Ayahuasca – Medizin oder Droge?

Die Pflanze der Geister

Ayahuasca – ein psychedelisches Gemisch aus Urwaldpflanzen – bringt überforderten Menschen das Glück zurück. Immer öfters auch im Westen. Der bewusstseinserweiternde Pflanzensud soll Menschen ganzheitlich heilen. In den Amazonasregionen wird das Gebräu als Medizin eingesetzt, in der Schweiz zählt Ayahuasca zu den illegalen Drogen.

Die “Liane der Geister” Banisteriopsis caapi ist eine Hauptzutat für Ayahuasca.

Seit Jahrhunderten wird das pflanzliche Halluzinogen Ayahuasca im Amazonas in religiösen Zeremonien von den heimischen Ethnien konsumiert. Dies lockte zahlreiche Touristen in die Urwaldgebiete. Sie nahmen an Ayahuasca-Zeremonien teil, um als bessere oder gesündere Menschen in den gestressten Westen zurückzukehren. Und seit einigen Jahren vergrössert sich das Einzugsgebiet von Ayahuasca weiter: Das Pflanzengemisch wird mittlerweile nicht nur in Metropolen wie New York konsumiert, sondern auch in der Schweiz angeboten.

Die spirituelle Kur von drei Tagen ist wohl deshalb so beliebt, weil sie verspricht, Fragen zur persönlichen Prioritätensetzung zu klären, die laut Tatatonga – einer Website, welche spirituelle Reisen anbietet – durch „die unnatürliche Lebensweise in der sogenannten Zivilisation“ ins Ungleichgewicht geraten ist.

Die Entführung in andere Welten
Die Rituale in der Schweiz werden nach dem Vorbild der Amazonasindianer gestaltet. Meist führen ein bis zwei Schamanen aus dem Amazonas durch die Zeremonie, an der eine Gruppe von Heilungssuchenden teilnimmt. Der Ayahuasca-Trip dauert mehrere Stunden, doch kann die Therapie schon einige Tage vor dem Konsum beginnen.

Dabei werden auch alternativmedizinische Praktiken wie Reiki oder Klanggabeltherapien angewendet, welche die Energieströme des Körpers ins Gleichgewicht bringen sollen. Sie reduzieren den physischen und psychischen Stress des Alltags und ermöglichen den Teilnehmern, entspannt an der Ayahuasca-Zeremonie teilzunehmen. Kurz vor dem Konsum wird die Haut mit sogenanntem Agua Florida (Blumenwasser) gereinigt und so vor schlechten Umwelteinflüssen geschützt.

Die innere und äussere Reinigung des Körpers ist ein zentraler Bestandteil der Zeremonie. Die Partizipierenden müssen vor und nach dem Konsum für einige Tage eine Diät einhalten, die Lebensmittel wie Zucker und Salz verbietet. Die innere Reinigung wird komplettiert, indem der Schamane kurz vor Beginn des Ayahuasca-Trips reinen Tabak auf die Schleimhäute der „Patienten“ pustet.

Nun sind die Teilnehmer für die „Medizin“ – wie die Pflanzenmischung von den Schamanen genannt wird – bereit. Die Mengen werden individuell abgemessen, so dass auch Kinder an der Zeremonie teilnehmen können. Konsumenten berichten, dass der Trank nach Erbrochenem und abgelaufener Milch schmecke, so als ob jemand darin gestorben sei. Eine halbe Stunde nach der Einnahme müssen die Teilnehmer erbrechen, danach beginnt der Trip.

Der beste Psychologe der Welt
Ayahuasca wirkt bewusstseinsverändernd und die Konsumenten verbringen mehrere Stunden in vielen verschiedenen Welten. Der Bezug zur Realität geht aber nicht komplett verloren, die Teilnehmer wissen zu jedem Zeitpunkt, wer und wo sie sind. Doch der Trip kann nicht gestoppt werden.

Konsumenten wie der Schweizer Dokumentarfilmer Samuel Bürgler berichten, dass der Trip einerseits faszinierend und erleuchtend, andererseits aber gleichzeitig die schlimmste Erfahrung ihres Lebens war. Es werde einem jedoch bewusst, wie das zukünftige Leben weitergelebt werden soll, welche Menschen wichtig sind und was zum Glück im Leben beiträgt. Nach dem Trip fühlen sich die Konsumenten gereinigt und voller Energie.

Laut einem Schamanen aus dem Amazonas ist Ayahuasca „der beste Psychologe der Welt“, weil der Pflanzentrank auf der physischen, psychologischen und spirituellen Ebene ansetzt. Die Schamanen behaupten, dass sie dadurch alle Krankheiten heilen können, seien sie körperlicher oder psychisch-spiritueller Natur. Die Erfolge in psychologischen Therapien geben dem Sud Recht, doch ist nach wie vor eine grosse Skepsis vorhanden, nicht zuletzt, weil Ayahuasca beziehungsweise der Inhaltsstoff DMT in vielen Ländern verboten ist.

Die Pflanzenseele: DMT
Ayahuasca wird aus drei Pflanzen zusammengebraut: Der Ayahuasca-Liane (Banisteriopsis caapi), die auch Liane der Geister genannt wird, und aus den Blättern der Tropenpflanzen Chacruna und Chaliponga. Die Liane wird zuerst weichgeschlagen und danach zusammen mit den Blättern zu einem Sud eingekocht.

Strukturformel von N,N-Dimethyltryptamin – dem Wirkstoff aus Chacruna (Psychotria viridis).

Die Chaliponga-Blätter enthalten das Halluzinogen Dimelthyltryptamin (DMT). Dieses ruft die Bewusstseinserweiterung hervor. Im menschlichen Körper ist DMT in geringen Mengen vorhanden und wird im Schlaf ausgeschüttet. Zudem enthält der Sud sogenannte Harman-Alkaloide, die den Abbau von DMT verlangsamen.

Ayahuasca wird oftmals mit LSD verglichen, welches ebenfalls zu den Halluzinogenen zählt. Im Gegensatz zu LSD bleibt der Bewegungsapparat mit Ayahuasca unter bewusster Kontrolle des Konsumenten. Und auch die unerwünschten körperlichen Veränderungen sind bei Ayahuasca viel milder als bei LSD, bei welchem der Konsument unter anderem über Sehstörungen, starkes Schwitzen und Herzklopfen klagt. Bis auf Erbrechen und Durchfall sind unter Ayahuasca bislang keine unerwünschten Effekte beobachtet worden und es soll gemäss Schamanen auch nicht abhängig machen.

Der Grat zwischen Medizin und Droge
Dennoch fällt DMT, ein Bestandteil von Ayahuasca, in der Schweiz unter die Halluzinogene und wird im Betäubungsmittelgesetz als illegal deklariert. In Brasilien hingegen wurde die Pflanzenmischung im Jahr 2006 legalisiert und von der Liste der halluzinogenen Drogen gestrichen. Ayahuasca darf aber nur für zeremonielle Zwecke verwendet werden, der Gebrauch wird von den Behörden kontrolliert.

Zudem dürfen Amazonasindianer die Pflanze als Medizin verwenden. Dieses Recht haben sie sich auf juristischem Weg erstritten. Auch hat Ayahuasca in Südamerika eine lange Tradition. Sie ist ein fester Bestandteil in religiösen Zeremonien und hat für die Menschen des Amazonasgebiets eine tiefe Bedeutung.

Droge oder Medizin (oder etwas dazwischen) – Bei psychedelischen Substanzen wie Ayahuasca scheiden sich die Geister. Doch die Zahl der Konsumenten des Gebräus aus Urwaldpflanzen könnte in Zukunft im Westen zunehmen. Dies zwingt Wissenschaft und Medizin, Behörden und Bevölkerung sich mit der Pflanze und nicht zuletzt auch mit der Drogenpolitik auseinanderzusetzen.

Erfahrungsberichte im Netz:
“Ich sah Gott, ich war Gott…”
“In der Kotzhütte…”
“Der Schamane von Arosa”  SRF-Reporter-Sendung zum Thema Ayahuasca

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