Far Cry 5

Wenig Neues im Nordwesten

Wenn man einen Berg besteigt, vom Gipfel springt und mit einem Wingsuit gen Boden prescht, nur um kurz vor dem Aufprall den Fallschirm zu ziehen und direkt beginnt, wie wild Granaten und Maschinengewehrsalven abzufeuern, um dann kurz nach der Landung zusammen mit einem Bären und einem Berglöwen Gegnerwellen zu zerstören, dann spielt man Far Cry. Oder hat einen sehr problematischen Fiebertraum. NORMAN VOLKMANN hat sich einer hyperreligiösen Sekte aus Montana gestellt – schlussendlich aber mehr Zeit damit verbracht, wahllos Dinge explodieren zu lassen.

Inzwischen ist es ja kaum mehr ungewöhnlich: Ubisoft kündigt den nächsten Titel einer Franchise an, und das Internet ätzt und ätzt. Kennt man schon, immer dasselbe, bla. Dann kam die Ankündigung zu Far Cry 5. Ein religiöser Kult mitten in den USA? Wird Far Cry auf die alten Tage doch noch mal ernsthaft politisch, bezieht der Titel etwa Stellung? Zuletzt klappte das bei Watch Dogs 2 ja ganz gut. Ich dachte direkt an Waco und die Branch Davidians, die sich dort in den frühen 1990ern verschanzt hatten. Serientipp: Die absolut empfehlenswerte Miniserie, die das Thema beleuchtet. Hier wurde Kultanführer David Koresh nicht nur kritisch in Frage gestellt, sondern auch nachvollziehbar und menschlich gezeigt. Vor allem aber wurden die amerikanischen Einsatzkräfte, die plötzlich mit militärischer Stärke gegen die Sekte vorgingen und die Belagerung damit komplett eskalieren ließ, in Frage gestellt. Kein “Fuck yeah, ‘Murica!” – schön. Ist man bei Far Cry 5 hingegen erst einmal in Montana angekommen, offenbart sich schnell, dass dem Titel solche Nuancen fehlen. Im Podcast Rebel FM verglich man Far Cry 5 und vor allem die Präsentation des Kults vor Erscheinen mit der Ankündigung der abgefahrensten Eissorte, die man sich vorstellen konnte. Ist die Verpackung erst mal ab, merkt man aber plötzlich, dass es doch nur Vanilleeis ist. Und genau dieser Vergleich sitzt.

Wie nahezu jedes Open-World-Spiel krankt Far Cry daran, dass die eigentliche Handlung in den Hintergrund rückt. Nebenquests, Angelabenteuer, Jagd- und Sammelaufgaben lenken eben ab. Dennoch habe ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, dass sich jemand in Hope Country wirklich ernsthaft Sorgen macht. Die halbe Bevölkerung wurde einer Gehirnwäsche unterzogen, mit Drogen gefügig gemacht – später wirft man einfach Köder aus, um die am schlimmsten geschädigten Opfer herauszulocken und mit Blei vollzupumpen.

Es ist nahezu schon Tradition, dass Far Cry seine Antagonisten ins Rampenlicht stellt. Als Far Cry 3 vor mehr als sechs Jahren angekündigt wurde, stand Bösewicht Vaas komplett im Mittelpunkt. Von Schauspieler Michael Mando gespielt, war Vaas ein fesselnder Bösewicht mit Charisma, dessen Niedergang als Spieler man schon vor der ersten Spielminute entgegenfieberte. Bis man das Spiel spielte und die besten Szenen bereits aus Trailern kannte und feststellen musste, dass Vaas auch nur Handlanger und nach der ersten Hälfte des Spiels bereits erledigt war. Far Cry 4 ging denselben Weg und auch die Seed-Geschwister und deren Anführer Joseph nehmen eine ähnliche Rolle ein. Sie sollen die charismatischen Anführer sein, mitsamt brutaler Gang Untergebener, die sich nach der Erlösung selbstverständlich auch ein keckes Stirntattoo im Stil eines Charles Manson haben stechen lassen. Am Ende bleiben sie jedoch profilloser als alte Chucks. Sobald man Missionen erledigt, Stützpunkte übernimmt oder Geisel aus den Fängen des Kults befreit, füllt sich eine Leiste – kommt man an deren Ende an, beginnt der Bosskampf gegen den jeweiligen Herrscher eines geografischen Gebietes. Unausweichlich auf dem Weg dahin: Eeeewig lange Monologe der jeweiligen Seed-Geschwister, die meinen Charakter immer mal wieder entführen – eine Aktion, der man spielerisch nicht entkommen kann. Auf der einen Seite ein gutes Mittel, um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Andererseits frustrierend, will man gerade etwas anderes machen – Möglichkeiten gibt es ja genug. Gefühlt gibt es auch nur bei Far Cry diese Art von Zwischensequenzen, bei denen der Bösewicht die Polygonfratze immer so präsent in die Kamera drückt, dass es unangenehm wird. Alle vier Antagonisten verlieren sich in wortreicher, pathetischer Exposition, während derer ich nahezu jedes Mal gelangweilt zum Smartphone griff. Optional wird dann noch ein verbündeter NPC gequält, damit auch der letzte dumpfe Heini am Controller verstanden hat, dass die alle hier ganz schön böse sind.

Zu guter Letzt sind da die “guten” NPCs und mit ihnen das genaue Gegenteil der Bösewichte, die sich ernster nehmen als es das Spiel selbst tut. Da wäre zum einen der “normale” Pastor, der natürlich auch im Auftrag Gottes handelt. Nur halt mit der richtigen Religion, weißte Bescheid. Oder Hurk, der Amerikaner, der einen Schrein hat und Waffen anbetet. Klar. Denn wenn einem Spiel etwas fehlt, dessen Bösewichte mit Drogen, Waffen und einer verqueren Religion nahezu einen ganzen Bundesstaat eingenommen haben, sind es die good guys with guns. Rootin, tootin, shootin’ – ein Dudebro, der einfach alles explodieren lassen will. Ubisoft gibt sich zwar viel Mühe, divers zu sein und eine breite Palette an Typen und Charakteren zu präsentieren. Allerdings sind da selbst die Bösewichte offen genug, offensichtlich jeden zu akzeptieren und grenzen sich damit wirklich kaum von denen ab, die für Gerechtigkeit kämpfen.

So negativ das nun alles klingen mag. Ich habe Far Cry 5 lange gespielt und hatte trotz aller inhaltlicher Schwächen sehr viel Spaß mit dem Titel. Ubisoft-Spiele sind inzwischen immer komplett glatt gebügelt und haben alles, was ein moderner Titel braucht. Die Waffen fühlen sich gut an, die Missionen sind abwechslungsreich, die offene Welt wunderschön. Kaum eine Aufgabe muss nach einem bestimmten Schema abgehandelt werden, sondern bietet immer die Möglichkeit, das weite Arsenal der Verwüstung auszunutzen. Wie schon bei jedem Vorgängertitel regiert auch in Hope County das Chaos. Stützpunkte ohne Alarm übernehmen? Pah, für Anfänger! Geübte Far-Cry-Experten fliegen erst einmal mit dem Flugzeug über das feindliche Camp, werfen eine Bombe ab, springen aus dem Flieger und haben schon den Raketenwerfer gezückt, bevor die Maschine im umliegenden Wald explodiert. Auf dem Boden angekommen wird dann Cheeseburger (der freundliche Braunbär) gerufen, der sich die Soldaten vorknöpft. Inzwischen steht das halbe Camp in Flammen – da war ja da die Bombe, mit der die ganze Aktion startete – und zack, alle besiegt, Camp übernommen. Standesgemäß wird dann die US-Flagge gehisst. U-S-A! U-S-A! Uff.

Kennste einen, kennste alle – sagt man ja so schön. Das stimmt vor allem bei Far Cry. Eine Vielzahl an Mechaniken und Perks kennt man bereits aus vorherigen Teilen. Der Titel flowed wie eine gut geölte Maschine, ständige Belohnungen und Freischaltungen stellen Spieler lange zufrieden. In Far Cry 5 können Stunden gesteckt werden, ohne dass Aufgaben doppelt gemacht werden müssen. Ständig stolpert man über Neues, ständig warten Herausforderungen. Dafür gibt es wenig neue Mechaniken. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die Entwickler Wert darauf legten, funktionierende Mechaniken zur Perfektion zu verfeinern. Damit ist Far Cry 5 eine sichere Bank, die niemandem wehtut, die für jeden zugänglich ist – sowohl inhaltlich als auch spielerisch.

Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

Originaltitel: Far Cry 5

Plattform: PC, PS4, Xbox One

Genre: First Person Shooter

Entwickler: Ubisoft Montreal/Ubisoft Toronto

Veröffentlicht von: Ubisoft

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