NBA 2K19

Shut up and dribble?

Von Lust, Laune…und leider auch Lootboxes.

Es ist wieder so weit: NBA 2K19 ist am Start und wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Die Sportsimulation hat eine weite Reise hinter sich und ehrt mit LeBron James in diesem Jahr einen Spieler, der nicht nur selbst seit 2003 Teil der besten Basketball-Liga, sondern seinem bloßen Spielerstatus seit Jahren entwachsen ist – nicht erst, seit er sich regelmäßig mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten anlegt. Wenn sich jemand in der nahaufnahmen-Redaktion Jahr für Jahr wie ein kleines Kind auf eine Sportsimulation freut, dann NORMAN VOLKMANN. Der Ballexperte kann auch in diesem Jahr die Griffel nicht vom orangefarbenen Leder lassen.

Die Zeiten, in denen sich weltbekannte Sportler und Athleten zurückhalten, wenn es um eine politische Position geht, sind zum Glück endgültig vorbei. Denke ich an die NBA, bin ich froh, dass Dennis Rodman als freiwilliger Nordkorea-Korrespondent nicht mehr als bekanntestes (bemitleidenswertes) Aushängeschild fungiert. Vor mehr als 20 Jahren rankte die Legende um Michael Jordan, der seine unpolitische Haltung privat angeblich einmal mit der Aussage “Republicans buy shoes, too” unterstrich. Inzwischen hat auch Jordan eine Entwicklung durchgemacht und nutzt seine Position und seinen Status, um seinen Ansichten Ausdruck zu verleihen. LeBron James hingegen ist seit Jahren nicht nur vokaler Gegner von Donald Trump, sondern vertritt standhaft Positionen und Meinungen. “Shut up and dribble?” Fehlanzeige, zum Glück. LeBron James ist ein Geschäftsmann, einer, der nicht nur das Business der NBA verstanden hat, sondern auch darüber hinaus die Fühler ausstreckt und sich etabliert. Wenn LeBron James’ Karriere irgendwann vorbei sein wird, wird er weitaus mehr sein, als der (potentiell) beste Spieler, der jemals auf dem Parkett stand. Als Produzent, Investor, Gründer und Sprachrohr einer ganzen Generation hat er ein wahres Imperium aufgebaut. Unabhängig von der eigenen Team-Präferenz und fernab vom Fan-Sein: Wer James’ Leistung auf und neben dem Basketballplatz nicht respektieren kann, sollte sich vermutlich nochmal Gedanken über eine neue Lieblingssportart machen. Sportler sind keine Zirkustiere, die zur Unterhaltung der tumben Masse ihre Kunststücke aufführen und danach brav das Maul halten. Gut so. Die NBA als Liga ermutigt Spieler, sich politisch zu äußern, sich sozial zu engagieren. Sie hat aber auch seit Jahren eine sehr kulturell-diverse Zielgruppe, die zudem auch noch die jüngste aller “großen” Sportarten ist – die Übereinstimmung von Ansichten bei jungen Zuschauern und ebenso jungen Sportlern ist demnach recht groß. Auch wenn NBA 2K19 größenteils unpolitisch bleibt, James als Cover-Athlet der Jubiläums-Edition des Titels steht nicht nur für den Status des wohl besten Spielers des Sports, sondern auch für den Wandel der NBA und den Einsatz bei sozialen Themen.

Ball-Talk: Doch wie spielt sich die beste Sportsimulation der letzten Jahre in ihrer neuesten Edition? Können Visual Concepts und 2K Sports die Krone weiterhin behalten? Immerhin wagte auch EA in diesem Jahr einen erneuten Angriff mit NBA LIVE 19.

Der wohl populärste Modus ist auch in diesem Jahr “MyCareer”. Erneut hat man sich dafür entschieden, den Eintritt eines selbst erstellten Spielers in die NBA mit einem Cutscene-reichen Handlungsstrang zu inszenieren. In diesem Jahr ist das Vorhaben aber wirklich ausgeufert. Die Story selbst ist einigermaßen realistisch und interessant, sie umfasst erstmals auch keine übertrieben harten Klischee-Charakter (für eine Sportsimulation). Mit Anthony Mackie, Michael Rapaport, Haley Joel Osment sind sogar einige größere Namen mit an Bord. Nachdem der eigene Spieler in der Draftnacht von keinem NBA-Team gezogen wird, sieht er sich gezwungen, sich seine Sporen in China zu verdienen und dort professionell zu spielen. Großartig: Die Kommentatoren sprechen in allen Spielen ausschließlich chinesisch. Absolviert man einige Spiele, geht es weiter in die NBA G-League, eine Farmliga der NBA, in der sich junge Spieler entwickeln können und ältere Spieler auch nach der NBA-Karriere noch die Möglichkeit haben, kompetitiv Basketball zu spielen und damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Im letzten Spiel der Saison hilft man den Los Angeles Lakers (ausgerechnet!) und muss einen ehemaligen Teamkollegen ausschalten, bevor der Sprung in die beste Basketball der Liga endgültig vollzogen wird. Die größte Schwäche des Titels ist allerdings weiterhin, dass die Erzählung absolut keine Abweichung des critical paths zulässt. Tatsächlich habe ich, bis auf ein Spiel, alle Partien in der G-League verloren, weil das Team insgesamt schlechter verteidigte als Carmelo Anthony, dem man beide Arme hinter dem Rücken zusammengebunden hat. Trotzdem erklärte man meinem Spieler pausenlos, welche große Zukunft ihm in der NBA bevorstünde. Das entscheidende Spiel gegen die Spurs und den “Erzfeind” verloren die Lakers in meiner “Karriere” schließlich mit 25 Punkten. Das Drama rund um den Charakter fühlt sich weiterhin aufgesetzt hat, der Spitzname (in diesem Jahr “AI”) hat keinerlei Verbindung zu meinem Spieler und die Länge einiger Zwischensequenzen würden selbst Kojima erblassen lassen.

Ist man aber erst einmal in der NBA angekommen, werden Story und Drama deutlich weniger. Ab da geht es hauptsächlich um die eigene Entwicklung. Trotzdem würde ich mir gerade hier wünschen, dass das Erreichen verschiedener Meilensteine stärker inszeniert wird und zu Handlungs-relevanten Teilen der Karriere führt. Warum nicht einen Skandal inszenieren? Fans Trikots verbrennen lassen, wenn man sich nach ein paar Saisons für ein anderes Team entscheidet? Für mich ein großer Pluspunkt: Wenn ich es nicht möchte, muss ich kaum durch den Stadt-Hub laufen, der mich zu den verschiedenen Geschäften führt. Der Wechsel zwischen Trainings und Spielen ist inzwischen wieder über Menüs möglich und geht somit leichter von der Hand. Zumindest in MyCareer wirkt der Fokus auf die Spielwährung VC etwas entschärfter. So kosten Besuche beim Friseur kein digital verdientes Geld mehr und auch die Preise von kosmetischen Änderungen und Spieler-Accessoires wie Knieschonern oder Schweißbändern wurden deutlich gesenkt. Das Verbessern des eigenen Spielers bleibt weiterhin ein zeitintensives Unterfangen, sofern man nur verdiente VC nutzt – bevor aber bereits nach der ersten Release-Woche nur Spieler mit 99er-Rating online herumspringen, nehme ich diesen Grind in Kauf. Zumal man mit der richtigen Spielweise auch in mit einem 70er-Spieler locker 20 Punkte und zehn Rebounds im Schnitt machen kann. Attributs-Boni, sogenannte Badges, die sich auf Spezialisierungen des Spielers beziehen, können generell nur durch regelmäßiges Training oder situationsspezifische Plays in Spielen verbessert werden. Spielt man also auf eine bestimmte Art und Weise, wird man vom Spiel dafür belohnt. Welche Art von Spieler man ist, kann man direkt zu Beginn auswählen: Hier gibt es sogenannte Archetypen. Mein 3-and-D-Power-Forward vereint zum Beispiel exzellente Defense mit einem lupenreinen Distanzwurf. Schwächer ist er dagegen im 1-gegen-1 oder wenn es um athletische Dunks und Schnelligkeit geht.

Trotz einiger Entschärfungen im Umgang mit den VC – NBAK 2K19 hat weiterhin ein Problem mit Mikrotransaktionen. Es mag sich verlagert haben, aber es bleibt bestehen und besonders in Online-Modi kommt es mit all seiner Hässlichkeit schon zwei Tage nach Release hervor. Neben der Spielerkarriere lasse ich meine Spielzeit vor allem im myTeam-Modus: Dort kann ich aus zahlreichen Spielern der Gegenwart und Vergangenheit legendäre Teams zusammenstellen, mich in Challenges gegen Computer-Gegner beweisen oder ganze Turniere im Online-Modus gegen Spieler aus der ganzen Welt absolvieren. Wie bereits in der Vergangenheit, gibt es hier weitere Währung – myTeam-Credits – diese kann weder mit echtem Geld noch mit VC gekauft werden. Im Grunde kann sie nur auf zwei Arten gewonnen werden. Durch das Spielen der myTeam-Modi (online oder offline) oder durch das Auktionshaus – der Umschlagplatz für alle Arten von Karten: Spieler, Trainer, Hallen, Trikots, Schuhe oder Boosts. Vor allem seltene Spieler sind hier besonders wertvoll und bewegen sich nicht selten im sechsstelligen myTeam-Credit-Bereich. Nun hat man die Wahl: Entweder man gibt Job und Sozialleben auf und spielt einfach pausenlos NBA 2K, um eventuell an das nötige Geld zu kommen oder: Man kauft sich einfach eines der zahlreichen Kartenpakete (das nämlich geht mit realem Geld) und hofft darauf, dass es nicht nur seltene Spieler enthält, sondern vor allem, dass man die Karten doppelt bekommt – nur dann kann sie auch im Auktionshaus verkauft werden. Vom eventuellen Erlös gehen dann zusätzlich zehn Prozent Gebühr ab und… alles ganz schön anstrengend für ein schnödes Sportspiel, hm?

Besonders interessant: Die Kartenpaket-Lootboxes dürfen in Belgien und den Niederlanden nicht mehr ins Spiel integriert werden, dort verstoßen sie gegen Glücksspiel-Regularien. Möglicherweise wird das zukünftig noch größere Wellen schlagen und das Thema auch in anderen Ländern präsenter werden. In der offiziellen Stellungnahme von 2K wird Fans ans Herz gelegt, dass sie sich mit ihrer Meinung auch an politische Abgeordnete wenden… und Lootboxen verteidigen? Yeah, right. Selbstverständlich kann man sich auch das große Ganze ansehen und feststellen, dass NBA 2K18 eine aggressivere Mikrotransaktions-Politik fuhr und der Entwickler das Vorgehen nun doch etwas zurückgeschraubt hat. Doch diese Gewöhnung an einen neuen Standard, in dem Mikrotransaktionen zu einem akzeptierten Spielinhalt geworden sind, stört mich dann doch nachhaltiger.

Ich bin weiterhin der Meinung, dass NBA 2K19 auch ohne zusätzliche Zahlungen ausreichend Potential und vor allem Umfang hat, um sowohl Serienveteranen wie mich, als auch Neueinsteiger lange an sich zu binden. Spielerisch ist der Titel erneut konkurrenzlos – in einem Detail- und Realismusgrad, den ich sonst aus keinem Sportspiel kenne. Hinzu kommen zahlreiche neue Modi, die sowohl Arcade- als auch Simulationscharakter haben. Gerade der 3-on-3-Modus in myTeam hat es mir angetan – hier lieferte ich mir on- und offline bittere Schlachten. Doch der bittere Nachgeschmack bleibt. Bei jedem wöchentlichen Lootbox-Themen-Update ist er präsent. Er bleibt präsent, bei jedem Onlinespiel, in dem das gegnerische Team nur aus den absoluten Starspielern besteht.

 

Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

Originaltitel: NBA 2K19

Plattform: PC, PS4, Xbox One, Nintendo Switch

Genre: Sportsimulation

Entwickler: Visual Concepts

Veröffentlicht von: 2K Sports

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