Das Netz der Lügen

Fake News gibt’s nicht erst seit Donald Trump

Desinformation mit Tradition

Seit Jahrzehnten versucht eine Anti-Klimaschutz-Lobby in den USA, den Klimawandel zu leugnen oder zumindest die Verantwortung des Menschen abzustreiten. Mit einer breiten und ausgeklügelten Desinformationskampagne haben sie es geschafft, vor allem konservative Wähler zu überzeugen.

Alternative Energien wären unnötig, wenn es nach den Öl- und Kohlekonzernen ginge. Bild Andreas Gücklhorn

Rauchen ist gesund. Dies behauptete die US-amerikanische Tabakindustrie jahrzehntelang. Als die ersten Studien das Gegenteil aufzeigten, liessen die Tabakfirmen bezahlte Forscher weitere Untersuchungen durchführen, die zu andern Ergebnissen kommen sollten – und wen wundert’s – auch kamen. Der Hintergedanke: Die vermeintliche Wissenschaft sollte die seriöse Wissenschaft in Zweifel ziehen.

Parallel zu diesem künstlichen Streit der Wissenschaft investierte die Tabak-Lobby Millionen in Werbung und Produkteplatzierung. Mit Inseraten sollten zum Beispiel Raucher beruhigt werden: Ihre Leidenschaft sei keineswegs gesundheitsschädlich und der Zusammenhang mit Lungenkrebs unbewiesen.

Unangenehme Fakten? Anzweifeln!
Nach dem selben Muster des Zweifel-Säens werden in den USA seither immer wieder Kampagnen geführt: Wissenschaftliche Erkenntnisse, die der mächtigen Industrie nicht genehm sind, werden öffentlich in Frage gestellt. So auch der Klimawandel: Dieser war der Öl-, Gas- und Kohle-Industrie sehr unangenehm – es hätten ihr bedeutende Einnahmeverluste gedroht, wenn zum Beispiel die Konsumenten auf erneuerbare Energien umgestiegen wären oder die Politik griffige Umweltschutzgesetze beschlossen hätte.

Hinter der bereits seit Jahrzehnten andauernden Desinformations-Kampagne stecken Ölgiganten wie ExxonMobil oder Kohleproduzenten wie Peabody Energy – oder das Unternehmen Koch Industries beziehungsweise ihre Besitzer, die Milliardäre und Brüder Charles und David Koch. Sie finanzierten und finanzieren eine riesige und ausgeklügelte Propaganda-Maschine mit jährlichen Millionenbeträgen. Ebenso der konservative Milliardär Robert Mercer.

Milliardäre und die Industrie der fossilen Energieträger finanzieren die Propaganda. Politiker profitieren davon und sorgen für tiefe Steuern und lockere Umweltvorschriften.

Das Geld fliesst einerseits in Interessenvertretungen und Lobbyorganisationen. Zum Teil führen diese selbst Kampagnen gegen den Klimaschutz, finanzieren Forschungsprogramme oder „unterstützen“ einzelne Wissenschaftler. Oft sind diese Geldflüsse jedoch nicht transparent. Denn die Öffentlichkeit soll nicht sogleich bemerken, wer dahinter steckt und dass die Öl-, Gas- und Kohle-Industrie schlicht ihre offensichtlichen Interessen verfolgt.

Versteckt wird die finanzielle Unterstützung, indem das Geld zunächst an diverse Institutionen und Organisationen geht. Solche Institutionen können sich zum Beispiel „think tank“ (Denkfabrik) nennen, Die Aufgabe dieser Denkfabriken besteht unter anderem auch darin, Ideen, Argumente und Konzepte zu entwickeln, die – im Sinne ihrer Auftraggeber – Munition im Kampf gegen den Klimaschutz liefern. Ziel ist es, die Meinung der Politiker und der Öffentlichkeit dahingehend zu beeinflussen, dass diese Klimaschutz für unnötig halten oder gar als schädlich einstufen.

Einige der Mitspieler im Anti-Klimaschutz-Lobbying

Bezahlte „Experten“
Eine der Strategien ist eine bewährte: Wie einst die Tabak-Lobby, sponsert das Anti-Klimaschutz-Netzwerk Wissenschaftler für Studien mit gewünschtem Resultat. Der wohl bekannteste Fall ist derjenige von Wei-Hock (Willie) Soon. Der US-amerikanischer Raumfahrtingenieur liess sich über Jahre vom American Petroleum Institute, dem Interessenverband der amerikanischen Ölindustrie, dem Ölkonzern Exxon und der Familienstiftung der Koch-Brüder sponsern.

Er lieferte Studien, die die globale Erwärmung in Frage stellten. Und im Auftrag von Denkfabriken wie den Heartland Institute oder der Heritage Foundation verbreitet er weiterhin Zweifel am Klimawandel. So tritt er als Autor von Gastbeiträgen und Referent bei Konferenzen und Wahlveranstaltungen in Erscheinung.

Ein anderer bekannter US-amerikanischer „Klimaskeptiker“ ist der Klmatologe Patrick J. Michaels. Er ist Autor zahlreicher Artikel und Bücher, die den Klimawandel anzweifeln. Michaels’ Forschung wurde lange von der Ölindustrie substantiell mitfinanziert, wie er selbst 2010 in einem Interview mit CNN eingestand.

Wer bewässert den Kunstrasen?
Doch bezahlt werden nicht nur Wissenschaftler sondern auch andere Lobbyisten, Journalisten und sogar einfache Bürger: Sie erhalten Geld dafür, dass sie Leserbriefe und Online-Kommentare, Blog- und und Videobeiträge – zum Teil unter erfundenen Identitäten – erstellen und weiterverbreiten. Oder sie werden bezahlt, damit sie an öffentlichen Kundgebungen teilnehmen und sich dort wie vom Auftraggeber gewünscht äussern.

Die Idee dahinter: Es soll in der Öffentlichkeit der Eindruck spontaner Bürgeraktivität entstehen, einer sogenannten Graswurzelbewegung. Da diese in Wahrheit gesteuert und von PR-Profis koordiniert ist, spricht man auch von einer Kunstrasenbewegung, in den USA „Astroturfing“ genannt – nach Astroturf einem US-Hersteller von Kunstrasen.

Klarer Fall von Kunstrasen. Foto: Dirk Franke, Wikipedia

So sind es denn nicht Bürger, sondern solche „Hintermänner“, die sich um die Infrastruktur kümmern, wie die Organisation in Vereinen. Diese Profis liefern Argumente, schalten Werbespots, organisieren „Experten“ oder stellen den Auftritt im Internet sicher. Auch erstellen oder verändern sie Wikipedia-Einträge oder organisieren mittels automatisierten Profilen – sogenannten social bots die Verbreitung in den sozialen Medien dank likes und retweets.

Eine neue Dimension der Desinformation
Natürlich stellt das Internet auch sonst ein äusserst dankbares Medium für die Verbreitung der Propaganda des Anti-Klimaschutz-Netzwerks dar: Deren Mitglieder plazieren zum Beispiel Falschmeldungen auf Twitter oder Facebook und verbreiten sie weiter. Seit langem kursiert so zum Beispiel die Behauptung, dass die Sonnenaktivität die wichtigste Ursache für höhere globale Temperaturen sei.

Damit untermauern Klimaschutzgegner ihr „Argument“, der Mensch sei zu unbedeutend, dass er das Klima beeinflussen könne. Behauptungen auf diesem Niveau stellen wissenschaftliche Erkenntnisse generell in Frage. Unter Politikern – das grosse Vorbild ist der US-Präsident – ist es en vogue, sich anti-intellektuell zu geben und über Professoren zu schimpfen. Dies wohl, weil man sich selbst so näher ans „gewöhnliche Volk“ rücken kann.

Unterstützt wird diese Abneigung gegen wissenschaftliche Erkenntnisse von (ultra-) konservativen News-Seiten wie Breitbart – mitfinanziert von Milliardär Robert Mercer. Diese Kanäle verbreiten lieber Gerüchte, ungeprüfte Meldungen und Halbwahrheiten. Der Grund: Genau diese Falschmeldungen will das Publikum hören und sehen, weil sie haargenau in dessen Weltbild passt. So sieht es sich selbst bestätigt und hat den Eindruck, die Wahrheit zu kennen.

Das sind Möglichkeiten, die sich die Tabak-Lobby in den 1960er-jahre nicht hätte erträumen können. Aber auch mit den damaligen Mitteln war die Strategie des Zweifel-Säens durchaus erfolgreich. Nicht nur weil viele Raucher bis heute in ihrem Verhalten bestärkt und bestätigt werden, sondern auch weil die Methode viele Nachahmer gefunden hat. Und auch diese waren, wie das Beispiel der Klimaschutzgegner zeigt, sehr erfolgreich.

Genaueres zu den Methoden der Desinformation in unserem Artikel Fakten Schaffen – Wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen: geht ganz einfach!

 

Im Netz

Interview mit Naomi Oreskes (Mitautorin von Merchants of Doubt: How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming) in der Süddeutschen Zeitung

Auch heute noch: Tabakindustrie fertigt eigene Studien an und preist sie als „wissenschaftlich“ an. SRF-Bericht vom 12.09.2018.

Wer steckt hinter einem Twitter-Benutzer: Mensch oder Maschine? Der Botometer zeigts (Projekt des Indiana University Network Science Institute)

TV-Dokumentation des WDR: Klimalüge – Ölindustrie, Politik, Propaganda

Geldflüsse an Klimaleugner (Artikel im Tages-Anzeiger von 2014)

Die Tentakel des “Kochtopus” (Artikel der WOZ vom 08.02.2018)

Wer ist beteiligt am Netzwerk der Klimawandel-Verleugnung? Die Global Warming Disinformation Database zeigt es.

Deutsche Medien betreiben Desinformation (FAZ-Artikel von 2007)

Australien: Premier glaubt nicht an den Klimawandel (SRF-Beitrag von 2013)

 

Literatur

Naomi Oreskes, Erik M. Conway:  Merchants of Doubt: How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming, Bloomsbury Press; Reprint edition, 2011.
Auch auf deutsch erschienen: Die Machiavellis der Wissenschaft – Das Netzwerk des Leugnens, Wiley-VCH, Erlebnis Wissenschaft, 2015.
Und auch verfilmt als Merchants of Doubt (Trailer auf You Tube)

 

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