Interview mit Anna Ternheim

„Wenn du einen Schritt von dir selber zurücktrittst, siehst du, was du tust –
oder was dein Ego mit dir macht“
 

Bild: Jerker Josefsson

Wie ein Strom ineinander fliessender, sowohl trauriger, hoffnungsvoller als auch verstörender Traumsequenzen, untermalt durch sphärische Klangwelten von betörender Dringlichkeit: So fühlt sich „All the way to Rio“ an, das sechste Studioalbum der schwedischen Singer-Songwriterin Anna Ternheim. Nahaufnahmen.ch traf die Künstlerin anlässlich ihres Konzerts im Salzhaus Winterthur zum Interview und sprach mit ihr unter anderem über die Lebensgeister weckende Wirkung ihres Aufenthalts in Rio de Janeiro, die Schönheit menschlicher Fehler, die Gründe für den schwierigen Entstehungsprozess des neuen Albums, den Inspirationsaustausch mit dem Fotokünstler Jacob Felländer und wieso sie für die Zukunft auf weniger Perfektion und mehr Freiheit hofft.

Von Christoph Aebi

Nahaufnahmen.ch: Die lange Reise bis zum vollendeten neuen Album „All the way to Rio“ begann vor fünf Jahren in Rio de Janeiro. Was inspirierte dich, dorthin zu fliegen und die Gitarre mitzunehmen, um an neuen Songideen herumzutüfteln?

Anna Ternheim: Wenn man den Ort, wo man sonst lebt, verlässt und irgendwo alleine hingeht, fehlen die täglichen Routinen, das gewohnte soziale Leben und somit auch die Ablenkung. Ich habe das zuvor bereits ein paarmal gemacht und hatte jeweils nur einen Koffer mit den essentiellen Dingen dabei. So kann ich einen klaren Kopf behalten und es ist einfacher, mich zu konzentrieren. Zudem mag ich es, irgendwo hinzugehen, wo es warm ist. Ich bin nach Rio geflogen, um mich etwas wachzurütteln und zu schauen, was geschieht, wenn ich mit meinen Gedanken ganz alleine bin. Man gräbt in solchen Fällen etwas tiefer und kann Dinge an die Oberfläche holen, zu denen man nicht gelangen würde, wenn man nur herumrennt und die ganze Zeit andere Dinge erledigen muss.

Du hast während eines Monats im Stadtteil Ipanema ein Apartment gemietet. Der Name Ipanema stammt noch aus der Tupi-Sprache, die vor der portugiesischen Kolonialzeit in der Gegend gesprochen wurde, und bedeutet „aufgewühltes Wasser“. Was hat dieser Ort in dir aufgewühlt?

Zuerst einmal habe ich eine gewisse Aufregung verspürt, weil ich ganz alleine in Rio, einer relativ gefährlichen Stadt, war. Ich war noch nie zuvor in Brasilien, kannte dort niemanden und habe auch nicht wirklich jemandem davon erzählt, dass ich dorthin gehen würde. Aber eine gewisse Spannung in deinem Leben hält dich auf Trab und weckt dich auf. Ich bin nicht dafür, sich bewusst einer Gefahr auszusetzen. Im Gegenteil: Ich bin eher ein auf Sicherheit bedachter und sehr umsichtiger Mensch. Aber in dieser Stadt umherzuwandern und sie dabei zu entdecken, war sehr aufregend für mich, ein grosses Abenteuer. Es tut gut, Neues kennenzulernen, Routinen zu durchbrechen und somit wieder Begeisterung und Inspiration zu verspüren. Wenn du ein Teenager bist, geschieht in deinem Leben so viel zum ersten Mal: Der erste Besuch in einem Club, in den du mit einer gefälschten Identitätskarte reinkommst, weil du eigentlich noch minderjährig bist. Das erste Mal, dass du mit Freunden zusammen Bier trinkst oder dich in jemanden verliebst. Mit der Zeit tust du immer dieselben Dinge und verspürst nicht mehr die gleiche Euphorie. Mein Aufenthalt in Rio hat meine Augen geöffnet und meine Lebensgeister wieder geweckt.

Das neue Album hatte einen langwierigen und schwierigen Entstehungsprozess, dem man ihm aber gar nicht anhört.

Es tönt sehr einfach dafür, dass es so lange gedauert hat. Als ich mit dem Album begonnen habe, dachte ich, dass es ein sehr einfacher und schneller Prozess sein würde. Ich fühlte mich sehr inspiriert, hatte viele Ideen, wollte Musiker zusammenbringen und mit ihnen zusammen Jam-Sessions veranstalten. Das haben wir auch gemacht. Ich habe eine Garage zum Probelokal umfunktioniert, wir sind ins Studio gegangen und ich habe mein eigenes Geld dafür ausgegeben. Und dann war das Album trotzdem nicht fertig und alles implodierte irgendwie. Als ich mir die Aufnahmen ein Jahr später wieder anhörte, mit anderen Ohren sozusagen, dachte ich: „Vielleicht könnte ich dieses und jenes noch verändern und Andreas Dahlbäck, mit dem ich in der Vergangenheit oft zusammen gearbeitet habe, bitten, sich die Aufnahmen anzuhören“. Ich fühlte mich plötzlich wieder motiviert. Diese Motivation ist ein wichtiger Teil des Ganzen: Zu Beginn ist man aufgeregt, man hat eine Unmenge Energie. Wenn das Resultat nicht so ist, wie man es sich vorgestellt hat, braucht es Zeit, die Batterien wieder aufzuladen. Eines habe ich gelernt: Man weiss zwar, wann ein Album fertig ist, aber nicht wirklich, wie man zu diesem Ziel kommt, wenn man etwas Neues beginnt. Wenn ich mir das neue Album nun anhöre, bin ich sehr glücklich damit. Es ist auf eine gewisse Art sehr einfach, luftig, träumerisch und wie eine kleine, in sich abgeschlossene Welt. Und somit genau so, wie ich es mir eigentlich vorgestellt hatte.

Wieso hattest du das Gefühl, dass während den Aufnahmen alles implodierte?

Ich produzierte das Album gemeinsam mit meinen Musikern. Wir hatten keinen zusätzlichen Produzenten, der im Tonregieraum sass und zuhörte, was wir aufnahmen. Weil man durch den Aufnahmeprozess so absorbiert ist, gestaltete es sich schwierig, sich danach das Ganze anzuhören, die Übersicht zu behalten und Entscheidungen zu treffen. Aber bereits als wir im Studio ankamen, war es unübersehbar, dass wir alle leicht andere Vorstellungen davon hatten, wohin die Reise mit dem Album gehen sollte. Ich habe realisiert, dass wir uns nicht wirklich einig waren. Wir wussten auch nicht, ob die Lieder wirklich gut waren. Es kamen einfach alle diese Unsicherheiten auf. Zudem waren wir müde, weil wir während 10 Tagen fast ununterbrochen am Album gearbeitet und alles live aufgenommen hatten. Es ist schwieriger, ein Album live einzuspielen, als man annehmen könnte.

In welcher Hinsicht?

Man muss sehr präsent sein und jeder muss zur richtigen Zeit das Richtige tun, damit eine magische Aufnahme resultiert. Dafür hat das Album dieses besondere analoge Feeling. Ein grosser Teil der heutigen Musik ist hingegen am Computer aus einzelnen Tonspuren aufgebaut. Diesen Sommer habe ich in New York einen vierwöchigen Kurs über das Musik-Produktions-Programm „Logic“ besucht, weil ich überhaupt nichts darüber wusste. Wir waren nur zwei Kursteilnehmer, ich und ein 15-jähriger Junge. Eines Tages sollten wir analoge Klänge aufnehmen, mit einem Mikrofon, das via Schnittstelle mit dem Computer verbunden war. Das ist im Prinzip die Art und Weise wie ich arbeite, seit ich mit dem Musikmachen begonnen habe. Aber mein 15-jähriger Kurskamerad hatte das nie zuvor gemacht. Er sagte: „Warum sollte ich lernen, wie man analoge Klänge aufnimmt?“ Der Dozent antwortete: „Nun, das ist die Art und Weise, wie Musik während langer Zeit eingespielt wurde. Also solltest du das ebenfalls lernen.“ Der Junge entgegnete: „Wir leben in einer digitalen Welt. Ich kann jeden Klang, den ich haben will, im Internet finden oder mit meinem Synthesizer spielen.“ Er mag damit Recht haben. Aber ich denke, eine gewisse Dimension geht dadurch verloren. Etwas kann man nämlich nicht nachbilden, wenn man alles mit Maschinen macht: Die menschlichen Fehler – und diese sind häufig besonders schön. Ich liebe elektronische Musik, aber ich mag diejenigen Künstler lieber, die auch analoge Klänge in ihre Musik einbringen. Übrigens kreieren einige der Musiker, mit denen ich an diesem neuen Album gearbeitet habe, ebenfalls Instrumental-Musik.

Der Gitarrist Andreas Söderström und der Bassist Johan Berthling waren verantwortlich für die Soundtracks zum Kinofilm „Hotell“ sowie der Fernsehserie „30 grader i februari“ und Andreas Söderström hat mit „Om solen väl går upp“ein atemberaubend schönes Instrumental-Album veröffentlicht. Hattest du für dieses Album einen bestimmten kinematographischen Klang im Kopf, als du die Musiker-Riege, zu der auch der Keyboarder Tomas Hallonsten und der Drummer Per Eklund gehörten, für die Proben und Aufnahmen um dich versammelt hast?

Ich bin ein grosser Fan ihrer Musik. Ich mag zum Beispiel den Keyboard-Player Tomas Hallonsten und die Musik seiner Band „Time Is A Mountain“ sehr. Er ist stark beeinflusst durch den schwedischen Komponisten Bo Hansson, der die Musik zu „Lord of the Rings“ und weitere wunderschöne Instrumental-Musik gemacht hat. Diesen Einfluss kannst du in den Melodien und Klängen von Tomas hören. Der Gitarrist Andreas Söderström hat ebenfalls ein eigenes Projekt mit Gitarren-Instrumentalmusik und ich mochte seine Harmonien und die Art und Weise, wie er Gitarre spielt, sehr. Ich wollte diese Klangfarben in mein Projekt hineinbringen. Aber ich wusste nicht, was geschehen wird, wenn diese Klänge auf mein Songwriting treffen. In der Vergangenheit habe ich meistens meine Lieder geschrieben, davon Demos aufgenommen und die Lieder im Studio mit den Musikern und dem Produzenten nur noch fertig arrangiert. Beim neuen Album haben wir zusammen gejammt und dabei sind musikalische Landschaften und Atmosphären entstanden, bei denen ich das Gefühl hatte: „Ja, damit kann ich einen Song schreiben.“ Ich habe sozusagen versucht, Lieder zu schreiben, die mit ihrer Art zu spielen, zusammenpassen würden. Das war für mich eine andere Herangehensweise. Bei meinem vierten Album „The Night Visitor“ war es ähnlich. Jene Lieder sind anders, erdiger und mehr dem Singer-Songwriter-Genre zuzuschreiben. Wenn man ein Album macht, dessen Lieder vor allem auf dem Gitarren-Finger-Picking basieren, schreibt man dafür Lieder und erzählt Geschichten, welche in diesem Kontext funktionieren. Jene Lieder müsste ich stark verändern, damit sie beispielsweise zum neuen Album passen würden.

Nachdem du zusammen mit deinem Produzenten Andreas Dahlbäck mit der Arbeit an deinem letzten Album „For the young“ begonnen hattest, erzähltest du ihm von diesen Aufnahmen, die auf der Harddisk deines Computers gespeichert waren. Zusammen habt ihr die Aufnahmen bearbeitet. Welches der acht neuen Lieder hat sich dabei, im Vergleich zur ursprünglichen Version, am stärksten verändert?

Die Lieder waren eigentlich alle da. Wir mussten nur deren Kern herausarbeiten. Dort, wo die Lieder zu lang waren, haben wir gekürzt oder Teile neu zusammen verbunden. Wir haben viele kleine Details verändert. Andreas, der das Album auch abgemischt hat, hat alles dorthin platziert, wo es hingehörte. Die kniffligsten Lieder in diesem Prozess waren „Holding On“ und „Battered Soul“. Bei diesen hat es am längsten gedauert, bis sie fertig waren. „Holding On“ war in seiner ursprünglichen Version sehr lang und ein riesiges Chaos. Bei „Battered Soul“ hatte ich immer das Gefühl, dass das Lied zu niedlich ist.

War die Musik zu niedlich für den Text?

Nein, ich wusste einfach nicht, ob ich das Lied wirklich mag. Aber dann habe ich gemerkt, dass es im Kontext der anderen Songs auf dem Album sehr wichtig ist, weil es ein bisschen Leichtigkeit hineinbringt. Jetzt gefällt es mir. Es ist ein süsser, kleiner Popsong geworden.

Im Booklet des Albums beschreibst du „Battered Soul“ mit einem Zitat, das jedoch nicht dem Text des Liedes entnommen ist: „He left so young, brave and full of hope. He came back but is nowhere to be found.“ Was, denkst du, ist mit dem Protagonisten geschehen?

Für eine Ausstellung des schwedischen Fotokünstlers Jacob Felländer, die im August und September vergangenen Jahres in Stockholm in einer Galerie zu sehen war und bald in London zu sehen sein wird, habe ich Bilder mit Zitaten aus den Texten meiner neuen Lieder versehen, weil die Musik die Bilder begleitete. Bei einigen davon, so auch bei diesem, habe ich allerdings etwas mehr Informationen hinzugefügt. Ich weiss nicht genau, was mit dem Protagonisten aus „Battered Soul“ geschehen ist. Vielleicht hat er irgendwo auf seinem Lebensweg seine Seele verloren. Es gibt Momente, wo du alte Freunde triffst und dich fragst, wo sie hingegangen sind. Sie sind zwar rein physisch da, aber etwas in ihnen ist gestorben oder hat sich verändert. Ich denke zwar nicht, dass eine Seele sterben kann. Weil es immer eine Chance gibt, dass man sich für etwas begeistern kann, wenn man die dafür notwendigen Veränderungen trifft. Es ist jedoch schwieriger, wenn man nicht mit dem in Verbindung bleibt, was man gerne tut.

Die Bilder des Fotokünstlers Jacob Felländer, von denen einige auch im Booklet deines neuen Albums zu bestaunen sind, haben dich – so konnte man lesen – dazu inspiriert, die Lieder zu beenden. Welches Bild eurer gemeinsamen Ausstellung „The mountain theory“ hat dir am besten gefallen?

Am besten gefällt mir das Coverbild meines neuen Albums. Ich mag besonders dessen Bandbreite und die dunklen Teile. Auf Jacobs neusten Bildern sind vor allem Bergmassive zu sehen, aber sie sind dennoch sehr träumerisch. Ich möchte, dass die Menschen, die mein neues Album anhören, die Möglichkeit haben, sich durch die Musik an einen anderen Ort zu transportieren. Was meine Zusammenarbeit mit Jacob betrifft: Ich habe das Gefühl, manche Dinge geschehen aus einem ganz bestimmten Grund. Wenn man an einem Projekt arbeitet oder über etwas Bestimmtes nachdenkt, dann beginnen auf einmal auf eine magische Art und Weise Dinge rund um einen aufzutauchen, weil man beginnt, ihnen etwas mehr Beachtung zu schenken. Wenn man beispielsweise den Fussboden seiner Wohnung renoviert, kann es sein, dass man plötzlich überall diese Läden sieht, die genau solche Fussböden anbieten. Weil es das erste Mal ist, dass man wirklich danach Ausschau hält. Als Jacob und ich uns zum ersten Mal getroffen haben, sah ich seine Bilder und hatte im Hinterkopf meine Musik. Wir begannen, uns zu unterhalten. Er sagte, er habe schon immer gemeinsam mit mir etwas kreieren wollen und so habe ich ihm meine Musik geschickt. Damit begann ein sehr natürlicher Austausch von Inspirationen. Ein Grossteil der Musik hatte bereits einen langen Weg zurückgelegt. Aber dieser Austausch hat mir wirklich geholfen, die Puzzlesteine zusammenzufügen. Es gab ein klar definiertes Ziel: Ich wollte Teil seiner Ausstellung sein und er wollte mit seinen Bildern zum Artwork meines neuen Albums beitragen. Jacob Felländer sowie mein Produzent Andreas Dahlbäck waren also massgeblich daran beteiligt, mir zu helfen, dieses Album zu Ende zu bringen.

Mein Lieblingsbild ist jenes, das in den Schweizer Alpen aufgenommen wurde und das Titellied „All the way to Rio“ begleitet. In der Bildlegende stand: „I ran far away from the house we built, from one wild wood into another…to start all over.“ Im Text des Liedes hast du dieses Erzähler-Ich in ein Erzähler-Wir abgeändert. Was war der Grund für die Änderung der Perspektive und wer ist mit diesem „Wir“ gemeint?

Dieses Lied hatte eigentlich noch mehr Text, den ich dann gestrichen habe. Es gab in einer früheren Fassung eine zusätzliche Strophe. Ich will beim Beantworten deiner Frage nicht zu spezifisch sein, aber manchmal, wenn du einen Schritt von dir selber zurücktrittst, siehst du, was du tust – oder was dein Ego mit dir macht. Du hast das Gefühl, dass das eine ganz andere Person ist, die da im Raum umherschwebt. Als ich in Rio ganz alleine war, konnte ich mich manchmal bei gewissen Verhaltensweisen beobachten, die sich wiederholten. In einer solchen Situation bist du eine Art Zuschauer bei dem, was du selber tust. Manchmal ist das Schreiben in der Wir-Perspektive auch hilfreich, um dir selber nicht zu nahe zu treten.

Also bewirkt diese eine gewisse Distanz?

Ja, aber ich bin auch im Sternzeichen Zwilling geboren. Ich bin eine gespaltene Persönlichkeit (lacht). Ich lasse hier einfach mal ein bisschen Raum für Fantasie.

Raum für Fantasie lässt auch mein Lieblingslied auf dem Album, das rätselhafte „Waving His Hello“…

Das Lied kam in Bildern zu mir. Es sind diese Bilder, die ich im Text des Liedes beschreibe. Es ist also nicht eine exakte Geschichte, die von A nach B führt.

Eher eine Art Momentaufnahmen oder Schnappschüsse?

Genau, es sind Schnappschüsse. Wenn du dich an etwas erinnerst, ist das ähnlich: Die Erinnerungen kommen ebenfalls in Bildern zu dir und es kann sein, dass diese nicht zusammenhängend sind. Dieses Lied begann mit dem Bild einer Frau, die an einem Fenster steht und auf die Strasse hinaus schaut. Auf der anderen Strassenseite befinden sich eine Sitzbank und ein Laternenpfahl. Dort sieht sie jeden Tag diesen Mann, der auf der Bank sitzt und immer denselben Mantel trägt. Aus diesem Bild haben sich weitere Bilder über ihre Beziehung zu diesem Mann herauskristallisiert. Ich habe versucht, in diesem Lied ein bestimmtes Gefühl einzufangen. Es kommt auf, wenn man sich alte Fotografien in einem Album anschaut und sich alles so unglaublich vergänglich anfühlt. Dieses Gefühl, dass Beziehungen, Liebesgeschichten und Menschen in deinem Leben einfach so vorüberziehen. So wie alles in unserem Leben vorbei geht. Wir vergehen auch und alles hat schliesslich ein Ende. Das war jetzt aber möglicherweise eine sehr komplizierte Antwort.

Nein, ganz und gar nicht. Sie erinnert mich an die Methode, mit welcher Jacob Felländer arbeitet. Bei ihm finden sich öfters Schnappschüsse von Landschaften aus verschiedenen Kontinenten auf einem einzigen Bild, da er mit Analog-Kameras und Mehrfachbelichtungen arbeitet.

Wenn Jacob mit seinen alten, umgebauten Kameras arbeitet, bringt er ein Element des Zufalls in seine Arbeit hinein. Etwas, das er nicht wirklich kontrollieren kann. Er geht zwar mit einem bestimmten Ziel irgendwo hin, weiss aber, bis der Film entwickelt ist, nicht wirklich, was er am Ende bekommt. Aus Bildern mehrere Städte kreiert er beispielsweise eine andere Stadt, einen dunklen und abgründigen Ort. Wenn man seine Bilder anschaut, weiss man nicht, welcher Teil zuerst vorhanden war und wie er zum fertigen Bild kam. Am Ende ist es jedoch von Bedeutung, dass jemand, der das Bild anschaut, etwas dabei fühlt. Er will mit seinen Bildern ein bestimmtes Gefühl auslösen. Ich denke, es ist dasselbe mit einem Lied. Du kannst beispielsweise etwas sehr Spezifisches aufschreiben: „Ich bin zur Arbeit gegangen und war sehr traurig, weil meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat“. Aber das muss nicht heissen, dass man etwas fühlt, wenn man das liest. Letzten Endes geht es beim Prozess des Songwritings um die Frage, wie man ganz bestimmte Gefühle auslösen kann.

„Dreams of Blue“, der letzte Song des neuen Albums, ist ein gutes Beispiel dafür, wie man mit dem präzisen Setzen von Worten Emotionen auslösen kann. In diesem Lied blitzen Erinnerungen an eine geliebte Person auf. Am Ende wünscht sich der Protagonist oder die Protagonistin, in den Träumen verharren zu können und wiederholt wie eine Art Mantra „What if I could stay“, das dann abgekürzt wird zu „What if I could“, bis ganz am Schluss nur noch das „could“ übrigbleibt und die Musik langsam ausgeblendet wird. Diese Verkürzung erzeugt eine unglaubliche emotionale Wucht und verstärkt das Verlangen, das die Person im Lied fühlt.

Das Ende dieses Liedes zeigt, wie man als Künstler arbeitet. Man hat eine grobe Vorstellung von etwas, schaut dann die Details an und fragt sich: „Wie kann ich es stärker machen? Wie kann ich es anstellen, dass die Wörter noch mehr aussagen?“ Das ist etwas, das Zeit benötigt. Das Gesamtbild nimmt relativ rasch Gestalt an, aber bis ein Lied wirklich fertig ist, braucht es viele klitzekleine Änderungen wie der Tausch von einzelnen Wörtern, die einem Satz eine neue Bedeutung geben. Man hört sich das Lied immer wieder an und fragt sich: „Was sagt es wirklich aus?“ Es gibt so viele Arten, „Ich liebe dich“ zu sagen. Es hängt alles davon ab, wie man das singt, mit welcher Melodie und in welchen Umständen diese Aussage verwendet wird. So kann es glücklich, aber auch sehr traurig tönen, und dies mit denselben Worten. Dass das Lied bei dir Emotionen ausgelöst hat, zeigt, dass ich viel Zeit hineingesteckt habe. Das ist gut. „Dreams of Blue“ und „Keep me in the dark“, beides sehr traurige Lieder, sind übrigens meine beiden Lieblingssongs auf dem Album.

„Keep me in the dark“ war bereits auf dem vorherigen Album „For the young“ zu finden.

Ja, jene Version ist nett, aber diese hier, die wir eigentlich vorher aufgenommen haben, gefällt mir besser.

Mir ebenfalls. Du singst das Lied auf der nun veröffentlichten Version etwas langsamer als auf „For the young“, aber da ist dieser pulsierende Ton im Hintergrund…

Der Herzschlag…

Genau, der verleiht dem Lied eine gewisse Dringlichkeit und steht im Kontrast zum verlangsamten Tempo. Zudem besteht das Lied nun fast zur Hälfte aus einem sehr sphärischen instrumentalen Teil.

Es freut mich, dass es dir gefällt. Ich habe mich bei der Arbeit nämlich oft gefragt, wer sich heutzutage überhaupt noch ein ganzes Album anhört. „All the way to Rio“ ist auf eine gewisse Weise wirklich ein klassisches Album. Es fordert etwas von der Person, die es sich anhört. Es ist nicht so, dass man das Album einfach auflegen kann, um eine unmittelbare Erfüllung zu erhalten. Man muss dem Album etwas Zeit geben. Aber wenn man es mag, kann man darin versinken. Ich glaube, wenn einem ein Song gefällt, kann man das ganze Album mögen. Das hoffe ich auf jeden Fall.

Diese Art Alben haben oft ein längeres Leben. Man wird ihrer nicht überdrüssig, weil man immer wieder neue Facetten entdecken kann.

Das stimmt. Aber es verlangt etwas vom Zuhörer. Man versteht vielleicht das erste Mal etwas und nach weiteren fünf Hördurchgängen entdeckt man wiederum etwas anderes. Vielleicht möchte man manchmal aber einfach nur ein Lied anhören, um den Kopf frei zu bekommen und dazu tanzen zu können. Dann muss es ein einfacheres Lied sein. Ich denke, wie man Musik rezipiert, hängt generell stark davon ab, in welcher Stimmung man sich befindet. Ich liebe beispielsweise die Musik von Nick Drake, aber es gibt Tage, an denen ich mir seine Musik nicht anhören kann, weil sie mir einfach zu stark unter die Haut geht.

Bild: Jerker Josefsson

Ich habe ein Zitat des Fotografen Jacob Felländer gefunden, das mir sehr gefallen hat: „I realized that if I gave up chasing perfection, I could reach places I didn’t even know existed“. Hast du das im schöpferischen Prozess bei der Arbeit an deiner Musik ebenfalls erlebt und kannst diese Aussage nachvollziehen?

Das sind wunderschöne Worte und ich fühle, dass das, was er sagt, so wahr ist. Für mich war es schwierig, aber ich erreiche diesen Punkt immer öfter. Ich werde freier. Die Arbeit an diesem Album hat mich viele Dinge gelehrt. Wenn ich diesen Prozess nochmals durchmachen würde, wäre es viel einfacher für mich. Vielleicht wäre das Album tatsächlich vor zwei Jahren bereits gut gewesen. Um ganz ehrlich zu sein, weiss ich nicht, ob es dafür unbedingt fünf Jahre gebraucht hätte. Oft weißt du bereits, was du sagen willst. Es geht nur noch darum, die Kanäle zu öffnen und die Gedanken fliessen zu lassen. Erst dann, wenn du zu viel über etwas nachdenkst, verkomplizierst du die Dinge so, dass du dich verschliesst. Du hast das Gefühl, du bist nicht gut genug, weil deine Arbeit perfekt sein muss. Als wäre Perfektion eine Art Peitsche. Es ist zwar gut, sich die Zeit zu gönnen, um zu spielen und kreativ zu sein. Nach der kreativen Phase sollte man das Geschaffene aber überarbeiten und anschliessend sein Werk loslassen und weiterziehen. Man sollte nicht daran kleben bleiben und versuchen, es bis zur Perfektion zu verfeinern, weil man das nicht erreicht – oder man verrottet dabei. Deshalb hoffe ich für die Zukunft tatsächlich auf weniger Perfektion und mehr Freiheit.

Als ich vor sechs Jahren das erste Interview mit dir geführt habe, sagtest du mir, dass für dich, seit du 10 Jahre alt warst, die Musik und das Schreiben von Liedern eine Art notwendige Konsequenz deines Lebens sei. Woher kommt dieser Drang, dich mit Musik auszudrücken?

Musik ist für mich eine Art Therapie: Eine Flucht, ein Entrinnen und eine Möglichkeit, mich auszudrücken. Das ist der Grund, wieso Menschen malen, tanzen und singen. Du kannst mit anderen kommunizieren, auf eine Weise, wie es mit Worten allein nicht möglich ist. So fühlst du dich weniger einsam. Wenn das Musikmachen zum Beruf wird, können jedoch gewisse Dinge deinen Geist und Verstand infiltrieren, ihn beschmutzen und stumpf werden lassen. Für mich ist das nicht einfach: In jedem Arbeitsprozess geht es für mich darum, Ängste zu überwinden, zu einer gewissen Verspieltheit zurückzukehren und zu versuchen, nicht alles zu ernst zu nehmen und zu perfektionistisch zu sein. Sonst kommst du in einen Zustand, wo du dich selbst geisselst. Bis du endlich realisiert, dass es genau genommen „nur“ um Musik geht, mit der ich anderen Menschen Erlebnisse und Erfahrungen weitergeben will, was ja eine gute Sache ist.

Kommen diese Ängste und der Druck, weil man nach einem erfolgreichen Album Angst hat, die Menschen zu enttäuschen?

Zu Beginn meiner Karriere, nach dem ersten Album, hatte ich solche Stimmen in meinem Kopf. Aber dann habe ich realisiert, dass ich nicht gut arbeiten kann, wenn ich andere zufriedenstellen soll. Ich muss zuerst selber zufrieden sein, mit dem, was ich tue. Sonst kommt nichts dabei heraus.

 

Aktuelles Album:

„All the way to Rio“ (BMG Rights / Warner Music), als CD und LP erhältlich

Homepage:

www.annaternheim.com

 

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