Interview mit Sven Regener und Jakob Ilja von Element of Crime

„Der Songtext ist die Mutter aller Lyrik“

Ein Gewitter kommt auf, aber die Herren von Element of Crime ( Jakob Ilja, David Young, Sven Regener und Richard Pappik, v.l.n.r.) bewahren trotzdem Ruhe.

Bild: © Charlotte Goltermann


„Schafe, Monster und Mäuse“ ist nicht einfach ein weiteres Album in der 34-jährigen Bandgeschichte von Element of Crime, sondern ein Höhepunkt ihres Schaffens. Musikalisch abwechslungsreicher und textlich brillanter war keines ihrer Vorgängeralben. Aus diesem Anlass hat sich Nahaufnahmen.ch zu einem ausführlichen Gespräch mit dem Texter, Sänger und Trompeter Sven Regener sowie dem Gitarristen Jakob Ilja getroffen und sich mit ihnen über Hochzeiten in der Automobilproduktion, negative Religionsfreiheit, verzauselte Alltagstrolle, irre Punks, Studer-Bandmaschinen sowie die dunklen Gefühle und Ängste in der Kunst unterhalten.

Von Christoph Aebi

Auf dem Cover Ihres neusten Albums „Schafe, Monster und Mäuse“ sind Sie von einem Sammelsurium an Kronleuchtern umgeben. Dieses Bild könnte man mit der Vielzahl an Geschichten gleichsetzen, die auf dem Album erzählt werden. War diese Analogie Absicht oder welche Idee steckt hinter dem Cover?

Jakob Ilja: Das ist eigentlich ein ganz schöner Gedanke, auf den ich bis jetzt gar nicht gekommen bin. Das Bild stellt wohl für jeden etwas anderes dar, wobei es für manche möglicherweise einfach einen Lampenladen abbildet. Aber es ist schon so, dass mit jedem Album, das wir realisieren, eine neue Welt entsteht. Das Album-Format ist für uns auch deshalb so wichtig, weil man nur in dieser Form, in der Abfolge von zehn oder zwölf Songs, einen solchen Kosmos entwickeln kann. Früher hatte die LP mit ihren zwei Seiten auf eine Art auch zwei Kapitel. Und obwohl man eine CD nicht mehr umdreht, unterteilen wir sie in „A- und B-Seite“.

Sven Regener: Die Idee zum Bild stammt von der Fotografin Charlotte Goltermann, die auch unsere Managerin ist. Das Bild wurde in einem Geschäft in der Glitschiner Strasse in Berlin-Kreuzberg aufgenommen. Sie haben dort ganz viele von diesen alten preussischen Kronleuchtern, die alle sehr teuer und teilweise sehr angestaubt sind. Diese Vielzahl an Lampen hat einerseits eine barocke Pracht, mit all ihrer Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit. So viele Lampen auf einmal, die da einfach nur rumstehen, wer braucht das? Dort eine Band, also lebendige Leute, reinzugruppieren, ergibt natürlich ein charmantes Bild. Ich würde jetzt aber nicht zu sehr versuchen, das zu eng mit dem zu verbinden, was auf der Platte passiert. Es ist nicht mehr als ein Foto, von dem man das Gefühl hat, dass es als Coverfoto zur Platte passt. Auf dieser Platte geht viel drunter und drüber.

Das Album ist auf jeden Fall sehr abwechslungsreich. Und obwohl beispielsweise im Titelsong neben einem Streichquartett und einem Bläserquartett auch noch ein Glockenspiel, ein Akkordeon und eine Mundharmonika zum Einsatz kommen, wirkt er trotzdem nicht überladen, weil diese instrumentalen Ornamente alle sehr dezent im Hintergrund ertönen. Auf dem Coverbild ist die Band ebenfalls ganz dezent, fast versteckt, im Hintergrund zu sehen. Verschwinden Sie gerne hinter Ihrer Musik und Ihren Texten?

Jakob Ilja: Das hat eigentlich einen ganz banalen Grund. Bei solchen Fotosessions wird zwei, drei Stunden fotografiert, man wechselt die Positionen und zum Schluss guckt man sich die Sachen an und sagt: „Das ist das schönste Foto, das passt und funktioniert am besten.“ Vielleicht könnte man auch sagen, dass dieses Foto dem Umstand geschuldet ist, dass ich nicht so eitel bin, zu sagen: „Nein, dieses Bild können wir auf gar keinen Fall nehmen. Ich bin doch nur weit hinten zu sehen.“ Man muss zu solch einem Bild eine gewisse Distanz herstellen, so wie man auch in der Musik eine Distanz zum eigenen Tun herstellen sollte. Man kann nicht immer emotional daran gebunden sein. Das Ganze ist ja letztendlich die Idee von Charlotte Goltermann gewesen.

Sven Regener: Das Bild ist mit einer analogen SWC-Weitwinkel-Kamera fotografiert worden, einer speziellen Kamera, die verzeichnungsfrei diese grosse Breite fotografieren kann. Weil bei richtigem Film die Auflösung so hoch ist, kann das Bild nach Belieben vergrössert werden, so lange es scharf genug ist. Man hat nicht das Problem wie beim digitalen Film, dass man irgendwann etwas verpixelt. Das heisst, man kann wie bei der Songbook-Edition des Albums das Bild als Ganzes mit allem Drumherum verwenden oder, wie das für die CD-/LP-Version gemacht wurde, einen kleineren Ausschnitt wählen und den ordentlich aufblasen.

Und es ist sicher richtig, dass zumindest ich als Person gerne hinter der Musik verschwinde. Ehrlich gesagt kommt es mir tatsächlich nur auf die Musik an. Ich will mich nicht selber darstellen, mich nicht produzieren und will auch nicht berühmt sein. Ich will nur, dass die Musik geliebt wird und Erfolg hat.

Bild: © Charlotte Goltermann

Sie betrachten Ihre Band ja auch als Kollektiv, wie Sie in der Einleitung zur Songbook-Edition des Albums, in der die Texte zusammen mit den Noten abgedruckt sind, schreiben. Interessant fand ich, dass in derselben Einleitung ebenfalls steht: „Der reine Abdruck der Texte führt leicht auf die schiefe Bahn, weil er nahelegt, die Texte seien auch ohne Musik etwas wert.“ Zweifeln Sie wirklich daran, ob die Texte ohne Musik etwas taugen?

Jakob Ilja: Die Texte hätten ohne Musik eine andere Wirkung, es sind ja keine vertonten Gedichte. Das, was wir machen, ist eine Form von Rock’n’Roll. Wir musizieren zusammen, entwickeln Themen weiter und die münden irgendwann in ein Stück Musik, bei dem wir das Gefühl haben: „Das ist es. Dieses Lied möchten wir gerne spielen.“ Dann hat Sven eine Gesangsmelodie und entwickelt den Text. Das ist ein ganz anderes Verfahren, als ein Gedicht oder ein Buch zu schreiben. Natürlich muss man sich die Platte nicht anhören und kann die Texte, die im Songbook stehen, einfach nur lesen und sich so an ihnen erfreuen. Sie werden vielleicht in dieser Form ebenfalls eine Wirkung entfalten, aber gemacht sind die Texte für die Musik, weil sie gesungen und nicht gesprochen werden.

Sven Regener: Es gibt in der Automobilproduktion den Punkt, an dem in der Endmontage der Motor mit der Karosserie zusammenkommt. Das ist ein Moment, den sie Hochzeit nennen und in dem das Ding erst zu einem Auto wird. Natürlich läuft der Motor auch ohne die Karosserie. Aber wozu? Und so ist es auch mit Songs und Songtexten. Bob Dylan hat in seiner Nobelpreis-Rede gesagt: „Songtexte sind nicht wie Literatur, sie wollen und müssen gesungen werden.“ Darum ist der Songtext die Mutter aller Lyrik, weil Lyrik eigentlich der musikalische Bereich der Literatur ist. Songtexte zu schreiben ist eher eine musikalische als eine literarische Handlung.

Tritt bei Ihnen auch manchmal der Fall ein, dass ein Text die Musik beeinflusst? In Ihrem Lied „Bevor ich dich traf“ gibt es zwischen Strophe und Refrain einen sehr schönen Rhythmuswechsel, über den man beim ersten Hören stolpert. Und ich habe mich gefragt, ob es diesen Wechsel bereits gab, bevor der Text feststand oder ob hier die Musik dem Text angepasst wurde.

Sven Regener: Der war bereits vor dem Text da. Wir hatten die Musik schon mit diesem Rhythmuswechsel entwickelt. Irgendwann musste ich dann den Text dazu finden, das gehört dazu, denn sonst hat man nichts zu singen. Sonst kann das Auto nicht fahren, um bei diesem jetzt schon abgedroschenen Bild zu bleiben.

Jakob Ilja: Es gibt tatsächlich einen Moment, wo es eine umgekehrte Wirkung gibt, wo der Text eine Art Vorgabe macht und für mich als Gitarrist eine Rolle spielt. Das passiert im Studio, wenn man das Lied aufnimmt und sich entscheiden muss, mit welchen musikalischen Farben man hantiert, je nachdem wie hell, dunkel, dramatisch oder kindlich die Melodien oder Akkorde klingen sollen. Ich kenne dann den Text, weiss, wovon das Lied handelt und kann mich dann damit beschäftigen, wie und ob ich mit meinem Instrument einen Bezug zum Text herstellen soll. Dabei spielt weniger der Inhalt Wort für Wort eine Rolle als die Geschichte als Ganzes und die Atmosphäre, die mit der Musik vermittelt werden soll.

Sven Regener: Bei der Wahl des Tempos spielt der Text eine grosse Rolle.

Jakob Ilja: Ja, das Lied „Im Prinzenbad allein“ ist dafür ein gutes Beispiel, da es zunächst wesentlich langsamer gespielt wurde.

Sven Regener: Wenn der Text fertig ist, stellt man fest, dass die Bandbreite der Tempomöglichkeiten, die man hat, verengt wird. Die Stimmung und die Sprache verlangen nicht nur einen bestimmten Klang und Rhythmus, sondern auch ein bestimmtes Minimal- und Maximal-Tempo. Das ist ein schmalerer Korridor, durch den man da geht. Das hilft auch. Mit Text hat man ein besseres Gefühl dafür, was das richtige Tempo ist. Richard Pappik, unser Schlagzeuger, singt sich manchmal kurz eine Textzeile vor, bevor er sich für ein Tempo entscheidet.

Wie ich gehört habe, hatte Richard Pappik die Idee zum Text für das Lied „Ein Brot und eine Tüte“.

Sven Regener: Ja, weil die musikalische Idee ursprünglich auch von ihm ausging. Er hatte mir erzählt, dass er die Idee für dieses Stück Musik hatte, als er zum Einkaufen in den Supermarkt ging. Das war aber nicht direkt ein Vorschlag, dass der Text davon handeln sollte, denn das würde er nicht tun. Wir schlagen uns gegenseitig wenig vor, was unsere eigenen Bereiche betrifft. Aber manchmal ist man natürlich dankbar für eine solche Idee, weil man ja eigentlich, was die Texte betrifft, erst einmal aus dem Nichts schöpft. Wenn man Songs für einen Film oder ein Theaterstück macht, ist das Thema vorgegeben. Aber normalerweise ist man völlig frei und schöpft aus dem absoluten Nichts, oft nur inspiriert durch die Musik. In diesem Fall war ich dankbar für Richards Hinweis. Ich hatte nun einen Anhaltspunkt und kam so auf die Idee, dass jemand auf dem Gang zum Supermarkt seine Einkaufsliste memoriert – er ist zu doof, sich einen Einkaufszettel zu schreiben, also muss er sich das alles vorsagen – und dabei gleichzeitig seinen Hassgefühlen gegenüber seinen Nachbarn freien Lauf lässt, weil er darüber hinaus auch noch ein ziemlich verzauselter Alltagstroll ist.

Im Refrain sagt der Ich-Erzähler: „Grausam ist das Leben als der einzige / Vernünftig denkend eingestellte Mensch / Zwischen lauter asozialen und total / Verrohten Vollidioten eingeklemmt“. Indem er andere Menschen charakterisiert, beschreibt er eigentlich sich selbst.

Jakob Ilja: Ja klar. Er gibt damit seiner Einsamkeit und seinem Bedürfnis nach Nähe Ausdruck. Die Menschen handeln oft so gegensätzlich, indem sie das eine artikulieren, aber das andere meinen. Weil sie das, was ihr wirkliches Bedürfnis ist, im Grunde nicht zum Ausdruck bringen können. Dieser Erzähler ist das klassische Beispiel dafür. Wenn ich dieses Stück höre, dann finde ich mich in einer gewissen Weise auch selber darin wieder. Ich glaube, es ist eine archetypische menschliche Empfindung, dass man in gewissen Momenten alle scheisse findet und mit der ganzen, von Idioten bevölkerten Welt hadert. Das kennt jeder.

Ist die Selbstgerechtigkeit dieses Ich-Erzählers ein Phänomen unserer Zeit?

Sven Regener: Ich bin kein Kulturpessimist. Das gab es immer und wird es immer geben. Das ist eine anthropologische Konstante über all die Jahrhunderte. Schlecht drauf sein ist wirklich keine neue Erfindung.

Im Lied „Nimm dir, was du willst“ kommt ein Protagonist vor, der sich über Sportfanatiker, Veganer, Verschwörungstheoretiker und allgemein über Leute mit missionarischem Eifer nervt, die ihm etwas andrehen wollen.

Sven Regener: Das Lied kommt aus einem ähnlichen Themenbereich wie „Ein Brot und eine Tüte“. Es geht darum, dass das Zusammenleben in einer grossen Stadt auf engem Raum natürlich zu vielen Verwerfungen führt, gerade in so dicht besiedelten Städten wie Berlin. In „Ein Brot und eine Tüte“ ist der Ich-Erzähler von seinen Nachbarn genervt, weil sie ihn nicht in Ruhe lassen, was aber auch seiner eigenen Neurose geschuldet sein kann, man weiss es nicht genau. In „Nimm dir, was du willst“ möchte der Ich-Erzähler auch in Ruhe gelassen werden. Deshalb sagt er: “Mach doch, was du willst / Iss doch, was du willst / Denk doch, was du willst / Nimm dir, was du willst / Aber nerv mich nicht.“ Das ist eigentlich ein Plädoyer für negative Religionsfreiheit. Man hat ja nicht nur ein Recht, seiner Religion nachzugehen, sondern auch das Recht, von Religion verschont zu bleiben. Das war früher bei uns eine grosse Debatte wegen dieser Kruzifixgeschichte in den Klassenzimmern der Schulen. Da wurde immer mit Kultur- und Religionsfreiheit argumentiert und der Begriff der negativen Religionsfreiheit kam auf. Man hat auch ein Recht darauf, dieses Kreuz nicht zu sehen. In Ruhe gelassen, verschont zu werden von den religiösen Leidenschaften seiner Mitmenschen, in welcher Form die sich auch immer äussern mögen.

Jakob Ilja: Die Leute, die schon lange in Berlin wohnen und nicht jeden neusten Quatsch mitmachen, sondern einfach ihrer Arbeit nachgehen, Kinder haben und da leben, werden ja ständig mit den neusten Sachen konfrontiert, die ihnen andere Menschen andrehen wollen. Das interessiert die Berliner vielleicht einfach nicht mehr. Die haben eventuell andere Probleme. Ein weiser Mann hat mal gesagt: „In Berlin kann man sich nackt ausziehen, grün anmalen und auf dem Fahrrad über den Ku’damm fahren, da guckt keiner mehr.“ Das ist etwas, was Berlin auszeichnet, im Positiven wie im Negativen. Man kann das als sehr ignorant empfinden. Es ist aber gleichzeitig auch eine grosse Freiheit, die den Leuten gelassen wird. Berlin wird ja ständig neu entdeckt. Das war schon in den 20ern des letzten Jahrhunderts so und das setzt sich bis heute fort.

In der letzten Strophe des Liedes findet neben vielen anderen Begriffen wie Karneval, Ramadan, Abendmahl, Feldenkrais, Füchsehandball, Waldorfschule und Pedelec auch das Prager Eltern-Kind-Programm (abgekürzt PEKiP) Erwähnung, das meines Wissens in keinem anderen deutschen Rocksong vorkommt. Wie kamen Sie darauf, das PEKiP in das Lied einzubauen? War es der Klang dieser Abkürzung, der Sie reizte?

Sven Regener: Solche Akronyme wie PEKiP sind doch interessant und stark.

Jakob Ilja: Die Verantwortlichen vom Prager-Eltern-Kind-Programm haben uns übrigens geschrieben.

Sven Regener: Was? Das wusste ich nicht. 

Jakob Ilja: Ja, die haben sich über die Erwähnung in unserem Song sehr gefreut und uns zu ihrer diesjährigen Mitgliederversammlung eingeladen.

Sven Regener: Als unsere Kinder klein waren, gab es andere Eltern, die immer mit ihren Kindern zum PEKiP gingen. Und ich sagte jeweils: „PEKiP, was soll denn das sein?“

Jakob Ilja: Ich war bei PEKiP.

Sven Regener: Du warst bei PEKiP?

Jakob Ilja: Ja, PEKiP war einfach cool. Wenn man mit den Kindern dort war, hatte man als Elternteil plötzlich Ruhe. Aber wie gesagt, der deutsche PEKiP-Verein hat sich bei uns gemeldet und gemeint: „Schön, dass wir jetzt auch mal in so einem Lied auftauchen.” Das ist wohl das erste Mal.

Einer der stärksten aber auch düstersten Songs des neuen Albums ist „Gewitter“, dem schon fast etwas Apokalyptisches anhaftet. Darin heisst es unter anderem: „Erhebt ein letztes Glas / Auf die gute alte Zeit, denn die ist jetzt vorbei.“ Inwiefern ist für Sie diese gute alte Zeit vorbei?

Sven Regener: Das ist ja gar nicht gesagt, dass wir das denken. Der Beobachter im Lied sagt das.  

Genau, dieser allwissende Erzähler…

Sven Regener: Keine Ahnung, ob der allwissend ist, eher nicht. Aber jemand äussert sich dort so. Das ist zunächst einmal nur ein Standpunkt, den man einnehmen kann. „Gewitter“ ist eine Art „Doomsday-Song“, ein eher pessimistisches Lied. Aber man könnte es auch noch anders interpretieren, nämlich, dass jemand diese Prophezeiung mit einer klammheimlichen Freude sagt. Jemand, der sich über andere erhebt. Das ist auch möglich, denn das Lied hat eine gewisse Ambivalenz. Aber das Entscheidende ist die musikalische Kulisse, die sich zusammen mit diesen Worten über dem düsteren Horizont aufbaut. Solch düstere Lieder sind eine starke Sache. Weil sie natürlich auch die eigenen Ängste widerspiegeln, nicht? Warum das jetzt so ist, ist eigentlich ganz egal. Das kann sich jeder selber überlegen, wenn ihn das überhaupt berührt und er das vielleicht ebenfalls so sieht. Da sind wir nicht schlauer als alle anderen. Aber interessant ist, wie man in so eine Gedankenwelt und an diesen Punkt kommt, an dem man denkt, dass plötzlich etwas ganz anders ist, etwas nicht mehr stimmt, irgendwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Wenn ich die bedrohliche Textzeile „Ein Gewitter kommt auf“ höre, denke ich an schwierige Zeiten, die auf uns zukommen. In einer Strophe heisst es: „Die Boote, die ihr fahrt, haben weder Schwert noch Kiel“. Das sind Boote, die nicht für schlechtes Wetter geeignet sind.

Sven Regener: Ja, weil auch im Halensee ein Meer wohnt. Was zwar schwer vorstellbar ist. Wer den Halensee kennt, weiss, sehr gross ist der nicht. Aber wer weiss…?! Es ist eine Reihe von Bildern, die in diesem Song gemalt werden, und jedes ist bedrohlich und hat heute Gültigkeit, aber man hätte den Song auch vor zehn Jahren schreiben können. Die Angst vor Veränderung, vor Umbrüchen, vor dem Zusammenbruch des Bestehenden ist wohl universell. Andererseits: Vielleicht ist es aber auch bloss ein Lied über ein Gewitter, das aufkommt. Oder wie Bob Dylan sagte: „I’m just a song and dance man.“ Sein Song „A Hard Rain’s a Gonna Fall“ kann von radioaktivem Regen handeln, es kann aber auch einfach nur ein schwerer, starker Regen gemeint sein. Zu dieser Art von Liedern gehört „Gewitter“. Das meine ich mit „Doomsday-Song“. Es ist wichtig, dass es in der Kunst auch um die dunklen Seiten der Dinge und des Lebens geht, etwa um diese ganze Spökenkiekerei, wie der Norddeutsche sagt, dieses ganze Prophetentum, dessen Grundlage doch nur die eigenen unbesiegbaren Ängste sind.

Im Refrain heisst es „Und ein heisser Wind verweht die Jahre, die ihr kennt“. Es gibt ein bekanntes Buch des deutschen Lyrikers Peter Rühmkorf mit dem Titel „Die Jahre, die ihr kennt“. Ist diese Textzeile zufällig gesetzt?

Sven Regener: Nein. „Die Jahre, die ihr kennt“ ist ein sehr berühmtes und sehr gutes Buch. Und es hat einen sehr starken Titel. Ja, es ist eine Hommage an Peter Rühmkorf.

Die wohl schönste Strophe des ganzen Albums steht am Anfang des Liedes „Stein, Schere, Papier“, das vom Klang her ebenfalls etwas Düsteres hat: „Die Schere der heimlichen Wünsche / Schneidet Löcher ins Kleid der Vernunft / Daraus wachsen hölzerne Blumen / In den Himmel der brotlosen Kunst“. Hier treffen die Wünsche auf die Vernunft, Emotionalität auf Rationalität. Soll man versuchen, trotzdem seine heimlichen Wünsche zu verwirklichen, auch wenn diese brotlos sind, so wie das oft in der Kunst der Fall ist?

Jakob Ilja: Das Schöne bei der Kunst ist, dass man ganz klar, aber auch ganz kryptisch sein kann. Wir sind die letzten, die erklären können, was wir da genau machen. Woher kommen die Ideen für eine Melodie oder einen Klang, für Wörter oder Sätze? Wir können das nicht erklären. Wir können nur sagen, dass es immer wieder ein grosser Zauber ist, wie diese Dinge entstehen. Und dank des Wissens um eine Stilistik, eine Form und eine Technik können wir diese Einzelteile zusammenfügen. Wenn ich einen Text zum ersten Mal höre, interpretiere ich diesen sicher ganz anders als Sven oder Richard. Und das Publikum hört auch immer wieder die unterschiedlichsten Dinge aus den Songs heraus. Das hat mit der eigenen Lebenssituation, mit unterschiedlichen Prägungen, vielleicht aber auch mit dem jeweiligen Wissen zu tun. Man muss das Peter Rühmkorf-Zitat nicht kennen, um damit etwas anfangen zu können. Man kann unsere Musik auch beim Abwaschen hören und die Texte können einem total egal sein. Das ist völlig in Ordnung.

Einige Journalisten haben beim neuen Album die vielen Berlin-Bezüge thematisiert. Das Album hat bei genauerer Betrachtung jedoch auch einige Bezüge zur Schweiz. In einem Interview mit Gerd Krüger, dem Chef des Tritonus-Tonstudios in Berlin-Kreuzberg, wo Sie seit einiger Zeit Ihre Alben aufnehmen, habe ich gelesen, dass im Studio sowohl eine Studer A827 24-Spur-Bandmaschine als auch eine Studer A80 MK II-Halbzoll-Mastermaschine stehen. Diese hat der Schweizer Audio-Pionier Willi Studer entwickelt. Gerd Krüger sagte, Sie würden die Alben immer noch analog aufnehmen und mastern. War dies auch beim neusten Album der Fall?

Jakob Ilja: Im Grossen und Ganzen ja, obwohl wir auch digitale Audio-Programme benutzen. Was ich am Aufnehmen mit der Bandmaschine speziell liebe ist das Zurückspulen des Bandes, nachdem man einen Take eingespielt hat, um diesen dann nochmals zu hören und zu entscheiden, ob man ihn nehmen will. Diese Zeit zwischen zwei Takes ist ein ganz eigenartiger, sehr meditativer Moment und für mich einer der schönsten Momente überhaupt bei den Aufnahmen eines Albums. Die Aufnahme mit der Bandmaschine ist aber definitiv keine Ideologie nach dem Motto: „Wir nehmen nur auf Band auf, alles andere kommt für uns nicht in Frage“.

Sven Regener: Es geht oft schneller, die Songs mit analoger Technik aufzunehmen.

Jakob Ilja: Das ist das Kuriose daran.

Sven Regener: Es ist einfacher und unkomplizierter, gerade die Grundtakes auf Band aufzunehmen. Und irgendwann wechselt man dann mit dem ganzen Kladderadatsch auf die Festplatte, weil es mit dem Computer, je mehr Spuren dazukommen, einfacher wird, alles zu bewältigen. An diesem Punkt ist das Digitale praktischer. Rein analog gemastert wird, glaube ich, schon lange nicht mehr. Natürlich werden immer auch analoge Geräte dazu benutzt, aber was genau noch analog und was bereits digital ist, ist schwer zu sagen. Die Aufnahmen werden zwar noch durch analoge Geräte geschickt, sind zu diesem Zeitpunkt aber bereits digital gespeichert und prozessiert. Die Dinge, die man nur digital machen kann, wie zum Beispiel Auto-Tune oder das Quantisieren der Rhythmen, also diese ganzen kosmetischen Mittel zum Glattbügeln der Aufnahmen, haben uns nie interessiert und wir haben diese nie benutzt. Schliesslich machen wir Rock’n’Roll und keine Popmusik im engeren Sinne. Die Bandmaschinen werden zudem zu Recht noch benutzt, weil der Schlagzeugsound damit viel besser ist. Die Bandkompression, die man damit beim Schlagzeugsound bekommt, ist überall auf der Welt der erwünschte Effekt im Rock’n’Roll. Es gibt zwar Computerprogramme, mit denen man diesen Effekt simulieren kann. Aber der wahre Jakob ist dann eben doch immer noch die Studer-Bandmaschine. Es gab früher meistens nur die Studer- und die japanischen Otari-Bandmaschinen. Nur im alten, kleinen Vielklang-Studio in Berlin gab es noch eine alte dänische Lyrec-2Zoll-24Spur-Bandmaschine. Die gehörte doch diesem kleinen schwäbischen Punker…

Jakob Ijja: Ach ja!

Sven Regener: Wie hiess der schon wieder? Der hatte eine Punkband, bei der sie mit nacktem Arsch Bilder abgestempelt haben. Jetzt hab ich’s: Titus!

Jakob Ilja: Ja, Titus, genau. Der Sound der Band war so B-52’s-artig.

Sven Regener: Die waren wirklich irre. Und Titus gehörte die Bandmaschine, die er an das Studio vermietet hatte.

Jakob Ilja: Es gibt aber noch etwas Interessantes bei der Arbeit mit der Bandmaschine. Man muss relativ viel früh entscheiden. Ein Schlagzeuger, der auf Band spielt, muss genau wissen, was er tut. Man kann nicht irgendwas spielen und das anschliessend zusammenschneiden. Das wird nicht funktionieren, vor allem nicht mit der Art von Musik, die wir machen. Eine Menge Entscheidungen muss man vor den Aufnahmen treffen. Das ist sehr angenehm und entlastet. Bei digitalen Aufnahmen besteht die Möglichkeit, über 120 Spuren alle Variationen zu sammeln und nachher immer wieder neu zu entscheiden. Bis zum letzten Moment kann man im Grunde genommen alles wieder umschmeissen. Diese grosse Auswahl hat ehrlich gesagt einen sehr anstrengenden Aspekt.

Ein schöner und rührender Schweiz-Bezug findet sich auch im Songbook. Dort ist ein Bild einer Hammond-Orgel abgedruckt, auf der ein Aufkleber mit dem Slogan „Woodstock war scheisse“ und dem Logo der Café-Bar Mokka in Thun prangt. Zu diesem Konzertlokal und dessen Gründer Beat „Pädu“ Anliker, der im Oktober 2016 leider viel zu früh verstarb, haben Sie eine ganz besondere Beziehung. Sie spielten dort am 12. Juni 1987 Ihr allererstes Schweizer Konzert und waren über die Jahre oft Gast in Thun. Welches ist Ihre schönste Erinnerung an die Café-Bar Mokka und an Beat „Pädu“ Anliker?

Jakob Ilja: Die schönste Erinnerung ist, wie wir nach einer sehr anstrengenden Reise zum ersten Mal über diesen Berg nach Thun kamen und dann von Beat im Mokka empfangen wurden. Er stellte als Allererstes eine Flasche Brandy auf den Tisch. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon einige Zeit auf Tour, aber das war der erste Veranstalter überhaupt, der uns so empfangen hat. Als Nächstes sagte er: „Und jetzt koche ich euch etwas Schönes.“ Ich dachte: „Also das ist wirklich aussergewöhnlich!“ Und so war das eigentlich immer mit Beat. 

Sven Regener: Als wir ihn 1987 auf unserer Tournee kennenlernten, hat er noch als Maurer gearbeitet und nebenbei Konzerte veranstaltet. Weil er der Meinung war, dass in Thun mehr passieren sollte als das bisschen Kaserne und so. Als Maurer hat er viel Geld verdient, wenn er im Berner Oberland für Berner Regierungsbeamte die Bäder gefliest hat. Viel mehr als nachher, als er hauptamtlich Betreiber des Mokkas war. Aber irgendwann wurde ihm die Doppelbelastung zuviel und er entschied sich für den Club.

Das Mokka war und ist ein Club mit Seele, von denen es heutzutage leider nicht mehr viele gibt.  

Sven Regener: Ja, das war untrennbar an den Mann gebunden. Ähnlich war das mit den Betreibern am alten Standort des Kulturzentrums Batschkapp in Frankfurt am Main. Dessen Geschäftsleiter war zwar im Gegensatz zu Pädu Anliker immer auch ein Schlawiner, führte den Club mit seiner langen Tradition aber mit Herz und einem Selbstverständnis für die Sache. Das ist bis zu einem gewissen Punkt sehr angenehm. Das Tolle an Beat Anliker war immer, dass er die Künstler nie für seine Sache in die Bandschere genommen hat. Er hat die Musiker mit der nötigen Distanz und dem nötigen Respekt durch den Club und den Abend begleitet. Das war das Einzigartige. Freaks gibt es genug. Freaks mit Seele und einem Herz auch. Aber diejenigen, die auch die nötige Distanz wahren, um den Künstlern die Möglichkeit zu geben, ihr eigenes Ding zu entfalten, sind rar. Er hat uns einmal besucht, als wir in einem anderen Club irgendwo am Zürichsee gespielt haben. Ich nenne jetzt keinen Ort und keinen Namen. Aber dort mussten wir uns zum Essen an einen grossen Tisch setzen, wo auch alle, die im Club arbeiteten sowie deren Familien sassen.

Jakob Ilja: Ja, das war peinlich, weil wir eigentlich nur unsere Ruhe wollten.

Sven Regener: Beat kam dazu und sagte hinterher zu mir: „Was ist denn das? Müsst ihr hier mit all den Leuten essen, die ihr gar nicht kennt?“ Er hat sofort verstanden, dass das für uns nicht angenehm war, weil wir auf diese Weise dauernd gezwungen wurden, uns sozial zu verhalten, obwohl wir uns lieber einigeln und konzentrieren wollten. Man ist als Künstler ja auch irgendwie ein Freak, der seinen Kram sortieren muss, und kein Alleskönner, der ganz easy durch den Tag kommt. Das hat Beat immer gewusst und einfach alles richtig gemacht. Das war das Besondere an ihm.

Jakob Ilja: Er hat alle möglichen Künstler der verschiedensten Stilrichtungen in seinen Club eingeladen. Diese sind immer wieder nach Thun zurückgekehrt, weil sie genau das gemerkt haben. Es ist, wie Sven eben schon sagte, ein schwieriger Spagat: Wenn man wie Beat solch ein Allround-Genie ist, dann ist die Vereinnahmung eigentlich der nächste Impuls, weil man sagt: „Ich bin toll, ich mache all diese Dinge und die anderen müssen das ebenfalls toll finden.“ Und dem nicht nachzugeben, sondern autonom zu bleiben und die Autonomie der anderen wertzuschätzen, das schlägt sich dann in der Tatsache nieder, dass die Bands immer wieder kommen. Wir sind auf jeden Fall immer sehr gerne in Thun aufgetreten.

Es gibt im Songbook zudem ein Bild, das euch als Band in Schwimmwesten zeigt. Ist dieses Bild im Sommer 2017 vor dem Konzert auf dem Rheinfloss anlässlich des „ImFluss“-Festivals in Basel entstanden?

Sven Regener: Ja, das ist vor dem Floss-Konzert entstanden.

Wie stark beeinflusst eine solch spezielle Lokalität das Konzert?

Jakob Ilja: Ich würde sagen, das hat einen relativ starken Einfluss.

Sven Regener: Das war kein leichtes Konzert.

Vor dem Konzert ging ein Gewitterregen nieder und als Sie auf die Bühne traten, sagten Sie: „Sobald die Blitze wieder kommen, sind wir weg!“

Jakob Ilja: Es hätte sich die Frage gestellt, ob in solch einem Fall die Zeit überhaupt gereicht hätte, mit dem Boot rechtzeitig wieder ans Ufer zu fahren. Dieses Konzert war auf jeden Fall eine sehr spezielle Erfahrung für uns.

Aktuelles Album:
„Schafe, Monster und Mäuse“ (Vertigo Berlin / Universal Music), als CD, CD in einer limitierten Songbook-Edition und Doppel-LP erhältlich

Live:
Mi, 23. Juni 2021 Zürich, Kaufleuten
Fr, 17. September 2021 Thun, Cafe Bar Mokka (Open-Air im Garten)

Offizielle Homepage:
https://www.element-of-crime.de





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