Radikale Veränderungen sind das einzig Vernünftige

Greta hat recht, Rezo auch

Als Greta Thunberg geboren wurde, war längst bekannt, dass CO2 ein Treibhausgas ist. Und dass es besser wäre, nicht zu viel davon in die Atmosphäre zu entlassen. Doch weder die Generation von Gretas Grosseltern noch die von Gretas Eltern hat sich bisher besonders hervorgetan, etwas gegen die steigenden Treibhausgas-Emissionen zu unternehmen.

Um das 2°- bzw. 1,5°-Ziel zu erreichen – mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% – dürfen wir insgesamt maximal noch die in der Grafik unten angegebene Menge CO2 ausstossen. Dies geschieht in der Zeit, die in der rückwärts laufenden Uhr in der Mitte angegeben wird.
Möchten wir nicht auf dieses 50:50-Risiko setzen, sondern die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels mit grösserer Sicherheit abwenden, verkürzt sich diese Zeit jedoch deutlich: sie halbiert sich etwa!

Wir stehen an jenem historischen Punkt, an dem wir es uns nicht mehr erlauben können zu zaudern. Diese Erkenntnis ist wissenschaftlich belegt. Die (seriösen) Wissenschaftler dieser Welt sind sich einig. Es gibt keinen Zweifel am Klimawandel, dessen Ursachen und Folgen. Und es ist erfreulich zu sehen, dass diese Fakten – Greta, Rezo & Co sei Dank – offenbar doch noch zur Kenntnis genommen werden.

Seltsam: Das grösste Problem wird verdrängt.
Da könnte ja schon fast etwas Hoffnung aufkeimen, dass die Menschen erwachen und sich der Bedrohung endlich bewusst werden. Und vielleicht auch entsprechend handeln. Doch da bisher kaum etwas geschehen ist, stellt sich die Frage: Wird da überhaupt jemals etwas passieren?

Denn auf der einen Seite stehen zwar die Menschen, die die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels noch verhindern möchten – auf der andern, zahlenmässig weit überlegenen Seite – stehen diejenigen Menschen, die sich darüber lieber keine Gedanken machen möchten und sich ablenken. Diejenigen, die abwiegeln, wegschauen, verharmlosen, verdrängen oder gar leugnen.

Diese Leute von der unangenehmen Wahrheit zu überzeugen, ist alles andere als leicht. Zu schön haben wir es uns in unserer Welt mit all ihren Annehmlichkeiten eingerichtet. Und selbst bei denjenigen Menschen, die denken: „Ja, wir müssen handeln“, haben nur wenige die Dringlichkeit und die Radikalität erkannt, mit welcher wir ans Werk gehen müssen.

Nicht verhandelbar
Denn wir können nicht verhandeln, ob wir nicht vielleicht doch ein paar Jahrzehnte länger CO2 in der Atmosphäre entlassen dürfen. Diese Menge ist begrenzt – Wissenschaftler haben berechnet, was es erträgt, damit wir das 1,5°-Ziel erreichen und der Katastrophe noch gerade entgehen können.

Wenn wir im bisherigen Tempo weiterfahren, haben wir unser gesamtes CO2-Budget in gerade mal fünf Jahren aufgebraucht – ab dann dürfen wir nichts mehr in die Atmosphäre pusten (es sei denn, wir holen es irgendwie zurück). Allerhöchste Zeit also, jetzt heftig auf die Bremse zu treten. Da gibt es keinen Kompromiss. Die Naturgesetze gelten, ob uns das passt oder nicht.

Denn dass wir so lange nichts getan haben, rächt sich jetzt. Wir müssen nun tatsächlich sehr rasch beginnen, zum Beispiel unser Mobilitäts- und unser Konsumverhalten gründlich umzustellen. Es reicht nicht, einmal pro Monat mit dem Fahrrad einkaufen zu gehen oder einmal im Jahr mit dem Bus zur Arbeit.

Wie schlimm wäre der Verzicht?
Foto: Steve Halama, unsplash

Konsum hinterfragen
Mag sein, dass Verzicht nicht besonders reizvoll ist. Andererseits: Wo soll das tatsächliche Problem sein, dem Überfluss und dem unnötigen Konsum zu entsagen? Dieser muss in den Industrienationen – bei denen, die es sich leisten können – schon fast als überbordend bezeichnet werden. Wir sind uns oft gar nicht bewusst, was wir alles kaufen, konsumieren, wegwerfen – weil es so selbstverständlich geworden ist: Neues Handy jedes Jahr, 24 Stunden volle Supermarktregale, Flugreisen, mit dem Auto jederzeit überall hinfahren können, etc.

Wie wäre es, dies einmal zu hinterfragen? Das heisst ja nicht, dass wir uns gleich in die Steinzeit begeben und „in der Höhle“ hausen müssen – im Gegenteil – letzteres Szenario droht viel eher, wenn wir weitermachen wie bisher. Denn es wird uns in jedem Fall schlechter gehen, wenn wir nichts tun.

Das eine tun und das andere nicht lassen
Natürlich gibt es andere, ebenfalls dringende Probleme wie Armut, Ausbeutung, Abfallberge, usw. Auch diese müssen wir „nebenbei“ noch lösen. Und ja, es ist nicht sehr einfach, die wachsende Weltbevölkerung am Wohlstand teilhaben zu lassen und gleichzeitig den globalen Ressourcen-Verbrauch zu senken. Aber es ist machbar.

Lassen wir uns nicht Sand in die Augen streuen von denjenigen, die auf andere, persönliche und kurzfristige Interessen pochen. Dass der Erdöllobby wirksame Massnahmen gegen den Klimawandel nicht besonders gefallen werden, ist absehbar. Sie wird mit den Kosten argumentieren, die der Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle verursacht. Aber es wird uns noch viel, viel mehr kosten, wenn wir diesen Schritt nicht tun.

Auch viele Menschen in Berufen, die direkt oder indirekt viele Treibhausgase verursachen, werden sich früher oder später neu orientieren müssen. Aber leider können wir ihretwegen unsere Lebensgrundlage nicht aufs Spiel setzen. Fakt ist: Wir sind auf eine intakte Natur angewiesen. Das Klima gehört dazu. Wenn wir so weiterfahren wie bisher, werden die Herausforderungen von heute als geradezu lächerlich erscheinen.

Hingegen werden wir, wenn wir es einigermassen intelligent anstellen, auch mit null Emissionen ein gutes Leben führen können. Es liegt in unseren Händen. Wenn wir aber nichts tun, werden wir in eine beispiellose Krise geraten. Anzeichen, dass wir demnächst zu handeln beginnen, gibt es leider nur wenige.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Die Zeit war reif für eine Klima-Aktivistin wie Greta Thunberg
Foto: Anders Hellberg

Links
Die CO2 – Uhr des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) (bereits eingangs des Artikels zu sehen!)

zum Ressourcen-Verbrauch
Global Footprint Network Die Ressourcen, die der Planet in einem Jahr erneuern kann, beanspruchen wir innerhalb von nur vier Monaten. Den Rest borgen wir uns von künftigen Generationen.

Wissenschaftler fordern griffige Massnahmen gegen den Klimawandel Scientists for Future

Es braucht äusserst ehrgeizige Massnahmen, damit die Erderwärmung 1,5 Grad nicht übersteigt, Artikel in der NZZ vom Oktober 2018

Warum handeln wir nicht? Artikel im Beobachter vom Oktober 2017





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