Kingdom Come: Deliverance

So richtig Mittelalter, Alter!

Böhmen, 15. Jahrhundert. Das Leben war härter, dreckiger und gottesfürchtiger als heute. Und vor allem war das Leben nicht fair. NORMAN VOLKMANN merkt das in Kingdom Come: Deliverance ziemlich schnell: Stets überfordert mit der mittelalterlichen Welt, rannte er in Unterwäsche durch Burghöfe, aß verdorbene Äpfel und ließ sich von alten Bauern zusammenschlagen.

Ich bin keiner, der Spiele schnell aufgibt. Umständliche Mechaniken hin, behäbige Steuerung her – auf der Suche nach der wahren Schönheit eines Spiels vergehen manchmal einige Stunden; das weiß ich. Häufig zahlt sich Hartnäckigkeit aus. Spoiler: Kingdom Come: Deliverance bot für mich kein solches Happy End.

Mehr Realismus in Spielen – das wünschen sich inzwischen nicht nur Sportfans, sondern offenbar auch die Mittelalterexperten, die von gefährlichen Drachen und fetzigen Zaubersprüchen die Nase voll haben. Immerhin haben mehr als 35.000 Backer dafür auf Kickstarter mehr als eine Million Euro hingeblättert. Wie historisch akkurat nun als das Böhmen von 1500 ist und wie realistisch Kingdom Come: Deliverance sein mag, kann ich im Grunde nur vermuten. Mir fehlt sowohl das historische Wissen als auch das Interesse dafür. Was ich aber weiß: Es ist ein verdammt unfertiges, technisch rohes und mechanisch schwieriges Spiel, fernab aller realness. Und das hat mich nach einigen Stunden einfach dermaßen zermürbt, dass ich überlegen musste, ob der Titel es überhaupt wert ist, zahlreiche Stunden zu investieren und den Frust herunterzuschlucken. Meine Antwort: Nein, und zwar aus den folgenden Gründen:

Die Ladezeiten sind ein Zeitinvestment für sich. Vom Starten des Spiels (auf der Xbox One X) bis zum tatsächlichen Erscheinen des Hauptmenüs – von hieraus muss dann der eigentliche Spielstand noch geladen werden – dauerte es jedes verdammte Mal alleine mehrere Minuten. Jede kleine Cutscene während des Spiel muss geladen werden, Gespräche ziehen sich dadurch ewig hin und jegliche Immersion ist dahin.

Das Hauptmenü selbst war offensichtlich schon der Vorbote der technischen Probleme und Macken, die KCD später für mich bereit hielt. Der Animation des Rauches, der aus dem Schornstein eines Hauses im Hintergrund hervortritt, stockte bereits, die Häuser haben verschwommene Wände. Im Laufe des Spiels traten ständig größere und kleine Grafikfehler auf. Ein Dorfbewohner mit einem Fass als Unterkörper belustigte mich zu Anfang noch. Ein Bauer, mit dem ich Streit anfing, weil er meinem Vater Geld schuldete, war in einer Animation gefangen, die ihn immer wieder einen Eimer aufheben und abstellen ließ, bevor er mit mir reden konnte. Gesprächspartner, wiederholten plötzlich ihren zuletzt gesagten Satz. Gegenstände verschwanden auf einmal: Als ich nach dem Überfall auf mein Heimatdorf zu einem anderen Schloss flüchtete, bat man mich, meine dreckigen Stiefel und Klamotten auszuziehen und das vornehme Bett nicht zu verschmutzen. Gesagt getan, doch am nächsten Tag waren die Klamotten weg und ich musste in Unterwäsche die Burgmauer bewachen (frei nach Marsimoto: “Was ist denn mit der Realness?”). Wenig später verschwand mein Pferd nach einer Cutscence und ich durfte, mitten im Nirgendwo, ewig durch die große, aber plötzlich ziemlich karge Welt stiefeln. Ein weiterer Höhepunkt: Als mir ein Charakter beibringen wollte, wie man sich als Taschendieb fremde Habseligkeiten zu Eigen macht, endete die Quest in dem Moment, in dem ich seinen Dolch aus der Tasche ziehe. Was eine halbe Sekunde vorher noch in Ordnung war, wurde nun damit quittiert, dass ich des Diebstahls bezichtigt und von den Wachen festgenommen wurde. Also rasch neuladen? Sicher, wären ja nur 30 Minuten Spielfortschritt futsch.

Ja, dieses bescheuerte Speichersystem: Warum zur Hölle sich ein Entwickler im Jahr 2018 dafür entschieden hat, kein (regelmäßiges) Autosave-Feature zu nutzen, will nicht in meinen Kopf. Stattdessen muss die Spielfigur einen Schnaps trinken, um zu speichern – dieser kostet ungefähr 120 Groschen (allein 30 Groschen zusammenzukratzen ist eine Qual). Zu allem Überfluss ist das Spiel dann allerdings noch so buggy, dass es mehrfach mitten in einer Quest abstürzte und ich große Teile ebenjener erneut absolvieren durfte. Diese restriktive Art Speicherpunkte zu setzen, mag Spieler dazu zwingen mit ihren Taten zu leben und überlegter vorzugehen – kombiniert mit Spielabstürzen und fehlerhaften Quests ist das allerdings eine explosive Mischung!

Kingdom Come: Deliverance ist schon fernab aller Fehler kein einfaches Spiel und will das auch nicht sein. Schon zu Beginn, als ich meinen ersten Faustkampf mit einem alten Bauern führte, merkte ich das schnell. So eine Schlägerei ist beileibe nicht leicht zu gewinnen, gleiches gilt später für Schwertkämpfe gegen erfahrene Gegner. Es dauerte also nicht lange, bis besagter Bauer mir zahlreiche Schläge ins Gesicht und Tritte in den Bauch geliefert und meine Spielfigur in die Flucht zwang. Vorsichtigkeit zahlt sich aus. Wer auf Macker macht und ständig auf Stunk aus ist, wird schnell in die Schranken gewiesen. Als Krimineller sollte man ebenfalls sehr vorsichtig sein. Wachen sind aufmerksam und wer gegen Gesetze verstößt, verliert sein Hab und Gut sehr schnell. Auch die Survival-Elemente sorgen dafür, dass neben den Quests immer darauf geachtet werden muss, dass Hauptcharakter Henry nicht hungert, verdorbene Speisen isst oder übermüdet auf Reisen geht. Das Fähigkeitensystem ist tief genug, um im Laufe des Spiels Konflikten aus den Wegen zu gehen, sollte man gut genug argumentieren können.

So gerne ich mich auf die mittelalterliche Welt und deren geerdete Story abseits aller Fantasy-Klischees einlassen wollte – die technischen Probleme und mechanische Behäbigkeit vieler Systeme hat mich zu sehr frustriert. Alle Mechaniken des Titels kennt man bereits von anderen Titeln, sie nun umständlicher, schwieriger und damit gefühlt “realistischer” zu machen, hatte für mich keinen Mehrwert sondern nur die Konsequenz, dass ich vorzeitig meinen Hut zog. Vor ein paar Jahren noch hätte ich einfach ein paar Monate gewartet und gewartet, bis alles zurechtgepatched wurde. Heute mache ich mir nichts mehr vor und bedauere es mit großer Sicherheit auch später nicht weiterzuspielen. Am Ende sind wir dann doch einfach grundverschieden, Kingdom Come: Deliverance und ich.

Ganz kurz noch: Dass ein Creative Director eines Spiels mit Burzum-Shirt Interviews gibt und in der Vergangenheit mit Pro-Gamer-Gate-Äußerungen mehrfach auf sich aufmerksam gemacht hat, wäre eigentlich Grund genug, Kingdom Come: Deliverance gar nicht zu spielen. Wer sich damit mehr auseinandersetzen möchte, kann das unter anderem mit dem umfassenden Artikel von Rainer Sigl auf derStandard.at tun – dieser gibt einen reichhaltigen Überblick zur Thematik.

 

Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

Originaltitel: Kingdom Come: Deliverance

Plattform: PC, PS4, Xbox One

Genre: Rollenspiel

Entwickler: Warhorse Studios

Veröffentlicht von: Deep Silver

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