Warum Battle Royale Satans rauchendem A*** entsprungen ist

Die Abrechnung mit einem Spielmodus

Das Spielprinzip “Battle Royale” frisst die Spieleindustrie auf, die sich gerade erst von diversen Zombie-Modi erholt hat. PETER KLEMENT bittet als digitaler Dante zur Reise in die Unterwelt, um zu mahnen.

Ich war gottlob nie Zielgruppe der Social Games, wie Farmville und Konsorten, die sich inzwischen etwas gesundgestorben haben. Doch Battle Royale durchzieht, wie ein Krebsgeschwür, den empfindlichen Korpus der Spielelandschaft und bringt das Schlechteste im Menschen hervor. Dieses Mal gibt es kein Entrinnen durch taktisches Entfreunden auf Facebook. Diesem Damön muss ich mich stellen, und da Kreaturen aus der Unterwelt entweder mit dem Wort oder dem Schwert gebannt werden, versuche ich es erstmal mit dem Wort, bis der Damonenjäger-Onlineshop das Schwert nachliefert.

Zwei kurze Exkurse zu Battle Royale und Dantes göttlicher Komödie

Im Spiemodus Battle Royale, deren zwei große Vertreter Player Unknown’s Battleground und Fortnite sind, werden Spieler ohne Ausrüstung in eine große Arena geworfen. Nach einer hektischen Phase des Waffensuches folgt ein circa einstündiges Gemetzel, in dem zuerst die wichtigste Errungenschaft des digitalen Spielens zunichte gemacht wird: In dem der Tod wieder zu einer absoluten Größe wird. Save Games, Respawn, alles wird zu Gunsten für mehr Spannung und Edgyness über Bord geworfen. Wo der Katholik und der/die digitalen Spieler/Innen noch höhnten “Tod, wo ist dein Stachel”, haben sich die Entwickler dieses Spielsprinzips überlegt, dass es doch ganz spannend wäre, dass der Tod im Spiel eine änliche unerbittliche Konsequenz, wie im realen Leben hat: Wer in Battle Royale stirbt, stirbt endgültig und dient dem Rest als fledderbare Leiche. Was es zwar auch in Rogue Likes, wie Dark Souls, gibt. Doch im Gegensatz zu den immer neuen Partien eines Multiplayer-Matches, sind es begrenzte Systeme, die erlern- und damit beherrschbar sind.

Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? – Spielerzitat

Dantes göttliche Komödie ist, verkürzt beschrieben, der einzige Augenzeugenbericht aus dem Jenseits, den es sich lohnt zu lesen. Er scheute keine Mühen und berichtete nicht nur aus allen Ebenen der Hölle, sondern auch darüber was den geneigten Gläubigen denn im Paradies erwartet. Wichtig ist zu wissen, dass es sowohl in Himmel und Hölle eher klassisch hierarchisch und weniger nach dem Prinzip der flachen Team-Strukturen zugeht. Für die Hölle gilt, je weiter unten desto schlimmer. Für den Himmel, je weiter oben desto tugendhafter. Zwar hat jeder der Höllenkreise eine spezielle Sünderkategorie und damit verbundene Strafen, doch für den Zweck dieses Beitrags sollen die drei Überkategorien Maßlosigkeit, Bosheit und Verrat in absteigender Reihenfolge genügen.

Battle-Royale-Spieler werden ins Zielgebiet geschafft – Symbolbild

Maßlosigkeit

Die Väter dieser unvorteilhaften Charaktereigenschaft sind Neid und Gier. Beide werden in diesem Spiel hervorragend dadurch befeuert, dass alle SpielerInnen mit wenig oder gar keiner Ausrüstung starten, um sich ihrer Haut erwehren zu können. Wo in Teamshootern, wie Battlefield, die Gleichheit der Ausrüstung aus der Waffenkammer herrscht und sogar im Deathmatch-Klassiker Quake noch Grundversorgung mit einem anständigen Maschinengewehr gegeben ist, herrscht in Battle Royale künstlich erzeugter Mangel an allem. Was automatisch dazu führt, dass die große Geste des Teilens als erste aus dem Fenster fliegt. Denn in einem Spiel, in dem man nie genug haben kann, wird selbst das Teilen im Squad-Modus mit den anderen Mitgliedern zu einem kalkulierten Akt.

Bosheit

In Battle Royale gewinnt, wer sich durch – sagen wir mal – defensive Spielweisen, der Aufmerksamkeit seiner GegenspielerInnen entzieht, für die sonst die Begriffe “Camper” oder “Griefer” verwendet werden. Das wehrlose Opfer mit guter Ausrüstung ist ein Geschenk des Himmels in diesem Spielmodus, an dem sich der Starke labt, um den Schwächeren zur Geisel zu werden. Hinterhalte, Fallen und der Schuss aus dem Schatten sind, was die Spreu vom Weizen und dem Siegerspruch “Winner, Winner, chicken dinner” aus Player Unknown’s Battleground trennt. Was hier systemisch ausgeschlossen wird, ist die große oder umfassbar dumme Geste, wie man sie sich nur in digitalen Spielen erlauben kann: Versuchen fünf Typen mit Sturmgewehren mit vier Kugeln in einer Pistole aufzuhalten oder durch das konzentrierte Feuer des gegenerischen Teams zu rennen, nur um einem Teamkameraden wiederzubeleben; einem Neuling eine geilere Waffen schenken. Mit der Endlichkeit des digitalen Lebens in Battle Royale wird auch die ganze menschliche Niedertracht wieder zurück ins Spiel geschaufelt.

Battle-Royale-Spieler im Nachthemd plündert Spielerleiche mit Rüstung – Symbolbild

Verrat

Der Verrat in Battle Royale hat zwei Ebenen: Es is der Verrat der Entwickler an ihrem Spielern, denen sie das Feengold Hardcore-Survival und die damit verbundene Intensität der Erfahrung versprechen und ihnen so in einem Zug ihre Zeit und ihre Unschuld rauben: Denn Battle Royale ist ein Zeitfresser, in dem das Chicken Dinner hart durch endloses Versagen und räudig aus dem Hinterhalt abgeknallt werden verdient werden will. Diese unerbittliche Härte verbunden mit einer hohen Zeitinvestition führt dazu, dass die SpielerInnen nicht spielerisch ausprobieren, denn das wird nur mit einer Kugel in den Hinterkopf belohnt. Vielmehr muss für Battle Royale gedrillt werden. Die zweite Ebene des Verrats ist die der UserInnen an sich selbst: In diesem Spielmodus muss man und frau zum Arschloch werden, um zu bestehen. Klar, es gibt Menschen, für die das erfüllend ist. Doch die meisten von uns sollten Rudeltier genug sein, um den eigenen Mitstreitern Großzügigkeit und dem Gegner Fairness oder sogar das rare Gut Gnade zu zeigen. Jede Minute, die in Battle Royale gesteckt wird, ist Verrat an sich selbst: Denn unsere kostbare Zeit auf Erden wird dafür vergeudet, anderen die Zeit und virtuelle Güter zu stehlen, nur am Ende der Letzte auf dem digitalen Leichenberg zu sein und so besonders viel digitales Spielgeld für digitale Lifestyle-Artikel ausgeben zu können.

Battle-Royale-Spieler, der von seinem Team zurückgelassen wurde – Symbolbild

Dabei könnten wir in dieser Zeit gemeinsam als Team gegen ein anderes unsere Kräfte messen oder sogar komplett kooperativ gegen das Spiel selbst antreten. Alles ist besser als in diesem hobbesschem Krieg aller gegen alle unser digitales und reales Leben zu vergeuden und das zu verlieren, was digitale Spiele auszeichnet: Die große – oder wahnsinnig dumme – Geste und der Mut zu spielen im Angesicht eines machtlosen Todes.

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