Mal packend, mal sanft: Musik in Video- und Computerspielen

Ein Ressort packt aus hört hin.

Das sind unsere ludischen Klang-Favoriten.

Während RUDOLF INDERST gewissenhaft eine Mini-Disc-Sammlung abstaubt, betritt NORMAN VOLKMANN mit seinem Ghetto-Blaster auf der breiten Schulter das Pfandleihgeschäft. Hinter dem Tresen kaut STEFAN VON DER KRONE gelangweilt einen Erdbeer-Hubba-Bubba und nimmt seine orange-befellten Walkman-Kopfhörer ab. “Meine Herren”, so urteilt er, “meine Herren, es ist an der Zeit, um über unsere Lieblingsspielemusik zu sprechen!”

Rudolf Inderst

Nutzlos, es leugnen zu wollen. Jahrgang 1978. Spielend seit 35 Jahren. Ich bin ein alter Mann. Darum nahm ich “gute Videospielmusik” mit dem Kassettenrekorder vor der 4:3-Röhre sitzend auf, während ich per Handzeichen meinen in das Wohnzimmer platzenden Eltern klarmachen musste, dass es jetzt gerade ganz leise zu sein hat. So entstanden erste “Mixtapes” mit (be-)rauschenden, oftmals abgehackten Tracks aus California Games, Mortal Kombat oder Vigilante 8. Klingt witzig, jetzt, da es Spotify-Listen gibt, Hans-Zimmer-Bombast für Shooter existiert und EA für Musik in seinen Sportserien gefühlte Millionendeals verhandelt. Legen wir los.

#3: HALO (Xbox)

Was Martin O’Donnell und Michael Salvatori 2002 da zusammen auf die Beine gestellt haben, war die perfekte Untermalung und Begleitung für einen fantastischen Shooter, der mich bis heute an die “Spiele-Hardware mit dem X” binden sollte. In Zeiten, in denen es nicht selbstverständlich war, dass Spiele eine eigene Soundtrack-Auskopplung auf CD erhalten, verkaufte der HALO-Soundtrack 40.000 Exemplare. Ich hingegen frage: Warum NUR 40.000?

#2 MASS EFFECT (Xbox 360)

37 Tracks umfasst der Soundtrack. Und er nahm mich mit an Bord der Normandy – raus in die kalten, feindlichen und wundersamen Weiten des Weltalls. Raus in einen sich anbahnenden Konflikt, der noch zwei weitere Spiele überdauern sollte, die ich leidenschaftlich gerne erlebte. Und dass kleine Nichtsnutzer gegen das Ende der Trilogie in Rage gerieten…macht es mir nicht kaputt.

#1 STREETS OF RAGE 2 (Sega Mega Drive)

Ich bin sicher, mich nachts aufwachen lassen zu können, um dann mit Yuzo Koshiros und Motohiro Kawashimas Über-Soundtrack imitierend glänzen zu können. Club inspirierte 1990er-Beats treiben SpielerInnen durch die Level, bauen Spannung auf und lassen nur ganz selten chillaxige Momente zu. Für immer eingebrannt. Für immer Axels enge Jeans und trotzdem superflexible Kicks.

Natürlich muss auch noch Zeit sein für ein paar honorable Mentions: Doom (2016), Life is Strange & Silent Hill

Norman Volkmann

Ganz ehrlich: Bevor der Doktor mit der Idee zu einem Soundtrack-Sammelartikel um die Ecke kam, war mir nie so richtig klar, wie bewusst ich manche Videospiel-Soundtracks wahrnehme. Gerade in den letzten Jahren höre ich, sofern es die (fehlende) Story eines Titels zulässt, gerne nebenbei Podcasts und konzentriere mich voll und ganz auf die Spielmechanik. Gerade bei Sportsimulationen, Platformern oder Rennspielen eine gute Sache. Hinzu kommt, dass ich mich selten mit Soundtracks – ob zu Videospielen oder Filmen – abseits ihres Einsatzorts beschäftige. Dann dachte ich allerdings an Hotline Miami und wie der Titel mir im Grunde ein ganzes Musikgenre eröffnete.Honorable Mentions: Doom (2016), Kirby’s Dream Land, Super Mario Bros., Far Cry 3: Blood Dragon

#3 FURI (PlayStation 4)

Kompletter Soundtrack auf Spotify

Bosskämpfe und gute Musik – auf diese beiden Faktoren kann man Furi im Grunde eindampfen. Furi sieht so aus wie es sich anhört und spielt sich genau so schnell unbarmherzig, wie der Soundtrack es suggeriert. Es ist ist die nahezu perfekte Symbiose. Und fast bin ich versucht zu behaupten, dass der Soundtrack des Titels besser ist, als das Spiel selbst. Aber nur fast. Wer der Synthwave-Welle in den letzten Jahren auch nur ein bisschen abgewinnen konnte, wird im siebten Himmel sein. Mit Carpenter Brut, The Toxic Avenger, Waveshaper, Danger und Scattle geben sich die Größen des Genres die Klinke in die Hand.

Bester Song: Scattle – Love and Madness

#2 BANJO-KAZOOIE (Nintendo 64)

Kirk Granthope ist ein verdammter Gott! Der Soundtrack zu Banjo-Kazooie ist ist nur ein weiterer Grund, der den Titel für mich zum besten 3D-Platformer überhaupt macht. Nicht nur sind die Stücke musikalisch jeder Level-Szenerie angepasst, sie sind die perfekte Ergänzung zum quirligen Bären-Vogel-Duo, dem dämlichen Humor des ganzen Spiels und binden alle Charakter und Gegner ein. Das Grundthema wird in so vielen Abschnitten oder Level-Hubs in anderem Gewand genutzt und ist immer gespickt mit kleinen, instrumentalen Details.

Bester Song: Rusty Bucket Bay

#1 HOTLINE MIAMI (PC)

Ach, Hotline Miami. Nicht nur eines der besten Spiele der jüngeren Vergangenheit – Kollege Peter Klement hat seinerzeit auch einen meiner liebsten Texte auf nahaufnahmen dazu geschrieben: Hotline Miami ist nicht gut für dich! Hotline Miami ist einer wenigen Titel, deren unfassbarer Spieleflow ohne Musik gar nicht funktionieren würde. In keinem Level wird die Musik jemals angehalten, die hämmernden Beats treiben den Spieler weiter und weiter, egal wie oft das Level neu startet. Doch auch abseits der nahezu krankhaften Versuche, die Level mit Mega-Kombos zu beenden (ja, Hotline Miami ist echt nicht gut für dich), ließ mich der Soundtrack nicht los. Genauer: M|O|O|N ein DJ aus Boston, dessen erste EP komplett auf zum Soundtrack gehört und dessen Titel sich am schlimmsten in mein Hirn brannten, brachten mich dazu, mich überhaupt mal mit elektronischer Musik auseinanderzusetzen. Ebenfalls auf dem Soundtrack und absolut empfehlenswert: Scattle, Perturbator oder El Huervo.

Bester Song: M|O|O|N – Paris

Stefan von der Krone

Soundtracks spielen für mich immer eine wichtige Rolle, ob im Film oder im Spiel. Ohne sie macht das Erlebnis häufig nur halb soviel Spaß. Bei einem kurzen Schwenk über meine Spielesammlung kommen Perlen wie die Hauptthemen zu Silent Hill (Akira Yamaoka) oder Metal Gear Solid (Tappy Iwase) hervor, oder die treibenden Kriegsrhythmen von God of War sowie die abenteuerlichen Klänge von Uncharted. Oder man denke nur an epischen Melodien von Morrowind und Skyrim. Kein Wunder also, dass ganze Konzerte zu Spiele-Soundtracks stattfinden.

#3 Prey

Fangen wir mit Prey ein, eines meiner Lieblingsspiele des vergangenen Jahres. Ich mag vor allem die Synthies, durch die die Atmosphäre im Spiel getragen wird. Mick Gordon, der schon für den genialen DOOM (2016) Soundtrack verantwortlich war, zeigt hier im Kontrast seine Vielseitigkeit. Meine Empfehlungen: “Everything Is Going to Be Okay”, “Into the Tunnels”, “Human Elements”, “Alex Theme” und die letzteren Track inklusive der beiden Songs “Semi Sacred Geometry” und “Mind Games”. In der Summe ein kurzweiliger Soundtrack, den ich immer noch häufig und gerne während der Arbeit höre.

#2 Metal Gear Rising: Revengeance

Nun zu einer Sammlung, die wohl als Naturgewalt bezeichnet werden kann. MGR hat mich damals als Spiel gepackt und damit meine Liebe für Platinum Games zementiert – wenngleich Bayonetta und Vanquish dafür mit verantwortlich zeichneten. Hier wurde das Character Action Game (Devil May Cry, Bayonetta) zelebriert und auf die Spitze getrieben. Dazu musste ein Soundtrack her, der dieser Extreme in Nichts nachsteht. Und Jamie Christopherson lieferte einen modernen Metal-Mix ab, der dazu auch noch Musikgrößen gespickt war: u.a. der ehemalige Anthrax-Sänger John Bush sowie die Gitarren-Virtuosin Nita Strauss. Unbedingt reinhören.

#1 Hotline Miami 1+2

Ein Spiel, das mir ein ganzes Musikgenre offenbarte, war das erste Hotline Miami. Dieses knackige Actionspiel im 80er-Gewand gepaart mit modernen Retro-Synthies (klingt abgefahren) und treibenden Beats sorgt bis heute dafür, dass ich gerne Künstler wie Perturbator, Magic Sword oder Carpenter Brut höre und im Falle letzterer sogar ein Konzert besuche. Einer der besten Songs dabei ist “Miami Disco” von Perturbator oder auch “In the Face of Evil” von Magic Sword, dass es sogar in den ersten Trailer von Thor: Ragnarok schaffte.

 

Rudolf Inderst

*1978 in München. Studierte Poltikwissenschaften in München und Kopenhagen. Arbeitet aktuell an seiner zweiten Dissertation. Übernimmt Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Holt sich blaue Flecken im Krav Maga. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 35 Jahren. Trägt gerne Bart.

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