme Vorstellung. Schliesslich hat sich der Stalker geoutet, indem er mir an Konzerten ein Geschenk machte. Er überreichte mir bei den Zugaben einen schweren Blumentopf aus Eisen, in welchem ein einziger verdorrter Zweig steckte. Nach einigen Konzerten entschieden wir, Securitas zu engagieren, die uns begleiteten und diesen unbekannten Kranken auf Distanz hielten, der zunehmend aggressiver wurde. Die Geschichte hat sich über zwei Jahre hingezogen und endete mit seinem Suizid.

7. „Schnee“ aus dem Album „In Wolkä fische“ (2008)

Es geht in diesem Lied um Abschied – von einer Person oder einer bestimmten Lebensphase. Irgendwann kommt der Moment, wo man sich von einer Vorstellung oder einem Lebensabschnitt verabschieden muss. Mir hat gefallen, dass Sibylle Berg, von welcher dieser Text stammt, das offen gelassen hat und jeder etwas anderes hinein interpretieren kann. Ich mag es, wenn einem ein Text beim erstmaligen Lesen völlig logisch erscheint, man aber beim vierten oder fünften Mal eine andere Ebene entdeckt, die vorher verborgen blieb. Manchmal verändert sich die Bedeutung eines Textes mit den Jahren und man empfindet eine Aussage ganz anders. Diese Mehrschichtigkeit eines Textes macht ein Lied zeitlos.

8. „Äso Täg“ aus dem Album „Ich schwöru“ (2011)

„Äso Täg“ ist die Geschichte von zwei Menschen, die ein Leben miteinander verbracht haben. Irgendwann ist einer von beiden nicht mehr da und der andere muss sich der Realität stellen und lernen, damit umzugehen. Ich hatte bei diesem Text meinen Vater vor Augen, als er nach Jahren der Krankheit aufgeben musste. Da geht der eine und es bleibt eine Leere zurück. Von einem prallen Leben zu zweit bleibt einem noch die Erinnerung. Der Glaube kann da helfen. Meine Grossmutter zum Beispiel war sehr gläubig und kam immer mit leuchtenden Augen vom Gottesdienst zurück. Ich habe sie beneidet um diesen Glauben und dass der Hergott schon schaut, dass es gut kommt – spätestens nach dem Tod. Dieser Glaube ist mir schon früh abhanden gekommen.

9. „Schlaf Siäss, Chleis Mämmi“ mit Stefanie Heinzmann und Erika Stucky aus dem Album „Duette“ (2013)

Der Song ist eine Adaption von „Didn’t Leave Nobody But The Baby“, bekannt geworden durch die Interpretation von Emmylou Harris, Gillian Welch und Alison Krauss auf dem „O Brother, Where Art Thou“-Soundtrack zum Film der Coen Brothers. Es gibt verschiedene Versionen dieses Songs, aber immer besticht die durchsichtige, ganz berührende, feine Art eines Schlaflieds. Entgegen der süssen Melodie steht eine massive Geschichte. Der Vater sagt zu seinem Kind: „Jetzt schläfst du für immer ein, aber wir erzählen es niemandem.“ Dann legt er die Gebeine des Kindes auf einen Alabasterstein. Die Mutter, in ihren roten Schuhen, hat das Dorf bereits verlassen, um in der Stadt Geld zu verdienen. Der Vater fühlt sich ohnmächtig und wiegt sein Kind schliesslich in den ewigen Schlaf. Für die Adaption habe ich das Lied aus den Baumwollfeldern der USA in die Rebberge des Wallis versetzt. Früher ging es auch dort vielen Menschen ums Überleben. Sie wanderten nach Kanada und Amerika aus, weil sie hier keine Zukunft sahen und bauten sich in der Fremde ein neues Leben auf. Ich kenne zwar niemanden, der in einer Notsituation ein Kind umgebracht hätte. Aber ich bin im Lötschental aufgewachsen, wo es Familien mit 14 Kindern gab. Wenn eines davon gestorben ist, gehörte das zum Leben, man hatte ja noch andere Kinder. Es ist schwer, die damalige mit der heutigen Situation zu vergleichen. Damals ging es oft einfach ums nackte Überleben.

10. „Bluämun“ aus dem Album „Tiger+Reh“ (2015)

Für dieses Lied habe ich mit dem Lötschentaler Lokalhistoriker Ignaz Bellwald zusammengearbeitet. Er ist ein unglaublicher Sammler, seine Wohnung quillt über vor uralten Papieren und Dokumenten, bei denen man manchmal das Gefühl hat, sie würden einem in den Händen zergehen. Ich habe seine Bibliothek nach Inschriften an alten Lötschentaler Häusern durchforsten dürfen. Viele dieser Inschriften sind zeitlos und beschreiben das Leben als kostbares Gut, zu dem man Sorge tragen muss. Der Mensch wird klein und unscheinbar dargestellt, aber mit einem grossen Glück, für kurze Zeit Erdbewohner sein zu dürfen. Dann wieder wird das Leben als Hauch skizziert, der einen wie ein Blatt im Wind hier- oder dorthin wehen kann. Ich habe versucht, diese starken Inschriften zu einem Text zu verdichten: „Wiä Bluämun zart/ Wiä Felsn hart/ Wiä Firnun reyn (Wie das Firmament, so rein)/ Wellt i bis i stärbun seyn“. Man spürt in den Inschriften dieser Menschen, die im Lötschental ein karges Leben unter widrigen Umständen führten, eine unglaubliche Dankbarkeit und der Glaube, dass nach dem Tod alle gleich sind. Was immer du im Leben gemacht hast und gewesen bist, spielt keine Rolle mehr. Das sieht man bis heute auf den Lötschentaler Friedhöfen: Alle Gräber sind gleich gross, alle Kreuze sind aus Holz und sehen gleich aus. Die Kreuze der Erwachsenen sind schwarz, jene der Kinder weiss. Dieses Bild ist stark, und erinnert mich selber immer wieder daran, dass es um das Jetzt geht. Das Lied widerspiegelt zudem diese mythische Stimmung im Lötschental, das auch „das magische Tal“ genannt wird. Es ist ein Kraftort abseits der grossen Touristenströme. Ins Lötschental kommen Menschen, welche Ruhe suchen. Ich kann mich im Haus meiner Grossmutter immer wieder gut mitten und Wichtiges von Unwichtigem herausschälen. Deshalb gehe ich nächstens wieder hin. Ich brauche wieder mal einen guten Sniff Lötschental.

 

„Ein Live-Konzert ist wie das Leben: Es passiert ganz viel, aber man kann nichts davon festhalten“ – Sina im grossen Nahaufnahmen.ch-Interview:

https://www.nahaufnahmen.ch/2017/03/23/interview-mit-sina/

 

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