Eine Krise beginnt erst Krise zu sein, wenn sie als eine solche ausgerufen wird

Das Zeitalter der Krisen

Steht in der Zeitung die Wahrheit? Bild: Arthur Osipyan, unsplash

Das Internet und die sozialen Medien haben eine Entwicklung ausgelöst, die unser Krisenverständnis fundamental wandelt. Unser Jahrzehnt scheint sich vor Krisen kaum noch retten zu können. Als Informationskonsument*in spielt man dabei eine entscheidende Rolle.

Trumps Behauptungen, Putins Touristen und das Video von Chemnitz – Alles das sind Beispiele, an denen Debatten über die Wahrheit von Sachverhalten entbrannt sind. Oft werden solche Probleme als Teil der „Wahrheitskrise“ betitelt. Diese ist eng verbunden mit der Zunahme von Krisenphänomenen generell.

Was tun in der Krise
Falls heute tatsächlich mehr Krisen stattfinden als früher, heisst das, dass wir einen Zeitpunkt erleben, der von elementaren Veränderungen geprägt ist. In einer Krise ist ein bestimmter Sachverhalt Subjekt einer grundlegenden Veränderung. „Wahrheitskrise“ bedeutet demnach: Unsere Idee der Wahrheit ist bedroht.

Im Zustand der Krise ist schnelles Handeln erforderlich, damit die Gefährdung beseitigt werden kann. Eine Krise auszurufen, folgt einer klaren Absicht: Die Leute sollen die Gefährdung erkennen und die Fokussierung auf die Lösung des Problems unterstützten. Bei der „Wahrheitskrise“ befindet sich jedoch die Vorstellung einer geteilten Faktenbasis im Wandel. Entsprechend gibt es kein Fundament für gemeinschaftliches Handeln mehr.

Diskussionen drehen sich heutzutage viel öfter darum, ob ein bestimmter Sachverhalt tatsächlich stimmt. Konkrete Handlungsoptionen sind damit zweitrangig.
Die Wahrheitskrise als effektive Krise zu bezeichnen, kann also anschliessend gar nicht dazu führen, dass deren Lösung angepeilt wird. Im Gegenteil: Die Wahrheitskrise trägt dazu bei, dass gemeinschaftliches Handeln verunmöglicht wird.

Auf dem Weg in die Krise
Ein Grund für diese Entwicklung ist wohl das Internet. Die Sozialen Medien und Plattformen wie YouTube ermöglichen es Einzelnen, viel grössere Massen an Leuten zu erreichen und zu beeinflussen als vorher.
Dadurch entsteht ein neues Informationsprinzip – es gibt ein breiteres Angebot an Kanälen, über die Informationen bezogen werden können. Institutionen, wie Zeitungen oder staatliche Stellen verlieren so an Bedeutung und bürgen in den Augen Vieler nicht mehr für den Wahrheitsgehalt von Inhalten.

Stattdessen glauben viele Medienkonsument*innen x-beliebige Behauptungen, weil sie die eigene Weltsicht bestätigen. Das breitere Angebot an Informationen bietet ihnen exakt diese Anschauung. Kritisch dabei ist aber, dass durch dieses System eine Vielzahl von verschiedenen Erklärungen für ein bestimmtes Phänomen geschaffen werden. Dies führt letztlich zu Zweifel und Verwirrung.

Selbsterfüllende Prophezeiung
Innerhalb dieser Verwirrung wird das Vertrauen in die klassischen Institutionen weiter untergraben. Zum Beispiel von Personen wie Trump, der nicht zuletzt dank dieser Taktik an die Macht kam. Nun bekleidet er ein Amt, welches für Vertrauen stehen soll, doch die Grenze zwischen wahr und falsch bröckelt weiter.

Als Folge dieser Entwicklungen wurde in den Klassischen Medien immer öfter von einer Krise der Wahrheit und der Objektivität gesprochen. Dadurch aber manifestierte sich die Krise und der Zweifel der Menschen wurde bestätigt. Die als Pfeiler für Wahrheit und Objektivität fungierenden Institutionen verlieren weiter an Glaubwürdigkeit. Das Label Krise wird so zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung – eine Vorhersage, die ihre Erfüllung selbst bewirkt.

Klickzahlen und Aufmerksamkeit
Die Motivation dafür: Krisen generieren Aufmerksamkeit. Betreiber von Webseiten wollen möglichst hohe Klick- und Zugriffszahlen. Texte, die über Krisen berichten, rütteln Leser*innen auf. Folglich werden sie öfter geteilt und gelesen. Positionen, die eine moderatere oder nüchterne Betrachtungsweise liefern, gehen dabei eher unter. Die Form der Aufmerksamkeitsökonomie begünstigt damit die Verbreitung von überdramatisierten Darstellungen.

Die Realität im Wohnzimmer
Zusätzlich muss dem Aspekt Rechnung getragen werden, dass durch weltweite Vernetzung tatsächlich mehr Krisen „gefühlt“ werden. An den Bildschirmen gibt es Texte, Bilder und Videos, die einem die Strassen der Städte der Welt direkt ins Wohnzimmer bringen.

Die Zahl der Krisen nimmt damit nicht nur zu, sondern diese sind auch besser nachempfindbar. Angesichts der Probleme stellt sich ein Gefühl der Ohnmacht ein. Nicht zuletzt, weil sich Krisen nicht ganz so einfach lösen lassen. Wenn man also konstant mit Krisen konfrontiert ist, führt dies eher zu Überforderung und Unverständnis.

Trotzdem ist es in der vernetzten Welt, in der wir uns befinden, möglich, in Krisenzuständen ein gemeinschaftliches zielführendes Handeln zu etablieren. Mit den breiten Partizipationsmöglichkeiten können weite Schichten der Gesellschaft erreicht und entsprechend aktiviert werden. Nur gilt es, diese Möglichkeiten auch auszunutzen! Das sollte uns eigentlich zum Nachdenken über den eigenen Medienumgang anregen.

Im Netz

Ein Podcast von SRF 2 Kultur über die aktuelle Lage der Wahrheit und den Journalismus.

Zusammenfassung der Entwicklung des Krisenbegriffes und seiner Verwendung in der Schweiz (Historisches Lexikon der Schweiz)

Eine Analyse der NZZ über den Verlust der Objektivität und die damit einhergehenden Folgen

Eine Kritik der NZZ an der Idee, dass das postfaktische Zeitalter ein rein zeitgenössisches Phänomen ist

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