Gears POP!

Deals, Deals, Gears!

Ein Free2Play-Mobile-Game über Monate spielen – ohne ein gewisses Maß an Selbstverachtung? Nope. Denkt NORMAN VOLKMANN an seine Beziehung zu Gears POP!, so geht das nicht ohne Selbstzweifel. Ohne das Gefühl, mit seiner Zeit eigentlich etwas Besseres anfangen zu können. Aufhören konnte er nicht.

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Es ist 6:04 Uhr, der Wecker klingelt. Müde. Die Augen bekomme ich kaum auf, Licht kann ich noch nicht ertragen, erst mal Schlummermodus. Doch bevor ich weitere zehn Minuten mit dem schnarchenden Mops im Arm schlummere, muss ich mein Business erledigen. Finger auf den Scanner des Smartphones, das halbblinde Tippen auf das App-Icon von Gears POP! ist inzwischen ein Automatismus. Mich erfüllt ein ekliger Stolz, denn bisher habe ich nur einmal 4,99 Euro für dieses Spiel ausgegeben. Eisern war ich. Eisern habe ich kein Geld, sondern nur meine Zeit geopfert. Herzlichen Glückwunsch! Dafür starte ich das Spiel jeden Morgen, denn die angesparten Silbermünzen können alle 24 Stunden für wertvolle Pins ausgegeben werden. Damit verbessere ich die zahlreichen Charaktere und habe für die Gefechte eine stärkere Truppe. Wie es sich für ein Free2Play-Spiel gehört, gibt es auch ein kostenloses Geschenk. Klar, das Spiel ist gut zu mir – haben wir lange genug eine gute Beziehung, vielleicht kaufe ich dann ja doch 7.000 Kristalle für 50 Euro. Vielleicht dann, WENN ICH NICHT ENDLICH DIE K*** VERBESSERUNG FÜR DIESEN EINEN CHARAKTER BEKOMME! Hoppla, ist ja noch früh.

GearsDeals

Gears of War hat mich auf der Konsole nie besonders gereizt. Die ultra-männlichen Quadratmenschen fand ich immer peinlich und für Deckungsshooter bin ich zu ungeduldig. Im Koop habe ich zumindest den zweiten und vierten Teil gespielt, ernstnehmen wollte ich sie zu keinem Zeitpunkt. Gears POP! nutzt viele bekannte Charaktere, als Funko-Pop-Figuren sind sie mit riesigen Augen und überdimensionalen Köpfen deutlich sympathischer. Acht Teammitglieder treten für mich gegen andere Spieler an, das System ist denkbar einfach: Deckungen einnehmen, Gegner plätten, Basen zerdeppern. Die richtige Mischung aus defensiven, offensiven oder unterstützenden Truppen ist maßgeblich für den Erfolg. Maßgeblich für ein Free2Play-Spiel ist der Spielablauf in den ersten Stunden: Anfangs zerstöre ich die Gegner, Erfolge ploppen auf, Boni werden ausgehändigt, ich habe ein gutes Gefühl. Mit der Zeit aber bricht das Spiel mich, ich verliere ständig, die Sehnsucht nach einem besseren Team wird größer. Die Mikrotransaktionen werden attraktiver. Was da so alles drin sein kann, in diesen Lootboxes. Achievements ploppen kaum mehr auf und ich realisiere, dass ich den Titel zu lange spiele. Fast 500 Gefechte habe ich bislang gespielt, die Verbesserungen der Charaktere werden langsam so teuer, dass es bald nicht mehr reicht, sich Münzen und Goldkristalle zu erspielen. Aufhören kann ich immer noch nicht. Für 4,99 Euro kaufe ich 550 Kristalle und tausche diese gegen 100.000 Silbermünzen ein.

Gears-Gameplay

Ich hasse weniger mich dafür, dass ich das Geld ausgegeben habe. Ich hasse Free2Play-Spiele dafür, dass ich das Geld nie mit gutem Gewissen ausgeben kann. Ich denke nie daran, dass hinter diesen Spielen Entwickler sitzen, die Lohn bezahlt bekommen und vermutlich selten mit der Monetarisierung zu tun haben. Ich sehe nur, wie der Titel mich langsam aber sicher in die Falle locken will. Wie alles, aber wirklich alles an dem Spiel darauf ausgelegt ist, dass man die Kreditkarte zückt. Lächerlich teure Sonderangebote für Zufallskisten voll mit digitalem Nonsens. Ich hasse es, dass es verschiedene Währungen gibt und die, die ich für Charakterverbesserungen benötige, nicht für Echtgeld kaufen kann. Für meine Taler bekomme ich ja nur Kristalle, die ich für zufallsbasierte Lootboxes eintausche oder für die bitter benötigten Silbermünzen. Für jeden Sieg gibt es auch Lootboxes, die richtig fetten Schätze allerdings nur gegen Bares. Diese nützen mir nur dann etwas, wenn ich genug Pins für Upgrades habe. Wer jetzt nicht fragend die Stirn runzelt, kennt meinen Frust. Ich hasse kein Spiel dafür, dass es Mikrotransaktionen besitzt. Ich hasse Spiele, die mich verarschen wollen.

Das bringt mich zurück an den Anfang, denn ich spiele dieses s*** Spiel ja immer noch. In der Bahn, beim Frühstück, in der Mittagspause. Immer wieder. Nie lange, immer beständig. Ich bin schwach. Die Spielmechanik von Gears POP! ist gut genug, dass es Spieler*innen bindet. Es ist eine Tragödie.

 

Bereits erschienen.

Originaltitel: Gears POP!

Plattformen: Android, iOS

Entwickler: Mediatonic, Black Tusk Studios

Veröffentlicht von: Microsoft





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