Unter dem Einfluss der Hormone

Was in unserem Körper beim Schauen von Filmen passiert

Wenn wir Filme schauen, schüttet unser Körper Hormone aus. Die dadurch veränderten Hormonspiegel sowie neurologische Vorgänge lösen bei uns Menschen verschiedene, zum Teil überraschende körperliche und psychische Reaktionen aus. Das Verständnis dieser Prozesse kann dabei jeder für seine positiven Zwecke einsetzen.

Menschen lieben Geschichten, denn sie versetzen uns in andere Welten und Gemütszustände. Sie stärken unseren Tatendrang, steigern unser Bedürfnis nach Zuneigung, versetzen uns in Angst und Schrecken und machen uns glücklich. Was genau in unserem Gehirn, mit unseren Hormonen und dem restlichen Körper passiert, wenn wir Filme schauen, wird medizinisch und psychologisch untersucht.

Mann im Kino
Egal welcher Film folgt, er wird auch bei diesem Kinobesucher dazu führen, dass der Körper Hormone produziert.
Bild: Rio Lecatompessy auf Unsplash

Was passiert mit uns, wenn wir Filme anschauen:
generell emotionale Filme: beeinflussen die Cortisol- und Oxytocin-Spiegel
Liebesfilme: bewirken eine Steigerung des Progesterons
Gangsterfilme: können den Testosteron-Spiegel anheben oder senken
Dramen: beeinflussen das Serotonin, unsere Schmerzgrenze und unser Zusammengehörigkeitsgefühl
Horrorfilme: steigern das Adrenalin im Blut und aktivieren Teile unseres Gehirns
Pornos: bewirken ein Glücksgefühl durch die Ausschüttung von Dopamin

Konzentration und Empathie
Wenn wir Filme schauen, die bei uns Emotionen auslösen, schüttet der Körper unter anderem Cortisol aus. Dieses Hormon gilt als Stresshormon. Es wird vor allem dann vermehrt gebildet, wenn wir der unangenehmen und langfristigen Form von Stress ausgesetzt sind, dem sogenannten Disstress. Der kurzzeitige Cortisolanstieg beim Filme Schauen hat jedoch im Normalfall keine unerwünschten Auswirkungen. Er bewirkt vor allem, dass wir konzentriert zuschauen und nicht etwa gedanklich abschweifen oder gar einschlafen.

Eine weitere Reaktion beim Filme Schauen ist Empathie. Wenn Personen in einem Film etwas Gutes passiert, freuen wir uns mit ihnen. Wenn sie traurig oder wütend sind, können wir es genau nachvollziehen. Verantwortlich dafür sind sogenannte Spiegelneuronen im Gehirn. Diese spezifischen Nervenzellen erzeugen das Gefühl, als würden wir selber erleben, was einer anderen Person passiert, die wir beobachten.

Bei den meisten Menschen, die während Filmen Empathie zeigen, zum Beispiel bei einem traurigen Kurzfilm, wurden bei einer Studie der Claremont Graduate University ebenfalls höhere Konzentrationen des Hormons Oxytocin im Blut gemessen. Dieses ist bei Frauen wichtig, wenn sie ein Kind gebären, weil es die Wehen auslöst oder wenn sie stillen, weil es die Milchentleerung bewirkt.

Oxytocin ist aber ebenfalls für alle Geschlechter entscheidend, da es dazu beiträgt, dass Vertrauen und soziale Bindungen aufgebaut werden. Bei emotionalen Filmen ändert sich mit dem steigenden Oxytocin auch die Denk- und Verhaltensweise. Zum Beispiel stieg in der genannten Studie bei den Teilnehmenden die Bereitschaft etwas Gutes zu tun, nachdem sie einen traurigen Film gesehen hatten.

Zugehörigkeit oder Dominanz
Auch was bei einem Liebes- und einem Gangsterfilm mit den Hormonen passiert, wurde untersucht. Die Spiegel des für Frauen typischen Hormons Progesterons und des für Männer typischen Testosteron haben die Autoren einer Studie der Universität von Michigan gemessen.

Romantische Filme – auch etwas für Männer?
Bild: Crew auf Unsplash

Bei dieser Untersuchung schauten drei Gruppen aus Männern und Frauen je 30 Minuten eines Films. Entweder den romantischen Film «Die Brücken am Fluss», den spannenden Film «Der Pate II» oder eine neutrale Dokumentation über den Amazonas. Jeweils vor und nach dem Film wurden die Hormonspiegel gemessen.

Liebesfilme für alle, Gangsterfilme für Männer
Das Ergebnis zeigt: Beim Schauen des Liebesfilms stieg im Durchschnitt sowohl bei Frauen als auch bei Männern das Progesteron. Dieses Hormon ist für Frauen nach der Geburt eines Kindes oder im menstrualen Zyklus wichtig. Die Rolle des Progesterons bei Männern ist weniger erforscht, jedoch ist bekannt, dass es unter anderem das Nervensystem, die Prostata und das Immunsystem beeinflusst.

Frauen, die viel Progesteron produzieren, haben durchschnittlich auch ein grösseres unbewusstes Bedürfnis nach engen, freundschaftlichen Beziehungen, was eine vorhergehende Studie derselben Forschungsgruppe zeigt.

Dass Frauen beim Schauen von Liebesfilmen mehr Progesteron ausschütten, erstaunte die Studienautoren daher nicht. Hingegen, dass es auch bei Männern vermehrt ausgeschüttet wurde. Sie schlossen daraus, dass dieses Hormon auch bei Männern für den Aufbau von engen Beziehungen von Bedeutung ist, etwa von Liebesbeziehungen. Nach dem Liebesfilm sank auch das Testosteron der Männer, was zu einem friedlicheren Verhalten beiträgt.

Der Film «Der Pate II» sorgte nur bei den Männern für einen Testosteron-Anstieg, die bereits zuvor einen hohen Testosteronspiegel aufwiesen. Sie fühlten sich offensichtlich in ihrem Streben nach Dominanz bestärkt. Denn Testosteron korreliert mit dem Bedürfnis nach Macht, was das zentrale Thema des Films ist.

Bei Frauen mit einem anfänglich hohen Testosteronspiegel hingegen sank das Testosteron eher. Ursachen dafür könnten sein, dass Testosteron bei Frauen eine andere Rolle als Dominanz hat oder weil es in «Der Pate II» keine starke weibliche Hauptrolle gibt. Bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit geringem Anfangs-Testosteron gab es nach dem Film kaum merkliche Unterschiede im Testosteronspiegel. Auch beim Dokumentarfilm blieben die Hormonlevel aller so gut wie unverändert.

Natürliche Schmerzmittel
Was passiert, wenn Menschen traurige Filme schauen, untersuchte eine Studie der Universität Oxford. Dabei sah sich eine Gruppe von Probanden zwei neutrale Dokumentarfilme an, eine andere Gruppe den traumatischen Film «Stuart: A Life Backwards» über einen behinderten, obdachlosen Jungen. Währenddessen wurden die Blutspiegel von Endorphin überwacht.

Die meisten Personen, die den traurigen Film gesehen hatten, befanden sich danach in einer schlechteren Stimmung als die Kontrollgruppen. Aber ebenso wurden bei vielen von ihnen mehr Endorphine ausgeschüttet und ihre Schmerzgrenze lag nach dem Film tiefer. Denn Endorphine dienen als körpereigene Schmerzmittel und können sowohl physische als auch psychische Schmerzen lindern.

Ein weiterer Effekt von Endorphinen ist, dass mit einem höheren Spiegel das Bedürfnis nach sozialen Bindungen steigt. Bekannt war, dass bei positiven Gruppenaktivitäten wie gemeinsamem Tanzen oder Lachen vermehrt Endorphine gebildet werden. Die Studie aus Oxford konnte zeigen, dass dies auch bei einem traumatischen Film passieren kann. Das heisst, auch ein gemeinsamer Filmabend mit einem Drama steigert das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Geliebter oder gehasster Horror
Einen ganz anderen Effekt als Liebesfilme, Gangsterfilme oder Dramen haben Horrorfilme auf uns. Obwohl jeder weiss, dass die Filme nicht real sind und man keiner tatsächlichen Gefahr ausgesetzt ist, trickst das Gehirn einen aus und sorgt bei den meisten Menschen für dieselben körperlichen Reaktionen wie bei einer wirklichen Bedrohung.

Konkret bedeutet dies, dass ausgestossenes Adrenalin den Körper auf eine «Kampf- oder-Flucht-Situation» vorbereitet. Die Muskeln spannen sich an, um falls nötig schnell reagieren zu können. Ebenfalls steigt die Herzfrequenz. Wie stark, ist unter anderem vom Alter, der körperlichen Fitness und dem Ruhepuls abhängig.

Der Horrorclown ist ein beliebtes Motiv, um Menschen zu erschrecken, zum Beispiel im Film Es.
Bild: Luis Villasmil auf Unsplash

Unabhängig vom Adrenalin reagieren Menschen in psychischer Hinsicht sehr verschiedenen auf Horrorfilme. Die einen lieben sie, die anderen vermeiden sie um jeden Preis. Das liegt unter anderem daran, dass bei diesen beiden Gruppen bestimmte Areale im Gehirn unterschiedliche Aktivität aufweisen. Diese Areale, sind für die Empfindung und Verarbeitung von Schmerzen zuständig und weniger aktiv bei Horror-Liebhabern als bei emotionaleren Menschen. Diese empfinden den Horror daher als wesentlich unangenehmer und vermeiden ihn eher. Kinder und emotionale oder vorbelastete Erwachsene können Horrorfilme nicht klar als visuell und nicht real einordnen und sehen sie unbewusst als potentielle Realität, was ihnen Angst macht.

Dopamin spielt Glück vor
Nicht ein Angst-, sondern ein Glücksgefühl verursachen pornographische Filme. Doch ist diese Art von Glück – im Gegensatz zum Empfinden nach dem Schauen einer Komödie – durchaus gefährlich. Denn eines der ausgeschütteten Hormone, Dopamin, welches das Glücksgefühl verursacht, wirkt im Belohnungszentrum des Gehirns.

Im Körper ist Dopamin überaus wichtig, um uns Motivation zum Leben zu geben. Dazu gehören die natürlichen Antriebe zum Überleben und zur Fortpflanzung. Wie bei dieser, schüttet der Körper vermehrt Dopamin aus, wenn man einen Porno schaut. Das Dopamin spielt einem somit vor, dass man etwas evolutionär Sinnvolles getan hätte. Und weil unser Gehirn dieses Gefühl immer wieder erleben will, kann der Dopamin-Kick schnell süchtig machen – eine Gefahr, die vor allem bei Jugendlichen besteht.

Wie bei anderen Drogen stumpfen die Betroffenen mit der Zeit ab und brauchen immer extremere Stimuli. Das führt zu schlechteren oder fehlenden sexuellen Beziehungen und kann bei Männern zu Erektionsstörungen führen. Für die Gelegenheits-Konsumenten stellen Pornos jedoch keine Gefahr dar. Sie können sogar einen positiven Effekt haben, indem sie das Liebesleben aufwerten.

Gezielte Beeinflussung
Das Verständnis der körperlichen Reaktionen auf Filme, welche für viele, wenn auch nicht für alle Menschen, ähnlich ausfallen, kann für einige positive Zwecke verwendet werden. Zum Beispiel können Therapeuten mit Hilfe von Filmen die Stimmung ihrer Patienten verbessern.

Ausserdem werden traurige, Empathie-auslösende Filme zum Beispiel von Hilfsorganisationen gezeigt, um die Spendenbereitschaft der Zuschauer zu erhöhen. Auch jeder Einzelne kann mit der richtigen Filmwahl emotionalen Stress vermeiden, die Laune aufhellen oder die Bindung zum Partner stärken.

Im Netz
Privatdozent Dr. Thorsten Fehr, Universität Bremen, über die körperlichen Reaktionen beim Horrorfilm schauen auf Gehrin.info

Über Spiegelneuronen und Empathie auf planet-wissen.de

Sexualtherapeutin Heike Melzer über die körperlichen Auswirkungen und das Suchtpotential beim Schauen von Pornos auf noizz.de

Literatur
W. Hubert, M. Möller, R. Jong-Meyer (1993): Film-induced amusement changes in saliva cortisol levels.
Studie über den Cortisol-Ausstoss bei emotionalen Filmen

Oliver C. Schultheiss, Michelle M. Wirth, Steven J. Stanton (2004): Effects of affiliation and power motivation arousal on salivary progesterone and testosterone. Hormones and Behavior.
Studie über den Hormonausschuss beim Schauen eines Gangster-, Liebes- oder Dokumentarfilmes.

Paul J. Zak (2015): Why Inspiring Stories Make Us React: The Neuroscience of Narrative. Cererbrum.
Dr. Paul Zac über den Ausstoss von Cortisol und Oxytocin bei emotionalen Filmen

R. I. M. Dunbar, Ben Teasdale, Jackie Thompson, Felix Budelmann, Sophie Duncan, Evert van Emde Boas, Laurie Maguire (2016): Emotional arousal when watching drama increases pain threshold and social bonding. The Royal Society.
Studie über die körperlichen und psychologischen Auswirkungen beim Schauen von traumatischen Filmen.





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