Die überraschenden Auswirkungen der persönlichen Einstellung zum freien Willen

Schicksal oder Selbstbestimmung?

Unabhängig davon, ob es den freien Willen tatsächlich gibt oder nicht, untersuchen Forscher wie Roy Baumeister, welche Effekte alleine der Glaube daran haben kann. Tatsächlich kann es viele positive Auswirkungen in verschiedenen Aspekten des Lebens haben, an die Selbstbestimmung des Lebens zu glauben.

Glück und Erfolg dank freiem Willen?
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Neurowissenschaftler stellen heutzutage die Existenz des freien Willens infrage. Denn inzwischen können dank Messungen der Hirnaktivität einige menschliche Handlungen vorhergesagt werden, bevor sie ausgeführt werden. Andere Wissenschaftler wie der Psychologie Professor Roy Baumeister, ehemals an der Florida State Universität und jetzt an der Queensland Universität in Australien, bestreiten aber, dass der freie Wille nur eine Illusion ist. Diese Behauptung sei an sich unbeweisbar, da man zeigen müsste, dass jede einzelne Entscheidung unvermeidbar war – was unmöglich ist.

Stattdessen stellen sich Baumeister und seine Kollegen die praktische Frage, welche Auswirkungen alleine der Glaube an den freien Willen haben kann. In zahlreichen Studien konnten sie zeigen, dass Menschen mit unterschiedlicher Überzeugung, ob ein freier Wille existiert oder nicht, oft auch in anderen Lebens- und Verhaltensweisen verschieden sind.

Verneinen des freien Willens macht aggressiver
In einer 2009 veröffentlichten Studie der Florida State Universität untersuchten sie zum Beispiel, wie sich der Glaube an den freien Willen auf die Aggressionsbereitschaft von Menschen auswirkt. Dazu wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen unterteilt: Eine musste vor dem Experiment Sätze verinnerlichen, die den freien Willen befürworten, die andere Gruppe solche Sätze, die stark gegen den freien Willen argumentieren.

Nach einem Kennenlernen der Teilnehmer untereinander fragten die Forscher ihre Probanden zunächst, wer mit wem zusammenarbeiten möchte. Doch die Forscher berücksichtigten die Antworten nicht. Sie teilten alle Teilnehmer völlig zufällig in Zweierteams auf. Und sie schwindelten zudem jedem Teilnehmer vor, er oder sie werde nun mit einem Partner zusammenarbeiten, der nicht mit ihr oder ihm im Team sein will. So schufen die Studienleiter eine Situation der Ablehnung.

Die Teilnehmer mussten ihrem Partner anschliessend nach eigenem Ermessen eine Mahlzeit bereitstellen, unter anderem mit einer sehr scharfen Sauce. Dieses Gericht sollte der Partner komplett aufessen – angeblich für das Experiment. Dabei wurden die Teilnehmer darüber informiert, dass der Partner scharfe Sauce überhaupt nicht mag. Die Menge der auf den Teller gegebenen Sauce wurde schliesslich als Mass für die entgegengebrachte Aggression angesehen. Das Ergebnis: Diejenigen Personen, die vorab Sätze gegen die Existenz eines freien Willens verinnerlicht hatten, haben im Durchschnitt mehr scharfe Sauce gegeben und verhielten sich somit aggressiver.

Mehr Erfolg im Beruf und mehr Glück im Leben
In einer anderen Studie, die 2010 von derselben Forschungsgruppe veröffentlicht wurde, wurde untersucht, ob Menschen, die an den freien Willen glauben, auf der beruflichen Ebene anders abschneiden als die, die es nicht tun. Dafür wurden 65 Arbeitnehmer nach ihrer Einstellung zum freien Willen und verschiedenen Aspekten in ihrer Arbeit und ihrem Leben befragt. Zudem schätzten ihre Vorgesetzten die beruflichen Fähigkeiten der Teilnehmer ein.

Tatsächlich zeigten sich Zusammenhänge zwischen dem Glauben an den freien Willen und der beruflichen Leistung. Menschen, die von der freien Selbstbestimmung überzeugt waren, schätzten auf der einen Seite die eigenen beruflichen Perspektiven mit mehr Zuversicht ein. Auf der anderen Seite wurde deren tatsächliche Leistung auch von ihren Vorgesetzten als besser eingeschätzt. Sie bemühten sich mehr und hatten einen positiveren Einfluss auf ihre Arbeitskollegen.

In einer vergleichbaren Forschungsstudie von 2016 wurde anhand umfangreicher Fragebögen herausgefunden, dass Menschen, die einen stärkeren Glauben an den freien Willen haben, auch signifikant häufiger Eigenschaften aufwiesen, die allgemein als positiv gewertet werden. Sie zeigten mehr Dankbarkeit, eine grössere Lebenszufriedenheit, mehr Hingabe und Bereitschaft zum Vergeben in Beziehungen, waren weniger gestresst und sahen mehr Sinn im Leben.

Selbstkontrolle als Schlüssel
Als Ursache der verschiedenen Beobachtungen sehen die Forscher Unterschiede in der Selbstkontrolle. Es kostet Energie die eigenen Aktivitäten bewusst zu kontrollieren und gegen natürliche Antriebe zu handeln, vor allem beim Agieren aus Impulsen oder aus der Routine heraus. Wer nun denkt, dass er sowieso keinen Einfluss auf seine Handlungen hat, ist auch weniger bereit, Energie dafür aufzuwenden, sich zu kontrollieren. Nach dem Motto: Ich kann ja sowieso nichts ändern, warum soll ich mir dann Mühe geben?

Wer hingehen vom freien Willen überzeugt ist, wendet mehr Energie für Selbstkontrolle auf, was sich oft bezahlt macht. Beispielsweise ist es nicht selbstverständlich, dass ein betrogener Ehemann, der seine Frau in flagranti erwischt, davon ablässt dem Liebhaber an den Kragen zu gehen. Wer seinen Rivalen nicht verprügelt, steckt einerseits selbst keine Verletzungen ein und entgeht auch, falls der Liebhaber ihn anzeigen würde, den möglichen Sanktionen der Justiz.

Andererseits kontrollieren Menschen, die an den freien Willen glauben, nicht nur ihre potentiell nachteiligen Impulse besser. Sie planen auch ihre Zukunft ganz bewusst und handeln bedacht um sich ihre Wünsche zu erfüllen. Dabei setzen sie sich langfristigere und ambitioniertere Ziele um ihr Leben in die gewünschte Richtung zu bringen, was zu grösserem beruflichem Erfolg und mehr Zufriedenheit führt.

Der Glaube macht’s
Abgesehen davon, ob der freie Wille überhaupt existiert, sind sich Forscher inzwischen sicher, dass alleine die persönliche Einstellung diesbezüglich entscheidende Auswirkungen hat. Die Überzeugung, dass wir frei über unser Leben bestimmen können, führt zu mehr Selbstkontrolle und dem zielgerichteten Planen einer positiven Zukunft. Daher sollte man auch etwaigen neurowissenschaftlichen Studien, die den freien Willen bestreiten, für einmal nicht zu viel Glauben schenken und weiterhin von der Kontrolle über das eigene Leben überzeugt sein.

Der freie Wille in der Geschichte
Die Frage nach dem freien Willen bzw. danach, wie viel von unserem Leben wir selber kontrollieren und wie viel von höheren Mächten gesteuert wird, stellen sich Menschen schon seit tausenden Jahren. Bekannte Denker wie der griechische Philosoph Demokrit oder Sigmund Freud waren der Auffassung, dass alles aufgrund von vorhergehenden Ereignissen, vom Schicksal oder unseren individuellen bzw. genetischen Voraussetzungen passiert und unvermeidbar ist, was als Determinismus bezeichnet wird. Unsere Wahrnehmung von Wahl sei nur eine Illusion, da wir von höheren Mächten gelenkt werden.

Dagegen war Jean-Paul Sartre ein Verfechter der Freiheit des Menschen. Seiner Meinung nach hätten wir bei Entscheidungen sehr wohl den freien Willen zwischen vielen Möglichkeiten zu entscheiden, am Ende wählten wir aber jeweils nur eine davon. Wenn jemand eine Ausrede benutzt, dass er/sie sich nicht helfen und anders handeln konnte, dann sei es eine Selbsttäuschung. Zwischen diesen beiden Extremen stand Immanuel Kant, der an eine beschränkte Freiheit der Menschen glaubte. Wir hätten zwar Kapazitäten zur freien Wahl, die wir aber nicht immer nutzten.

Heutzutage können mehr und mehr Aktivitäten im Gehirn mit neurowissenschaftlicher Forschung beobachtet und erklärt werden. Einige Studien zeigen die Vorhersage von Handlungen, bevor sie ausgeführt werden und sich die Person überhaupt bewusst über die Entscheidung war. Allerdings sind solche Ergebnisse bisher nur für relativ einfache Handlungen möglich und nicht etwa für komplexe Lebensentscheidungen. Dadurch kann die Frage nach der Existenz des freien Willens nach wie vor nicht beantwortet werden.

Im Netz

Der freie Wille in der Geschichte und heute (Artikel auf Philosophie verständlich)

Die Illusion des freien Willens in der Neurobiologie:

Literatur zum Thema

Roy F. Baumeister, E. J. Masicampo, C. Nathan DeWall (2009): Prosocial Benefits of Feeling Free: Disbelief in Free Will Increases Aggression and Reduces Helpfulness. PSPB 35 (2).
Experimente über die Auswirkung des Glaubens an den freien Willen bezüglich Aggressivität und Hilfsbereitschaft

Roy F. Baumeister (2008): Free Will in Scientific Psychology. Perspectives on Psychological Science 3 (1).
Eine Zusammenfassung und Bewertung verschiedener Forschungsergebnisse

Tyler F. Stillman, Roy F. Baumeister, Kathleen D. Vohs, Nathaniel M. Lambert, Frank D. Fincham, Lauren E. Brewer (2010): Personal Philosophy and Personnel Achievement: Belief in Free Will Predicts Better Job Performance. Social Psychological and Personality Science 1 (1).
Über den Einfluss des Glaubens an den freien Willen auf berufliche Leistungen

A. Will Crescioni, Roy F. Baumeister, Sarah E. Ainsworth, Michael Ent, Nathaniel M. Lamber (2016): Subjective correlates and consequences of belief in free will. Philosophical Psychology 29 (1).
Zusammenhänge zwischen dem Glauben an den freien Willen und Aspekten der Persönlichkeit





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