Wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen: geht ganz einfach!

Fakten schaffen

Wer die Fakten gegen sich hat, kann trotzdem seiner eigenen Meinung in der Öffentlichkeit zum Durchbruch verhelfen. Dies indem er zu einer Reihe von bewährten Ablenkungsmanövern greift.

Kann man Wissenschaftlern trauen? Wer sagt die Wahrheit? Propaganda von vielen Seiten versucht Verwirrung zu stiften. Quelle: Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation

Es gibt Meinungen und es gibt Fakten. Und nicht immer stimmen die Beiden überein. In solchen Fällen gilt es, die bisherige Meinung in Frage zu stellen, zu überdenken und am Ende zu revidieren. Menschen können das – wenn sie wollen. Aber sie tun es bei weitem nicht immer.

Es fällt uns oft schwer, umzudenken und die neuen Tatsachen zu akzeptieren, vor allem wenn das eigene Weltbild oder Wohlergehen betroffen sind. Auch in Wirtschaft und Politik fällt man hin und wieder Beschlüsse im Sinne der eigenen Interessen oder Ideologien auch wenn die Fakten und das Allgemeinwohl eine andere Entscheidung erfordern würden.

Eine derartige Vorgehensweise könnte allerdings, zumindest in demokratischen Ländern, auf Widerspruch in der Öffentlichkeit stossen. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, solche nicht optimalen Entscheidungen gegenüber den Wählern oder Konsumenten in ein besseres Licht zu rücken oder zumindest die Kritik zu übertünchen.

1. Verwirrung und Zweifel
Wer die Fakten nicht mag, zweifelt sie einfach an. Dies kann zum Beispiel bei wissenschaftlichen Forschungsergebnissen auf verschiedenen Ebenen geschehen: Schon die zugrunde liegenden Messresultate einer Arbeit seien falsch, kann der Zweifler behaupten oder auch die Interpretation, die Berechnungen, die Computermodelle, etc.

So bezweifeln die einen Gegner von Klimaschutz-Massnahmen die Resultate der globalen Temperatur-Messungen, die andern fechten die Berechnungen der Klimamodelle an. Und die dritten behaupten, die Wissenschaft sei sich gar nicht einig, die Debatte habe erst begonnen und man brauche noch viel mehr Forschung.

All diese Methoden haben sich sehr gut bewährt, um unliebsame Fakten in der Öffentlichkeit abzuqualifizieren. Sie funktionieren, weil Laien nicht den selben Wissensstand haben wie Experten. Sie können aufgrund ihres fehlenden Hintergrundwissens nicht beurteilen, wie berechtigt oder eben unberechtigt die vorgebrachten Zweifel sind.

Als Bürger hilfreich ist in solchen Situationen oft die Frage nach den Interessen. Wem nützen welche Zahlen und Daten? Wäre es nachvollziehbar zu erklären, warum Wissenschaftler in grossem Stil Messergebnisse fälschen? Welche Argumentation ist die plausiblere? Aber auch: welche Ideologien oder Dogmas stecken hinter einer Ansicht?

2. Emotionen
Sobald Emotionen ins Spiel gebracht werden, haben Fakten einen schweren Stand. Aufgebrachte Menschen denken kaum noch rational – sondern reagieren aus dem Bauch heraus. Daher ist diese Art der Manipulation der öffentlichen Meinung sehr wirksam. Besonders beliebt bei Propagandisten ist es, Bilder zu verfälschen oder sie in einem komplett andern Zusammenhang zu verwenden.

3. Ablenken
In einer Diskussion am Fernsehen oder in den Kommentaren von Artikeln im Netz wird vom eigentlichen Thema gerne abgeschweift. Oft anzutreffen ist sogenannter Whataboutism. Dabei wird auf eine hieb- und stichfeste Tatsache mangels Argumenten mit „und was ist mit…“ geantwortet. Kritisiert der Fragesteller zum Beispiel die Menschenrechtslage in China, antwortet ein Verfechter der chinesischen Politik: „Und was ist mit Guantanamo?“
Das Ablenken kann noch viel weiter gehen, indem völlig falsche, unsachliche oder im entsprechenden Zusammenhang unwichtige Argumente vorgebracht werden. Solche werden auch „Nebelkerze“ genannt.

4. Verunglimpfen und Einschüchtern (Hetz- und Schmutzkampagnen)
Es ist nicht schön, aber wirksam: Wer öffentlich eine ungeliebte Meinung äussert, wird fertig gemacht. Auch Wissenschaftler sehen sich damit konfrontiert. Sie werden in den USA von rechten Medien schon mal als „kommunistisch“, „korrupt“, oder „krank“ verunglimpft. Dies bloss weil sie auf Umwelt- oder Gesundheitsschäden aufmerksam machen, die bei der Herstellung oder Anwendung bestimmter Produkte entstehen.

Die Menschen hinter der Kampagne wollen einerseits die Glaubwürdigkeit ihrer Gegner untergraben. Andererseits erhoffen sie sich, dass diese sich in der Öffentlichkeit zukünftig gar nicht mehr äussern. Das ist auch das Ziel von noch rabiateren Methoden wie hasserfüllten Mails oder Todesdrohungen.

5. Rosinen picken:
Die Welt ist kompliziert: Es gibt fast immer die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt. So stieg die globale Temperatur während ein paar Jahren nicht an. Oder an ausgewählten Orten auf dem Planeten noch überhaupt nicht. Zwar ist der globale Trend unbestritten: Die Erdatmosphäre heizt sich auf. Pickt man jedoch spezielle Zeiten und Orte heraus, die nicht dieser Entwicklung entsprechen, ergibt sich ein anderes – aber manipuliertes – Bild.

6. Wiederholen (auch wiederholtes Anwenden der obgenannten Strategien)
Je öfter Menschen eine (Falsch-)Meldung lesen oder hören, desto eher sind sie bereit, diese ernst zu nehmen und schliesslich zu glauben. So halten zum Beispiel politisch rechts stehende Amerikaner inzwischen für bare Münze, dass Schweden kurz vor einem Bürgerkrieg steht. Sogar einige Europäer scheinen dies mittlerweile zu glauben.

Unser „modernes“ Medienverhalten hilft dabei: Wir erhalten – ständig online – andauernd neue Meldungen. Je mehr Nachrichten wir jedoch erhalten, desto weniger können wir die einzelnen Meldungen verarbeiten oder darüber nachdenken. Sie sickern somit unbewusst in unser Gehirn und setzten sich fest.

Dagegen vorzugehen ist nicht einfach. Eine wichtige Rolle spielen die seriösen Medien: Sie müssen richtigen Informationen in den Vordergrund stellen. Nur so kann die richtige die falsche Information im Gedächtnis langfristig überdecken. Ein Fehler wäre es, zu sagen: „Nein, X ist falsch“, denn damit würde nur die Falschmeldung wiederholt und könnte sich erneut festsetzen.

7. Zensur:
Die Situation ist einem Gespräch zum Bespiel unter Geschäftspartnern nicht unähnlich: Jeder und jede bestimmt ganz alleine, was er sagen möchte oder für sich behält. Auch Politiker in hohen Ämtern oder Konzernchefs verfügen über eine gewisse Macht, zu steuern, welche Fakten an die Öffentlichkeit gelangen und welche nicht. Der Grat zwischen Gebrauch und Missbrauch dieser Möglichkeiten ist manchmal schmal – oft ist er aber auch ganz klar auf die Seite der Manipulation überschritten.

8. Konstruktion von Verschwörungstheorien
Anhänger einer Verschwörung wollen oft einfach daran glauben. Jedes Argument wird dahingehend interpretiert, dass es die Theorie unterstützt. Widersprechende Fakten und Erklärungen werden von vorneherein als „manipuliert“ abgelehnt, erst recht wenn sie von Journalisten oder Wissenschaftlern vorgebracht werden. Denn diese seien gesteuert und von einer „korrupten Elite“ gekauft und gleichgeschaltet. Die Bevölkerung werde für dumm verkauft. Die Medien verschwiegen wichtige Fakten und berichteten bewusst nicht über wichtige Ereignisse. Ganz im Gegensatz zum Internet, wo noch der Bürger selber die Wahrheit sagen könne!

Es ist nicht immer einfach, Verschwörungstheorien als solche zu erkennen. Denn oft spielen die „Verschwörer“ gerade mit den hier vorgestellten Methoden zur Leugnung von Fakten und behaupten, selber Opfer dieser fiesen Tricks geworden zu sein. Dabei haben sie sie nur sehr geschickt selber angewandt.

Wie eine eine Anti-Klimaschutz-Lobby in den USA, den Klimawandel leugnet zeigt unser Artikel: Das Netz der Lügen

Links
Zwei Artikel in horizonte zur Expertenkrise: Wissen vermitteln für Fortgeschrittene und Leben mit widersprüchlichen Fakten

Ein Artikel aus der ZEIT: Krieg gegen die Wahrheit

Wie kommt man gegen Falschmeldungen an? Impfen gegen Pseudo-Argumente (klimafakten.de)

Eine Meldung aus dem Guardian: Trump zensiert Klimawandel

Literatur
Ingrid Brodnig, Lügen im Netz -Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren; Christian Brandstätter Verlag, 2017.

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