Die Geschichte vom Nutzen und Schützen des Waldes

Der Superwald

Heute beschränkt sich die wirtschaftliche Bedeutung der Waldnutzung im Wesentlichen darauf, Holz zu gewinnen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein, spielte der Wald jedoch auch eine bedeutende  Rolle für die Versorgung der ländlichen Bevölkerung: Er war Quelle für zahlreiche Produkte des täglichen Lebens.

Gesammelte Tannenzapfen werden abtransportiert

Nüsse, Beeren und Pilze: Für die Menschen vom Mittelalter bis ins 19. oder gar 20. Jahrhundert waren diese Nahrungsmittel aus dem Wald nicht bloss eine willkommene Abwechslung für den Speisezettel sondern notwendige Aufbesserung der kargen Mahlzeiten.

Neben Nahrung für Menschen bot der Wald auch Tierfutter: Das Mästen von Schweinen im Wald blickte auf eine jahrhundertelange Tradition zurück, bevor es zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach und nach aufgegeben wurde. Noch einige Jahrzehnte länger trieben vornehmlich ärmere Leute mangels Weideland ihre Ziegen und Schafe in den Wald.

Auf Laub gebettet
Dort taten sich die Tiere an allem gütlich, was grünte: Laub- und Nadelbaumäste, Gräser und Efeu, Farne und Brombeerstauden. Zudem trug die Bevölkerung die genannten Pflanzen aus den Wäldern, um sie dem Vieh zu füttern oder als Streu zu verwenden.

Sammeln von Buchenlaub in Flums SG (Bild: Schweizerisches Institut für Volkskunde, Basel)

Zudem holten die Menschen auch Laub für ihre Betten oder Harz aus den Wäldern. Letzteres fand vielfältige Verwendung: Zum Abdichten von Booten und Fässern, als Heilmittel oder zum Entfernen der Borsten beim Schweineschlachten. Vor allem in den Berggebieten sammelten die Menschen Laub und Nadeln ein, um ihre Kartoffelgärten zu düngen. Daher waren vom Bodenlaub leer gefegte Wälder im 19. Jahrhundert keine Seltenheit.

Der offene Wald
Diese vielfältige Nutzung des Waldes wirkte sich auch darauf aus, welche Pflanzen dort wachsen konnten. In den parkähnlichen offenen Wäldern gediehen licht- und wärmeliebende Pflanzen, die in den heutigen, vergleichsweise dunklen Wäldern kaum mehr anzutreffen sind. Und dass die Menschen Laub, und Nadeln aus dem Wald entnahmen, ermöglichte es zahlreichen Pilz- und Moosarten zu gedeihen, die im bedeckten Waldboden von heute viel zu wenig Licht erhalten.

Auch die Fauna des Waldes veränderte sich über die Jahrhunderte. Alte oder abgestorbene Bäume bieten Nisthöhlen für Vögel oder Fledermäuse. Zahlreiche Insekten-Arten sind zum Überleben auf Totholz angewiesen. Solche Elemente fehlten in all zu aufgeräumten Wäldern genau so, wie heute im für die Holzwirtschaft intensiv genutzten Forst.

Die dörfliche Nutzung des Waldes unterlag aber auch Regeln: So war durch die Gemeinde festgelegt, wer wann und zu welchem Zweck bestimmte Bäume fällen durfte. Eichen und Buchen, die mit ihren Früchten Tierfutter lieferten, standen unter besonderem Schutz, desgleichen Wildobstbäume. Jungwuchs wurde eingezäunt, um ihn vor hungrigen Ziegen oder Wild zu schützen.

Bis zum letzten Tier
Tatsächlich sah die Bevölkerung in der Wildtierpopulation oft Konkurrenz und Gefahr. So betrachtete man Eichhörnchen und Tannenhäher als Forstschädlinge. Manche Kantone bezahlten bis ins zwanzigste Jahrhundert Prämien für tote Vögel wie Eichelhäher, Uhus oder Krähen. Auch für das Töten von Säugetieren gab es Geld.

Eichhörnchen – einst ein gejagtes Tier (Bild: Toivo Toivanen & Tiina Toppila)

Insbesondere mit dem Aufkommen von Schusswaffen intensivierte sich die Jagd. Hauptsächlich ins Schussfeld von Jägern gelangte das Hochwild wie Bären, Steinböcke oder Hirsche. Auch die einfache Bevölkerung beteiligte sich an der Jagd. Sie stellte in erster Linie Hasen und Vögeln aller Art nach.

Nicht verwunderlich, dass zum Beispiel Hirsch, Wolf und Luchs ausgerottet wurden. Aber auch von Tieren, die heute wieder zahlreich anzutreffen sind, blieben zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch Restbestände: Reh und Gämse, Graureiher und Kolkrabe waren kaum mehr anzutreffen.

Das als „nützlich“ angesehene Wild wurde im 1876 in Kraft getretenen Bundesgesetz über Jagd und Vogelschutz (Jagdgesetz) unter  einen gewissen Schutz gestellt. Hingegen dauerte es noch Jahrzehnte, bis auch zuvor als „schädlich“ betrachtete Tierarten vor der Bejagung ausgenommen wurden. Und erst seit 1962 sind unter anderem Wildkatze und Luchs geschützt.

Begehrtes Holz
Auch der Schutz des Waldes blickt auf eine lange Geschichte zurück. Im 18. Jahrhundert war Holz ein sehr gefragtes Produkt: Vor allem zum Heizen aber auch für die energieintensive Herstellung von Glas oder Ziegeln, für die Produktion von Holzkohle oder für den Bau. Waldbesitzer holten grosse Mengen Holz aus den Wäldern oder rodeten den Wald gleich ganz. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Waldfläche der Schweiz einen historischen Tiefstand erreicht.

Waldeisenbahn im Sihlwald (ZH) um 1890

In dieser Zeit folgte jedoch eine Wende in zweierlei Hinsicht: Die Einfuhr ausländischer Rohstoffe wie (fossiler) Kohle liess die Nachfrage nach Holz sinken. Zudem begann sich die Forstwissenschaft zu etablieren: Holz wurde zum wichtigsten Erzeugnis des Waldes und dessen Produktion sollte nachhaltig erfolgen. Das bedeutet, dass nur soviel Holz geschlagen werden darf, wie nachwächst.

Zum Umdenken trugen auch Ereignisse bei, wie eine Folge von verheerenden Überschwemmungen in den Jahren 1827 bis 1876. Darin erkannten Zeitgenossen eine Folge der Waldnutzung in den Jahrzehnten zuvor, als viel zu viel Holz geschlagen wurde. Hydrologen hatten zudem gezeigt, wie wertvoll der Wald als Wasserspeicher war und seine Funktion als Schutz gegen Erosion rückte wieder ins Bewusstsein.

Waldschutz am Schutzwald
Die Behörden verfügten umfangreiche Aufforstungen. Das erste Gesetz zum Schutz des Waldes (Forstpolizeigesetz) mit dem Gebot der Walderhaltung trat 1876 in Kraft. Die Waldfläche sollte in den folgenden Jahrzehnten bis zur Gegenwart stetig wachsen.

Auch heute ist aus wirtschaftlicher Sicht der Wald in erster Linie Lieferant für Holz. Dieses ist gefragt als Energieträger zum Heizen und in Kraftwerken, wird weiterverarbeitet zu Baumaterial und Möbeln oder gelangt in die Papier- und Kartonproduktion.

Hohe Kosten und ungünstiger Wechselkurs machen jedoch Schweizer Holz im Vergleich zum ausländischen wirtschaftlich unattraktiv. Kein Wunder ist die Holzernte ist in der Schweiz finanziell kein lohnendes Geschäft. Aber weil der Wald vielerorts nicht bloss Holz liefert sondern auch als Schutzwald dient, wird dessen Pflege und Unterhalt von Bund und Kantonen finanziell unterstützt.

Zudem ist der Wald heute wieder eine Art Supermarkt – oder vielmehr – der Zeit entsprechend – ein Dienstleistungszentrum. Wir suchen Erholung auf einem Waldspaziergang, sportliche Betätigung auf dem „Vita-Parcour“, Geselligkeit in der Waldhütte oder einen Kick auf der Bike-Spur. Dass darunter die Natur und  die wirtschaftliche Nutzungen nicht zu stark leiden, ist die Herausforderung für die Zukunft.

 

Vorischt: mehrfache Nutzung – Der Wald muss vielen Anforderungen gerecht werden.

Links
Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL: Traditionelle Nutzung des Waldes (mit weiteren Bildern)
Informations- und Kommunikationsplattform waldwissen.net (Umfangreiche Seite zum Thema Wald)
Verband der Waldeigentümer: Wald Schweiz (Ausführliche Seite zu den Themen Wald und Holz)
Bundesamt für Umwelt: Thema Wald und Holz
Bundesamt für Statistik: Thema Forstwirtschaft
Historisches Lexikon der Schweiz: Geschichte des Schweizer Waldes

Literatur
Martin Stuber, Matthias Bürgi: Hüeterbueb und Heitisträhl – Traditionelle Formen der Waldnutzung in der Schweiz 1800-2000. Bristol-Schriftenreihe, Bd. 30. Bern; Haupt;  2011.
Thibault Lachat, Daniela Pauli, Yves Gonseth, Gregor Klaus, Christoph Scheidegger; Pascal Vittoz Thomas Walter (Red.): Wandel der Biodiversität in der Schweiz seit 1900 – Ist die Talsohle erreicht? Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Stuttgart, Wien, Haupt; 2010.

 

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