Was unser Ich ausmacht und wie wir es im Internet preisgeben

Die mediale Abbildung des Ichs

Es gibt zahlreiche medizinische Möglichkeiten, in das Innere des Menschen hineinzusehen. Zudem geben Nutzer von sozialen Medien viele ihrer privaten Daten im Netz frei. Ermöglicht es eine Kombination dieser Daten, das Ich einer Person abbilden zu können?


Wie beim Eisberg:
Grosse Teile des Ichs bleiben verborgen. Vor andern, aber auch vor uns selber.
Bild: Andrew Shiva

Das Ich ist «das Selbst, dessen man sich bewusst ist und mit dem man sich von der Umwelt unterscheidet». So wird die Bedeutung des Begriffs Ich im deutschen Duden definiert. Nach dieser Definition ist das Ich also das, was jeden Menschen zum Individuum macht.

Das Ich kann als das beschrieben werden, was den eigenen Charakter, den Leib, die Seele sowie den Geist gemeinsam darstellen. Das Ich ist somit im Körper vorhanden und dennoch nicht wirklich fassbar. Möchte man dem Ich einen Ort im Körper zuschreiben, so wäre dies wohl das Gehirn.

Das Nicht-Fassbare bildlich abbilden
Somit wäre es wohl am einfachsten, das Ich über neurologische Ansätze abzubilden. Obwohl die Forschungen der Neurologie immer weiter voranschreiten und Hirnforschern bekannt ist, welcher Teil des Gehirns beispielsweise für Emotionen zuständig ist, konnten die Seele oder der Geist bisher noch nie auf eine medizinisch-wissenschaftlich Weise abgebildet werden.

Daher konnten sie auch nie einem bestimmten Ort im menschlichen Körper zugewiesen werden. Alles was es gibt, sind Vermutungen. Diese basieren zwar teils auf wissenschaftlichen Grundlagen, beinhalten jedoch nicht selten auch einen grossen Teil Fantasie und einen gewissen Anteil an Mythologie.

Zudem ist es so, dass bei den zahlreichen Methoden, die Vorgänge im Gehirn abzubilden, immer nur ein Bruchteil des Ganzen dargestellt werden kann. Dasselbe gilt erst recht für den restlichen Körper: So wird beispielsweise beim Röntgen jeweils nur ein Arm oder die Hüfte des Patienten abgebildet. Um das Ich abzubilden, müsste man fast eine Art Ganzkörperbild anfertigen.

Eine weitere Herausforderung für die Abbildung des Ichs ist dessen stetige Veränderung. Das Ich ist nichts Fixes, sondern verändert sich im Verlaufe des Lebens. Jede Erfahrung prägt den Menschen und trägt somit entscheidend dazu bei, wer man ist. Sei dies Gehirnverletzungen oder aber auch durch das Erwachsenwerden oder durch das Erleben von (traumatischen) Erlebnissen; Das Ich hat viele Gelegenheiten sich zu verändern – vielleicht reicht schon ein einzelner Gedanke, um das Ich leicht zu modifizieren.

Spuren im Netz
Andere Facetten unseres Ichs geben wir im Netz preis: Heutzutage hat fast jeder mindestens ein Online-Profil. Sei dies auf Facebook, Twitter, Instagram, einer mit der Sport-Uhr verbundenen Fitness-App oder auf einer Dating-Plattform. Somit erstellt jeder Nutzer einer solchen Applikation oder Website seinen eigenen Fussabdruck im Netz.

Die Informationen, die der Nutzer beispielsweise auf Facebook als Interessen angibt oder die Posts, welche er mit einem «Like» bewertet, werden nicht nur als solche für andere Nutzer sichtbar, sondern werden von Facebook verarbeitet. Diese Verarbeitung übernehmen Algorithmen. Sie erkennen unser spezifisches Konsumverhalten und blenden uns Werbung ein, die uns anspricht. Auch politische Werbung wird in dieser Weise geschaltet.

Zudem zeigt der Internet-Nutzer mit seinem Surfverhalten an, welche Themen ihn interessieren. Kauft er zum Beispiel online ein, verrät er weitere private Details. Die Betreiber der Websites erlangen nicht nur Informationen, wenn diese vom Nutzer bewusst eingegeben werden, sondern auch – wie zuvor erwähnt – durch sein individuelles Klickverhalten.

Wie gut kennt mich das Internet?
Werden die Daten mehrerer Websites, sozialen Medien und Applikationen zusammengetragen, lässt sich zwar noch kein „wahres Abbild“ des Ichs einer Person aufzeigen, man wäre jedoch ziemlich nahe an einer vollständigen Repräsentation. Jedoch stellt sich die Frage, ob jemand (und wenn ja, wer) all diese Daten überhaupt hat.

Nach dem aktuellen Forschungsstand sieht es jedoch nicht danach aus, als würde das Ich bald in der Form darstellbar sein wie ein Röntgenbild die Knochen abbilden kann. Wie schnell sich dies ändert, ist ungewiss – und welche Folgen dies für die Menschheit hätte, werden wir erst wissen, wenn es wirklich so weit ist.





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