Red Dead Redemption 2

Im Westen dauert’s länger

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Alle paar Jahre gibt es diesen einen Titel, der die Spielerschaft über Genregrenzen hinaus zusammenführt. Das Spiel, auf das sich KritikerInnen und SpielerInnen gleichermaßen einigen können. Doch gut Ding will Weile haben – das war nicht nur das Motto von Rockstar Games im Bezug auf die Entwicklungszeit des antizipierten Nachfolgers von Red Dead Redemption. Auch während des Spielens ist Geduld eine Tugend. NORMAN VOLKMANN überfiel den Hype-Train in bester Western-Manier und tauchte wochenlang in der detaillierten Welt von Red Dead Redemption 2 unter.

Über 100 Stunden, also mehr als vier Tage Spielzeit, zeigt mir die Xbox am Ende an. 100% Abschluss des Story-Parts von Red Dead Redemption 2. Und die nagende Frage: War es das wert? Was ist in meinem Leben falsch gelaufen? Mehr als 100 Stunden weg – währenddessen habe ich unzählige Male die Augen verdreht, wiederholt ob ewiger Reitstrecken geflucht und unendliche viele Screenshots gemacht. Gefangen zwischen Gut-Finden und vom Hype enttäuscht sein, geblendet von der unfassbaren Schönheit und des Detailgrads des Titels. Genervt vom Zeitaufwand, den der Titel arrogant einfordert. Kompliziert ist er, der Beziehungsstatus zwischen Red Dead Redemption 2 und mir.

Mit einem Spiel zu beginnen, von dem man bereits weiß, dass alleine der Haupthandlungsstrang mit mehr als 60 Stunden Spielzeit zu Buche schlägt, ist nicht einfach. Weil ich faul bin und das mit dem Sammeln physischer Spiele-Discs inzwischen eher peinlich finde, kaufte ich Red Dead Redemption 2 digital – knapp einen Monat nach Release und somit während des ersten sanften Abklingens des initialen Hypes. So hatte ich auch die Möglichkeit, während des 90-GB-Giganto-Downloads vorfreudig in Gedanken schon die ersten Colts glühen zu lassen. Doch die Verbindlichkeit, die der Titel mit seinem schieren zeitlichen Umfang einforderte, führte dazu, dass ich es mir nach Installation noch einmal anders überlegte. Mutant Year Zero: Road to Eden durfte als exzellenter Lückenbüßer und Aufschieber herhalten. Es erleichterte mich, dass der Taktik-Shooter im Vergleich zum Western-Epos kleiner und greifbarer war und mir eben keine unzähligen Inhalte und Möglichkeiten an die Hand gab.

Rockstar-Games-typisch beginnt Red Dead Redemption 2 fulminant und stimmungsgeladen – ein quasi perfekter Einstieg in pittoresker Berglandschaft. Bereits als Hauptcharakter Arthur Morgan anfangs durch die eisige Winterlandschaft stapfte, Spuren im dichten Schnee hinterließ und dabei die Sonne hoch über den Bergen schien und sich im gefrorenen See spiegelte, hatte der Titel mich in der Tasche. Im Laufe des Spiels stellt sich heraus, dass Red Dead Redemption 2 im Grunde all das ist, was man erwarten konnte und darüber hinaus Perfektionen bis ins kleinste Detail ins Genre bringt. Doch reine Erwartungserfüllung ist eben nicht das, auf das man als SpielerIn wartet. RDR 2 mag vieles perfektionieren, was Open-World-Titel so auf der Liste haben müssen, ohne jedoch viele der bekannten Probleme zu lösen. Es überrascht zu keinem Zeitpunkt, es geht wenige Risiken ein. Alles hat man – besser oder schlechter – in anderen Videospielen schon mal gesehen.

Galt Rockstar Games früher als Innovator, so ist man inzwischen einfach zum Perfektionisten der eigenen Formel geworden – so wie das auch andere große Entwickler/Publisher wie Ubisoft und Activision bei ihren größten Serien sind. Das reicht immer noch für einen riesigen Hype und Verkaufsrekorde, mir persönlich aber nicht mehr. Die Superlativen aus der Presse hatte ich, bis ich selbst spielte, versucht auszublenden. Dass Rockstar wieder großen Wert auf eine gut erzählte Geschichte und seine Charaktere legen würde, war irgendwie klar, denn das zeichnete Rockstar-Spiele schon immer (mehr oder weniger) aus. Doch ich erwartete mir vor allem von der Spielmechanik mehr als bloße Standardkost. Immerhin schaffte GTA V einen neuen Spin mit seinen drei Hauptcharakteren, die im Wechsel gespielt wurden und jeweils komplett unterschiedliche Hintergründe hatten. Bezogen auf Red Dead Redemption 2 tönten die Lobgesänge allerdings überwiegend aus anderen Richtungen: Zu häufig ging es um den hohen Detailgrad, die technischen Errungenschaften, die immersive Spielwelt und – na klar – bei Kälte dynamisch-schrumpfende Pferdehoden.

Lässt man all diese Goodies außen vor, hat man ein Spielprinzip, das sich von demjenigen der ersten 3D-GTAs gar nicht mehr so stark unterscheidet. Noch immer erscheinen auf der Karte kleine Icons mit den Initialen des Auftraggebers, noch immer wird viel Wert auf das Reisen zu Auftraggebern und Missionsstandorten gelegt. Statt Rennwagen halt mit Pferden, mit denen man eine Beziehung aufbauen kann. Puh. Rockstar fand die Welt, die man dort schuf offenbar so großartig, dass sie SpielerInnen aufzwingen, ewige Reisezeiten in der riesigen Welt auszuhalten. Das mag für einige entschlackend sein, mich hat das apathische A-Knopf-Gedrücke bis der Gaul vor Erschöpfung jault, durchgängig genervt. Als Hinweis ploppt dann gern auf, dass man das Pferd nicht so triezen sondern eher im gemäßigten Galopp durch die Spielwelt juckeln soll.

Die Spielwelt lauert mit Gefahren und Möglichkeiten am Wegesrand: Hier ein Hilfebdürftiger, dort ein Hinterhalt verfeindeter Banditengangs. Rockstars Anspruch, eine komplett immersive Spielwelt zu formen, fasziniert anfangs, wird allerdings mit zunehmender Spieldauer und aufgrund fehlender, bequemer (!) Schnellreisefunktion frustrierend. Es dauert einfach zu lange, sich durch die massive Welt zu bewegen. Da hilft auch keine Autopilot-Funktion, die mir das Steuern abnimmt. Vielmehr noch, die ständigen Ablenkungen führen dazu, dass Red Dead Redemption 2 in die gleiche Falle tappt, wie so viele Open-World-Titel: Hier und da fordert die Geschichte rasche Handlungen, die ich als Spieler gepflegt ignorieren und einfach so lange in der Wildnis auf die Jagd gehen kann, bis Arthurs Bart ihm um das Knie schlottert.

Dabei ist die Geschichte durchaus interessant – für ein Videospiel und wenn sie nach einem wirklich zähen Mittelteil dann endlich in die Gänge kommt und Fahrt aufnimmt. Die Outlaws um Dutch van der Linde und Arthur Morgan sind auf der Suche nach einem besseren Leben, in einer Welt, in der Revolverhelden aussterben. Der schmale Grat zwischen Richtig und Falsch verschwimmt im Laufe des Spiels immer mehr. Gier kollidiert mit dem Wunsch, in der Welt nicht nur Patronenhülsen zu hinterlassen. Es werden immer wieder interessante Ansatzpunkte und Konflikte inszeniert, die dazu einfach grandios vertont und gestaltet sind –  an vielen Stellen aber eben zu zäh und mit wenigen echten Überraschungen.

Auch der große Twist ist am Ende keiner, weil er so offensichtlich ist. Im Endeffekt greift hier die gleiche Problematik, die ich bereits ansprach: Alles in Red Dead Redemption 2 dauert zu lange. Arthurs Animation für das Öffnen und Schließen eines Schranks mag realistisch sein, zieht sich aber wie Kaugummi – und das ist nur ein Beispiel der Mechaniken, die Missionen zur Geduldsprobe machen und inhaltlich Gehaltvolles zumindest gefühlt hinauszögern. Ich habe nicht nur einmal überlegt, das mit der Story einfach zu lassen und Red Dead Redemption 2 einfach nicht zu beenden. Ein unerklärliches schlechtes Gewissen und der Gedanke: “Jetzt hast du auch schon 50 Stunden investiert” sorgten für notwendiges Durchhaltevermögen.

Das alles bedeutet selbstverständlich nicht, dass Red Dead Redemption 2 ein schlechtes Spiel ist – im Gegenteil. Unterm Strich erfüllt es allerdings nur jene Erwartungen, die es als Nachfolger von Red Dead Redemption vor nunmehr neun Jahren geschürt hat. Um mehr zu sein, fehlt dem Titel der Biss und der Mut, wirklich neue Pfade zu bestreiten – eine Erwartung, die einem Entwickler wie Rockstar durchaus entgegengebracht werden kann. Der Zeitfresser-Aspekt bleibt für mich das größte Manko: Alles was Arthur tut – Tiere häuten, Hut aufheben, reisen, oder eben Schubfächer öffnen – dauert Ewigkeiten. Selbst für diesen Text habe ich deutlich länger gebraucht, weil ich einfach nicht eindeutig sagen kann, wie ich den Titel abschließend einordne. Würde man mich jetzt fragen: “Sollte ich Red Dead Redemption 2 spielen?”, ich würde mit einem eindeutigen “Vielleicht” antworten.

Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

Originaltitel: Red Dead Redemption 2

Plattform: PS4, Xbox One

Genre: Action

Entwickler: Rockstar Studios

Veröffentlicht von: Rockstar Games

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