Beton

BETON

Teppiche, Klänge und Geräusche

Jaronas Scheurer (Saxophon), Lucas Knierzinger (Gitarre) und Cyril Dessemontet (Elektro)

Die Basler Band BETON bietet in ihrer Musik Klangexperimenten eine Nische. In ihren elektro-akustischen Improvisationen entwerfen sie einen ganz eigenen Teppich aus Geräuschen und den Nebenprodukten des Musikmachens, der so nur bedingt vorhersehbar bleibt.

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

 Klare Rhythmen und Harmonien, auf die eine Melodie gelegt wird? Fehlanzeige! Es knarzt und rauscht und zerrt am Hörkostüm, wenn die drei Herren von Beton die Bühne betreten und loslegen. Das liegt wohl auch an ihrem Musikverständnis, welches sich auf die Gleichberechtigung von Geräuschen stützt und gerade die sonst als störend empfundenen Sounds und alle nur erdenklichen Klangfarben ihrer Instrumente in den Fokus nimmt. Wir haben die beiden Bandmitgliedern Jaronas Scheurer und Lucas Knierzinger zum Interview getroffen.

 

Warum nennt ihr euch Beton?

Jaronas: Das musst du fast beantworten, Lucas – ich war ja nicht von Anfang an dabei.

Lucas: Es gibt wohl nicht den einen Grund. Das Wort gefiel uns zunächst, weil es simpel und ästhetisch ist. Zudem gibt es Verbindungen zu unserer Musik als Klangmaterie, die wir als etwas sehr Substantielles begreifen, was wir mit einem Betonmischer assoziiert haben. Dann gibt es noch ein Buch von Thomas Bernhard, welches „Beton“ heisst, in dem es auch sehr viel um Musik geht. Es gibt also mehrere lose Gründe, aus denen sich der Bandname ergeben hat. Das Wichtigste ist wohl, dass es einfach ein schönes Wort ist.

 

Wie hat sich die heutige Besetzung gefunden?

Lucas: Schon von Anfang an – das heisst, seit der Gründung durch Cyril und mich – war das Konzept sehr offen. Also dass wir uns auch öffnen für andere Künstler. Und dann war da die Idee, mit Jaronas zusammen etwas zu versuchen. Wir dachten, da unsere Musik sehr elektro-lastig war, dass es toll wäre, noch ein akustisches Instrument dazu zu nehmen. Und der Kontrast hat uns dann sehr gefallen und wir beschlossen, das so weiter zu führen. Nach wie vor sind wir aber offen, für andere Künstler. Gleichzeitig sind auch nicht immer alle von uns dreien präsent, wenn wir ein Konzert spielen. Die Formation wechselt oft …

Jaronas: Ich glaube die Bandbreite von Saxophon, einem rein akustischem Instrument, zu Gitarre, welches auch einen klang-akustischen Ursprung hat aber über viele Effekte dann verzerrt und verfremdet wird, hin zu Cyrils Klängen, der hauptsächlich elektronische Sounds produziert über Synthi oder Laptop, ist sehr spannend. Aber wir sind da nicht starr oder fixiert – wir öffnen uns da von Konzert zu Konzert neuen Erfahrungsräumen und nichts ist so gesehen in Stein gemeisselt.

 

Wie muss sich der Hörer euren Musikstil vorstellen?

Lucas: Es gibt da ganz viele mögliche Begriffe, die im Raum stehen und mit unserer Musik assoziiert werden können. Die Bezeichnung „Improvisierte Klangexperimente“ passt wohl am ehesten. Dennoch liegt es uns relativ fern, das zu definieren. Für uns ist vielleicht zunächst wichtig, dass wir einen Improvisationszugang haben, was aber nichts darüber aussagt, was die Musik dann letztlich ist, sondern darüber, wie sie entsteht. Ob es dann extrem lärmig und laut wird oder mehr leise und filigrane Sounds zustande kommen, das ist zunächst sekundär. Alles kann passieren. Aber das Wichtige ist, dass wir improvisieren – das ist letztlich der Hauptanspruch. Was hinzukommt ist, weil sehr vieles noch roh vorliegt und aus dem Moment entsteht, dass man als Zuhörer mit der Musik mitgeht und sich darauf einlässt. Man kann quasi nicht erwarten, dass man ein geschliffenes Produkt bekommt, das einen abholt und einem das an Emotionen bereithält, was man sucht. Es ist mehr etwas, das im Prozess entsteht, das aufgebaut und wieder eingerissen wird – sich kurz manifestiert oder artikuliert und wieder vergeht. Und es geht letztlich darum, dem etwas abzugewinnen. Es kann gut sein, dass jemandem ein Stück von uns beim ersten Mal hören gefällt und beim zweiten mal wieder überhaupt nicht – das heisst es ist sehr situativ und vom Moment abhängig. Das liegt wohl daran, dass man beim Zuhören selber involviert ist und es schwierige Musik darstellt, auf die man sich einlassen können muss.

Jaronas: Was ich bisher schon einige Male gehört habe, ist, dass Leute visuelle Assoziationen zu unserer Musik hatten – es so gesehen mehr wie einen Film erleben. Das kann eine Form von Hilfestellung sein, weil es ja nicht Akkorde und Melodien oder klare Rhythmen sind, die man zuordnen kann. Und zweitens liegt es wohl auch daran, dass man versucht den Klängen, die wir entwickeln, nachzuspüren. Also wo führen uns diese hin? Dass wir so gesehen da auch keinen Unterschied machen von rein elektronischen zu rein akustischen Klängen – einem schönen Saxophonton und einem Rauschen des Synthis oder einem Klackern der Gitarre. Das man einfach von den Klängen ausgeht, die man hat, und dann schaut wo es einen hinführt, was dann ja auch eine gewisse Narration beinhaltet. Die wir aber auch immer wieder bewusst zu unterbrechen versuchen, damit es nicht allzu narrativ oder logisch und fliessend wird.

Lucas: Das, was Jaronas sagt, ist schon auch etwas sehr wichtiges: In vielen Musikstilen geht es um klare Rhythmen und Melodien und wir sagen einfach, es geht um Klänge in unserer Musik.

 

Cyril Dessemontet, Jaronas Scheurer, Lucas Knierzinger

 

Seid ihr ein Nischenprodukt

Jaronas: Ja, klar. Wir sind da schon in einer Nische daheim. Es gibt eine kleine überschaubare Szene in Basel, die experimentelle Musik macht, wo wir auch Konzerte selber organisieren in diesem Bereich. Das ist vielleicht eine Handvoll Leute, die sich alle kennen und in dieser Nische bewegen wir uns. Aber natürlich ist es immer auch interessant für Leute zu spielen, die weniger mit dieser Art von Musik anzufangen wissen – da auch ein bisschen rauszukommen. Aber das ist meistens nicht so einfach …

 

 Wer hört sich eure Musik an?

Lucas: Witzigerweise gibt es kein Schema von Leuten, die unsere Konzerte besuchen. Es gibt Leute, die sehr interessiert sind, an dieser Art von Musik oder dann Leute, die so etwas noch nie gehört haben und sich dafür begeistern – von jung bis alt. Dann finden sich wieder mehr Vertreter aus anderen Kunstformen wieder – gerade aus den visuellen Künsten oder der Filmkunst, die den Anschluss finden. Ich glaube es gibt beinahe mehr Überschneidungen zu solchen Bereichen als zu Vertretern der Rockmusik beispielsweise oder der Klassischen Musik. Ansonsten würde ich sagen, dass es da keine Systematik gibt.

Jaronas: Ja, es ist schon noch interessant, dass gerade Leute aus dem Film oder den bildenden Künsten mehr oder einfacher einen Zugang zu unserer Musik finden als Leute die professionell Musik hören oder aus einem stark musiktheoretischen Hintergrund kommen. Leute aus den bildenden Künsten finden wohl da einfach leichter Zugänge, weil sie nicht so stark auf Fragen nach dem Rhythmus und Melodien getrimmt und dadurch einfach offener sind.

 

Was ist eure Botschaft?

Jaronas: Schwierig!

Lucas: Wir sind ja keine politische Band und haben in diesem Sinne keine Message oder so. Aber ich würde schon sagen, dass es uns um Freiheit geht. Im Sinne davon, dass sich Leute einfinden, die noch nie zusammen gespielt haben, in einer Formation, die es so noch nie gegeben hat, und einfach loslegen. Und der Anspruch und das Anliegen, dass es auch diese Form von Musik oder Konzerten gibt und geben soll. Vielleicht sind dann davon zehn Minuten super und der Rest halt eben nicht – doch diese zehn Minuten hat es hervorgebracht. Diese Form von Freiheit ist schon zentral und die Möglichkeit zum Experiment – ohne Druck oder den Hintergedanken, dass es eine Kategorie erfüllen muss oder gewisse Erwartungen so und in der Art befriedigen sollte.

Jaronas: Was mich – auch bei anderen Klangexperimenten – beschäftigt, ist diese Form von Wahrnehmungsverschiebung. Dass man sich mehr auf den Klang konzentriert und weniger auf die Melodie, den Rhythmus oder eine gewisse Harmonik. Und auch diese unterschiedlichen Klänge gleichberechtigt versucht zu verwenden: dass es nicht einfach auf der einen Seite die Melodie gibt und dann gibt es da noch etwas Zusätzliches, welches diese begleitet. Es ist wohl schon auch der Versuch der Konzentration oder eine Übung im Hinhören auf das, was man gemeinhin als störend empfindet oder einfach überhört. Die Grenze zwischen Lärm und Musik ist ja nicht etwas, was per se festgeschrieben ist, und die Übergänge sind meist fliessend – es wird letztlich sozial konstruiert oder hervorgebracht, was als Lärm gilt. Da ist schon – auch wie Lucas sagt – schon ein gewisser Freiheitsanspruch damit verknüpft, diese Grenzen auszuloten und zu verschieben. Was ich auch immer interessant oder spannend an unserer Musik finde, ist, eine gewisse Unschärfe zu behalten, was man da raushören kann. Wenn man einen Popsong hört, ist relativ schnell klar, wie man sich dabei fühlen sollte oder welches Angebot er macht, und bei unserer Form von Musik besteht vielleicht eine grössere Freiheit darin, was man damit anfangen kann, als bei traditioneller Musik.

 

Diskographie:

Album „Small House“ – 2016

(Erhältlich via plattfon.ch oder per betonsound@gmail.com) bestellen)

 

Im Netz: 

https://betonsound.wordpress.com/

(Link zur HP der Band)

http://klappfon.info/

(Link zur Konzertreihe, welche sie mitorganisieren)

https://soundcloud.com/betonsounds/crumblex

(Hörprobe von einem ihrer Klangexperimente)

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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