Interview mit Jaël

Glaube ein bisschen mehr an dich und hör mal auf, immer den Bauch einzuziehen

Bild: © Simon Iannelli

Der ehemaligen Lunik-Sängerin Jaël ist mit „Nothing to hide“ ein sehr nachdenkliches, selbstreflexives Werk gelungen, auf dem ihre bezaubernde Stimme, umgarnt von akustischen Arrangements, im Fokus steht. Wie sehr die Bernerin mit ihrem neuen Album und in ihrem Leben bei sich angekommen ist, zeigte sich beim ausführlichen Interview mit Nahaufnahmen.ch: Ein Gespräch über Abschied und Neubeginn, die Freiheit im Geiste, Melancholieattacken, musikalische Blind-Dates sowie Ratschläge, die sie ihrem 20 Jahre jüngeren Ich geben würde.

Von Christoph Aebi

Jaël, als dein erstes Soloalbum „Shuffle the cards“ erschienen ist, sagtest du: „Für mich bedeutet, Künstlerin zu sein, etwas zu tun, wovor man sich fürchtet. Ich fürchtete mich vor einer Solokarriere, also habe ich es getan.“ Wovor hast du dich im Vorfeld des neuen Albums „Nothing to hide“ am meisten gefürchtet?

Jedes neue Album ist für mich mit gewissen Ängsten verbunden. Dieses Gefühl verspüre ich auch jetzt wieder, gerade weil ich mich mit den Texten des neuen Albums nicht verstecken, mich nicht zensieren und total ehrlich sein wollte. Dadurch mache ich mich natürlich auch wahnsinnig verletzlich. Ob das Album beim Publikum ankommt oder nicht ist immer wieder eine Zerreissprobe für einen selber und der Album-Release verbunden mit dem Schritt, sich zu zeigen und zu präsentieren. Ich habe deshalb bei jedem neuen Album das Gefühl, dass es das letzte Album ist und frage mich, wieso ich mir das alles antue. Aber irgendwann kommen dann doch wieder neue Songs und der Turnus Studioaufnahmen, Album-Release, Tour, Songwriting-Prozess beginnt wieder von Neuem, fast wie die immer wiederkehrenden Jahreszeiten.

Bei „Nothing to hide“ liegt der Fokus im Vergleich zum ersten Soloalbum noch stärker auf deiner Stimme, die hier mehr Raum zum Atmen bekommt. Wann hast du zum ersten Mal für dich selber gemerkt, dass du mit deiner Stimme andere Menschen ganz stark berühren kannst?

(Denkt lange nach) An das erste Mal kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich bin meinem Erfolg sehr lange etwas hinterhergehinkt. Erst sehr viel später, als es von aussen bemerkt worden ist, habe ich selber realisiert, dass meine Stimme die Menschen berührt. Das war nach dem vierten Lunik-Album und einer ausverkauften Tournee. Zuvor hatte ich sehr lange Angst, dass alle irgendwann realisieren, dass ich gar nicht so gut singen kann. Weil ich mich immer gemessen habe mit Sängerinnen, die wahnsinnig akrobatisch singen und Koloraturen machen, merkte ich gar nicht, dass meine feinen Töne ebenfalls eine Qualität haben. Ich habe mich auch als Mensch, der vielleicht etwas feinfühliger oder sensitiver ist als der Durchschnitt, lange mit denen verglichen, die für ihre Karriere links und rechts die Ellbogen ausfahren können. Bis ich gemerkt habe, dass in meiner Sensibilität ein riesiges Potential steckt und sich damit eine ganze Welt auftut, in der dann vielleicht andere etwas zu kurz kommen. Das war ein Prozess, den ich als Mensch sowie als Sängerin sehr spät in meinem Leben und meiner Karriere gemacht habe. Nun bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich so bin, wie ich bin und so singe, wie ich singe. An diesen Punkt zu gelangen hat aber lange gebraucht, weil bei mir sehr lange in allen Bereichen sehr grosse Unsicherheiten dagewesen sind.

In früheren Interviews hast du dich oft als selbstkritisch und perfektionistisch bezeichnet. Beim Einspielen eines neuen Albums hat man, gerade was die Arrangements der Songs betrifft, unzählige Möglichkeiten. Wie bist du bei diesem Album damit umgegangen und wann hast du gemerkt, dass die Songs genau so sind, wie du sie haben möchtest?

Früher bei Lunik produzierten wir die meisten Alben selber. Somit hatten wir so viel Zeit wie nötig und nahmen oft sogar um drei Uhr morgens den gleichen Song nochmals und nochmals auf. Teilweise spielten wir 20 Versionen eines Songs ein, bis wir wirklich mit einer Version zufrieden waren. Wenn du eine Solo-Künstlerin bist und die Studiomiete sowie alle Beteiligten selber bezahlst, ist die Zeit ein bisschen begrenzter. Das erste Album „Shuffle the cards“ haben wir in London zu zweit aufgenommen, mein Produzent Eliot James und ich. Bei jenem Album habe ich vertrauensvoll den Produzenten machen lassen und gewusst, dass das gut kommt, weil wir uns sehr gut verstanden haben. Beim neuen Album „Nothing to hide“ habe ich mit Musikern zusammengearbeitet, die ich schon lange kenne und die teilweise bereits mit Lunik auf Tournee gewesen sind. Es war wieder fast ein Band-Projekt. Das führte natürlich automatisch zu mehr Diskussionen und Auseinandersetzungen. Bei zwei, drei Songs musste ich meinem Produzenten Thomas Fessler sagen, dass wir nochmals von vorne anfangen müssen, weil die Songs für mich einfach noch nicht so waren, wie ich sie gerne gehabt hätte. Ich glaube, dieses Rückgrat hätte ich vor ein paar Jahren noch nicht gehabt. Zum Glück haben alle Beteiligten, so gut sie konnten, mitgemacht (lacht). Zum Schluss habe ich sogar einen Song noch rausgekickt. Es wäre zwar schön gewesen, ihn ebenfalls auf dem Album zu haben, aber er hatte für mich einfach nicht die geforderte Qualität. Ich merkte, dass ich keine Kompromisse eingehen möchte, wenn auf dem Album mein Name draufsteht, ich die Aufnahmen bezahle und das Album nachher zwei Jahre live promote. Bei „Done with fake“ fanden einige Leute, das hätte ein Hit werden können, wenn ich das Lied ein bisschen gekürzt und hier und dort noch etwas verändert hätte. Aber ich sagte: „Nein, das Lied ist genau so, wie es sein muss“. Das ist für mich das Wichtigste. Ich möchte keine Kompromisse für irgendwelche Radio-Airplays eingehen, die dann vielleicht trotzdem nicht stattfinden.

Du hast Thomas Fessler, den Produzenten des Albums, angesprochen. Er hat bereits bei deinem ersten Album beim Song „This love is a jungle“ mitgeschrieben. Wieso war gerade er der richtige Produzent für diese Lieder und dieses Album?

Lustigerweise haben wir „This love is a jungle“ in der gleichen Phase geschrieben wie „Never feel alone again“, der erst jetzt auf dem neuen Album zu finden ist. Die beiden Lieder entstanden in der Zeit nachdem sich Lunik aufgelöst hatte und ich mit verschiedenen Leuten ausprobierte, gemeinsam Songs zu schreiben. Bei „Never feel alone again“, den ich bereits live gespielt hatte und der immer sehr gut angekommen ist, wusste ich, dass er in einem akustischen Gewand sein muss. Das hätte aber auf mein letztes Album, das eher sphärisch und elektronisch war, nicht gepasst. Auf einer Acoustic-Trio-Tour habe ich schliesslich gemerkt, dass ich genau dort musikalisch zuhause bin und das neue Album in einem akustischen Gewand aufnehmen möchte. Zudem war für mich klar, dass ich für die Aufnahmen zum neuen Album wegen meinem Sohn in der Schweiz bleiben wollte. Ich habe deshalb an ein paar mögliche Produzenten Demos der neuen Lieder geschickt und geschaut, welche Feedbacks ich darauf erhalte. Thomas Fessler war einer davon, weil ich wusste, dass er ein gutes Studio hat und es beim Songwriting für das erste Album sehr angenehm war, mit ihm zusammenzuarbeiten. Bei seinen Feedbacks merkte ich, dass er genau spürt, wie ich das Album gerne haben möchte.

In „Never feel alone again“ geht es um Erinnerungen an einen Menschen, die einen in den unmöglichsten Alltags-Situationen plötzlich überraschen, wenn man ein bestimmtes Musikstück hört oder an einem Ort ist, den man früher einmal gemeinsam besucht hat. Im Pressetext sprichst du von einem „versöhnlichen Abschiedslied“. Wie gehst du mit Abschieden um?

Immer besser. Ich war jemand, der ganz fest Mühe hatte, Abschied zu nehmen. Das war eine grosse Aufgabe für mich in meinem Leben, zu lernen, dass Dinge vergehen und dann etwas Neues kommt. Je älter ich geworden bin, desto mehr merkte ich aber, dass selbst die schlimmsten Abschiede und Katastrophen, die man für sich im Leben verspürt, meistens im Nachhinein einen Sinn ergeben. Ich will jetzt hier nicht Platitüden im Sinne von „Wenn eine Türe zugeht, geht eine andere auf“ herunterleiern. Aber oft gab es, wenn etwas zu Ende ging, in meinem Leben danach tatsächlich Raum für etwas noch Schöneres, Besseres oder Stimmigeres. Der Abschied von Lunik war für mich beispielsweise wahnsinnig schwierig. Aber nun, 6 Jahre später, spüre ich, wie wohl ich mit der Art Musik bin, die ich jetzt mache. Mein Pianist Cédric Monnier, der bereits bei Lunik dabei war, ist mir erhalten geblieben und wir sind nun sogar noch näher musikalisch verbunden. Zudem ist er Götti meines Sohnes und arbeitet als eine Art Co-Manager und Booker für mich. Und es gab Platz für andere schöne Verbindungen. So habe ich beispielsweise meinen Gitarristen Domi Schreiber kennengelernt, dessen Gitarrenspiel und Stimme unglaublich gut zu mir passen. Ihn hätte ich nicht getroffen, wenn Lunik sich nicht aufgelöst hätten. Wenn ich nun von etwas Abschied nehmen muss, weiss ich, dass es zwar eine Trauerphase braucht, aber ich habe die Gewissheit, dass ich wieder aufstehen kann, wenn ich hingefallen bin.

Wie hast du deinen Gitarristen Domi Schreiber kennengelernt?

Nachdem sich Lunik im Jahre 2013 aufgelöst hatten, erhielt ich eine Anfrage für Solo-Konzerte. Ich spürte aber, dass ich nicht ganz allein mit meiner Gitarre auf einer Bühne stehen wollte, weil ich, was mein Gitarrenspiel betraf, noch ziemlich unsicher war. Ich fühlte mich wohler mit einer Rückendeckung auf der instrumentalen Ebene. Deshalb suchte ich einen Gitarristen mit dem es für die Backing Vocals auch stimmlich passt. Ich hörte mich ein bisschen um, traf einige Gitarristen und spielte mit ihnen zusammen. Mit Domi passte es gleich. Es war nicht so, dass die anderen schlechter gewesen wären, aber bei ihm war durch seine Stimme gleich eine Magie da und wir fanden uns auch auf einer musikalischen Ebene sofort. Mit ihm zusammen habe ich dann Duo-Konzerte gespielt, bis das erste Album „Shuffle the cards“ veröffentlicht wurde.

Magisch ist auch das neue Lied „Falling again“, in dem deine Stimme so richtig abhebt. Im Gegensatz dazu taucht die Person im Text des Liedes tief in die Melancholie ab. Das Lied handelt von wiederkehrenden Melancholieattacken, die einen runterziehen und die man nicht wirklich kontrollieren kann. Man kann nur lernen, besser damit umzugehen oder wie es im Lied heisst: „ At least I know the deal / and I got faster in standing up again“. Wie autobiographisch ist dieses Lied? Kennst du solche Melancholieattacken?

Ja, ich kenne diese sehr gut, sonst hätte ich das Lied wohl auch nicht schreiben können. Für mich war es wichtig, in dem Song zu demonstrieren, dass es eine Art Hassliebe zu diesem „sweet friend melancholy“, wie es im Song heisst, gibt. Es hat ja einen wahnsinnigen Zug, sich dieser Melancholie hinzugeben, sich darin zu suhlen, obwohl man eigentlich weiss, dass es ein Freund ist, den man nur für kurze Zeit zur Tür hereinlassen möchte und der dann nach einer gewissen Zeit bitteschön mal wieder gehen soll. Bei Lunik gab es einmal ein Lied, das hiess „Slide“ und darin ging es um das gleiche Thema. „Let me suffer passionately“ ist eine Zeile, die ich in jenem Song verwendet habe. In der Zeit zwischen 20 und 30, als ich mich selber gesucht und doch noch nicht gefunden habe, waren solche Wellenbewegungen bezüglich meiner Stimmung noch viel grösser. Ich habe lange sehr dagegen gekämpft, weil es manchmal nicht nur eine Melancholie, sondern eher schon eine Depression war. Melancholie an und für sich ist ja nichts Schlechtes, es ist einfach eine Form der Nachdenklichkeit. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich dieses selbstzerstörerische Element daran nicht mehr möchte. Als 40-jährige Frau, die eine Familie und ein Kind hat, muss ich einsatzbereit sein. Ich wollte mich davon distanzieren, dass ich dermassen den Bezug zur Realität verliere. Diese Seite, die schwer ist und die mich manchmal runterzieht, darf Teil sein von mir, aber ich muss sie irgendwie ausbalancieren können. Obwohl die Melancholie nicht nur negativ ist, sondern diese auch einen Raum oder eine Tiefgründigkeit in eine Seele hineinbringt, die man vielleicht sonst nicht hätte, wenn man immer nur an der Oberfläche herumschlittert. Als ich „Falling Again“ geschrieben habe, war ich natürlich gerade nicht so wahninnig gut drauf. Es ist noch verrückt, dass ich merke, dass Songs wie dieser oder „Done with fake“, die ich in einem Zustand schreibe, in dem ich gerade ganz fest mit diesem melancholischen Teil in mir verbunden bin, oft diejenigen Songs sind, welche die Leute am meisten berühren, weil sie sich möglicherweise angesprochen und verstanden fühlen. In dem Bild des leidenden Künstlers liegt natürlich auch wieder ein gewisser Zwist. Es gibt ja viele Leute, die das Gefühl haben, ein Künstler könne nur kreativ sein, wenn es ihm schlecht geht. Ich finde jedoch, es darf nicht meine Aufgabe als Künstlerin sein, quasi Selbstzerstörung zu betreiben, damit ich gute Werke schaffen kann. Deshalb hat es noch ganz viele andere Songs auf dem Album, die vielleicht auf eine andere Art berühren. Solche, die man beim Autofahren gerne hört, dazu hinausschaut und das Leben geniesst.

Du hast gerade „Done with fake“, den Opener des Albums angesprochen, der einen so richtig schön in das Universum dieses Albums reinzieht. Es gibt dazu ein Video des Regisseurs Luki Frieden, in dem du zuerst geschminkt und Schmuck tragend im Paillettenkleid zu sehen bist. Am Schluss trägst du die Haare offen und bist abgeschminkt. Es geht in dem Lied darum, zu dem zu stehen, was und wer man ist, sowohl innerlich als auch äusserlich. „I’ll show you who I really am and if you can’t handle it that’s your problem“ singst du in diesem Lied. War das ein schwieriger Prozess, an diesen Punkt zu kommen, an dem man sagen kann: „Akzeptiert mich, so wie ich bin – und wenn nicht, ist das euer Problem“?

Das war ein schwieriger und langandauernder Prozess. Wenn man es allen recht machen und allen gefallen möchte, dann ist mein Job eigentlich der Falsche, weil man einfach ständig verletzt wird. Das war bei mir lange der Fall. Ich war jemand, der sich immer ein bisschen geduckt hat und hier und da noch helfen wollte. Das hat sich später auch ein wenig in den Beruf reingezogen. Zwar habe ich immer jene Art von Musik gemacht, die mir gefällt, war aber nachher oft sehr enttäuscht, wenn ich gemerkt habe, dass diese nicht ankommt oder nicht verstanden wird. Gerade wenn man seine Seele offen hinlegt und die Lieder dann völlig falsch gedeutet werden, kann das sehr schmerzhaft sein. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich die Selbstsicherheit hatte, zu merken, dass das, was ich mache gut ist und Qualität hat. Diesen Qualitätsanspruch an mich selber möchte ich halten. Ob es anderen gefällt, ist dann einfach Geschmackssache. So wie Metallica sicher gitarrenmässig hochstehende Musik ist, mich aber nicht unbedingt zum Pogen bewegt. Deswegen ist diese Musik nicht schlecht. Sie berührt einfach mein Herz nicht. Die wundervolle Vielfalt unserer Menschheit ist auch in der Musik zu finden. Ich musste in meinem Leben ganz allgemein je länger je mehr herausfinden, was für mich am Besten stimmt. Als ich 40 Jahre alt wurde, meinten einige Leute, ich müsste ein Riesenfest mit Party und DJ machen und ganz viele Leute dazu einladen. Ich wollte aber entweder gar nicht oder dann nur im kleinen Kreis feiern. Schliesslich war ich mit ein paar Freunden in einem Parkcafé brunchen, ich hatte Zeit, mit allen zu plaudern und anschliessend sind wir noch in der Aare schwimmen gegangen. Und das war für mich der perfekte Geburtstag. Wenn ich irgendwo in eine Disco mit DJ hätte gehen müssen, das wäre für mich die Hölle gewesen. Ich glaube einfach, die Aufgabe eines jeden Menschen ist es oder man ist es sich selber schuldig, immer besser herauszufinden, wo man zuhause ist.

Zu „Waiting for a sign“, der ersten Single, gibt es die schöne Geschichte, dass du an einer Toilettentür der Tate Gallery of Modern Art in London den Spruch „If you are waiting for a sign, this is it“ sahst – zu einer Zeit, als du nicht genau wusstest, ob du für eine Weile nach London ziehen oder in Bern bleiben solltest. Du bist schliesslich nach London gezogen, hast dort eine Schauspielausbildung gemacht und dabei ist unter anderem das wunderschöne Lunik-Lied „Truly you“ entstanden. Du sagtest einmal in einem Interview, dass dir diese Schauspielausbildung auch fürs Songschreiben viel gebracht hat. Inwiefern?

Es war für mein Songwriting hilfreich, während meines Aufenthaltes in London tiefer in die englische Sprache einzutauchen, um mich noch besser artikulieren zu können. Fürs Songwriting ist es sehr befreiend, wenn man etwas ohne Umschweife ausdrücken kann. Ich glaube auch, je mehr die Selbstzweifel abfallen und je mehr man bei sich ist, desto eher hat man die Narrenfreiheit, dass man sich nicht selber zensiert. Mit der Schauspielausbildung habe ich einen besseren und direkteren Zugang zu mir selber gefunden. Es ging im ersten halben Jahr eigentlich fast nur darum, die Rolle, die man im Leben spielt und die einen definiert, abzulegen, so dass darunter das eigentliche Ich zum Vorschein kommt. Anschliessend konnte man als Schauspieler beginnen, sich Rollen überzustreifen. Und dann hat es mir in dieser Grossstadt London auch gefallen, nicht angeschaut zu werden, egal wie man rumläuft, weil es noch viel schrägere Vögel hat. Und viele Menschen, die davon überzeugt sind, dass etwas Erfolg haben kann. Nicht dass ich das in dieser kurzen Zeit wahnsinnig in meinem Charakter hätte aufnehmen können, aber es war schon toll, einfach mal umgeben zu sein von Leuten, die finden: „Ich baue jetzt mal ein Business auf, dann verkaufe ich es wieder und baue das nächste auf“.

Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit…

Ja, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, die mir persönlich eigentlich fern liegt. Aber daran ein bisschen zu schnuppern, wie an einem Parfum, und zu merken, dass das nichts Schlechtes ist, hat gut getan. Im Künstler-Umfeld in der Schweiz habe ich manchmal das Gefühl, dass man beispielsweise fast nicht sagen darf, dass man nicht nur in die Arthouse-Kinos geht, sondern auch Blockbuster toll findet, die in einem Multiplex-Kino laufen. In London habe ich gespürt, dass es in Ordnung ist, wenn man nicht nur Indie-Filme gut findet. Das gleiche gilt auch für Pop-Musik. Es ist doch schön, wenn etwas erfolgreich ist. Dann gefällt es ganz vielen Menschen. Hierzulande ist es oft so, je kommerzieller etwas ist und je mehr Erfolg etwas hat, desto mehr finden die Leute, dass man es runtermachen muss. Wenn etwas klein und unbekannt ist, finden es alle cool. So im Sinne von: „Ich habe Coldplay gesehen, als sie noch nicht berühmt waren. Damals waren sie super. Jetzt, wo sie die Stadien füllen, kann ich nichts mehr mit ihnen anfangen.“ Das ist irgendwie dieser schweizerische Anspruch, Künstler am liebsten für sich im Wohnzimmer klein zu halten. Das finde ich ein bisschen schade. Man sollte es den Künstlern gönnen, wenn sie erfolgreich werden. Das ist doch wunderbar.

„Waiting for a sign“ ist eine Aufforderung, Entscheidungen nicht zu lange zu vertagen. In der ersten Strophe geht es um einen Fensterputzer, der Höhenangst hat und sich deshalb überlegt, einen anderen Job zu suchen. Doch bevor es dazu kommt, stürzt er bei der Arbeit aus dem 15. Stockwerk ab. Hast du auch schon Dinge auf die lange Bank geschoben und dies dann nachträglich bereut?

Ich bin grundsätzlich jemand, der bei grossen Entscheiden lange abwägt, ob ich etwas tun soll oder nicht. Das liegt in meinem Charakter. Und gleichzeitig merke ich je länger je mehr, dass wir manchmal einen Entscheid bereits gefällt haben und dann nur noch einen Stups brauchen, diesen Entscheid auch umzusetzen, so wie als ich diesen Spruch an der Toilettentür in London gesehen habe. Es gibt manchmal Situationen, in denen es uns schlecht geht, weil wir uns einfach nicht entscheiden können. Ich habe diesbezüglich gemerkt, je besser man spürt, was einem gut tut, desto schneller kann man sich entscheiden. Wenn ich so laut darüber nachdenke, muss ich aber zugeben, dass ich bei kleinen Entscheiden manchmal fast ein bisschen zu impulsiv bin. Mein Mann und ich sind diesbezüglich sehr gegensätzlich. Ich bin diejenige, die in der Ikea sagt: „Dieser Teppich wäre doch noch cool!“ Und er findet, dass wir vielleicht zuerst noch zuhause nachmessen sollten, ob er wirklich passt. Schliesslich laufen wir nach Hause, ich bin etwas wütend, wir messen nach und ich muss zugeben, dass mein Mann recht gehabt und der Teppich nicht reingepasst hätte (lacht).

Bei diesem Lied sowie bei „Falling again“ sass der britische Session-Musiker Ash Soan am Schlagzeug, der schon mit Adele, Cher oder Celine Dion im Studio war und Lisa Stansfield, Marianne Faithfull oder Sinead O’Connor auf Tour begleitete. Wie kam es dazu, dass er auf deinem neuen Album mitspielte?

Mein Produzent Thomas Fessler stand mit ihm in Kontakt. Bei diesen zwei Songs hatten wir das Gefühl, dass wir bezüglich Schlagzeug-Sound noch einen Input brauchen könnten. Thomas hat deshalb vorgeschlagen, Ash Soan anzufragen. Als ich mir angehört habe, was er schon alles gemacht hat, musste ich sagen: „Wenn der es nicht kann, weiss ich auch nicht weiter“. Wir haben Ash Soan also die Songs gesendet und er fand, er gebe gerne seine Inputs dazu. Er hat die Drum-Sounds bei sich zu Hause aufgenommen und uns diese geschickt. Aber sogar er hat bei „Waiting for a sign“ mehrere Anläufe nehmen müssen, bis wir ganz zufrieden waren. Das Lied war eine ziemliche Knacknuss. Mir war wichtig, dass es das Leichte sowie die poppigen Elemente behält und trotzdem nicht zu süffig wird. Das war eine Gratwanderung. Aber in seiner jetzigen Form ist das Lied nun wunderbar. Es hat Drive und ist trotzdem nicht genau so, wie man es erwarten würde.

Von „Waiting for a sign“ gibt es auch einen sehr gelungenen Remix von TYP3WRIT3R, einem DJ, der zwischen Bern, Berlin und Belgrad pendelt. Was gefällt dir besonders an seiner Musik und seinem Remix?

Ich habe in der Vergangenheit schon mehrmals mit Remixern zusammengearbeitet. Und da gab es wirklich einige, die einfach mehr oder weniger nur einen Beat unter den Song knallen, den bis zum Ende des Liedes durchlaufen lassen und vielleicht noch die Tonhöhen oder die Geschwindigkeit verändern. Bei TYP3WRIT3R merkt man, dass er im Herzen nicht nur Remixer, sondern auch Produzent ist. Er hat teilweise die Gesänge anders gesetzt und wirklich eine eigene Version des Songs kreiert. Das hat mir sehr gefallen. Die Idee zu diesem Remix kam von meinem Pianisten Cédric Monnier, der viel in Berlin ist und dort unter anderem mit Tobias Jundt und dessen Band Bonaparte gearbeitet hat. Dadurch hat er auch TYP3WRIT3R kennengelernt und fand, das sei ein cooler Typ und wir sollten ihn mal für einen Remix anfragen. Wenn mir der Remix nicht gefallen würde, müsste ich ihn ja nicht veröffentlichen. Aber TYP3WRIT3R hat das wunderbar gemacht.

Für den Song „Free as a bird“ hast du mit Matt Buchli, dem Leadsänger von 77 Bombay Street, zusammengearbeitet. Wie hast du ihn kennengelernt?

Ich habe bei der Sendung „Songmates“ des Schweizer Fernsehens mitgemacht, in der zwei Musiker aufeinandertreffen und 48 Stunden Zeit haben, gemeinsam einen Song zu schreiben und aufzunehmen. Für die Sendung habe ich mit Damian Lynn zusammengearbeitet und mir aus Interesse natürlich auch die anderen „Songmates“-Folgen angeschaut. Matt Buchli traf in diesem Musik-Blind-Date auf Evelinn Trouble und ich habe ein bisschen mit ihm gelitten. Den Song, der entstanden ist, fand ich super. Aber die beiden waren sehr gegensätzlich. Für Evelinn Trouble bedeutete alles, was ein bisschen zu melodiös war, gleich Kommerz. Sie hatte diesbezüglich eine sehr klare Haltung und Vorstellung. Bei Matt Buchli hat mir gefallen, wie er das Songwriting angegangen ist und deshalb kam in mir der Wunsch auf, mal zusammen mit ihm einen Song zu schreiben. Ich hatte das Gefühl, dass es mit ihm gut funktionieren könnte, obwohl ich bis zu diesem Zeitpunkt noch gar keine CD von 77 Bombay Street zuhause hatte. Matt kam gleich beim ersten Treffen mit der Hook-Melodie von „Free as a bird“ an, aber in einem ganz anderen Tempo als nun im fertigen Song, mehr im 77 Bombay Street-Stil (lacht). Mir hat diese Melodie jedoch unglaublich gut gefallen. Wir waren mehrere Stunden bei mir im Wohnzimmer, haben mit dem Texten begonnen und schon mal erste Aufnahmen gemacht. Anschliessend habe ich alleine weiter am Song gearbeitet, das Finger-Picking entwickelt und den Text noch etwas abgeändert, so dass er in der Bedeutung noch etwas tiefer geht. Als ich ihm diese Version geschickt habe, sagte er, er finde sie gut, aber ich solle doch probieren, mal etwas fröhlicher zu singen. Ich antwortete ihm, dass das einfach nicht so zu mir passen würde. Er hat für den Song einen Super-Input geliefert, aber da das Lied für mein Album war, musste ich es schliesslich auf meine Art umsetzen. Als ich Matt die fertige Version geschickt habe, hatte er aber eine Riesenfreude und fand, dass ihn das Lied unglaublich berühre.

Bei diesem Lied fallen die Gegensätze zwischen Strophe und Refrain auf. Obwohl der Refrain lautet „I’m free as a bird and I’m going to do what I want“ scheint in der Strophe der Protagonist oder die Protagonistin räumlich eingesperrt zu sein, wenn es heisst „When I go up and down in this little cage of mine“ oder „It’s three steps to the window and three steps to the wall“. Geht es in diesem Lied um die Freiheit im Geiste?

Genau. Ganz ursprünglich war die Idee von Matt, ausgehend von der Hookline des Refrains, dass es im Song darum gehen sollte, aufzustehen, zu machen, was man will und seine Freiheit zu geniessen. Beim Texten der Strophen hatten wir dann die Idee, den Gegensatz auszumalen, dass man, selbst wenn man räumlich eingesperrt ist, im Geiste sehr frei sein kann. Weil damals auch viel über Flüchtlinge in den Medien zu lesen war, kam mir in den Sinn, eine Geschichte eines Flüchtlings zu erzählen, der froh ist, davongekommen zu sein – aber der dann, hier parkiert, sich trotzdem eingeengt fühlt. Erst kurz bevor ich ins Studio bin, habe ich plötzlich gemerkt, dass das nicht geht. Es wäre anmassend von mir gewesen, das Gefühl zu haben, ich wüsste, wie sich so ein Mensch fühlt. Deshalb habe ich den Text nochmals abgeändert. Jetzt geht es um eine Person, die findet, sie wolle frei sein, weil sie die Beziehung und die Stadt, in der sie lebt, einengen. Sie meint, sie müsste deshalb die Beziehung abbrechen und in eine andere Stadt ziehen. Dann merkt sie plötzlich, dass sie vielleicht nun frei ist, aber dafür nicht mehr weiss, was sie genau will. Es ist etwas, das ich aus meiner Vergangenheit sehr gut kenne. Nach der Lunik-Auflösung wollte ich alles selber bestimmen. Kein Manager, kein Produzent und keine Musiker sollten mir in Zukunft dreinreden. Und irgendwann merkte ich, dass es eigentlich schön ist, Leute um sich zu haben, die zwischendurch Ideen bringen, weil man dann immer wieder herausgefordert wird. Das ist mir beim Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ so eingefahren. Da sagt Freddie Mercury, sein Solo-Album sei so schlecht geworden, weil genau diese Reibereien, die manchmal anstrengend sind mit Bandmitgliedern, halt eben fehlten und in ihm nicht die kreativen Höhenflüge herausholten. Das konnte ich sehr gut nachempfinden, ob dies nun wirklich seine Worte waren oder jene des Drehbuchautors. Manchmal ist es für einen Künstler wichtig, ein Gegenüber zu haben, an dem man sich künstlerisch reiben kann.

Jemand, der einen ehrlich kritisiert.

Ja, jemand, der sagt: „Hey, schau, das ist gut, aber….vielleicht könntest du dieses oder jenes mal ausprobieren“. Das ist meistens die Aufgabe des Produzenten. Aber wenn man Glück hat, findet man auch Mitmusiker, die einen herausfordern, ergänzen sowie kritisieren. Das ist ein Riesengewinn.

„The greatest win“ heisst auch ein weiterer Song auf deinem neuen Album. Darin geht es um eine neu gewonnene emotionale Stabilität in einer Beziehung: „Goodbye to all those heartbroken nights in tears / this turns out to be the greatest win of all“ heisst es darin. Ist diese Stabilität der grösste Gewinn in deinem Leben?

Zu einem gewissen Grad schon. Nicht unbedingt Stabilität an und für sich, aber mich, so wie ich bin, wohl zu fühlen und nicht das Gefühl haben zu müssen, irgendetwas darzustellen, das mir nicht entspricht, ist für mich der grösste Gewinn. Es ist zwar nicht so, dass ich mich in der Vergangenheit verstellt habe. Ich habe mir jedoch lange gewünscht, eine spezielle, coole Künstlerin zu sein. Doch ich bin keine coole Freak-Künstlerin, sondern stehe dazu, dass ich um halb sieben am Morgen aufstehe und am Mittag Essen koche. Man kann auch Künstlerin sein und Musik machen, so wie man einen anderen Beruf ausüben würde. Klar hat man am Abend und am Wochenende oft Konzerte. Das ist der Unterschied zu einem normalen Bürojob. Bei Lunik feierten wir nach den Konzerten oft noch bis zum Morgengrauen Parties im Hotelzimmer. Das stimmte für mich, als ich Mitte Zwanzig war. Aber irgendwann, wenn man 40 ist und eine Familie hat, möchte man nach einem Konzert einfach nur noch nach Hause und schlafen gehen. Ich habe auch gemerkt, dass das Leben als ewige Party nicht meinem Typ entspricht. Natürlich führe ich jetzt ein in Anführungszeichen biederes Leben. Eines bei dem man, wenn man Mitte Zwanzig ist, das Gefühl hat, so wolle man nie werden. Aber ich bin angekommen, mir geht es super dabei und ich kann weiterhin meiner Leidenschaft, Musik zu machen, nachgehen. Wenn mich jetzt deswegen jemand bieder finden will, dann soll er. Das ist mir eigentlich egal. Hipster bin ich nicht, werde ich nie sein, bin ich auch nie gewesen. Es kommt in dem Lied die Textzeile „You’ve got a lovely pokerface but I’ve got nothing to hide“ vor. Daraus entstand der Albumtitel. Früher habe ich oft versucht, mich in eine gewisse Szene hineinzublenden. Irgendwann jedoch habe ich gemerkt, dass mich das Coolsein und das „dumm umeschnore“ langweilten. Die Oberflächlichkeit, die dicken Schutzmechanismen, die Rollen, die dort gespielt werden, sagten mir nicht zu. Und jetzt wäre es mir sowieso zu anstrengend. Ich hätte nicht auch noch Energie dafür. Ich bin eine müde Mutter, die zehn Mal in der Nacht aufstehen muss, um ein Kind zu füttern (lacht).

Dass du dich in deinem jetzigen Leben wohlfühlst und angekommen bist, spürt man auch im Lied„No matter what“, welches das feiert, was aus der Verliebtheit werden kann. Der Song ist ein Duett mit dem französischen Sänger und Gitarristen Roman Chelminski, der mit Patrick Bruel tourt und auch schon Gitarrist bei Patricia Kaas war. Wieso hast du gerade ihn für dieses Duett ausgewählt?

Bei „No matter what“ fand mein Produzent Thomas Fessler, dass der Song perfekt für ein Duett taugen würde. Da ich ursprünglich den ganzen Text in englischer Sprache geschrieben hatte, dachten wir zuerst an Schweizer Sänger, die englisch singen. Ich habe mir einige Stimmen angehört, aber nicht wirklich eine passende Stimme gefunden, weil ich keine Pop-Voice wollte, sondern die Stimme etwas Gebrochenes haben sollte. Und plötzlich hatte ich intuitiv das Gefühl, dass der Sänger französisch singen sollte, weil es schliesslich ein Liebeslied ist. Deshalb ging die Suche von Neuem los. Ich wusste, dass ich jemand Älteres wollte, der ein bisschen nachempfinden kann, wie man sich nach 15 Jahren in einer Beziehung fühlt. Deshalb fiel Bastian Baker schon mal weg (lacht). Und da ist mir plötzlich Roman Chelminski wieder eingefallen. Ihn hatte ich backstage am Label Suisse Festival in Lausanne kennengelernt. Er hat dort beim welsch-französischen Duo Aliose Gitarre gespielt und im Background gesungen. Da seine Eltern Engländer sind, habe ich mich mit ihm am besten unterhalten können, weil mein Französisch nicht so fliessend ist. Ich habe ihn kontaktiert, mit ihm geskypt und Alizé Oswald von Aliose hat mir beim Texten der französischen Lyrics geholfen. Da Roman seit längerem mit Patrick Bruel auf Tournee ist, hat er seine Stimme in einer Pause zwischen zwei Konzertblöcken bei sich zuhause aufgenommen und mir zugeschickt. Das Resultat ist nun genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Seine Stimme tönt, wie wenn er gerade aus dem Bett aufgestanden wäre. Das hat mir gefallen.

Etwas aus dem Rahmen fällt auch das Lied „Elephants“. Es ist musikalisch der Elephant im Porzellanladen dieses Albums und rumpelt, wie wenn ein Elephant vor sich hin trotteln und mit schweren Tritten die Szenerie betreten würde. Das Lied ist eine Liebeserklärung an Elephanten, an die Natur allgemein, enthält aber auch die Textzeilen „ I love elephants because they are grey / no black or white let’s compromise they say“. Das ist eigentlich schon fast eine politische Aussage.

Ja, obwohl ich nicht unbedingt dafür bekannt bin, politisch aktiv zu sein.

Es passt in eine Zeit, in der die Positionen immer extremer werden und man nicht mehr bereit ist, Kompromisse zu machen.

Der Text hat aber auch etwas Augenzwinkerndes, weil ich versuche, die Sprache eines Kindes nachzuahmen. Kinder haben ja eine wahnsinnige Begeisterungsfähigkeit. Auf die Idee zu dem Song brachte mich mein Göttibub, der Elefanten und deren grosse Ohren, die Rüssel und die schönen Augen liebt. Ausgehend von dieser Ursprungsidee sind dann natürlich – weil man sich als 40-jähriger Mensch auch Gedanken zur Umwelt und zur momentanen Weltlage macht – noch die einen oder anderen Dinge aus einer erwachsenen Sicht reingerutscht.

Die Textzeilen „We burn without sentiment / we think we’re so intelligent / but really we’re just arrogant“ sind mit den Waldbränden im Amazonas aktueller denn je…

Ja, diese Zeilen in der Bridge sind eine Art Aufruf und sollen etwas wachrütteln.

Im nachfolgenden Song „Lie Awake“ geht es um das schlechte Gewissen nach einer Auseinandersetzung oder einem Streit. Bist du ein harmoniebedürftiger Mensch?

Ich bin sehr harmoniebedürftig. Wenn etwas Unausgesprochenes in der Luft liegt, bekomme ich Bauchschmerzen. Ich muss immer alles aussprechen. Für mich ist es etwas vom Schlimmsten, wenn man mir das Gespräch verweigert. In schwierigen Situationen habe ich anderen Menschen oft auch Briefe geschrieben. Darauf spielte vor vielen Jahren der Lunik-Song „Lonely Letters“ an. Wenn man sich in solchen Briefen öffnet und dann nichts zurückkommt oder wenn die andere Person ganz klar sagt, dass sie mich nicht treffen und darüber sprechen will, dann finde ich das unglaublich grausam. Diese passiv-aggressive Art, jemandem das Gespräch zu verweigern, ist etwas ganz Schlimmes. Das würde ich nie jemand anderem antun. Ich habe es lieber, wenn man einen Konflikt direkt austrägt und mir jemand ins Gesicht sagt „Du bist eine blöde Kuh“. Da weiss ich wenigstens, woran ich bin.

Mein Lieblingslied auf dem Album ist „Hero of Neverland“. Dieses hast du in Denver mit dem amerikanischen Produzenten Clark Hagan aufgenommen, der bereits mit Alison Krauss und Vince Gill gearbeitet hat. Wie kam es dazu?

Es ist eine sehr spezielle Geschichte. Nachdem mein letztes Album erschienen ist, sind wir nach Denver eingeladen worden, um Konzerte zu spielen. Die Person, die uns eingeladen hat, hatte einen Unfall gehabt und lag lange im Koma. Er musste alles wieder neu lernen, die Sprache, das Gehen. In dieser Zeit bekam er ein Tape, auf welchem das Lied „Lost and found“ war, das ich 2006 mit der kanadischen Band Delerium aufgenommen hatte. Dieses Lied gab ihm in dieser für ihn schwierigen Zeit anscheinend wahnsinnig viel Kraft. Nun, wo er wieder laufen und sprechen konnte, wollte er aus einer wahnsinnigen Dankbarkeit mir gegenüber helfen, meine Karriere voranzutreiben. Zweimal sind mein Pianist Cédric Monnier und ich deshalb zu ihm nach Denver geflogen. Da er ein Schulkollege des Produzenten Clark Hagan ist, hat er uns einander vorgestellt und wir hatten dann die Idee, bei ihm im Studio Musik zu machen. Clark holte weitere Musiker dazu, die er kannte. Wir nahmen in Denver drei Songs auf: „Hero of Neverland“, „Waiting for a sign“ und „Never feel alone again“. Diese Aufnahme von „Hero of Neverland“ hat mich so wahnsinnig berührt, dass ich das Lied nicht nochmals neu einspielen wollte. Auch weil ich das Gefühl hatte, dass ich das Lied, das wir live aufgenommen hatten, nie mehr so hinkriegen würde. Es gibt manchmal Momente, die eine solche Magie haben, dass man, wenn man sie später nochmals nachstellen will, merkt, dass das nicht mehr geht. Dies war ein solcher Moment. Die ersten Versionen der beiden anderen Songs waren ebenfalls gut, aber sie waren noch nicht so ausgereift, wie sie nun in der Version von Thomas Fessler sind.

Neverland ist die Heimat und Spielwiese von Peter Pan, der sich weigert, erwachsen zu werden. Wer ist der „Hero of Neverland“ in deinem Song?

(Lacht) Das bleibt mein Geheimnis. Nur soviel: Es gibt ja oft, wenn man eine Beziehung hat, ein gemeinsames Lied, das einen verbindet. „Hero of Neverland“ ist entstanden, nachdem ich einen ehemaligen Partner von mir erlebt habe, wie er mit seiner neuen Partnerin unser gemeinsames Lied auch als ihr gemeinsames Lied bezeichnet hat. Deshalb kommt die Textzeile „You couldn’t even save our song for me / recycling love is not how it’s supposed to be“ vor. Der „Hero of Neverland“ mit seinen Abenteuer-Geschichten ist einer, der immer Kind bleibt und eigentlich nie erwachsen wird. Mit dem Lied gebe ich auf eine gewisse Weise den Tritt zurück, den ich damals von ihm bekommen habe. Das Lied ist effektiv aus einer grossen Verletzung heraus entstanden.

Es ist ein sehr bitteres Lied, in dem es auch heisst „You were better in my dreams than you’ll ever be in reality“.

Es ist wirklich eine Abrechnung und kein versöhnliches Abschiedslied. Aber manchmal muss man auch in der Musik Abrechnungen machen.

Handelt der an dieses Lied anschliessende letzte Song auf dem Album, „Wear me down“ („Zermürbe mich“), von der gleichen Person?

Ja, es geht wieder um dieselbe Person. Es war wirklich eine sehr schwierige Beziehung. Aber „Wear me down“ ist nicht nur musikalisch ein schöner Schluss, sondern es findet darin am Ende ein versöhnlicher Abschied statt, den es auf „Hero of Neverland“ nicht gibt. Songs sind Momentaufnahmen. Wenn du in einem Moment einen Song schreibst, in dem du wahnsinnig verletzt und wütend bist, schimmert das durch. Und wenn der Schmerz ein halbes Jahr später etwas abgeklungen ist und du dich besser fühlst, merkt man dies einem Lied ebenfalls an.

Im Refrain des Liedes werden die Textzeilen „I still have much love inside to share / if he couldn’t break me, no one ever will“ fast mantraartig wiederholt.

Es geht um das Wiederaufstehen nach schwierigen Lebensphasen. Wenn man merkt, dass einen eine solche Phase soviel stärker gemacht hat, dass man alles andere auch überleben wird. Zum Schluss komme ich im Lied an einen Punkt der Versöhnung, weil ich finde, wenn man Wut und Hass in sich trägt, richtet sich das am Schluss nur gegen einen selber. Deshalb möchte ich nach Möglichkeit mit allen Leuten irgendwie einen guten Abschluss oder Konsens finden. Eine weitere für mich wichtige Zeile in diesem Lied lautet „He taught me a simple lesson / it goes: not everyone you will meet will mean well“. Ich habe ein wahnsinniges Vertrauen in das Gute im Menschen und gehe deshalb sehr offen auf andere Leute zu. Ich habe diesbezüglich eine gewisse Naivität in mir drinnen. Diese Gutgläubigkeit hatte ich während einer Phase, in der ich etwas kritischer gegenüber anderen Leuten war, zwar ein wenig verloren, habe sie aber nun wieder gefunden. Die gehört zu mir und ich möchte sie behalten. Die ganze Zeit das Gefühl zu haben, diese oder jene Person könnte es böse mit mir meinen und ich müsste mich deshalb besser etwas schützen – so möchte ich nicht leben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man ein sehr viel reichhaltigeres und reicheres Leben hat, wenn man davon ausgeht, dass es das Gegenüber grundsätzlich gut mit einem meint. Im schlimmsten Fall hat man trotzdem noch ein Bauchgefühl, das einen im richtigen Moment warnen kann.

Bald stellst du das neue Album an Konzerten live vor. Du hast einmal gesagt, dass du in deiner Ausbildung als Primarlehrerin Schweissausbrüche hattest, wenn du vor einer Klasse stehen musstest. Hast du auch vor Konzerten immer noch Lampenfieber oder hast du das in all den Jahren ablegen können?

Früher hatte ich bereits mehrere Tage vor einem Konzert Lampenfieber. Heute nur noch kurz vor dem Konzert, weil ich weiss, dass ich mich einfach gut darauf vorbereiten muss. Das geht so weit, dass ich mir überlege, was ich zwischen den Songs erzählen und den Leuten mit auf den Weg geben möchte. Nicht dass ich dies auswendig lernen würde wie eine Schauspielerin ihre Rolle, aber ich schreibe es mir auf und mache mir Gedanken dazu. Früher habe ich das sogar für Interviews gemacht, weil ich so unsicher war. Heute nicht mehr, denn sonst müsste ich Romane schreiben. Aber wenn ich spüre, dass ich für ein Konzert gut vorbereitet bin, hält sich das Lampenfieber in Grenzen und meldet sich erst in der letzten Viertelstunde bevor ich auf die Bühne gehe. Dann reagieren die Magennerven und mir ist es ein bisschen übel. Dagegen machen kann ich eigentlich nichts, ausser vielleicht ein bisschen zu meditieren. Und interessanterweise hilft bei Übelkeit das Singen, weil man dabei ganz anders atmet. So ist das Lampenfieber, wenn ich auf die Bühne gehe und den ersten Song singe, meistens schnell wieder weg.

Du feierst dieses Jahr ein Jubiläum. Es ist zwanzig Jahre her, seit das erste Lunik-Album erschienen ist und du mit Lunik zum ersten Mal auf der Bühne gestanden bist. Gibt es einen Ratschlag, den die heute 40-jährige Jaël der 20-jährigen Jaël geben würde?

Glaube ein bisschen mehr an dich und hör mal auf, immer den Bauch einzuziehen (lacht).

Aktuelles Album:
„Nothing to hide“ (Zealand Records/Phonag), als CD und LP erhältlich

Live:
17. November 2019             Zürich, Kaufleuten Festsaal
22. November 2019             Zug, Galvanik
29. November 2019             Riehen, Freizeitzentrum Landauer
08. Dezember 2019             Winterthur, Casinotheater
19. Dezember 2019             Rubigen, Mühle Hunziken

Offizielle Homepage:
https://jaelmusic.ch/





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