Interview mit Sina

«Ein Live-Konzert ist wie das Leben:
Es passiert ganz viel, aber man kann nichts davon festhalten»

Bild: Pat Wettstein

Im Trio und mit einer nur an den Konzerten erhältlichen CD mit neuen Songs im Gepäck ist Sina aktuell auf „Pärlutaucher“-Tour. Nahaufnahmen.ch traf die Walliser Mundart-Sängerin an den Gestaden des Hallwilersees zum Interview. Wir sprachen mit ihr unter anderem über die Gefühle von Kopfsalaten, die im Wallis umherstreunende Wölfin F14, jugendliche Naivität, Paare in der Wiederholungsschlaufe sowie ein Crossover-Projekt mit einem aufmüpfigen Kammerorchester aus Litauen.

Von Christoph Aebi

Nahaufnahmen.ch: Sina, wie kommt man auf die Idee, ein Lied aus der Sicht eines Kopfsalates zu schreiben?

Sina: Wenn ich die fertigen Texte sehe, frage ich mich manchmal auch, aus wie vielen kleinen Puzzlesteinen Lieder entstanden sind und welches die erste Inspiration dafür war. Ich versuche gerade, mich zu erinnern, wie das mit „Chopfsalat“ war. Ah ja, genau: Im Sommer gibt es immer ganz viele Salatbuffets. Als am Tisch jemand in den grünen Salat biss und es schön knackte, fragte ich mich: „Wenn ich jetzt solch ein Salat wäre, wie würde ich mich fühlen, wenn ich wüsste, dass ich nächstens auf einem Teller lande?“ Es gibt ja diese Haltung, dass Pflanzen Schmerzen empfinden, wenn man sie im Garten abschneidet oder hinein beisst. So nahm die Geschichte ihren Anfang. Das Lied ist absurd, witzig, augenzwinkernd und passt zur Musik. Ich habe die Geschichte so transportieren können, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Das ist nicht immer der Fall. Beim kreativen Prozess ist das Texten für mich die grösste Herausforderung.

Herausfordernder als das Komponieren der Musik?

Ja. Die Musik hat sich immer weiterentwickelt und eigentlich gibt es die totale Innovation nicht mehr. Die Stile haben sich im Laufe der Zeit vermischt und ich greife auf die verschiedenen Stile zurück, je nachdem, was ich suche. Eine Melodie kann mir zufliegen, dann kann ich etwas weiterentwickeln. Beim Texten hingegen muss ich auf das Ureigene zurückgreifen. Die Verunsicherung beim Texten nimmt mit der Zeit eher zu, weil ich merke, dass eine Geschichte auf hundert verschiedene Arten funktionieren kann. Für mich ist ein Text immer ein Resultat von Zweifel und Unsicherheiten. Es ist meine persönliche Knochenarbeit. Wenn ein Text aber nach Biegen und Brechen tönt, dann lasse ich es oder ich greife auf meine Mittexter zurück, damit ein Lied die Qualität erhält, die ich mir vorstelle. Bei „Chopfsalat“ war es jedoch ein sehr flotter Prozess. Vielleicht weil wir alle diese neuen Lieder eigentlich gar nie aufnehmen wollten. Ich und meine beiden Musiker haben beim Proben der alten Songs für das aktuelle „Pärlutaucher“-Trio-Live-Programm in einem so beherzten und inspirierten Rahmen gearbeitet, dass dabei fast nebenbei neue Lieder entstanden sind. Als wir merkten, dass es für eine CD reicht, haben wir den Prozess verstärkt vorangetrieben. Wenn man etwas als Versuchsballon sieht, ist man oft leichtfüssiger unterwegs. Ich hatte keine Verpflichtung, eine CD aufzunehmen. Es hat sich einfach so ergeben.

Die auf 1000 Stück limitierte „Pärlutaucher“-CD mit sechs brandneuen Songs, einer neuen Version von „Vorstadtland“ sowie dem Polo Hofer-Cover „Im letschte Tram“ gibt es nur an den Konzerten zu kaufen. Was sagte deine Plattenfirma zu diesem Projekt?

Wenn man mehr als 20 Jahre mit derselben Plattenfirma gute und schlechte Zeiten durchwandert hat, dann wird die Verbindung enger, das Vertrauen steigt und somit auch das Verständnis für ein solches Projekt. Meine Plattenfirma merkte, dass dieses Projekt eine Herzensangelegenheit war. Wir haben die neuen Lieder im Übungsraum entwickelt und wollten sie so direkt und akustisch aufnehmen, dass die Hörer das Gefühl haben, sie sässen im Theater. Es sollte keine gebützelte Studioproduktion werden, sondern eine Art Live-CD, um den Konzertbesuchern den erlebten Abend nochmals in Erinnerung zu rufen. Das hat meine Plattenfirma verstanden. Finanziert habe ich das Projekt selber. Die Publikumsreaktionen sind sehr schön. Die Leute schätzen „Pärlutaucher“, weil die CD exklusiv ist und auch nicht im Handel gekauft werden kann. Die neuen Lieder werden auf keinem regulären Album erscheinen.

Das neue Lied „F14“ handelt von der Wölfin, die in der Augstbordregion umherstreunt und mit einem Wolf ein Rudel gebildet hat. Die Wiederansiedlung des Wolfes ist im Wallis ein sehr politisches Thema. Welche Reaktionen hast du bis jetzt auf das Lied erhalten?

Ich wurde vor negativen Reaktionen gewarnt. Bis jetzt hörte ich aber nichts Negatives. Im Gegenteil: Es gibt viele Leute, denen das Lied aussergewöhnlich gut gefällt. Es gibt ja auch keine politische Aussage und ich werte nichts, was für Polemik sorgen könnte. Ich beschreibe einfach das Grundprinzip: „Entweder fresse ich dich oder du frisst mich.“ Man könnte auch sagen: „Entweder bin ich schnell genug oder du schiesst mich ab.“ Im Grunde ist es eine Tierfabel, die eine menschliche Haltung widerspiegelt: Entweder du oder ich.

Wer im Lied die Ich-Erzählerin ist, wird nicht sofort ersichtlich.

Zuerst bin ich das. Ich lasse die Wölfin in Onkel Pauls Hütte hinein, um ihre Geschichte zu hören. Dann macht die Geschichte eine Kehrtwende, als die Wölfin sagt: „Nur Hunger macht us um ä Schattu ä Fels“. Sie ist zwar ein Schatten, eine alte Wölfin mit grauem Pelz, kann aber, wenn es ums Überleben geht, ungeahnte Kräfte bündeln. Und so ist es sie, die mich am Schluss fragt: „Fräss ich dich oder frässusch du mich?“ Die Situation könnte also in beide Richtungen kippen.

Wie in der freien Natur.

Absolut. Ich bin in Salgesch aufgewachsen und bereits als kleines Mädchen mit der Jagd in Berührung gekommen. Meine Onkel waren Jäger. Ich erinnere mich an eine Jagd, wo ich extra gehustet habe, weil mir das auftauchende Reh so leid tat. Mein Onkel hat mich danach nicht mehr mitgenommen (lacht). Später habe ich die toten Tiere im Keller gesehen, wo man sie hat ausbluten lassen. Diesen Geschmack habe ich nie mehr aus der Nase bekommen. Ich hing als Kind sehr an Tieren, hatte selber einen Hund, mein kleiner Freund Bärli. Bis heute finde ich es absolut geschmacklos, irgendwo in Afrika einen Elefanten abzuschlachten, nur um danach stolz daneben zu posieren und die Bilder an seine Facebook-Freunde zu schicken.

In den neuen Liedern gibt es viele wunderbare Textzeilen. In „18“ heisst es beispielsweise: „Nei ich wellti nimmä 18 sii/ Wa d’Absätz länger sind/ Därfir sind d’Höiptsätz umso chirzär.“ Spielst du hier auf die aktuelle Jugendsprache an?

Einerseits thematisiere ich damit die Sprache, die heute kompakter und dadurch weniger verständlich ist. Die Kürze, die ein SMS oder Twitter innehat, hat Konsequenzen. Das Morseartige lässt zum Beispiel viele Deutungen zu und führt oft zu Missverständnissen. Dann geht es im Lied um die jugendliche Naivität und das Gefühl, alles zu wissen, obwohl man noch nicht viel erlebt hat. Ich sehe das bei meinen Neffen und Nichten, die zwischen 14 und 25 Jahre alt sind und genau in dieser Phase stecken. Da geht es um den fulminanten Start ins Leben und weniger darum, Sachen zu hinterfragen. Vieles versteht man noch gar nicht. Und bis zu einem gewissen Alter kann man nicht mal etwas dafür. In Studien hat man herausgefunden, dass die Hirn-Synapsen erst im Alter von 22 Jahren vollständig miteinander verbunden sind. Wenn man also einem 18-Jährigen hundertmal das Gleiche sagen muss und dabei realisiert, dass der das womöglich noch gar nicht verstehen kann, ist das doch tröstlich (lacht).

Warst du im Alter von 18 Jahren auch so, wie du es im Lied beschreibst: Herzig, naiv, mit hundert Ideen aber keinen richtigen Plänen?

Natürlich! Als ich mit 17 ½ Jahren aus dem beschaulichen kleinen 3500-Seelen-Dorf Gampel nach Genf gezogen bin, habe ich dort eine völlig neue Welt kennengelernt. Eine andere Sprache, Menschen aus verschiedenen Nationen mit unterschiedlichen Mentalitäten. Da ist in einem positiven Sinn das Leben auf mich eingestürzt. Ich war das gut behütete Bergmädchen, ohne irgendeine Vorstellung vom Leben in der Stadt. Ich habe diese Zeit in sehr guter Erinnerung, sie war ein fulminanter Start in ein eigenständiges Leben. Meine Gitarre war dabei eine wichtige Begleiterin. Heimweh oder Dramen wie Liebeskummer habe ich mit vier oder fünf Griffen und einer ziemlich massiven pubertären Energie verarbeitet (lacht). Das hat gut getan.

Bild: Pat Wettstein

Eine weitere prägnante Textzeile gibt es im Lied „Wänn dä geisch“, das du zusammen mit Sibylle Berg geschrieben hast. „Du chänntisch nit schwimmu vo diär bis zu miär“ beschreibt perfekt die Distanz, die zwischen einem Paar herrscht. Du hast einmal erklärt, dass du Sibylle Berg eine Textidee vorgibst, sie dir einen Lauftext schreibt und du diesen dann rhythmisierst und daraus einen Songtext machst. Welche Textidee liegt diesem Lied zugrunde?

Bei diesem Song lief es ein wenig anders. Als klar war, dass wir eine neue CD machen, habe ich Sibylle gefragt, ob sie eine Geschichte für ein melancholisches Lied hätte. Da sie eine ganz fleissige Person ist, hat sie mir etwa 20 Geschichten geschickt und diese eine passte perfekt. Man sieht oft Paare, die sich alles schon gesagt haben. Man lebt in der Wiederholungsschlaufe und die Rillen sind so tief, dass man nicht mehr herauskommt. „Wagt einen Neuanfang!“, ist die erste Reaktion. Aber es ist halt einfacher, man bleibt stumm zusammen, als sich nochmals aufzuraffen. Man braucht Mut und Kraft, neu anzufangen. In diesem Lied geht der Partner schliesslich. Zum Schluss bleibt die Quintessenz der Protagonistin: „Eigentlich könnte ich jetzt alles tun, was ich schon immer tun wollte.“ Viele kennen dieses Festsitzen – eine Beziehung frisch zu halten und sich selbst dabei nicht abhanden zu kommen, ist eine echte Herausforderung. Für jedes Paar.

Dein Partner ist ebenfalls Musiker.

Genau, das Schöne ist, dass wir über die Musik eine zusätzliche Verbindung haben und auch keinen fest getakteten Tagesablauf. Das hält die Beziehung in Schwung. Trotzdem kann natürlich auch ich die Hand nicht ins Feuer legen, dass die Beziehung hält. Aber es sieht ganz danach aus, dass wir uns auch in 20 Jahren noch gemeinsam den Sonnenuntergang am See anschauen.

Die Musik des Liedes, die ein wenig an den Jazz-Klassiker „Fever“ erinnert, steht in einem starken Kontrast zur Kälte in der Beziehung, die im Text beschrieben wird. Hast du diesen Kontrast bewusst gewählt?

Das ist eine gute Frage. Die Lieder so umzusetzen, dass Musik und Text eine Einheit ergeben, benötigt viel Zeit. Bei „Wänn dä geisch“ haben wir mehrere Versionen ausprobiert, bis wir schliesslich merkten: „Jetzt bekommt das Lied eine Kraft und fängt an, zu leben.“ Aber auch die Suche nach der richtigen Instrumentierung für die alten Lieder, die wir für das „Pärlutaucher“-Trio-Programm neu arrangiert haben, war aufwendig. Meine Mitmusiker Peter Wagner und Michael Chylewski sind Keyboarder und Bassist. Wir merkten, dass viele Songs in dieser Besetzung unzureichend funktionierten. Deshalb suchten wir nach einer Kargheit, ohne dass das musikalische Skelett auseinanderfällt und auf der anderen Seite wollten wir den Liedern mit den richtigen Instrumenten Farbtupfer verleihen. Insgesamt spielen wir, wenn man meine Mundharmonika mitzählt, zwölf Instrumente. Auch deshalb ist diese zweite Trio-Tour keine Wiederholung der ersten. Es gibt neue Songs, neue Instrumentierungen sowie verschiedene Visuals auf einer Leinwand.

Der Film zum neuen Lied „Elvis“, das du mit dem Autor und Kabarettist Ralf Schlatter getextet hast, ist besonders gelungen. Woher kam die Inspiration für das Lied, in das ihr die ganze Lebensgeschichte dieses Kellners namens Elvis sowie eine Referenz an den Elvis-Song „Love me Tender“ gepackt habt?

Ich habe Ralf Schlatter gesagt, welche Art von Geschichten ich gerne hätte. Er hatte den Text zu Elvis bereits geschrieben und schickte mir diesen auf mehreren A4-Seiten. Meine Arbeit war es, den Text zu komprimieren und rhythmisch anzupassen. Dann sollte es sich zwischendurch reimen, um einen guten musikalischen Flow zu erzeugen. Die Geschichten von Ralf gefallen mir extrem gut, weil sie Alltäglichkeiten beschreiben, denen aber oft auch ein kleines Drama zugrunde liegt. Auch „Elvis“ ist eine Alltagsgeschichte mit Tiefe. Dieser Kellner, der versucht hat, den Ansprüchen seiner Familie gerecht zu werden, die eine so enge Beziehung zum Sänger Elvis hatten, dass auch ihr Sohn so heissen musste und möglichst auch noch wie Elvis aussehen sollte. Die Eltern fragten sich: „Wieso spielt er eigentlich nicht Gitarre? Er könnte zudem öfters seine Songs üben.“ Mir hat gefallen, dass dieser Elvis im Text von Ralf trotz aller Erwartungen seine wahre Bestimmung gefunden hat. Er wurde Kellner und hatte die Musik im Herzen, mehr ist da nicht, mehr braucht es nicht. Dazu hatte er diesen wahnsinnigen Hüftschwung, den man erst so richtig zur Kenntnis nahm, wenn er die Schwingtüre öffnete (lacht).

Im aktuellen Live-Programm singst du „50 Ways to Leave your Lover“ von Paul Simon. Du sagtest im Konzert, du hättest das Lied gerne aufgenommen, aber Paul wolle seine Erlaubnis dafür nicht geben.

Ja, das ist absolut nicht erfunden. Paul Simon ist – wie übrigens auch Sting – dafür bekannt, dass er seine Songs und deren Rechte nicht weitergeben will. Diese Haltung musste ich akzeptieren. Aber sie hat mir die Steilvorlage für die Geschichte gegeben, mit der ich das Lied einleite. Paul Simon hatte kürzlich ein Konzert im Hallenstadion und ich habe mein Publikum immer aufgefordert, nicht ans Konzert zu gehen. In meiner Geschichte sind die dann auch nicht hingegangen und der Saal war halb leer. Nach dieser Story spiele ich meine auf Walliserdeutsch adaptierte Live-Version des Liedes, die im Trio sehr viel Spass macht. Es muss nicht immer alles auf einer CD verewigt sein. Wenn die Stimmung eines Konzertes im Moment wirkt und dann verpufft und nicht fassbar ist, hat das etwas Magisches. Ein Live-Konzert ist wie das Leben: Es passiert ganz viel, aber man kann nichts davon festhalten.

Sowohl auf der „Pärlutaucher“-CD als auch im Live-Programm singst du „Im letschtu Tram“ von Polo Hofer. Was berührt dich an diesem Lied am meisten?

Das Lied berührt mich nicht erst, seit Polo ein gewisses Alter erreicht hat und damit auch eine Zerbrechlichkeit. Die Zukunft ist kürzer als die Vergangenheit. Das geht mir ja auch so. Aus dieser Perspektive empfindet man das „letzte Tram“ anders als mit 25, wo einem noch ein langer Weg offensteht. Mir gefällt die Vielschichtigkeit, mit der Polo diese letzte Reise zu sich selbst und Richtung Endstation beschreibt. Er hat eine sehr präzise Beobachtungsgabe und nimmt das letzte Tram als Metapher für die Reise durchs Leben bis zum Schluss. Ich habe Polo als eher verschlossen kennengelernt, aber in einigen seiner Lieder gibt es Momente, in denen seine emotionale Seite aufblitzt, so auch bei „Im letschte Tram.“

Euch verbindet eine langjährige musikalische Freundschaft. Polo adaptierte Lieder für dich, ihr habt zusammen Duette gesungen. Erinnerst du dich an eure erste Begegnung?

Ja, weil wir einen etwas harzigen Start hatten. Wir hatten uns in seiner damaligen Stammbeiz, dem Aarbergerhof in Bern, verabredet. Ich habe 45 Minuten gewartet und weil ich damals noch kein Handy hatte, habe ich ihn schliesslich aus einer Telefonkabine angerufen. Ich hörte, dass er noch im Bett lag und gerade erst erwacht war. Polo sagte, er stehe quasi vor der Türe. Nach einer weiteren Stunde habe ich ihn dann erneut angerufen. Er antwortete, ich solle nicht stressen, er käme gleich. Als er nach zwei Stunden endlich eintraf, gab es keinen Zweifel mehr – ich hatte Polo aus dem Bett geholt. Wir haben dann gleich begonnen, über die Adaption von Dusty Springfields „Son of a Preacher Man“ zu diskutieren. Er hatte zu Beginn Bedenken, weil es im katholischen Wallis offiziell keine Pfarrerssöhne gibt. Polo fand das Thema heikel – erst das Produzententeam konnte ihn überzeugen und so entstand schliesslich der „Där Sohn vom Pfarrär“. Polo ist ein Meister der Adaption. Er kann unglaublich gut Geschichten so in unser soziales Umfeld versetzen, dass sie nachvollziehbar sind. Das geschah auch mit der Geschichte der Tallahatchie Bridge aus „Ode to Billie Joe“ wo er für „Fär ds Franz-Josi“ die Ganterbrücke in Brig ins Zentrum stellte.

Bild: Pat Wettstein

Hast du dich mit deinen Musikern, um dein neues Live-Programm „Pärlutaucher“ zusammenzustellen, beim Tauchgang nach Songperlen treiben lassen, um verschollenes Liedgut zu finden oder seid ihr ganz gezielt dorthin getaucht, wo ihr Perlen vermutet habt?

Aus mittlerweile über 150 Songs deren 18 für einen Konzertabend auszuwählen, ist eine schöne, aber auch schwierige Aufgabe. Ich habe deshalb im Vorfeld bereits einen ersten Tauchgang alleine gemacht. Die Vorauswahl habe ich meinen Musikern präsentiert und das eine oder andere Lied haben wir dann gestrichen. Dann fingen wir an, die ausgewählten Lieder zu polieren. Da kann man richtig ins Fieber kommen. Mein Bassist Michael Chylewski polierte zum Beispiel seine Trompete und erzählte mir, wie er diese erneut zum Klingen gebracht hatte. Es sind diese kindliche Aufregung und die Neugierde, etwas Neues ausprobieren zu dürfen, die am Anfang eines Projekts stehen und sehr beflügeln können.

„Abär zärtlich bisch du nit“ habt ihr besonders stark umarrangiert und mit „Nacht mit diär“ verbunden.

Ich wollte, dass die Songs anders tönen als im Original und man nicht gleich zu Beginn merkt, in welche Richtung es geht. In „Abär zärtlich bisch du nit“, der Adaption eines Textes von Kurt Tucholsky, geht es um eine Frau, die bei ihrem Geliebten die Zärtlichkeit vermisst. Dieses Lied sollte gegen Ende eine eruptive Energie verströmen. Man sollte merken, dass die Person daran leidet, dass die Beziehung nicht funktioniert. Deshalb fährt am Schluss das Schlagzeug ein, fällt zusammen und es übernehmen Mundharmonika und Bass, die fast schon versöhnlich in „Nacht mit diär“ überführen. Live eine musikalische Dramaturgie aufzubauen ist eine besondere Aufgabe. Mit der entsprechenden Reihenfolge und Überleitung gibt man dem Abend Schwung oder bremst ihn bewusst abrupt ab.

Du arbeitest oft an mehreren Projekten gleichzeitig. Ich habe gelesen, dass du wieder eine Anfrage für die Komposition einer Filmmusik hast sowie ein Crossover-Projekt mit einem litauischen Orchester vorbereitest.

Das Filmmusik-Projekt musste ich leider absagen, das Crossover-Projekt aber läuft. Der künstlerische Leiter des Festivals „klangantrisch“ in Riggisberg, der Dirigent Kaspar Zehnder, fragte mich an, ob ich diesen Sommer mit dem litauischen „Klaipeda Chamber Orchestra“ einen Abend gestalten möchte. Ein aufmüpfiges Orchester, sehr offen für Kooperationen. Zwei Arrangeure sind nun daran, zehn meiner Lieder für Kammerorchester zu arrangieren. Am Konzert begleitet mich Patricia Draeger, eine herrliche Akkordeonistin, virtuos und in vielen Stilen daheim – sie ist meine Band und bringt Groove in die Sache. Ein Teil des Konzertprogramms wird aus meinen Liedern bestehen, für die zweite Hälfte hat das „Klaipeda Chamber Orchestra“ eigene Ideen. Die „Nixen“, ein Streichquartett aus Deutschland, werden ebenfalls einen Teil des Abends bestreiten. Zum Proben werden wir nicht gross kommen. Kurz vor dem Konzert wird es zwei Durchläufe geben, dann geht es los.

Wie sieht es mit Plänen für ein neues Studio-Album aus?

Ich brauche noch ein bisschen Zeit und Musse, um herauszufinden, in welche Richtung es weitergehen soll. Vielleicht gibt es eine projektbezogene CD: Ich will schon lange American Standards, aber auch Liedgut aus der Schweiz, auf Walliserdeutsch vertonen. Vielleicht ist es aber auch Zeit für eine neue CD mit eigenen Songs. Ein paar Ideen gibt es, aber es ist noch nichts ausgereift. Eventuell gibt es eine neue Bandbesetzung. Ich kann mir beim Songwriting auch vorstellen, über ein Internetportal mit Leuten zu arbeiten, die ich nicht kenne. Ich auf dem Balkon meiner Grossmutter im Lötschental und eine Gitarristin in einem Wohnzimmer in Nashville. Das klingt doch nach einem spannenden Experiment, oder ?

Auf jeden Fall. Trotz aller Veränderungen ist seit Beginn deiner Karriere Thomas Fessler an der Produktion deiner Alben beteiligt. Wird er auch beim nächsten Studio-Album wieder dabei sein?

Beim ersten Album war Thomas als Gitarrist dabei, hat dem damaligen Tonmeister aber bereits kräftig in die Regler gelangt, wenn er das Gefühl hatte, es sollte ein bisschen anders tönen (lacht). Seit dieser Zeit ist er einer meiner ältesten Freunde und mein Produzent. Es heisst ja: „Never change a winning team.“ Ich arbeite ebenfalls seit Beginn meiner Karriere mit derselben Plattenfirma zusammen. Diesbezüglich kann man sich schon die Frage stellen, welche Aufgabe eine Plattenfirma in der heutigen Zeit noch hat. Da gibt es aktuell ganz viele andere Möglichkeiten. Wir werden sicher in den nächsten Monaten unsere Zusammenarbeit nochmals neu definieren und sehen, was alles drinliegt. Eigentlich bin ich ja eine treue Seele. Ich kann erst „Tschüss“ sagen, wenn es einen wirklich triftigen Grund gibt.

10 Perlen aus Sinas Songkatalog:

Nahaufnahmen.ch hat aus jedem Sina-Album eine weniger bekannte Songperle ausgewählt und Sina die Geschichten dazu erzählen lassen:

https://www.nahaufnahmen.ch/2017/03/23/10-perlen-aus-sinas-songkatalog/

Sina Live:

Die letzten Konzerte der „Pärlutaucher“-Trio-Tour und somit die letzten Gelegenheiten, eine der limitierten „Pärlutaucher“-CDs zu ergattern:

Mi, 03. Mai 2017          Basel, Parterre

Fr, 12. Mai 2017            Häggenschwil, Kultur im Bären (ausverkauft)

Sa 13. Mai 2017            Häggenschwil, Kultur im Bären (ausverkauft)

Fr, 19. Mai 2017            Visp, La Poste

www.sina.ch/de/live

Auftritt am Klangantrisch-Festival mit Patricia Draeger, Die Nixen, dem Klaipeda Chamber Orchestra und Kaspar Zehnder:

Sa, 10. Juni 2017            Riggisberg, Konzerthalle

https://klangantrisch.ch/2016/07/25/programm-2017/

 

 

 

 

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