Supermarkt-Philosophie

Am Schluss wird abgerechnet

Seit es sie gibt, sind Supermärkte Orte vermeintlicher Innovation. Immer wieder testen die Inhaber neue Konzepte: Damit einerseits die Konsumenten mehr kaufen und andererseits die Kosten sinken. Doch Supermärkte sind auch, wer hätte das gedacht, Orte für „philosophische Betrachtungen“. Insbesondere das Warenförderband ist ein Objekt, das zum Nachdenken anregt. Die Frage ist allerdings: Wie lange gibt es dieses noch?

Ob es an Chinesischen Supermärkten Warentransportbänder gibt? Und wenn nicht, wie wirkt sich das auf die Psyche der Chinesen aus? Fragen über Fragen 🙂

Das Warentransportband verdankt seine Existenz dem Supermarkt und dem Konzept der Selbst-Bedienung. Letzteres wurde 1916 erstmals verwirklicht, im Piggly-Wiggly-Store in Memphis, Tennessee. In der Schweiz wird als erster Selbstbedienungsladen 1948 die Migros an der Seidengasse in Zürich eröffnet.

Der Kunde macht’s selber I
Die Migros, weiterhin auf der Suche nach neuen Konzepten, führt 1965 in ihrem Supermarkt in Wollishofen erstmals Selbsttippkassen ein. Der Versuch wird jedoch ein paar Jahre später abgebrochen. Dies weil die Kunden es mit dem Tippen nicht so genau nehmen.

Der Supermarkt wird immer erfolgreicher und zum vorherrschenden Ladenkonzept. Der Andrang an den Kassen führt zu Warteschlangen. Da kommt die Idee, ein Förderband einzubauen gerade recht. Man hätte auch mehr Kassen aufstellen können. Doch das hätte mehr Personal und Platz benötigt und rechnete sich daher nicht.

“Tulip Town Market, Grave Center,” bei Oak Ridge, Tennessee, 1945
Foto: James Earl Wescott

So ist es die Ladenkasse mit Warenförderband, die Jahrzehntelang das Bild des Supermarkts prägt. Doch ab Mitte der Nullerjahre des 21. Jahrhunderts beginnt sich der nächste Innovationssprung anzubahnen.

Der Kunde macht’s selber II
Nun wird das sogenannte „Self-Scanning“ eingeführt. Zunächst als Versuch bei Coop: Um daran teilnehmen zu können, muss der interessierte Kunde sich zuvor registrieren. Beim Einkauf scannt er mit einem Lesegerät jeweils jeden Artikel, bevor er ihn ins Wägelchen legt. An der Kasse gibt er dann sein Lesegerät ab und bezahlt. Das rechnet sich für Coop: Wer so einkauft, gibt im Schnitt 30% mehr aus.

Heute hat die Selbstbedienungskasse endgültig Fuss gefasst. Noch aber kaufen viele Menschen „klassisch“ ein und legen ihre Waren aufs Förderband. Nicht zuletzt, um sich nicht der Vernichtung von Arbeitsplätzen schuldig zu machen. Aber es gibt einen weiteren guten Grund, sich beim Transportband anzustellen.

Das Band als Metapher
Seine Bedeutung ist nicht zu unterschätzen, ist das Warentransportband doch nichts weniger als eine Metapher für das Leben. In diesem Bild ist der Mensch ein Artikel. Sie, lieber Leser, Sie wären eine Packung Cherrytomaten. Sie werden vorne auf das Band gesetzt wie bei der Geburt ins Leben.

Vor, neben, hinter Ihnen weitere Artikel: Ein Spielzeugauto, eine Unterhose, eine Schwarzwäldertorte – sie stellen ihre Mitmenschen dar. Sie sprechen miteinander, lernen sich näher kennen und schätzen, besonders mit dem Büffel-Mozzarella jenseits des Trennstabs verstehen Sie sich gut.

Das Band bewegt sich stetig und doch unaufhaltsam vorwärts. Sie als Cherrytomate stellen fest: Vorne am Band wird eine Flasche Essig aufs Band gelegt, am anderen Ende verschwindet eine Packung Zahnseide.

Es ist genau wie im Leben. Es kommen neue Menschen hinzu, andere gehen und auch Sie selbst treiben im Strom der Zeit unaufhaltsam ihrem endgültigen Schicksal entgegen, nämlich von diesem Planeten abzutreten – der Tod wird symbolisiert durch den Scanner am Ende des Bandes. Er wird mit einem nüchternen “Bip” ihrem Leben ein Ende setzen.

Diese Allegorie auf das Leben, welche gleichzeitig ein Memento mori darstellt, ist nun also in Gefahr. Statt gedankenversunken an der Kasse zu stehen nur noch eilig selber scannen? Das Einkaufen würde zu einem Akt des reinen Konsums!

Der Kunde macht’s selber III
Die Feinde des Kassen-Rollbands heissen heute Einkaufen im Netz („Onlineshopping“) und Selbst-Einlesekassen (Self-Scanning oder Self-Check-Out). In den Niederlanden gibt es bereits Supermärkte, die ganz ohne bediente Kassen auskommen. Man darf sich durchaus fragen, ob diese Entwicklungen in dem Sinne fortschrittlich sind, dass sie die Menschheit weiterbringen.

Seelenlose Selbst-Scan-Kasse im Manor

Dennoch – ob wir es nun bedauern oder nicht – irgendwann, in nicht all zu ferner Zukunft, wird es herausgerissen: Das letzte Warentransportband der Schweiz. Die letztverbleibenden Exemplare drehen, sagen wir mal, 2038 im Volg von Bergün.

Man wird sie ins Konsum-Museum von Chur (eröffnet 2033) bringen. Dort wird geschrieben stehen: „Gerade bei älteren Kunden war das Förderband immer recht beliebt, konnten sie doch mit dem Kassierer oder der Kassiererin noch rasch ein paar Worte wechseln.“

Auch diese soziale Komponente, wird man wohl irgendwie vermissen. Andererseits: Wer will denn mit unbekannten Menschen sprechen, wenn man auch einen seelenlosen Automaten bedienen oder ins Handy starren kann?

Links
Coop führt Selbstscanning ein – Artikel in der NZZ von 2007

Als die Kassen laufen lernten – Eine Arbeit zur Automation an den Kassen der Migros (pdf)

Supermarkt – die umworbene Kundschaft – Film von 2005
Hier sieht man auch, wie schnell sich die Supermärkte in den letzten Jahren verändert haben.





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