Auf ein Kind verzichten

Was dem Klima wirklich nützt

Jeder Mensch beeinflusst mit seinem Verhalten das Klima – und jeder zusätzliche Mensch schadet dem Klima mehr. Das zeigt nun auch eine kürzlich veröffentlichte Studie, die die effektivsten persönlichen Handlungen zum Schutz des Klimas aufzeigt. Die wirkungsvollste Massnahme wäre, auf ein weiteres Kind zu verzichten.

Es wäre eine delikate Empfehlung: Zeugen Sie weniger Kinder. Kaum vorstellbar, dass zum Beispiel der Schweizer Bundesrat oder eine der grossen Parteien eine solche Empfehlung abgeben würde. Dabei wäre sie tatsächlich die effektivste Möglichkeit, die ein einzelner Einwohner hat, damit er weniger Treibhausgase produziert.

Dies zeigt eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von Seth Wynes, Doktorand an der Universität von Vancouver. In seiner Recherche* listet er auf, welche Massnahmen dazu geeignet sind, das Klima wirksam zu schützen. Und er untersucht, ob diese Schritte auch von staatlichen Stellen und in Schulen empfohlen werden.

Bei weitem die wirksamste Massnahme
In einem Industrieland ein Kind weniger zu haben, ist bei diesen Tipps nicht dabei. Obwohl das Potential sehr gross ist:  Rund 60 Tonnen CO2-Äquivalente lassen sich pro Jahr vermeiden, wenn ein Mensch sich entscheidet, auf ein Kind zu verzichten. Die Alternative, seinen Nachwuchs als Klima-Musterkind zu erziehen, wurde nicht berechnet.

Immerhin noch etwa 2,5 Tonnen jährlich weniger CO2 pustet in die Atmosphäre, wer auf ein Leben ohne Auto umsteigt – in der Schweiz wären es wohl weniger, da hier die zurückgelegten Strecken kürzer sind. Rund 1,5 Tonnen spart, wer auf eine einzelne Flugreise über den Atlantik (mit Rückflug) verzichtet oder ein Jahr lang ausschliesslich pflanzliche Lebensmittel isst.

Alle anderen Massnahmen, so das Fazit der Untersuchung, trügen nicht besonders wesentlich zur Rettung des Klimas bei. Und trotzdem werden von staatlichen Institutionen oder in Schulbüchern bevorzugt solche weniger effektiven Handlungen und Verhaltensänderungen vorgeschlagen. Zum Beispiel statt Einweg-Plastiktüten zu verwenden, seine Einkaufstaschen immer wieder zu gebrauchen. Oder Wasser zu sparen, indem der Geschirrspüler immer gut gefüllt läuft.

Das ist gut und recht. Und es besteht kein Grund auf diese kleinen CO2-Einsparungen zu verzichten. Aber die Gefahr besteht, dass Menschen sich dazu verleiten lassen, diese zweitrangigen Massnahmen über zu bewerten. Und so dem Irrtum erliegen, sie hätten bereits genug fürs Klima getan. Damit würden sie das Verhalten, das wirklich zählt vernachlässigen: Zum Beispiel nicht zu fliegen. Ein Flug von Zürich nach New York und zurück verursacht mehr CO2-Äquivalente als ein Jahr viel Fleisch zu essen, oder zwei Jahre mit Öl zu heizen. Oder eine 30-Watt-Glühbirne hundert Jahre ununterbrochen brennen zu lassen.

Empfohlen wird (auch), was dem Klima kaum nützt
Wir haben die Studie von Wynes zum Anlass genommen, die Empfehlungen des Bundesamtes für Umwelt unter die Lupe zu nehmen. Unter dem Titel Klimatipps für den Alltag listet das BAFU folgende Vorschläge auf:

  • Energiesparende Geräte kaufen (z.B. LED statt Glühbirnen)
  • Standby-Modus vermeiden
  • Ökostrom beziehen
  • im Winter die Heizung weniger aufdrehen
  • bauen nach Minergie-Standard
  • Kleider an der Luft trocknen lassen
  • Wasser ab Hahn statt aus der Flasche
  • saisongerecht einkaufen
  • Bio-Produkte bevorzugen
  • weniger Fleisch- und Milchprodukte konsumieren (oder darauf verzichten)
  • beim Reisen auf das Flugzeug verzichten
  • auf Kreuzfahrten verzichten
  • weniger luxuriöse Unterkünfte in den Ferien (z.B. Camping)
  • beim Pendeln aufs Auto verzichten
  • Fahrgemeinschaften bilden
  • Car-Sharing-Angebote nutzen
  • sparsames Auto oder Elektrofahrzeug kaufen
  • sparsam fahren (Eco-Drive)

Unter diesen Empfehlungen finden sich Massnahmen, die mehr oder weniger nützlich fürs Klima sind. Das BAFU listet die wichtigsten auf (fett), lässt aber mit weniger Fleisch und sparsamen Autos auch halbe Schritte gelten. Viel Platz finden die weniger effektiven Möglichkeiten. Eine Gewichtung, welche Massnahmen die wirksamsten sind, findet auf der BAFU-Seite nur teilweise statt.

Andererseits ist es durchaus verständlich, wenn das BAFU nicht fordert, Paare sollen zum Schutz des Klimas auf ein (weiteres) Kind verzichten. Man stelle sich den Aufschrei vor. Wäre ja noch schöner, wenn sich ein Bundesamt in derart private Angelegenheiten einmischen würde. Und auch Politiker, die wieder gewählt werden wollen, werden sich hüten, einen Kinderverzicht zu verlangen. Somit ist eine ernsthafte Diskussion über diesen Vorschlag nicht zu erwarten.

Fliegen ist keine gute Idee   Foto Martin Kraft Lizenz: CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Dennoch: Wenn wir uns alle klimaverträglich und nachhaltig verhalten würden, hätte es noch Platz für zahlreiche Kinder – ohne dass wir uns Gedanken machen müssten, ob der Planet sie noch erträgt. Und gleichzeitig würden wir ihnen eine Erde überlassen, auf der sich ein gutes Leben führen liesse.

 

Links und Literatur

Die Studie von  Seth Wynes ist hier zu finden.

* Die Zahlen, die Wynes gesammelt hat, stammen unter anderem auch vom Schweizer Umweltwissenschaftler und Nationalrat Bastien Girod. Die Zahlen zum Kinderverzicht stammen aus einer Studie aus dem Jahr 2009 von Paul Murtaugh, emeritierter Professor an der Oregon State University in Corvallis, USA.

Girod B, van Vuuren D P and Hertwich E G, 2014, Climate policy through changing consumption choices: options and obstacles for reducing greenhouse gas emissions Glob. Environ. Change 25 5–15

Murtaugh P A and Schlax M G, 2009, Reproduction and the carbon legacies of individuals Glob. Environ. Change 19, 14–20

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