Jetzt wird’s sportlich!

Die “Olympiade” ist das dazwischen.

Können wir nicht einmal so richtig simulieren?

Wie der von den Herrn Wolf und Perron herausgegebene Routledge Companion to Video Game Studies konstatiert, handelt es sich bei Sportspielen um ein Genre, das „played an important role in video game history.“ Allerdings merkte Spieleforscher David Leonard bereits 2006 ebenso an, dass es um die kritische Durchsicht jener Spiele sehr schlecht bestellt sei. Und da in Südkorea gerade die kecken Damen und Herren athletisch durch Schnee und Eis brausen (und schießen!), kann es für RUDOLF INDERST keinen besseren Zeitpunkt geben, als einen Anfang zu wagen.

Das Sportspielgenre scheint zwischen zwei Polen zu schweben – da gibt es einerseits die Management-Seite und auf der anderen Seite die Simulation der Sportart qua Ausübung im SportlerInnen-Körper selbst. Zweitere Gangart mag sich zusätzlich dadurch unterscheiden, wie actionreich oder „realismusgetrimmt“ das Spiel, also seine Regeln und Mechaniken ausfallen, aufgebaut ist.

Der vorliegende Artikel kam durch zwei Anregungen zu Stande. Zum einen sah ich etwa vor einem Jahr einen VICE-Sports-Clip, der sich mit dem Leben ehemaliger Sumo-Kämpfer nach deren aktiven Karriere auseinander gesetzt hat. Und zum anderen las ich – uns das ist schon gefühlte Ewigkeiten her – über russische Kinder, die zu zukünftigen Tennisstars „erzogen“ werden sollen und daher keine klassische Schulbildung mehr mitbekommen, sondern höchstens im Monat noch einmal Klassenräume von innen sehen.

Und das ist irgendwie zwar eine schiefe, aber funktionierende Überleitung: Zufällig ist der einzige Sporttitel, mit dem ich mich immer wieder gerne beschäftige Virtua Tennis in all seinen Iterationen. Egal, ob auf Dreamcast, Xbox 360 oder Sony PSP – wo eine Filzballkarriere rief, war ich mit Power-Grundlinienspiel bereit und zur Stelle! Die Call-of-Duty-Beckerfaust am Pad, wenn man so will. Ich würde gerne – abseits der virtuellen US-Open – dennoch gerne ein paar Szenarien durchspielen – ha, „durchspielen“ – die mich innerhalb dieses Genres unheimlich reizen würden.

Szenario 01: Agents of Wada

In diesem Third-Person-Action-Adventure übernehmen Sie die Rolle einer WADA-Agentin, die ihrer gefährlichen Pflicht im internationalen Radsport Doping-Sumpf nachgeht. Zwischen manipulierten Blut-Tests, ausgetauschten Urin-Proben sowie personenfremder Haarwurzeln und eiskalten Sportfunktionären mit Freunden in Pharmakonzern-Vorständen müssen Sie es schaffen, eine Großveranstaltung einigermaßen „clean“ – das bedeutet eine Substanz-Rate von unter 85 Prozent – zu halten. Bereits auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad werden Sie in neun von zehn Fällen von Männern mit osteuropäischen  Akzent zuhause besucht, die mit ihnen „nur reden wollen“. Alleine. In einem abgelegenen Waldstück.

Szenario 02: The Combatives of Corruption

In diesem Wirtschaftssimulator spielen Sie einen jungen Steuerprüfer, der in einem „sehr großen Fußballverband“ einen ganz genauen Blick auf die Bücher und Zahlen wirft und eventuelle Ungereimtheiten aufdecken soll. Rundenbasiert müssen Sie den Verlockungen von Geldgeschenken und Flugreisen widerstehen, um ans Ziel zu gelangen im besten Fall einen kleinen, unbedeutenden Fisch in der Organisation zu überführen. Auch dieser Fisch hat Anwälte in der Schweiz, deren Stundensatz ihr Jahresgehalt in den Schatten stellt. Nach vierundsechzig Instanzen endet das Verfahren meist mit Freispruch.

Szenario 03: Hail, Caesar!

In diesem Endlos-Puzzler versuchen Sie als Vertreter einer toughen Polizei-Hundertschaft bei Rostock im fiktiven, ostdeutschen Hinterland, gewaltbereite Rechtsaußen-Hooligans nicht in Stadion-Nähe zu lassen. Dazu können Sie Regionalbahnen stoppen oder umleiten, Absperrketten bilden oder Tränengas bzw. Wasserwerfer einsetzen. Auf einem höheren Schwierigkeitsgrad bekennen Ihre kräftigsten Beamten (politisch) endlich Farbe und schließen sich den Randalebrüdern an. Parallel versichert ein Soundfile alle dreißig Sekunden, dass diese Krawalle nichts „mit demm Sport oder Fußball an sich zu tun“ hätten und der Wikipedia-Eintrag zum Legionärsgruß erscheint groß über dem Bildschirm.

Szenario 04: The Darkest Tower

Das Text-Adventure stellt eine querschnittsgelähmte ehemalige Turmspringerin ins Zentrum, die sich bemüht, im Leben nach einem Trainingsunfall Fuß zu fassen. Zu Beginn stehen die Chancen jedoch schlecht – die ehemaligen SportkameradInnen haben sich von ihr distanziert, die Presse interessiert sich nur für SiegerInnen und andere Freunde hat sie zunächst nicht, schließlich verlangt der Leistungssport totale Aufopferung. Nach zahlreichen Abenteuern mit einem Zauberhund und antiken Helden, die sie aus einem magischen Spiegel beschwören kann, findet sie jedoch den Diamanten der Heilung Therapiestunden gelingt es ihr unter Umständen und sehr hohem SpielerInnengeschick, ihren eigenen Weg zu gehen. Sensible Gamergater nennen den Titel inzwischen übrigens via Twitter: “1NicerSpastSim” und modden begeistert Claudia Roth oder Aydan Özoguz ins Spiel.

Rudolf Inderst

*1978 in München. Studierte Poltikwissenschaften in München und Kopenhagen. Arbeitet aktuell an seiner zweiten Dissertation. Übernimmt Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Holt sich blaue Flecken im Krav Maga. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 35 Jahren. Trägt gerne Bart.

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