Interview mit Endo Anaconda

“Wer nur von Politik etwas versteht, versteht gar nichts”

Bild: © Manuel Liechti

Getreu nach dem Motto „Trau keinem über 30!“ hat Endo Anaconda entschieden, seine 1989 gegründete Band Stiller Has auf dem künstlerischen Zenit nach einer ausgedehnten Tournee zum neuen und gleichzeitig letzten Album „Pfadfinder“ in den Ruhestand zu versetzen. Wiederum sind die mehrbödigen und zum Nachdenken anregenden Texte des begnadeten Mundartpoeten ein Zerrspiegel der heutigen Gesellschaft und bieten Gesprächsstoff für ein ausführliches Nahaufnahmen-Interview: Ein Gedankenaustausch mit Endo Anaconda über die Subversion der Wissenschaft, Finanzhektiker, Klientelpolitiker, Vampirellen, die geistige Enge der Biedermeier-Mundart-Musiker und wie die Corona-Krise den Horror der Volldigitalisierung ans Tageslicht bringt.

Von Christoph Aebi

Die erste Begegnung mit Endo Anaconda für dieses ausführliche Interview fand an einem sonnigen, fast schon frühlingshaften Februartag statt – bevor die Corona-Pandemie die Schweiz erfasste und Social Distancing zum Gebot der Stunde wurde. Fertig redigiert, war das Interview bereits fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Wir haben entschieden, dieses dennoch in seiner ursprünglichen Form zu belassen, aber den Faden des Gesprächs, dort wo wir es bei der ersten Begegnung beendet hatten – notabene beim Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit – nochmals aufzunehmen und daran anzuknüpfen. Und haben bei einem zweiten, per Telephon geführten Gespräch erfahren, welche Gedanken sich Endo, in Risikogruppenquarantäne in seinem Emmentaler Domizil weilend, zur Corona-Krise macht.

Endo, Anfang Jahr hast du zusammen mit „Roman Nowka’s Hot 3“ Konzerte gegeben, in denen ihr Songs von Mani Matter neu interpretiert habt. In dessen Lied „Eskimo“ heisst es „Kunscht isch gäng äs Risiko“ und du hast diese Textzeile am Ende des Konzerts nochmals ganz besonders betont. Wo bist du mit dem neuen Stiller Has-Album „Pfadfinder“ das grösste Risiko eingegangen?

Einerseits könnte das Album missverstanden werden und andererseits sind mein Mitmusiker Roman Wyss und ich ein finanzielles Risiko eingegangen, weil wir diesmal das Album selber finanziert haben. Die Plattenfirma Sound Service ist bei diesem Album nur noch für den Vertrieb zuständig. Früher wurden die Aufnahmen jeweils durch Sound Service vorfinanziert. Es ist aber auch das erste Mal, dass ich überhaupt die Möglichkeit hatte, ein Album teilweise selber zu finanzieren.

Wieso könnte „Pfadfinder“ missverstanden werden?

Ich mache auf dem Album ziemlich dezidierte Aussagen. Der Aufhänger des Titelstücks ist zwar eigentlich das Halloween-Fest. Es gab ja eine Zeit lang Leute, die an Halloween mit der Motorsäge unterwegs waren und Horrorfilme nachgeahmt haben. Da ist also etwas, das über einen hereinbricht und bei dem man nicht so richtig weiss, was geschehen wird. Und ich denke, die ältere Generation verspürt gerade eine totale Verunsicherung gegenüber denjenigen Jugendlichen, die engagiert sind, Argumente haben und wissenschaftlich fundierte Aussagen – zum Beispiel zum Klimawandel – machen. Wenn wir einfach so weitermachen und die Konsequenzen ignorieren, werden uns die nachfolgenden Generationen zur Verantwortung ziehen, weil die Verzweiflung und die Wut gross sein werden. Das könnte als Horrorszenario bis zum Gerontozid gehen, indem sie sagen könnten: „50 Jahre sind genug, wir wollen auch noch leben.“ Wir sind verunsichert, dass unsere Kinder etwas aussprechen, das wir nicht wahrhaben wollen, weil es unser ganzes Wertesystem durcheinanderbringt. Und wir sind verunsichert, weil sie dossiersicherer und gebildeter sind. Und wenn sie nun etwas sagen, was Hand und Fuss hat und unser eigenes Denken durcheinanderbringt, kommt diese Angst. Die Schweiz funktioniert oft über Angst. Ich denke da gerade an die Crypto-Leaks-Affäre. Es war nicht bösartig, dass der ehemalige Bundesrat Kaspar Villiger die Vorgänge nicht aufgedeckt hat. Es war die pure Angst vor den Konsequenzen, weil die Geheimdienste der USA und Deutschlands involviert waren. Oder nehmen wir den letzten Weltkrieg: Wir waren nicht direkt betroffen, wir hatten nur Angst davor. Und die Frauen mussten das ausbaden. Sie haben während des Krieges den Karren gezogen und als der Krieg fertig war, mussten sie wieder kochen und putzen gehen.

Im Titellied „Pfadfinder“ ist auch von den letzten Mohikanern die Rede. Wer ist im Zusammenhang des Liedes damit gemeint?

Es geht um die indigenen Völker. In Australien, wo gerade alles abbrennt, haben die Aborigines früher kleine kontrollierte Feuer eingesetzt, um sich vor grossen Buschbränden zu schützen und den Boden zu düngen. Die Indigenen wüssten auch besser, wie man mit den Ressourcen umgeht, als beispielsweise Glencore oder andere grosse Rohstoffhandelsfirmen, die den Amazonas oder grosse Teile Kanadas und Finnlands abholzen. Und nun gibt es die Jugendlichen, die gegen den Klimawandel demonstrieren. Die sind für mich die Avantgarde unserer Gesellschaft. Bei uns in der Schweiz war es schon immer so, dass man der Realität nicht ins Auge sehen wollte. Das hat man jeweils erst getan, wenn das Wasser wirklich bis zum Hals stand und gleichzeitig noch der Hut vom im Mund steckenden Stumpen brannte. Ich würde eindrücklich davor warnen, die Jugendlichen zu infantilisieren. Das ist eine Taktik gewisser Erwachsener, die sagen: „Ah, diese Kinderlein, wie herzig. Es ist doch schön, dass sie sich engagieren.“ Wir werden uns nicht mehr lange herausreden können. Und diejenigen, die das machen, ob rechts oder links, werden obsolet.

Deshalb ist die Angst der älteren Generation im Titellied wohl so allgegenwärtig, in dem es heisst: „Ghörit dir sie trommele ir Nacht / euri schwarze Schaf / dir luegit zwüsch de Vorhäng füre / sie roube nech der Schlaf / Viellicht schrysse sie euch / s’ Fleisch vom Gring / u dir müessit liede / dr Usdruck i ihrne Ouge / isch nid der glychlig bliebe / Viellicht spicke sie euch mit Fädere / u d’Läbere frässe sie roh / viellicht gö sie z’wyt / viellicht chöme sie no“.

Ja, wir haben Angst, dass unsere Wertvorstellungen zusammenbrechen und die Jugendlichen diese nicht mehr cool finden. Was ist schon cool an einem Lamborghini, wenn du im Stau stehst und einfach nicht mehr durchkommst? Interessant ist auch unsere Wahrnehmung der Welt: Wirtschaftlich denken und handeln wir global. Sobald der Corona-Virus da war, sind in unserer Zeit der Finanzhektiker die Aktien gesunken. Aber wenn es um unser eigenes Land geht, wird alles plötzlich sehr klein. Wir verharren in diesem Blick auf unseren schönen, gemütlichen Bauchnabel, auf unsere Idylle. Und wir haben Angst, dass diese Idylle verloren geht. Aber diese Angst und Verunsicherung ist vielleicht auch eine Chance.

Inwiefern?

Weil die Menschen vermehrt die Frage danach stellen, was eigentlich glücklich macht. Unsere Generation hat Glück über Eigentum definiert: das eigene Haus mit einer eigenen Kochinsel oder einen SUV, mit dem du überall hin fahren kannst. Dabei ist Glück eigentlich das, was man mit anderen Menschen gemeinsam hat. Der Mensch ist ein soziales Wesen und je vereinzelter wir werden und je weniger wir mit anderen Leuten zu tun haben, desto einsamer und unglücklicher werden wir. Und die Jugendlichen stellen mit ihrer Frage nach dem Glück auch gewisse Bereiche der Digitalisierung in Frage, mit denen ich ebenfalls Probleme habe. Diejenigen Bereiche nämlich, wo wir den Menschen langsam abschaffen und wo so getan wird, als wäre das Lächeln einer Frau an der Kasse im Coop nichts mehr wert. Wenn man wie ich als älterer Mensch an einem abgelegenen Ort im Emmental lebt und zwei Tage niemanden sieht, ist es wertvoll, wenn man die Leute kennt, die einem den Salat verkaufen und man mit denen ein Schwätzchen halten kann. Ich fühle mich zwar nicht einsam. Ich bin glücklich, habe meine Kinder und meine Lebenspartnerin und bin manchmal froh, wenn ich meine Ruhe habe. Aber man sollte das Problem der zunehmenden Einsamkeit auch nicht auf die Alten einschränken. Viele junge Leute sind ebenfalls sehr einsam. Und das ist schlimm.

Das Lied „Niemer“ auf dem neuen Album handelt von genau dieser Einsamkeit und den negativen Auswirkungen des Digitalisierungswahns. Einerseits thematisierst du die zunehmende Pornosucht („Klicket nech e Fickmaschine / Ine use – use ine / Wie der Siffredi / Figgit jede – figgit jedi / Figgit ds Handy z’Barcelona / figgit ds Canape vor Oma / Legit euri Schliemschpur / das isch alles was sie wöi“), andererseits die digitale Totalüberwachung („Sie wüsse alles über alli / wäg dene neue Siebesache / sie wüsse wär mir si / sie wüsse was mir mache/ sie wüsse was mer meine sött / bevor mes sälber weiss / sie wüsse was sie wöi vo üs / u was mir sötte bschtelle / sie wüsse / wie d’ Gschicht wietergeit / bevor mes cha verzelle“). Schliesslich bringst du die Problematik in zwei Zeilen auf den Punkt: „Gränzelosi Einsamkeit – aber nie allei.“

In der Zeit, in der wir leben, wird sogar die Liebe digitalisiert und entkörpert. Viele Jugendliche schauen zuerst Pornos, bevor sie überhaupt das Wunder und die Magie des ersten Verliebtseins erfahren. Diese ist dadurch schon ruiniert und das dünkt mich wirklich schlimm. Schlimm finde ich auch das Gefühl, dass es durch die Digitalisierung Millionen möglicher Dates gibt und jeder potentielle Partner noch besser sein könnte als der andere. Aber Liebe funktioniert nicht so. Liebe heisst in erster Linie Akzeptanz und nicht nur Sex. Eine Beziehung kann meiner Meinung nach nur funktionieren, wenn man akzeptiert, dass der andere anders ist. Und dann spielt es keine Rolle ob jemand hetero oder homo ist. Die Menschen dürfen lieben, wen sie wollen. Solange es nicht der Toaster ist. In Las Vegas kannst du ja mittlerweile sogar deinen Toaster heiraten. 

In „Niemer“ kommt auch zur Sprache, dass der Mensch erst wieder auf die essenziellen Dinge des Menschseins wie die Geburt, die Liebe und den Tod zurückgeworfen wird, wenn der Handy-Akku leer ist.

Es schockiert weniger, wenn Australien abbrennt, als wenn man kein Handy-Netz hat. Das ist eine verrückte Abhängigkeit. Übrigens, den Menschen, die von einem Überwachungsstaat reden, halte ich gerne entgegen: „Klar werden wir vom Staat überwacht. Aber wir werden anderweitig noch mehr überwacht und wissen eigentlich gar nicht von wem.“ Die Auswirkungen von Big Data erkennen viele Menschen gar nicht. Dabei kann jeder, der es wissen möchte, die Farbe der Schamhaare dieser User herausfinden – falls sie denn überhaupt welche haben.  

Früher benutzte man, um einen Pfad zu finden, eine Karte und einen Kompass oder zumindest einen Stadtplan. Heute hält man, wie die Person auf dem grossartigen, wiederum von Hans Stalder gestalteten Plattencover des „Pfadfinder“-Albums, in jeder Hand ein Handy und sucht so den Weg – falls man Empfang hat.

Ja, das ist so. Pfadfinder hingegen sind Kinder und Jugendliche, die auch ohne Google Maps den Zebrastreifen finden und einigermassen naturnah und mit echten Erlebnissen aufwachsen. Die werden im Notfall, falls sich meine schlimmsten Befürchtungen über die Zukunft unserer Zivilisation bewahrheiten sollten, zumindest in der Lage sein, eine einigermassen passable Speerschleuder zu basteln und Feuer zu machen. Mein Worst-Case-Szenario ist eine Art Neo-Neolithikum. Man braucht noch den letzten Rest des Bleches auf, um irgendwelche Pfeilspitzen zu fabrizieren und danach spalten wir wieder Magdalene-Pfeilspitzen aus dem Feuerstein. Dann kommt der Kampf um die letzten Weidegründe und die letzten Wasserlöcher und irgendwann ist fertig.

Du hast einmal gesagt: „Gute Kunst ist nicht wertfrei und unpolitisch. Sie bezieht gesellschaftliche Realitäten ein.“ Beim neuen Album ist dies, so habe ich das Gefühl, noch mehr der Fall als auf früheren Alben. „Pfadfinder“ ist sehr politisch und du hältst der Gesellschaft einen Zerr-Spiegel vor. Was hat dazu geführt?

Ich glaube, das Album ist insofern politisch, dass es zum Denken anregen soll. Ich habe kein Rezept und kann nicht sagen, dass alles besser wäre, wenn es eine Revolution geben würde. Das ist ja das Faustische an der Politik. Viele Politiker sind sich unserer Probleme bewusst. Aber wie soll man handeln? Wir wollen beispielsweise keinen Krieg und gleichzeitig geht es nicht ohne Militär. Ich möchte nicht entscheiden müssen. Aber ich möchte, dass man nachdenkt und die Aufklärung sowie die Wissenschaft ernst nimmt. Ich sehe mich derzeit nicht wirklich repräsentiert von unseren Politikern. Es hat keine Ethiker, keine Philosophen, keine Klimatologen und vor allem keine Historiker. Man kann jedoch nur Perspektiven für die Zukunft entwickeln, wenn man einigermassen weiss, was in der Vergangenheit geschehen ist.

In welchen Bereichen hat man es am meisten versäumt, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man in der Geschichte weit zurückblicken. Woran ist beispielsweise das Weströmische Reich zugrunde gegangen? Die Römer waren unfähig zur Integration. Die Goten, die vor den Hunnen flüchten mussten, wären gerne Teil des römischen Imperiums geworden. Aber die Römer hatten einen Dünkel und betrachteten die Goten als Barbaren. Und das hat zum Untergang des Weströmischen Reiches und schliesslich zur Ersetzung der Sklavenhaltergesellschaft durch den Feudalismus geführt. Europa oder der Westen allgemein ist gerade im Begriff, den genau gleichen Fehler zu machen: Nicht über die Grenzen hinauszuschauen und nicht zu integrieren. Rassismus und Nationalismus sind die falschen Taktiken. Wenn man so argumentiert, wird das der Untergang der Zivilisation sein. Das sage ich nicht nur aus ethischen, sondern aus logischen, historischen Gründen. Man muss schauen, dass Frieden herrscht und man muss integrieren. Integrieren insofern auch, dass die Lebensbedingungen überall erträglich sein sollten. Jetzt sind es noch ein paar Millionen Menschen, die aus Kriegsschauplätzen flüchten. Aber es werden irgendwann einmal Milliarden sein, die auf der Flucht sind. Man muss nur schauen, auf welcher Meereshöhe Florida liegt, dort wo sich der Golfplatz von Trump befindet. Und Australien heisst nicht ohne Grund Down Under. Wenn irgendwann einmal das Great Barrier Reef bricht, dann gibt es dort eine riesige Badewanne. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich klimatisch nichts ändert. Da kann man noch lange sagen, es gebe Hoffnung, dass der CO2-Ausstoss nicht zugenommen habe. Gleichzeitig streicht Australien die Solarsubventionen und fördert dafür mehr Steinkohle, weil der Markt  das Ein und Alles sein soll. Wenn die Australier nicht weiterdenken, werden sie untergehen: Sozial, ökologisch, in jeder Hinsicht. Jetzt braucht es einfach Leute, die das richtige Mass finden und handeln.

Das wird mit dem aktuellen australischen Premierminister Scott Morrison kaum der Fall sein. Der ist zu stark mit der Kohleindustrie verbandelt.

Es bräuchte einen ökologisch-sozialen New Deal à la Franklin D. Roosevelt, der in seinem Amt als US-Präsident als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise in den Dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen umsetzte. Etwas zwischen New Deal und Plan Wahlen auf globaler Ebene. Friedrich Traugott Wahlen plante bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Selbstversorgung der Schweiz. Ich denke, wir sind gerade im Krieg mit unseren eigenen Lebensgrundlagen. Wer das leugnen will, kann es leugnen. Man kann ja heutzutage alles leugnen. Aber es ist verrückt, dass Aufklärung, Geschichte, ja eigentlich jedes Wissen plötzlich etwas Subversives sein sollen.  

Auch in „Früecher“, meinem Lieblingslied des neuen Albums, geht es darum, aus früheren Fehlern zu lernen. Das Lied hat mehrere Ebenen. Einerseits ist es ein Schlaflied, in dem du singst: „Mach d’ Ouge zue u schlaf brav / u träum schön / hüt isch nid früecher / u früecher isch nümm hie.“ Und andererseits gibt es die Ebene, in der du die „Früher war alles besser“-Mentalität von gewissen Nichtwissern und Nichtverstehern demontierst und die Gräuel der letzten Jahrhunderte auflistest ( „Mi hett d’ Buebe i Chrieg gschickt / U d’ Meitschi abgholt i der Nacht / Folter isch normal gsy / me het e Religion drus gmacht / Me het uspeitscht / gmordet – ufghänkt / Mönsche is Lager triebe / Früecher isch nümm hie u itz / aber d’ Erinnerig isch bliebe.“)

Es ist schwierig seinen Kindern, sobald sie anfangen zu denken, ein beruhigendes Schlaflied zu singen. Du kannst ihnen eigentlich nur sagen: „Hey, ich bin da. Und solange ich da bin, wird dir nichts passieren. Ich liebe dich und werde dich beschützen, soweit ich kann. Früher war die Hölle und wenn man nicht aufpasst, ist die Zukunft auch die Hölle. Aber hab’ keine Angst!“ Es geht darum, unseren Nachkommen gegenüber die Wahrheit zu sagen, ihnen aber nicht das Selbstvertrauen zu nehmen.

Beim letzten Interview, das wir vor drei Jahren geführt haben, hast du mir gesagt, du hättest das Gefühl, wir würden aktuell wieder in einer Vorkriegssituation leben. Dieses Gefühl habe ich in den letzten Jahren ebenfalls je länger je mehr verspürt. 

Jede Katastrophe wird eigentlich nicht von Technologien, sondern von menschlichem Versagen oder menschlicher Dummheit ausgelöst. Und jetzt liess der französische Präsident Emmanuel Macron kürzlich verlauten, er wolle uns mit seinen Atombomben beschützen. Eigentlich müsste man ihm sagen: „Frag mal einen Toxikologen, was mit euch geschieht, wenn ihr einen Atomkrieg führt! Atomwaffen, die ihr auf jemanden abfeuert, töten euch ebenfalls langsam. Das nützt euch gar nichts, weil ihr damit alle umbringt.“ Es ist absurd, zu sagen, Atomwaffen würden uns beschützen. Vor wem denn? Wenn sie sich schützen wollen, müssen sie die Autos aus den Garagen räumen und Schutzräume daraus bauen. Wenn sich im Amazonasgebiet, wohlgemerkt über den Pazifik hinweg, das Licht verdunkelt, weil Australien brennt. Was willst du dann mit Atomwaffen?

Der radioaktive Niederschlag würde sich über die ganze Welt verteilen. Das hat man im Kleinen bereits gesehen, als nach dem Reaktor-Unfall in Tschernobyl die radioaktive Wolke über Europa zog.

Dabei hatte das in Tschernobyl entwichene Cäsium eine relativ kurze Halbwertszeit. Fukushima raucht dafür immer noch, das gibt eine schleichende Vergiftung. Wenn irgendwo eine Atombombe gezündet würde, das gäbe kein Entkommen und wäre die grösste Dummheit. Eine Verteidigungsstrategie mit Atombomben und Panzerschlachten ist einfach sicherheitspolitisch ein Blödsinn. Aber es stecken natürlich Milliardengeschäfte dahinter. Wenn mich jemand fragt, wie man das Schweizer Militär ausrüsten sollte, dann sage ich: „Jedem ein Vorderlader und ein Schweizer Sackmesser. Das kommt billiger und nützt genauso wenig.“

Auch im Lied „Flop“ geht es ums Business, und zwar um zynische Turnaround-Manager und Consulting-Buden, die Firmen zu Tode sanieren und danach einvernehmlich zurücktreten. Und nachdem sie abgesahnt haben, verschieben sie das Geld nach Panama.  („Mir heis düre / diskutiert / es Consulting / kontaktiert / investiert u saniert / revidiert u dementiert / yvernähmlech zrüggträtte / Single Malt / u Sigarette / jedi Chance ergriffe / leider ohni Perspektive“ // „Mir hei Härzbluet drygäh / u wär git mues o näh / Morn vö sie vo vorne a / Oh wie schön isch Panama / Was dert isch / isch nümm da.“)

Die CEO’s tun mir irgendwie auch leid. Es hat für mich etwas von einer menschlichen Tragödie, wenn diese Finanzhektiker, wie ich sie nenne, nur in diesen beschränkten Dimensionen denken können. Und wenn sie diese Beschränkung merken, erleiden sie ein Burn-out, schreiben kritische Bücher und verdammen das ganze System. Es sind ja keine Einzelfälle, dass abtrünnige CEO’s plötzlich auspacken, eine Identitätskrise haben und in ein buddhistisches Kloster gehen. Oft sind diese Menschen so erzogen oder ausgebildet worden, dass sie nur eindimensional denken können und damit zu hochqualifizierten Fachidioten werden. Das ist ein Problem. Die sind nur wirtschafts-wissenschaftlich kompetent, haben aber keinen historischen oder philosophischen Hintergrund. Und weil sie sonst keine Allgemeinbildung haben, ausser vielleicht über die teuren Bilder, die sie kaufen, aber auch nur als Kapitalanlage oder weil man sie noch teurer weiterverkaufen kann, können sie auch keine gute Wirtschaftspolitik betreiben. Urs Frauchiger, der langjährige Direktor der Jazzschule in Bern, hat das einmal auf die Musik bezogen und gesagt: „Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch von dieser nichts.“ Das kann man ableiten und sagen: „Wer nur von Wirtschaft etwas versteht, versteht auch von dieser nichts. Und wer nur von Politik etwas versteht, versteht gar nichts.“

In der heutigen, komplexen Zeit geht es eigentlich gar nicht mehr anders, als in Zusammenhängen zu denken.  

Ja, aber solange der Blick einfach auf den eigenen Bauchnabel geht und man findet, man wähle jetzt grün-liberal oder grün, weil man das für die Enkel macht, aber sein Verhalten nicht ändert, dann ist es eine reine Ablasshandlung. Wir wollen Taten sehen. Ich bin früher drei Autos gefahren, zwei eigene und jenes meiner Freundin. Jetzt nutze ich nur noch Letzteres und nach der aktuellen Tournee brauche ich gar kein Auto mehr, dann kaufe ich mir ein GA. Ich habe schon länger kapiert, dass es so nicht mehr weitergeht. Man kann politisch etwas verändern, aber nur wählen bringt nichts. Man muss auch als Konsument zu einer Veränderung beitragen.

Zurück zur Musik: Auf „Pfadfinder“ gibt es – neben deinen eigenen Liedern – mit „Hus“ ein sehr berührendes Cover des österreichischen Dialekt-Musikers Alex Miksch. Wie bist du auf dieses Lied gestossen?

Als ich in Ried im Innkreis in Österreich ein Konzert gespielt habe, hat ein guter Freund von mir gesagt, dass ich mir dieses Lied einmal anhören solle. Es hat mich an meine Kindheit in einem österreichischen Internat erinnert. Ich habe das Haus vor mir gesehen und hatte den Geruch in der Nase. Und wenn Alex Miksch singt, in diesem Haus liege ein Kind begraben, dann meint er eigentlich die Kindheit. Das hat mich einfach erschüttert. Es ist aber noch viel mehr in diesem Lied drin: Die Nichtwertschätzung und Unterdrückung der arbeitenden Menschen, des Bodenpersonals eigentlich, und das Nichtfortkommen aus dieser Welt.

Auf seiner Homepage wird Alex Miksch folgendermassen beschrieben: „Der Sänger und Dialekt-Liedermacher Alex Miksch ist eine Naturgewalt, ein Unikat, dessen Lebenselixier die musikalische Verarbeitung seines bewegten Daseins ist.“ So könnte man auch Endo Anaconda beschreiben.

Ja, ich verspüre eine gewisse Seelenverwandtschaft mit Alex Miksch. Er wird im Juli eventuell mit uns an einem Festival in Krems spielen. Das würde mich sehr freuen. Dieses Lied hat mich so sehr berührt, weil darin die ganze menschliche Tragödie zu finden ist. Und wenn es am Schluss des Liedes heisst „Das Hus / i däm schwarzbrune Fläck“, kommt mir das Hitlerhaus in den Sinn.

In einem Interview hat Alex Miksch über dieses Lied gesagt, dass es um das riesige, sanierungsbedürftige Zinshaus mitten in Krems gehe, in dem er aufgewachsen sei. Dieses musste er nach dem Tod seiner Eltern verkaufen, weil seine Schwester und er es wegen den Auflagen des Denkmalamtes nicht mehr erhalten konnten. Diese alten Mauern hätten viele Geschichten gespeichert, unter anderem über eine Familie im Dritten Reich.

Das Lied hat einen total privaten Bezug, aber gleichzeitig eine völlig universelle Bedeutung. Ich glaube, viele Leute, die das Lied bewusst hören werden, werden Dinge imaginieren, die einfach universelle Wahrheiten sind. Das Lied ist für mich grosse Dichtung und deshalb wollte ich es übersetzen und aufnehmen. Ich habe nicht den gleichen, aber einen ähnlichen Blick darauf wie Alex Miksch. Das Lied strahlt für mich zudem etwas Optimistisches aus, wenn es heisst: „Mit eim Fuess / bisch scho dusse / der anger schteckt no gäng / fescht im alte Dräck.“ Das stimmt auch gesellschaftlich. Mit dem Kopf sind wir oft weiter als mit den Taten. Aber der Protagonist im Lied hat wenigstens den ersten Schritt getan. Das hat mir Mut gemacht. Ich habe das Lied deshalb nicht als depressiv aufgefasst. Und wer es anders sieht, kann zum nächsten Song, der „Vampirella“, weiterschalten.

Standen beim Verfassen des Textes die Vampirella-Comics Pate?

Die Vampirella-Comics habe ich zum ersten Mal in Italien gesehen. Das sind wahnsinnig gut gezeichnete Splatter-Comics, aber die könnte man, was den Inhalt betrifft, heute so nicht mehr veröffentlichen. Die sind schlimmer als Mangas, ziemlich antiklerikal und äusserst schwer verdaulich. Die Vampirella ist gezeichnet wie eine Art pornographische Lara Croft: Eine starke, brutale und rücksichtslose Figur, die beispielsweise mit einem raketenförmigen Dildo den Papst fickt. Das ist wirklich etwas too much. Im Lied „Vampirella“ sind die Vampirellen eher ein wenig verschüpfte Menschen, die nicht rauswollen. Und es geht darum, was man alles auf sich nimmt, um eine Frau zu treffen, die man gerne hat, die aber ganz anders ist. Meine Partnerin und ich sind ziemlich unterschiedlich: Sie ist immer an der Sonne und geht gerne in die Badi, was für mich nicht einfach ist, weil mich jeder kennt. Ich bin eher der Nacht-Typ, tigere schon um vier Uhr morgens umher und warte, bis sie aufsteht, damit ich sie zum Lachen bringen kann, bevor sie arbeiten gehen muss. Eigentlich bin ich die Vampirella. Bei diesem Lied sehe ich auch das Marzili-Bad in Bern vor mir, wie die Jugendlichen, die eigentlich zu ihrer Haut Sorge tragen sollten, dort ohne Bedenken über Mittag in der Sonne braten, bis sie Melanome haben. Da muss ich sagen: „Hey, spinnt ihr eigentlich? Das ist gefährlich.“ Im Lied kommt zudem der Monte Verità vor, wo in der Zeit vor dem drohenden Ersten Weltkrieg wahnsinnig viele Strategien und Entwicklungen ausprobiert wurden: So beispielsweise der Vegetarismus, der heute berechtigterweise eine grosse Rolle spielt, weil man merkt, dass die Fleischproduktion zu viele Ressourcen braucht und unethisch ist. Im Monte Verità war dieses Umdenken bereits angelegt. Auch bei dem dort gelebten Naturalismus gab es Parallelen zur heutigen Nacktkultur. Viele Menschen haben ja kaum mehr etwas an und keine natürliche Scham mehr, weder in den sozialen Medien noch anderswo. Und dann der ganze Körperoptimierungswahn: Junge, bildhübsche Mädchen, die wegen Influencerinnen in Identitätskrisen stürzen und sich die Lippen aufspritzen, statt ihre Jugend zu geniessen.

Ein Lied des Albums hat mich besonders überrascht: „Chräie“ kannte ich bisher von deinen Duo-Konzerten mit dem Pianisten Roman Wyss. Nun kommt es in einer tanzbaren, funkigen Version daher. Wer hatte die Idee zu diesem neuen musikalischen Gewand?

Es gab vor einigen Jahren eine kurze, lauwarme Giorgio Moroder-Renaissance. Die Idee war deshalb, eine Art analogen Moroder-Song aufzunehmen. Mein Gitarrist Boris Klecic brachte schliesslich den Shaft-Sound von Isaac Hayes ins Spiel. Ein ähnlicher Sound war in der 70er-Jahre-Krimiserie „Die Strasse von San Francisco“ zu hören. Als ich nach meiner Kniescheiben-Operation oft vom Balkon der Wohnung aus die Krähen beobachtete und ihnen zusah, wie sie auf den Bäumen eine Party feierten, fand ich, dass dieser Sound perfekt zum Lied „Chräie“ passen würde. 

War Alfred Hitchcock, dem du in den Credits des neuen Album dankst, ebenfalls Inspiration für das Lied? In einer prägnanten Szene seines berühmten Films „Die Vögel“ spielen Krähen eine grosse Rolle.

Ja, natürlich. Krähen sind interessante Studienobjekte. Je länger man sie beobachtet, desto sympathischer werden sie einem. Sie haben Menschen entweder gerne oder nicht. Und wenn sie dich nicht gerne haben, musst du mit Attacken rechnen. Insbesondere, wenn du ihre Nester räumst. Dann darfst du nicht mehr in ihr Revier, weil sie sich diese Menschen merken können. Und manchmal haben sie Zusammenrottungen und man sieht ganze Schwärme. Scheinbar sind das die Jungen, die noch keinen Partner haben. Das sieht dann aus wie eine Versammlung von Vorstadtgangs. Man unterschätzt Vögel oft und Krähenvögel im Speziellen. Die sind recht vif.

Stiller Has in der aktuellen Besetzung (v.l.n.r.): Roman Wyss ( Klavier, Orgel, Posaune), Endo Anaconda (Stimme & Texte), Bruno Dietrich (Schlagzeug, Perkussion, Bass, Handorgel, Ukulele, Klavier, Orgel) und Boris Klečić (Akustische & Elektrische Gitarren, Mandoline, Banjo, Bass)
Bild: © Anouck van Oordt

Um noch ein bisschen bei der Musik zu bleiben: Für die Aufnahmen zum neuen Album und die neue Tournee ist zu deinen Mitkomponisten und Mitproduzenten Roman Wyss und Boris Klečić, die bereits beim letzten Album „Endosaurusrex“ und der darauffolgenden Tournee dabei waren, neu Multi-Instrumentalist Bruno Dietrich dazugestossen. Wie kam es dazu?

Bei der letzten Tournee war Andi Pupato, ein grossartiger Perkussionist, dabei. Aber er ist, so musste ich feststellen, eher ein Solist und das führte schliesslich zu Spannungen unter den Musikern. Bruno Dietrich kenne ich schon lange. Ich dachte, er könnte vom Charakter her zur Band passen und hochmusikalisch ist er sowieso. Ob er den Bass zupft und mit der einen Hand noch aufs Snare Drum haut oder umgekehrt eine Hi-Hat-Pauke bedient und gleichzeitig die Bässe auf der Orgel spielt: Bei ihm stimmt das Timing immer. Und weil er beide Instrumente selber spielt, gibt es keinen Krieg zwischen Bass und Schlagzeug, was für mich sehr entspannend ist, weil ich mich dann voll auf die Musik konzentrieren kann. Seine Musikalität hat Bruno übrigens von seinem Vater Marc geerbt. Ihn fand ich bei „Peter, Sue & Marc“ immer am besten. Auch jetzt noch, obwohl seine Stimme mittlerweile etwas angekratzt ist. Aber sie hatte nie die Klebrigkeit wie jene von Peter Reber. Das ist ein richtiger Biedermeier-Musiker.

Über die Mundart-Musik-Szene hast du einmal gesagt, sie fühle sich wie ein Knast an.

Das stimmt, Mundart ist wirklich ein Knast. Du kannst neben der Schweiz noch in Süddeutschland und Vorarlberg Konzerte geben, dann ist fertig. Und ich sehe in der Mundart-Musik-Szene im Moment, wenn ich mir anschaue, was bei den Massen wirklich erfolgreich ist, auch eine geistige Enge. Die Mundart-Musik, die ich ernst nehmen kann, fing für mich bei Mani Matter an und hörte mit Polo Hofer auf. Polo war die poppigere Version, aber es gab bei ihm auf jeder Platte zwei, drei Songs, bei denen ich sagen musste: Chapeau! Obwohl er hauptsächlich kommerziell dachte, hatte seine Musik – im Gegensatz zu jener von anderen Musikern – Substanz. Ich nenne jetzt keine Namen, aber man weiss, wovon ich spreche: Da gibt es den Helly Hansen-Biedermeier, den Menzi Muck-Biedermeier, den Heo-Heo-Autotune-Biedermeier und den Schön-Rap-Biedermeier. Biedermeier halt. Ja nichts, was die Leute zum Nachdenken anregen und sie im Büro davon abhalten könnte, vor dem Monitor zu sitzen und ihre Tabellen abzuarbeiten.

Beim letzten Lied des neuen Albums, „Umgang“ gib es ein Bild, das einem nicht mehr aus dem Kopf geht: Ein Typ sitzt splitternackt auf dem Dach, spielt Jazz-Trompete und denkt darüber nach, ob das Kunst sei oder Krach. Was symbolisiert dieses Bild für dich?

Dass man manchmal irgendeinen persönlichen Wahnsinn ausleben muss, damit man es in dieser Welt aushält. Wenn man zuviel nachdenkt, dreht man durch. Es steckt eine ganze Gedankenkette hinter dem Song, die man nicht so gut erklären kann. Oder wie soll man erklären, dass man zuviel denkt, so dass sich im Kopf das Gedankenkarussell zu drehen beginnt? Weißt du, sogar mit Menschen, die du liebst und mit denen du harmonisch zusammenlebst, kannst du nicht alles teilen. Aber es geht darum, in einer solchen Situation jemanden um sich zu haben, der einen so, wie man ist, akzeptiert. Sie denkt: „Jetzt spinnt er und spielt nackt Trompete auf dem Dach“ – muss aber bei seinem Anblick trotzdem lachen. Er wiederum muss akzeptieren, dass nicht jeder ununterbrochen Weltprobleme wälzen will. Ich bin froh, habe ich eine Partnerschaft, in der das so ist. Das holt einen immer wieder auf den Boden zurück.

In den Credits des Albums dankst du – neben Alfred Hitchcock – ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten von Jim Morrison über Hans Arp bis hin zu Ennio Morricone und dem Berner Schriftsteller Ernst Eggimann, der mit seinen lakonischen, lautmalerischen Berner Mundart-Gedichten bekannt wurde und den viele Spoken Word-Poeten als Urvater ihrer Kunst bezeichnen.

Ernst Eggimann war der Inspirator für das Lied „Schöne Momänt“. Du kannst dir ein Leben lang Mühe geben, dass alles perfekt ist und dann trittst du auf irgendeine Tellermine und die ganze schöne Planung ist zunichte. Ernst Eggimann hat das mit seinen Gedichten von den „grasgrüene Chüe“ vorweggenommen, auch Mani Matter mit seinem Lied „Chue am Waldrand“. Man schafft sich eine Idylle – es ist ja wirklich schön in der Schweiz – , aber es braucht ein Detail, man trifft einen neuralgischen Punkt und schon ist das Schöne nicht mehr schön. Mani Matter hat einmal gesagt: „Die Welt ist selten so, wie das Bild, das man sich von ihr macht.“ Auch wenn die Kulisse stimmt, stimmt plötzlich der Inhalt nicht mehr.

Mir gefällt im Lied die Szene, die im Restaurant spielt, sehr gut: „Itz geit das schön scho chly z’lang / i däm Restaurant / es chunnt e unschöne Gedanke uf / a däm wunderschöne Egge“. Oft trauen wir dem Frieden selbst nicht ganz.

Ja, genau. Und dann kommt noch die Bedienung und fragt: „So – isch es fein gsy?“ Und er antwortet: „Ja danke – s’isch rächt.“ Ich weiss nicht, ob die Leute den Humor dahinter verstehen. Aber ich fand, was meine Kunst betrifft, getreu nach Willy Brandt: „Wir wollen wieder mehr Humor zulassen.“ Anders geht es nicht mehr.

Auch dem deutschen Astrophysiker und Naturphilosophen Prof. Dr. Harald Lesch dankst du.

Er gehörte als wissenschaftliche Institution in die deutsche Bundesregierung. Ich finde ihn und seine populärwissenschaftliche, unterhaltsame und äusserst geistreiche Art, wie er die Relativitätstheorie erklärt, grossartig. Er verbindet wirklich wichtiges Wissen und Wissenschaft mit einer grossartigen Pädagogik. Ich bin fasziniert davon, wie er sein Wissen den Leuten so erklären kann, dass jeder, wenn er sich Zeit nimmt und zuhört, es begreift. Er ist ein heller, äusserst amüsanter Kopf, ein Universalgelehrter, der einen kosmischen Blick auf die Dinge hat. So jemanden hätte ich mir als Physiklehrer gewünscht.

Du hast verlauten lassen, dass „Pfadfinder“ das letzte Stiller Has-Album sein wird. Bei meinem letzten Interview mit dir sagtest du: „Für mich als Künstler ist das Scheitern wichtig.“ Wenn du nun auf die Zeit mit Stiller Has seit dem Erscheinen des ersten Albums im Jahre 1989 zurückschaust, welches war der Moment des grössten Scheiterns?

Der Moment jetzt.  

Wieso?

Weil wir sonst jetzt nicht Rückschau halten würden. Ich bin froh, habe ich all die Stiller Has-Alben gemacht, weil diese eine Möglichkeit waren, mich zu verwirklichen und meinen Hader mit der Welt, aber auch meine Liebe auszudrücken. Doch man kann immer dazulernen. Und meine Lehre ist es, Stiller Has nach 31 Jahren zu beenden und etwas anderes zu finden, getreu nach dem Motto: „Trau keinem über 30!“ Der Stille Has ist nun dünner geworden, so wie ich auch. Man kann ihn immer wieder treffen, indem man die Lieder hört. Und vielleicht werde ich die Lieder irgendwann wieder singen, aber in einer anderen Form. Doch nach Abschluss der aktuellen Tournee, die noch bis mindestens Ende 2021 dauert, möchte ich ein paar Jahre lang einmal nichts tun, mich um meine Kinder kümmern und ein bisschen reisen gehen. Irgendwann realisiert man einfach, dass die Zeit rast und einem wie Sand in den Händen zerrinnt. Deshalb sollte man den Rest, der einem bleibt, geniessen.

Ihr habt die aktuelle Tournee in Thun in der Café Bar Mokka gestartet. Wenn man sich die Hasen-Diskographie anhört, sind darauf auch zwei legendäre Konzertveranstalter-Persönlichkeiten verewigt, die leider nicht mehr unter uns weilen. Auf dem Lied „All-Has“ aus dem Album „Moudi“ gibt es eine Telefonbeantworter-Ansage von Beat „Pädu“ Anliker, dem Gründer der Café Bar Mokka. Und auf der „Poulet-Tour“-Live-CD ist ganz am Schluss eine Absage von Peter „Mühli-Pesche“ Burkhart zu hören, dem Gründer der Mühle Hunziken in Rubigen. Welches sind deine schönsten Erinnerungen an diese beiden Persönlichkeiten?

MC Anliker hat uns in seiner Café Bar Mokka in Thun den ersten Auftritt ausserhalb Berns verschafft. Das Mokka hatte zu jener Zeit noch keine Dekoration, es standen ein paar Blechtischchen und einige Klappstühle im Saal und es kamen etwa 12 Leute ans Konzert. MC Anliker war damals noch spindeldürr und hat uns bei unserer Ankunft mit dem Rolls Royce empfangen. Da wusste ich: Das ist ein Phantast, ein Künstler. Das ist meine schönste Erinnerung an ihn. Wir haben uns zwar immer wieder mal angeknurrt, aber gleichzeitig hatten wir uns von Herzen gern, weil er Stiller Has wirklich geholfen und uns immer wahnsinnig unterstützt hat. Er hat so viele musikalische Einflüsse nach Thun gebracht und die Stadt irgendwie aufgeweckt. Er wird ewig fehlen. Ich musste weinen, als ich von seinem Tod erfahren habe. Und bei Pesche ebenfalls. Der schönste Moment mit ihm war jener der Versöhnung. Wir hatten mal Krach. Danach haben wir 10 Jahre nicht mehr in der Mühle Hunziken gespielt und auch nicht mehr miteinander gesprochen. Irgendwann nach all dieser Zeit rief er mich an und fragte: „Warum spielst du eigentlich nie in der Mühle Hunziken?“ Und ich antwortete: „He, du bist schliesslich der Veranstalter.“ Von dem Moment an wusste ich: Diesem Menschen musst du alles verzeihen. Er hatte sehr feine Seiten, die man vielleicht auf den ersten Blick nicht wahrnahm. Ich habe Pesche wahnsinnig gerne gehabt. Sein legendärer Spruch bei der Ansage vor einem Konzert war immer, nachdem er mein Mikrofon auf seine Höhe herunter eingestellt hatte: „Stiller Has. Sie mache zwöi Set. Usverchouft. Grossartig“. Und dann hat er den Mikrofonständer wieder so hinaufgeschraubt, dass er höher war als ich selber. Gott hab ihn selig. Es sind in den letzten Jahren einige Leute von uns gegangen, die ich sehr vermisse. So auch der ehemalige Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Der war ebenfalls über all die Jahre hinweg ein guter Freund. Er war ein Mensch, der keine Berührungsängste hatte und mit einem Junkie genau so gesprochen hat wie mit einem Bundesrat. Nur wenn ihm jemand nicht passte, war er gnadenlos. Es gab Leute, die ihn deshalb nicht mochten, weil er undiplomatisch war. Aber das Volk liebte ihn dafür. Und ich habe ihn ebenfalls geliebt, weil er ein richtiger Sozi war. Aus dem Freundeskreis meiner ersten Berner WG im Quartierhof ist auch schon über die Hälfte tot, und die waren alle jünger als ich. Jedes Mal, wenn jemand stirbt, wird einem bewusst: „Wenn du lebst, musst du auch sterben.“ Das sagte man bereits zu Julius Cäsar im Augenblick seines grössten Triumphes. Aber ich habe keine Angst davor.

Auch in Zeiten der Corona-Pandemie nicht?

Nein. Der Tod ist ein Faktum wie die Geburt. Ich werde dieses Jahr 65 Jahre alt und habe nie damit gerechnet, dass ich nicht sterben werde. Es ist also absehbar, dass ich in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren sprichwörtlich den Löffel abgeben muss – ob mit oder ohne Corona. Im Moment haben wir eine Kriegssituation gegen einen unsichtbaren Feind. Bei allen anderen Kriegen war es so, dass es hauptsächlich junge Menschen getroffen hat. Man hat die Soldaten in den Krieg geschickt und ganze Generationen verheizt. Heute trifft es nun vor allem die älteren Semester. Ein Sterben, das nicht nötig ist, ist immer sehr traurig. Ich war kürzlich etwas erstaunt, als Frau Sommaruga im Fernsehen sagte, sie sei traurig wegen all den Leuten, die momentan nicht rausgehen können. Ich bin in erster Linie traurig wegen den Menschen, die sterben. In Italien gibt es mittlerweile über 25’000 Tote und der grösste Teil davon sind Nonnos und Nonnas. Das bricht einem fast das Herz.

Die Corona-Pandemie hat nicht nur Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, sondern auch auf die Wirtschaft. In einer Grussbotschaft an die Stiller Has-Fans hast du kürzlich geschrieben: „Ich habe den Verdacht, dass das angekündigte Rettungspaket nicht für Hasen gedacht ist, weder für die echten, noch die musikalischen.“

Aus der Finanzkrise hat man die Lehren nicht gezogen und wir sind noch immer in Geiselhaft der Banken. Auch mit diesem Rettungspaket. Sie werden Geld drucken, aber das ist eigentlich nur eine Verzögerung der Pleite. Ich nehme an, dass im Endeffekt die nachfolgenden Generationen die Suppe auslöffeln müssen. Die Lösung wäre ein neues Wirtschaftssystem und ein genereller Schuldenschnitt. Man müsste mal sagen: „Kein Mensch ist irgend jemandem etwas schuldig. Ausser Respekt.“

Du bist als Künstler durch die aktuelle wirtschaftliche Situation ebenfalls stark betroffen. Nach nur zwei Konzerten mussten die Stiller Has-Tournee zum neuen Album gestoppt und die für den Frühling geplanten Konzerte in den Herbst verschoben werden. Welche konkreten Auswirkungen hat das für dich und deine Band?

Für uns ist es hart. Ich habe als Mensch, der auch für andere Menschen verantwortlich ist, immer geschaut, dass ich für drei oder vier Monate Notreserven habe, damit ich überleben kann. Es kommt nun darauf an, wie lange die Stilllegung andauert. Es wird wohl irgendeine Form von Kurzarbeits-Entschädigung für mich geben und ich hoffe, dass ich nicht nur das Künstlertaggeld erhalten werde. So kann ich vielleicht sechs Monate durchhalten, ohne dass ich mich verschulden muss. Und verschulden will ich mich nicht. Zum Glück lebe ich sehr bescheiden. Ich hatte nie einen Statusstress und brauche keinen Lamborghini.

In der erwähnten Grussbotschaft stand auch der folgende Satz: „Der Künstler und Feinstoffphantast in mir träumt von einem grundlegenden Wandel und glaubt an den höheren menschlichen Geist, an den Humanismus und die Demokratie.“ Gibt es für dich auch etwas Positives, das man dieser Corona-Krise abgewinnen kann?

Das Positive ist vielleicht, dass man sich darüber Gedanken macht, was wirklich Glück ist. Die Menschen sind soziale Wesen und wir merken gerade in diesen Zeiten, dass wir physischen Kontakt und Interaktion mit unseren Mitmenschen brauchen. Vielleicht erkennt man den Wert des Menschen wieder und lernt, dass man nicht alles digitalisieren kann. Für mich kommt in der aktuellen Situation der Horror der ganzen Volldigitalisierung endlich einmal ans Tageslicht.

Inwiefern empfindest du diese als Horror?

Weil es die Einsamkeit fördert. „Flirten Sie online! Flirten Sie virtuell!“ Das haut nicht hin und macht die Menschen auf Dauer krank. Auch ein Telephongespräch ist kein Ersatz für den direkten menschlichen Kontakt. Das ist eine Produktivkraft, die man nicht transhumanisieren und durch einen Kuschelroboter ersetzen kann. Zudem birgt die Digitalisierung die Gefahr, dass jeder in seiner Bubble wohnt. Und dort liegt der Nährboden für Lügen, Fake News, Wahlmanipulation und die Aushebung der Demokratie. Das geschieht, wenn die Leute nicht wirklich informiert sind und in ihrer eigenen Blase verharren. Ich bin nicht gegen die neuen Medien. Wir werden sie brauchen, um die Welt von morgen zu managen. Aber es kann nicht sein, dass ein Medium mehr Macht hat als eine Regierung. Und dass man anonym Hassbotschaften absetzen, zu Gewalt aufrufen, Falschmeldungen verbreiten und all das tun kann, was man in einem normalen, analogen, zivilen Leben nicht darf. Die Gründer dieser Social Media-Plattformen sind mitverantwortlich für Terroranschläge und die ganze Fanatisierung und gehören dafür nach Den Haag vor Gericht gestellt und zur Verantwortung gezogen. Für jeden rassistischen Anschlag und jeden einzelnen Toten. Das sind Kriegsverbrecher. Sie verkaufen die Plattformen als grenzenlose Freiheit, dabei ist es ein Geschäftsmodell. Sie sind Mittäter und wissen es. Da sitzt der Zuckerberg wie ein ausserirdisches Embryo vor dem Untersuchungsausschuss, sagt, es tue ihm leid und weint ein paar Krokodilstränen. Der ist doch kein Idiot und weiss, was abgeht.

Vielleicht könnte neben dem Nachdenken über das wirkliche Glück und die Gefahren der Volldigitalisierung ein weiterer positiver Effekt dieser Krise sein, dass die Menschen zukünftig vermehrt –  gemäss dem Titel deines ersten Kolumnenbuches – „Sofareisen“ statt umweltschädliche Flugreisen unternehmen? 

Das mit den Sofareisen ist so eine Sache, wenn du die zwanzigste Dokumentation über die Tierwelt gesehen hast und gleichzeitig weißt, dass das Aussterben der Arten voranschreitet. In diesen Dokumentarfilmen wird einem oft eine Scheinwelt vorgegaukelt. Da sieht man dann niedliche Seelöwen und Robben in der Antarktis und die Bilder sind unterlegt mit der gleichen Hollywood-Orchestermusik wie in den frühen Ami-Western, nachdem sie gerade die Cheyennes abgemetzelt haben. Und gleichzeitig schmilzt das Eis in der Antarktis, der Meeresspiegel steigt, die Strömungen ändern sich und das Meer ist voller Plastikmüll. Für mich ist die aktuelle Krise nur ein Symptom einer allumfassenden Krise. Ich hätte nie gedacht, dass ein Virus zu einem solchen Zustand führen kann. Ich habe eher damit gerechnet, dass irgendwo ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt, Florida überspült wird oder dass ein Krieg ausgelöst wird, weil irgendein Idiot findet, man müsse Atomwaffen einsetzen. Und nun tut man so, als ob wir die Corona-Pandemie so einfach überwinden könnten. Dabei ist es eine Globalisierungskrankheit und es braucht neue Strategien, diese Krise zu meistern.

Welche Strategien könnten das sein? 

Das weiss ich nicht. Ich habe dafür zu wenig Fachwissen und bin kein Politiker. Aber es ist nicht mehr die Zeit, die entscheidenden Gremien mit Klientelpolitikern zu besetzen. Dafür sollte die Wissenschaft endlich eine mitentscheidende, wenn nicht gar die entscheidende Stimme in unseren politischen Entscheidungsprozessen haben. Wir nähern uns dem unteren Drittel der Büchse der Pandora. Dort befindet sich die Hoffnung. Und diese stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Aktuelles Album:
„Pfadfinder“ (Soundservice), als CD und LP erhältlich.
Signierte und auf Wunsch auch mit Widmung versehene Exemplare können hier bestellt werden:
http://www.stillerhas.ch/index.php/buchbestellung

Live:
Alle aktuellen Tourdaten sind hier ersichtlich:
http://www.stillerhas.ch/index.php/konzerte





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