Die Beziehung der Sinne zur Kommunikation

Sinn-lose Kommunikation?

Es gibt verschiedene sensorische Modelle, doch meistens steht das Fünf-Sinnen-Modell im Vordergrund: Sehen, Riechen, Hören, Schmecken und Tasten. Diese klassischen Wahrnehmungssinne bilden ein zentrales Element für die Kommunikation. Die Kommunikation ihrerseits macht diese Sinne aber erst gemeinsam erfahrbar.

Bild: Petr Novák, Wikipedia

Jede Gesellschaft hat ihr eigenes Kommunikationssystem. Dieses beinhaltet alles, was die Kommunikation betrifft, so zum Beispiel ihre Sprache. Diese ist mit verschiedenen Bedeutungen und Zeichen gefüllt. Die Kommunikation ist auf die sensorischen Wahrnehmungen angewiesen. So verstehen wir nur dank des Hörsinns gesprochene Sprache. Erst die Sinne zeigen uns eine Wirklichkeit und ermöglichen darüber zu kommunizieren.

Es gibt also ein enges Verhältnis zwischen den Sinnen und der Kommunikation, aber dieses ist nicht symmetrisch: Die Sinne funktionieren ohne Kommunikation, umgekehrt ist dies aber nicht der Fall.

Kommunikative Funktion der Sinne
Eine Person kann ihre Umgebung wahrnehmen, ohne die dazu passenden Begriffe zu kennen. Sie kann das Wahrgenommene einfach nicht beschreiben oder benennen. So hat sicher jeder schon mal erlebt, dass er eine Pflanze visuell – vielleicht auch taktil und olfaktorisch wahrnahm, aber den Namen nicht kannte. Oder hat etwas gerochen oder geschmeckt, für das die passenden Worte fehlten.

Umgekehrt – also Kommunikation ohne Wahrnehmung – geht nicht. Ohne die sensorische Wahrnehmung könnten wir uns nichts unter den Begriffen wie Baum vorstellen – wir hätten wohl gar keine Begriffe dafür. Es wäre, wie einem Blinden die Farbe rot zu erklären.

Für die meisten Menschen ist die Zuschreibung der Begriffe zum Wahrgenommenen ein automatischer Prozess. Jemand, der in einem Garten steht und die Umgebung betrachtet, fügt gedanklich sogleich die ihm bekannten Namen zum Objekt hinzu. So erkennt und benennt der Betrachter den Baum als solchen, ein Kenner sogar als Spitzahorn.

Kommunikation der Sinne
Der menschliche Körper nimmt in jedem Sekundenbruchteil unzählige Dinge wahr. Bei der Verarbeitung und dem Verstehen dieser Erfahrungen ist das vorherrschende Kommunikationssystem sehr wichtig. Alles Wahrgenommene wird durch die vorhandenen Begriffe kategorisiert und somit auch für andere ähnlich erfahrbar. Erst mit geteilten Begriffen und Bedeutungen kann man sich gegenseitig verstehen und kommunizieren.

Für die Interpretation des Wahrgenommenen greifen die Menschen auf das ihnen vertraute Zeichen- und Bedeutungssystem zurück. Alle Ausdrücke und Bedeutungen, die die Sinne betreffen, können unter dem Begriff der Sinnsemantik zusammengefasst werden. Die bekanntesten Ausdrücke sind Verben wie sehen oder hören und Adjektive wie bitter und süß. Es können aber auch ganze Sätze wie zum Beispiel Redewendungen sein.

Da jede Gesellschaft über ein anderes Kommunikationssystem verfügt, ist die Sinnesinterpretation kultur- und zudem kontextabhängig. Die Redewendung „ein Auge zudrücken“ verstehen in unserer Gesellschaft die meisten, denn die Bedeutung hinter den Worten hat sich eingebürgert. In anderen Gesellschaften ergibt die wörtliche Übersetzung keinen Sinn, da sie eine andere Sinnsemantik verwenden.

Sensorische Ordnung
Die Sinne bilden aber nicht nur den Inhalt der Kommunikation. Mit ihnen existieren auch eine Reihe spezifischer Verhaltensregeln, die mit der nonverbalen Kommunikation einhergehen. Es gibt eine Ordnung, die dank wechselseitig stabilisierenden Erwartungen entsteht. Person A erwartet eine gewisse Reaktion von Person B und erwartet zudem, dass Person B auch Erwartungen an die Person A hat; Erwartungen werden erwartet.

Beim Vorübergehen erfolgt auf einen aufrechten, suchenden Blickkontakt meist eine Begrüßung, wohingegen bei gesenktem Blick meist Schweigen herrscht. Paul erwartet, wenn Erika beim Vorbeigehen ihn anschaut, dass sie ihn grüßt und er weiß auch, dass Erika dasselbe von ihm erwartet.

Solche Verhaltensregeln entwickeln sich über Jahrzehnte hinweg und befinden sich stets im Wandel. Wenn bei uns im Zug jemand seine Nase schnäuzt, so wird derjenige nicht missbilligend angeschaut. Aber wer weiß, in einigen Jahren wird das Geräusch beim Naseschnäuzen in der Öffentlichkeit vielleicht genauso als unangemessen erachtet, wie es heutzutage in Japan der Fall ist.

Literatur zum Thema
Jens Loenhoff: Die kommunikative Funktion der Sinne. Theoretische Studien zum Verhältnis von Kommunikation, Wahrnehmung und Bewegung, Konstanz; UVK Verlagsgesellschaft mbH; 2001.
Jens Loenhoff: Sinne Kommunikation und Gesellschaft- eine Theorieskizze; Österreichische Zeitschrift für Soziologie; Vol. 27 (2); 2002; S. 14- 29.

Im Netz
SRF Kulturplatz: Beiträge zu den verschiedenen Sinneswahrnehmungen

Kabelmann: Eine Internetseite über die Ethnologie der Sinne, wobei der Geruchssinn im Vordergrund steht.

 

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