Silberblicke in die Geschichte

Silberblicke in die Geschichte

Ein kleines philosophisches Gedankenexperiment

Wie kam das Silber in die Welt? Und wie bekam es seinen abstrakten Wert zugesprochen, der stets nur den Zweiten zu küren erlaubt? Das sind zwei Fragen, denen man soweit nachgehen kann, bis man eine kleine Kulturgeschichte des  Menschen und seines Bewusstseins sich vor einem entfalten sieht.

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

Versieht man sich also zuerst mit dem Silber-Blick, um zu einer neuen Sicht der Dinge zu gelangen. Der Trick? Wie ging er nochmal? Den zweiten Blick zu riskieren wohl, um Silber-Silben zu zaubern: denn Reden ist bekanntlich Silber und sein stummer Bruder, das Schweigen, hingegen das gemeinhin überschätzte Gold. Und so wird auch Lesen – Silbe für Silbe – zum Gegenstück, um das Schreiben in silbern blitzende Silbenspiele umzumünzen, wenn man liest – was stets nur den Zweiten ziert: verzauberte Silber-Silben eben.

 

Vorgedanken

Apropos dem Zweiten und dem bei weitem am weitesten zweifelnden Denker der Geschichte: Edmund Husserl, der alte Knabe. Strich er sich damals seine Welt also auf ein vermeintlich sicheres Fundament zusammen zu einem reinen Ich, das sich nun in ein höchst vertracktes und abstraktes Verhältnis zur Welt setzt: nur um diese daraufhin wieder aufzubauen auf einem vermeintlich sicheren Grund soweit: alles – auch die ganze Welt um ihn herum –  in dieses Ich aufzulösen und nur noch seine Erfahrung und dessen Wahrnehmungen für bare Münze zu nehmen. Pardon! Silbermünze. Und so spiegelt sich in Husserls Silberblick die goldene Glut aus dem Feuer einer erkaltenden Philosophie in einem hübschen Gedanken-Kristall: Denn er stützte sich auf die Überlegungen von René Descartes – ihm gebührt soweit das Gold als dem Begründer der Neuzeitlichen Philosophie des Abendlandes. Husserl nützte mit seinem zweiten Blick dessen Perspektive der Erkenntnis dermassen geschickt, dass am Ende Descartes allseits bekannter Spruch: „Ich denke, also bin ich“ seine Übersetzung und Entsprechung im 20. Jahrhundert gefunden hatte – und die Phänomenologie feierte ihre Geburtsstunde und Auferstehung.  Der phänomenologische Blick, der alles wegreduziert, was nicht Ich (oder eben dieses cogito) ist, taugt er hier zu unserem kleinen Experiment? Denn machen nicht umgekehrt all die uns umgebenden Sinne und Dinge den Sinn dieses Ichs aus? So haben wir uns auf der Suche nach dieser neuen Erfahrung schliesslich und endlich unseren eigenen Werten und Wertvorstellungen, die wir der Welt um uns herum zuschreiben, zuzuwenden.

 

Blick zum Anfang

Also wagen wir den zweiten quecksilbernen Blick in die Geschichte: Silber ist letztlich, sobald es aus der Erde geschürft wurde, zunächst ein Wert – sehr abstrakt in gewissem Sinne, aber es ist einer. Wie in dem kleinen Abriss zu Beginn bereits vorweggenommen, soll also von der ganz basalen Annahme ausgegangen werden, dass es ohne das menschliche Bewusstsein auch keine Wertvorstellungen und somit auch kein Silber – das Symbol zweiten Ranges – geben würde. Das Bewusstsein geht also den Wertvorstellungen voran und und nicht umgekehrt. Nicht eine Silbe wäre darauf zu verschwenden. Oder? Denn mann kann im Gegenzug davon ausgehen, dass jene Werte in einem engen Zusammenhang mit der Ausbildung eines differenzierten und differenzierenden Bewusstseins stehen. Und so verdankt Silber und sein ihm zugesprochener Wert sein Erscheinen, sein Dasein den bewussten Akten und der schöpferischen Erfindung durch den Menschen, was mit jenem evolutionären Schub einhergeht, der es dem Menschen ermöglichte über sich selbst und das ihn Umgebende zu reflektieren. Selbstverständlicherweise kann er erst an diesem Punkt in ein Verhältnis zu diesen Werten treten, was ihm erlaubt, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten. In jenem Zeitraum treten nun diese abstrakten Werte auf dem bekannten silbernen Tablett in die Welt der Menschen ein – und beginnen sich mehr und mehr zu verselbstständigen. Auch das Silber als ein konkreter Wert des Zweiten, des Verlierers  kann so entstehen – wenn auch sehr viel später. Diese Überlegung ist insofern wichtig, als dass so gesehen diese Werte nicht per se in der Welt vorhanden zu sein scheinen, sondern erst mit dem silbernen Blick eines mit Identität und Selbstbewusstsein ausgestatteten Wesens in diese quasi hineingeboren werden. Der Mensch, ihr Schöpfer, steht mit jener Zäsur, jenem Einschnitt, der den Einbruch jener abstrakten Werte in die Welt bedeutet, nicht mehr allein einer Natur, sondern in dem Umfang, in dem diese sein ganzes Universum zu besetzen begannen, auch so etwas wie Kultur gegenüber, einer hergestellten Welt also, über die er Zugang zu seiner Wirklichkeit nahm, zu der er sich zu verhalten gezwungen war.

 

Univers du contre

Wenn man nun den Menschen in diesem Sinne als eine Spezies versteht, die mit dem einsetzen einer Kulturgeschichte, die zeitlich in das erste Erscheinen dieser Wertvorstellungen fällt, so etwas wie Selbstbewusstsein ausgebildet hat, so muss man auf den zweiten oder den Silberblick letztlich zugestehen, dass dieses total instabil wäre. Man kann sich dies verdeutlichen, wenn man im Zuge eines Gedankenexperiments von einer Welt ausgeht, in der Dinge wie Silber und sein aus ihm gleichzeitig geschürfter und abstrakter Wert nicht vorgekommen wären. Dieses stellt ja gewissermassen den Widerstand dar, auf den das Bewusstsein trifft. Durch den Halt, welcher dieser bietet, kann sich ein Selbst allererst ausbilden. Das Bewusstsein und mit ihm unser Ich brauchen als Voraussetzung für sich selbst ein univers du contre – eine Welt der abstrakten Werte und Normen ausserhalb. Und Edmunds Silberblick? Wie trifft er über Kreuz schliesslich doch noch ins Ziel? Die Phänomenologie im Sinne von Husserl stellt ja gerade jenes Gedankenexperiment dar, das sich aller Dinge und Werte um sich herum entledigt. Dieses stellt sie an den Anfang ihrer Philosophie, um als letzte und einzige Gewissheit den Geist zu setzen. Doch was wäre dieser anderes als eine absolute Leere. Erst durch Dinge, Werte und Normen ausserhalb – eine Welt und begreifbare Realität, auf die man sich beziehen kann – und deren vitale und aktive Synthese kommt es zu einem Inhalt, zu einem Ich-Gefüge, das sich ausbilden kann. Eine in wörtlichem Sinne unbedingte Freiheit des Geistes wäre nicht nur leer, sie wäre gar nicht, löste sich auf in der Unendlichkeit. So ordnet und stabilisiert auch der Wert des Silbers und seiner Freunde der Edelmetalle auf mittelbare wie unmittelbare Weise den Geist und unser Bewusstsein. Maurice Merleau-Pontys phänomenologischer Ansatz bricht deshalb radikal mit dieser Konzeption. Nicht das Selbst gibt die Werte vor, sondern die Werte und Dinge um uns herum bedingen das Ich in einem nicht zu unterschätzenden Masse. So muss also dem bewussten Ich ein Selbst vorangehen, das von sich entfremdet oder ekstatisch im Sein lebt, das mit und in diesen Dingen ist – bevor es noch anfängt sich zu einer Identität zu bündeln und darüber zu reflektieren. Das bedeutet aber auch, dass Normen wie der Wert des Silbers per se da sind, dass sie nicht in Abhängigkeit zu einem es verwirklichenden Selbst stehen, einem Bewusstsein, das diese erschafft. Diese würden so zum niemals ganz fassbaren Gegenstand werden, der beziehungslos im Raum steht unabhängig von einem es erschaffenden Bewusstsein.

 

Silberblick ins Ziel

Tja, und so darf sich wohl auch die in dem kurzen Exkurs vorgenommene Umkehrung der Perspektiven gerade nicht in einem einfachen Entweder-Oder verlieren, sondern muss so gesehen gerade als ein dynamischer Prozess eines Sowohl-Als-Auch aufgefasst werden, als eine Form der Wechselwirkung und Verflechtung, die von den beiden Polen des Bewusstseins und den Wertvorstellungen wie des Silbers, der Welt des Geldes und des Goldes, ausgehen. Über Kreuz trifft man so letztlich ins Ziel: Wie in der Welt der Träume erschaffen wir und nehmen unsere Welt gleichzeitig wahr und in uns auf – und unser Verstand und seine unbewussten Mechanismen machen das so gut, dass wir nicht einmal merken, dass es passiert. Was sich hier als eine zeitlich verschobene Entwicklung darstellt (in der sich einerseits ein Bewusstsein ausbildet, andererseits der Selbst-Wert von Silber und seiner Assoziationen hervorgebracht wird), verweist schliesslich auf eine synchrones Verhalten der beiden zueinander. Dies ist letztllich eine der Realitäten unserer Kultur, die im Endeffekt auf lediglich künstlichen Werten beruht, welche auf den zweiten Blick allerdings gleichzeitig unser Bewusstsein mitbegründen. Fängt man einmal damit an, unsere gängigen Wertvorstellungen zu hinterfragen, landet man somit schnell im Abseits. So sollen beispielsweise die Werte also an allem schuld sein? Der Umstand somit, dass wir überhaupt werten und so Unterschiede zwischen uns, den einzelnen Menschen(-gruppen) und den Dingen machen. Doch wer hat diese nun erschaffen und sie so in ihre sich zunehmend verselbstständigende Dynamik der Wertvorstellungen überhaupt und zuallererst übersetzt? Da muss sich das Subjekt an der eigenen Nase nehmen. Doch eines scheint somit mehr als gewiss zu sein: wenn man das eine nicht ohne das andere haben kann – das Bewusstsein somit ohne die ihm eigenen Wertvorstellungen nichtig und nichts oder vielleicht auch einfach nicht wäre, gilt es sich eines zu vergegenwärtigen, wie es der Existentialist Sartre, der – wie allgemeinhin bekannt ist – einen Silberblick hatte, so schön auf den Punkt zu bringen pflegte: „Vielleicht gibt es schönere Welten; aber diese ist die unsere.“ Und so gilt es sich in diesem Zusammenhang nochmals bewusst zu werden: Werte wie Silber und der sich mit ihm verschränkende Silberblick des Menschen sind in einem Sinne zwar höchst abstrakt und den intentionalen Akten des Menschen zu verdanken – gleichzeitig verdankt sich aber der Mensch genau diesen Werten der Dinge um ihn, ohne die er schlicht keiner Silbe wert wäre.

 

Im Netz:

http://www.philosophie-woerterbuch.de

Zum Nachschlagen der Begrifflichkeiten – welche im Artikel verwendet werden.

http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2414-4/der-begriff-der-kultur

Zentrales Werk der Kulturphilosophie, das kulturelle Phänomene in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit begreift.

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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