Beholder

Leben durch das Schlüsselloch

Als vom Staat installierter Vermieter eines totalitären Staates hat man es nicht leicht mit seinen Mietern. Wie nur vorgehen, wenn die Ungehorsamen auf einmal nicht-genehmigte Rockmusik hören oder von verbotenen Früchten naschen? Was, wenn der eigene Sohn partout studieren und nicht in der lokalen Kohlemine ehrliches Geld verdienen will? NORMAN VOLKMANN linste durch Schlüssellöcher und installierte Sicherheitskameras in den Wohnungen der Bewohner. Alles für den Staat, alles für die Sicherheit!

Nachbarn nerven. Immer. Wer mäht am Sonntag den Rasen, wer nimmt Pakete an und ist dann nie zu Hause, wer will im Treppenhaus immer ein Gespräch anfangen? Fürchterlich. Über meine Nachbarn will ich im Grunde gar nicht mehr wissen als notwendig. Und notwendig ist nicht viel. In Beholder dagegen ist es das erklärte Ziel, alles über die Mieter des Hauses zu wissen. Nach außen weiß jeder sich führungsnah und fromm zu präsentieren. Doch was genau hat Klaus aus dem Ersten eigentlich in der Sockenschublade versteckt?

Selbstverständlich spielt Beholder im Jahr 1984: SpielerInnen steuern den Vermieter Carl Stein – eine arme Sau, die sich nicht zur Wehr setzt gegen den dominanten Staat und dessen Idealvorstellungen, weil auch er seiner Familie und deren Problemen gerecht werden will. Krankheiten, Schulpflichten der Kinder und horrende Rechnungen machen sein Leben hart und mir Entscheidungen immer wieder schwerer. Dem Staat zu dienen und damit eine seelenlose Hülle zu werden, ist einfacher. Lukrativer dagegen ist es, wenn man das steife Regelwerk und die strengen Gesetze etwas biegt. Carls Aufgabe ist es nicht, nur tropfende Hähne zu reparieren oder Glühbirnen zu wechseln, sondern vor allem, die Mitbewohner des Hauses zu überwachen.

Wer dem Staat nicht passt, muss ausziehen und wer sich nichts hat zuschulden kommen lassen – nun, bei dem hilft Carl eben nach, wenn er nicht selbst dran sein will. Wichtig ist dabei nur, dass ich mir die Tagesabläufe der Bewohner merke und umfangreiche Profile anlege und diese mit dem Ministerium teile. Hobbies, Laster, Vorlieben, Krankheiten – all das sind für mich wichtige Informationen, denn jeder noch so kleine Verstoß kann damit enden, dass der Bewohner ausziehen muss. Das macht dann die freundliche Polizei, mit Schlagstöcken und ohne Mitleid. Spannend wird es spätestens dann, wenn Carl plötzlich selbst Geldsorgen hat. Dafür gibt ebenfalls bitterböse Optionen – Carl kann jedem Bewohner Erpresserbriefe schreiben, wenn er etwas Illegales entdeckt. Doch auch hier gilt: Alle Mieter sollte man gut kennen, nicht jeder lässt sich von Carl herumschubsen.

Zu Beginn des Spiels war mir überhaupt nicht bewusst, was dieser kleine, unscheinbare Titel mit mir anstellen würde. Anfangs wollte ich alle Spionage-Werkzeuge ausprobieren – das Spiel verlangt es ja schließlich! Als die ersten wahllosen, neuen Gesetze einfliegen (“Alle Äpfel sind illegal”), schmunzelte ich noch. Dann wurden plötzlich ganze Musikgenres oder die Literatur bestimmter Autoren illegal und das Spiel auch für mich ernster. Doch ich war schon gefangen in einer Spirale voller falscher Entscheidungen, Geldnot und dem drohenden Tod von Familienmitgliedern. Was tun, wenn plötzlich die gesamte Familie verbotene Literatur liest? Wenn man plötzlich niemandem mehr traut und eigentlich nur noch raus will aus der grau-tristen Welt, die in Beholder zwar von Anfang an ersichtlich war, in ihrer ganzen hässlichen Macht aber erst nach einiger Zeit über Carl und mich hereinbrach?

Wie schon bei Papers, Please, erstickt man in Beholder schnell in zahlreichen parallelen Aufgaben, um so das Wichtige aus den Augen zu verlieren. Schließlich will man seinen Job ja gut machen. Warum so viel Fragen stellen, wenn doch die Regeln so klar sind? Beholder macht keine gute Laune. Beholder beklemmt, vor allem wenn man während des Spielens solche Meldungen aus China im Hinterkopf hat. Oder solche hier, aus Berlin. Aber gerade deswegen ist Beholder wichtig. Klaus aus dem ersten Stock hatte letztendlich nichts versteckt, was ihm zum Verhängnis werden sollte, war er sich doch stets aller Gesetze bewusst. Als der Staat ihn aus dem Haus haben wollte und er an einem Tag vom stressigen Job nach Hause kam, lag auf einmal eine Jeans im Schubfach. Dabei waren diese seit einigen Tagen höchst illegal. Wie die Jeans da hinkam, interessierte die brutalen Polizeibeamten nicht, ihre Schlagstöcke stellen keine Fragen. Sie erledigten ja auch nur ihren Job, wie alle anderen. Mich allerdings zerfraß die Schuld.

 

Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

Originaltitel: Beholder

Plattform: PC, PS4, Xbox One

Genre: Strategie

Entwickler: Warm Lamp Games

Veröffentlicht von: Alawar Entertainment

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