Gears 5

Tears for Gears? 

Gemach! Es bleibt genug WAR übrig.

Seien wir ehrlich – Xbox-SpielerInnen haben es mitunter nicht leicht. Egal, ob es um die Absatzzahlen der Hardware oder die Anzahl der Exklusivtitel geht (wobei nach der Nennung der üblichen Verdächtigen, in etwa Halo oder Forza sofort das Gegenargument ausgepackt wird, dass man die Titel doch sowieso am Windows PC der Wahl spielen könne), es herrscht der große Rechtfertigungszwang.

Es sei eingeräumt, dass Xbox Game Pass und der wunderbare Xbox Controller es dann mitunter eine gewisse Zeit schaffen, das Feuer auf sich zu ziehen und Punkte zu machen, aber im Grunde bleibt man “die/der eine mit der Xbox”. Und das seit Ende der Xbox 360. Nun. Was bleibt zu sagen? Dass es uns X-Spielenden egal sei? Dass echte Diamanten nur Druck entstünden? Dass 2020 die Karten neu gemischt werden? 

Während Sie noch über all diese möglichen mentalen Ausfahrten nachdenken, darf ich es mir erlauben, langsam zum Kern des Artikels – nämlich Gears 5 – vorzustoßen. Der Third-Person-Shooter, erstmals angekündigt auf der E3 2018, erschien bereits im September des letzten Jahres als direkter Nachfolger des 2016 erschienen Gears of War 4. Gleichzeitig ist es bereits die zweite Iteration der Reihe, die nicht aus dem Ursprungsentwicklerhaus Epic Games stammt. 

SpielerInnen, die sich seit drei Jahren frugen, wie es denn nun mit der blutigen Geschichte weitergehen würde, atmen auf, als sie erfuhren, was diesmal Sache in der sehr umfangreichen Kampagne sein würde: “Die Welt steht am Abgrund. Der Schwarm hat die Roboterarmee der Koalition unter seine Kontrolle gebracht und greift die Städte der Menschen an. Während der Feind immer näher rückt, begibt sich Kait Diaz auf die Suche nach der Wahrheit. Sie zieht los, um herauszufinden, was sie mit dem Feind gemein hat, doch findet weit mehr heraus, als ihr lieb ist – die wahre Gefahr für Sera ist sie selbst.” (Quelle)

Richtig (im Marketingmaterial!) gelesen – im Zentrum steht Kait. Da könnte man natürlich mutmaßen – wie es auch ein IGN-Artikel nahelegt – dass es erst eines Mad-Max-Kinoerfolges bedurfte, um den, im Grunde relativ nichtssagenden JD aus dem Zentrum der Erzählung zu stoßen und sich auf Diaz und ihren Konflikt mit ihrer Mutter zu stürzen, welcher nun droht, alles und jeden auf Sera auszulöschen.  

Die leider über weite Strecken einigermaßen ungelenk erzählte Geschichte voller Phrasenreihungen und wenig überraschender Motiv- wie Genreentlehnungen erstreckt sich über riesige Fabriken, vereiste Schneelandschaften und Wüstenabschnitte, die – und das ist immer noch eines der großartigsten Eigenheiten der Serie – kooperativ erlebt und angegangen werden kann: Gemeinsam mit zwei Freunden online oder im Splitscreen-Co-op-Modus ist es möglich, sich an der visuellen Leistung der EntwicklerInnen zu erfreuen, die in allen Bereichen eine beeindruckende Schippe draufgelegt haben. Nota bene: Auf der Xbox One X ist es möglich, den Titel in allen Modi in keckem 4K sowie HDR bei flüssigen 60 Frames pro Sekunde zu spielen. 

VeteranenInnen der Serie werden nach ein wenig Spielzeit zudem staunen – Gears 5 öffnet sich zu einer offeneren Spielewelt und bekommt das Konzept sehr gut in den Griff, auch wenn diese eben beschriebene Soziotop noch ein wenig verlassen und leer wirkt. Die Entscheidung, zumindest einen kleinen Schritt abseits des Railroad-Leveldesigns zu wagen, zahlt sich für das Spiel aus. Umso schwerwiegender fällt jetzt allerdings auf, wie wenig unsere Kriegsrädchen mit ihrer Umwelt interagieren können: Selten waren sich die beiden “e” aus exploring und euphemistisch ähnlicher.

Entschließt man sich nach dem Ende der Kampagne, einen Blick in die weiteren Spielmodi zu werfen, wird man neben der neuen Spielvariante “Flucht” (welche ich selbstredend ignorierte, denn Zeitdruck bedeutet unendlichen und feurigen Hass für mich), wird man auf einen “Horde”-Modus stoßen, der sich strukturell-spielmechanisch gehörig gewandelt hat. Der Grundgedanke und damit das Erfolgsrezept freilich bleibt: Fünf SpielerInnen wehren den Ansturm immer mächtiger werdender Gegnerwellen auf einer Map ab.

Was ist nun also anders? Man entschied sich, noch stärker auf eigenen Klassen und setzen. Keine doppelten Charaktere sind mehr zugelassen, schließen bringen die erwähnten Klassen auch ihre eigenen Heldenfähigkeiten mit. Ohne auf das System über Gebühr an dieser Stelle eingehen zu wollen, möchte ich protokolliert wissen, dass es diese Änderungen es für zufällig zusammengeworfene Gruppen (noch) schwieriger wird, einen gemeinsamen Spielflow zu entwickeln. Eingespielte Teams hingegen werden großen Spaß haben und ihre neuen Möglichkeiten voll auskosten. 

Die KI-Bots, welche einspringen, wenn nicht genug menschliche SpielerInnen an Bord sind, verrichten ihre Aufgabe in der Regel zufriedenstellend und auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad ist es somit problemlos möglich, auch zu zweit (mit drei Bots an der Seite) die vollen 50 Wellen zu überstehen – vorausgesetzt, man bringt ein wenig Erfahrung mit. Einen Moment mal, hier schreit noch ein Marketing-Mann durchs offene Fenster: “Übernehmen Sie die Rolle von Jack, einem fliegenden Unterstützungs-Bot, der Verbündete beschützen und Feinde aufs Korn nehmen kann – perfekt für neue Gears-Spieler.” (Quelle) Ja, da hat er recht. Mir macht es große Freude, mit dem schnellen Kerl über die Map zu schießen und auszuhelfen, wo ich nur kann. #helfersyndrom 

Den Text beschließen möchte ich mit meiner Vorfreude auf den nächsten Gears-Teil. Die Reihe begleitet mich als Spieler nun seit fast 15 Jahren und ich habe Sera und seine seltsamen GesellInnen lieb gewonnen. Aber ich war nicht allein dabei. Selbst, wenn man einige der alten Xbox-GenossInnen aus den Augen verloren hat, trifft man sich bei jeder neuen Horde-Runde nach Jahren wieder. Gears – sozusagen die Stammkneipe ohne Ernte 23 oder Jägermeister.  

Glück auf – es gibt viel zu tun! 

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen.

Originaltitel: Gears 5
Plattformen: Xbox One, PC
Genre: Shooter
Entwickler: The Coalition 
Veröffentlicht von: Xbox Game Studios 





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich in die Stadt. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 35 Jahren. Trägt gerne Bart.

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